Andreas Frank im Interview

Innovation? Super Sache. 
Brauchen wir. Denken wir. 
Und kehren gleich wieder zur Tagesordnung zurück. Eine Umfrage in großen deutschen Unternehmen offenbart: 
Über Innovationen reden viele gern.
Eigentlich alle. Zu einer echten Chance aber verhelfen ihr nur wenige, hat der Berater Andreas Frank herausgefunden.




brandeins: Lange haben wir uns das Lamento anhören müssen, die Deutschen seien ideenlos, unbeweglich, innovationsfeindlich. Neuerdings aber loben laut »Handelsblatt« Business-Monitor drei Viertel der deutschen Manager die Rahmenbedíngungen für Innovationen im Lande als ,,sehr gut" oder ,,gut“. Sínd wir vielleicht gar nicht so schlecht?

Andreas Frank: Die Rahmenbedingiingen haben sich in der Tat gebessert. In den Untemehmen selbst aber sieht es anders aus. Offensichtlich verwechseln viele Manager Entscheidungs- mit Innovationsfreude. Viele halten ihr Untemehmen für innovativer, als es wirklich ist. Wenn man – wie wir es für unsere Untersuchung getan haben – mal nachbohrt, wie Ideen im Unternehmen gefordert und gefördert werden, wissen viele keine Antwort mehr. Es gibt eine gravierende Diskrepanz zwischen dem allgemeinen Innovations-Anspruch auf der einen Seite und mangelhafter Innovations-Verantwortung auf der anderen. Emüchtemd war die Selbsteinschätzung von 104 Ansprechpartnem auf der Ebene Vorstand, Geschäftsleitung und Konzernentwicklung. Nicht einmal ein Drittel von ihnen hielt sich selbst für zustãndig. 

Haben Sie dafür eine Erklãrung?

Mit Innovation ist es wie mit der Altersvorsorge: Jedem ist klar, dass das Thema immer wichtiger wird. Aber nur eine Minderheit setzt sich damit gründlich auseinander. Unter 208 Top-Managem großer Unternehmen, die wir zum Innovationsmanagement befragt haben, fanden sich nur 14 sehr engagierte, enthusiastische Innovationsförderer. Bei der großen Mehrzahl aber konnte von einem systematischen Innovations-Management keine Rede sein. 

Wozu brauchen Unternehmen überhaupt Innovationsmanager? Sollte sich nicht jeder Mitarbeiter in seinem Bereich für Neuerungen and Verbesserungen zuständig fühlen?

Natürlich, denn erfahrungsgemäß stecken Mitarbeiter voiler guter Ideen. Nur gefragt sind die eben nicht. Um dieses Potenzial zu erschließen, braucht es erst einmal auf oberster Ebene ein Bekenntnis: ,,Liebe Mitarbeiter, wir wollen, dass ihr neue Ideen entwickelt. Wir schaffen euch Platz, Luft und Ressourcen fürs Querdenken. Wir leben das vor. Und wir setzen hier und heute einen Verantwortlichen ein, der sich systematisch darum kümmert.“ 

Innovationsverantwortlichen könnte es leicht genauso ergehen wie Gleichstellungsbeauftragten: Man ernennt jemanden und erlerklärt damit das Thema für erledigt.

Da gibt es tatsächlich Parallelen. Mir haben Innovationsmanager berichtet, dass ihre Aufgabe zum Teil eine Art Deckmäntelchen-funktion habe. Deshalb ist es ja so wichtig, dass die Innovationsverantwortlichkeit möglichst hoch in der Hierarchie angesiedelt wird. Bei vielen Mittelständlern kümmert sich der Inhaber noch selbst um Neuerungen. Deshalb leiden Firmen dieser Größe häufig auch weniger am Mangel an Ideen, sondern vielmehr an Kapital, um Neuerungen umzusetzen. In größeren Unternehmen kann man sich eher hinter Strukturen verstecken. Verantwortlichkeiten sind häufig unklar. Zustãndig sind immer die anderen, im Zweifel die Geschäftsführung. Und der mangelt es an Zeit. 

Wie bitte? Es fehlt an Zeit für gute ldeen? 

43 Prozent aller Geschäftsführer haben die Verantwortung für Innovationen schlicht wegdeligiert, ans Marketing etwa oder an die Personalabteilung. Fast ein Viertel erklärte ausdrücklich, vor lauter Arbeit keine Zeit für Innovationen zu haben. Von der Assistentin eines IHK-Hauptgeschäftsführers beispielsweise hieß es: ,,Herr Soundso bittet mich, Ihnen auszurichten, dass er für Innovationen verantwortlich sei, er aber in den nãchsten zwei Iahren keine Zeit habe, sich um Innovationen zu kümmem.“ Schlimmer als solches Abblocken ist die (falsche) Selbsteinschätzung, die dahintersteckt: Wir sind ohnehin schon innovativ genug. 

,,Alte Messlatten taugen halt nicht für Neuerungen“, schreiben Sie in Ihrer Studie. Wie installiert man neue? 

Indem man zunächst einmal systematisch jene Hürden identifiziert, an denen neue Ideen scheitern. In jedem Unternehmen gibt es Bedenkentrãger, die immer wissen, warum etwas nicht funktionieren wird und wie man es schon immer anders und besser gemacht hat. Diese Leute muss man integrieren und von Verhinderern in Förderer verwandeln. Einer der wenigen innovationsbegeisterten Marketingdirektoren, mit denen wir sprachen, hat uns gesagt: ,,Es gibt immer tausend Gründe dagegen und rnanchmal nur einen einzigen dafür. Da muss man sich schon was trauen. Und die Frage, die sich wohl viele stellen, lautet: Warum denn, wenn's auch so läuft?“ Begeisterungsfähigkeit gilt nun mal nicht als Management-Tugend. Außerdem wird in vielen Unternehmen der Begriff ,,Innovation“ als schönfarberische Umschreibung für zeitraubende oder gar schmerzhafte Reorganisationsprozesse verstanden. Kein Wunder, dass so etwas keine Begeisterung weckt. 

Woran erkennt man ein innovationsfreundliches Unternehmen? 

Innovationsfreude zeigt sich daran, ob Manager in der Firma sind, die Ideen fördern und fordern. Ob Mitarbeiter sich mit neuen Ideen profilieren und Karriere machen können – oder ob sie als Störer des Betriebsfriedens angesehen werden. Ein ziemlich verräterisches Indiz können Personalbewertungsbögen sein: Nur in wenigen wird abgefragt, mit welchen und wie vielen Ideen ein Mitarbeiter zum Untemehmenserfolg beigetragen hat. 

Angenommen, Sie waren selbst Vorstandsvorsitzender und wollten Ihr Unternehmen mit frischen Ideen auf Trab bringen. Was wären Ihre ersten, wichtigsten Maßnahmen? 

Ich würde ein Team von Innovations-Förderem schaffen und bei mir und meinen Vorstandskollegen anfangen. Ich würde Ideen der Mitarbeiter nicht mehr durch den Filter des Mittelmanagements laufen lassen, sondem sie mir, zusammen mit allen anderen Vorstands- und Geschäftsleitungskollegen, regelmäßig persönlich präsentieren lassen. Ich würde mich außerdem dazu verpflichten, in genau definierter, kurzer Zeit über die Umsetzung von Ideen zu entscheiden. Mit anderen Worten: Ich würde Innovation, diesen häufig missbrauchten Begriff, zu meiner ganz persönlichen Sache machen. 

Möglicherweise lohnt sich solch ein Aufwand ja gar nicht: Forscher der European Business School haben kürzlich die Innovationskraft von 295 Unternehmen mit ihrer wirtschaftlichen Performance verglichen und herausgefunden: Es lagen nicht diejenigen vorn, die selbst mit lnnovationen den Markt gestalteten, sondern jene, die sich Marktveränderungen erfolgreich angepasst hatten. 

Natürlich kann man auch als Nachahmer Geld verdienen. Damit gibt man aber bald die Zügel aus der Hand. Irgendwann kann man mangels Differenzierung nur noch an der Preisschraube drehen, und das gelingt deutschen Unternehmen verdammt schwer. Dem Kostensparen als Konzept sind Grenzen gesetzt. Innovation aber eröffnet im Prinzip unendliche Potenziale. 

Sie stellen selbst in Ihrer Studie fest: Das Wort Innovation ist verbraucht; man rnöchte es am liebsten für eine Weile nicht mehr hören. brandeins gibt Ihnen jetzt und hier die Chance, wirklich innovativ zu sein und einen frischen, unverbrauchten Begriff in die Welt zu setzen. Wissen Sie einen?  

Darüber habe ich lange und vergeblich nachgedacht. Ich fürchte, es gibt vorläufig keinen besseren. Innovation ist ein ausgelutschtes Wort. Uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als den Begriff immer wieder neu mit Leben zu füllen. ---