Dicke Luft

Der Ökostrom-Anbieter Lichtblick steigt in den Gasmarkt ein. Mit Biogas. Das wurde bislang nur von Bauern produziert. Jetzt aber übernehmen Investoren das Geschäft und industrialisieren das Produkt. Was die Frage unausweichlich macht, ob Biogas noch "bio" ist.




- Der Monitor im Foyer des Lichtblick-Hauses in Hamburg-Altona soll Freude bringen. Er zeigt den Mitarbeitern des Öko-strom-Anbieters stets die neuesten Kundenzahlen. Heiko von Tschischwitz aber schaut längst nicht mehr hin. Der Geschäftsführer weiß, dass die Ziffern nicht stimmen: Seine Angestellten können die neuen Daten gar nicht schnell genug einpflegen, so groß ist der Andrang. Zumal jetzt, da Lichtblick mit seinen aktuell 405 000 Strom-Kunden auch auf den Gasmarkt drängt. Allein im ersten Halbjahr haben mehr als 12 500 Verbraucher das neue Biogas bestellt.

Lichtblick ist es gelungen, die Gebietsmonopole der Stromriesen zu knacken. Der Branchenneuling klagte sich immer wieder in deren Netze ein und zwang sie, ihre tatsächlichen Kosten offenzulegen. Es gab Zeiten, in denen Tschischwitz in jedem Interview gefragt wurde, wie viele Prozesse er gerade gegen die Konkurrenz führe. Und die "Taz" klärte ihre Leser darüber auf, dass jemand Manschettenknöpfe tragen und trotzdem "öko" sein könne. 2006, als Lichtblick erstmals schwarze Zahlen schrieb, wurde Tschischwitz zum "Ökomanager des Jahres" gewählt. Für 2007 meldete das Unternehmen einen Umsatz von mehr als 210 Millionen Euro.

Zwischen Eon, Vattenfall, EnBW, RWE und deren Ablegern ist das 1998 gegründete Unternehmen zum größten unabhängigen Stromanbieter in Deutschland aufgestiegen. Diesen Erfolg wollen die Hamburger jetzt wiederholen: mit Biogas. "Den Strommarkt haben wir verstanden", sagt Heiko von Tschischwitz selbstbewusst. "Jetzt wollen wir den Gasmarkt ökologisieren." Eine mutige Ansage. Wer Erdgas durch "sauberes Gas" ersetzen will, bekommt es mit einer Materie zu tun, zu der "öko" und "bio" nur bedingt passen, da hoch spekulativ und anrüchig zugleich.

Biogas entsteht durch Zersetzung und Gärung, nach dem Prinzip "eiserne Kuh": Vorn kommt Grünzeug rein, hinten viel Methan wieder raus - wie beim Rindermagen. Anders als bei der Kuh entweicht das klimaschädliche Gas jedoch nicht in die Luft, sondern wird, während die Biomasse gärt, aufgefangen und in Energie verwandelt. Der Clou: Bei der energetischen Verwertung wird nur so viel Kohlendioxid (CO2) frei, wie zuvor beim Wachstum der Pflanzen aus der Luft gebunden wurde. Die CO2-Bilanz ist ausgeglichen.

Eine neue Technik macht es zudem möglich, Bio-Methan so zu veredeln, dass es Erdgas-Qualität erreicht und deshalb in die Gasleitungsnetze eingespeist werden darf - also Zugang zu einem riesigen neuen Markt erhält. Lichtblick ist der erste überregionale Anbieter, der aufbereitetes Biogas zum Kochen und Heizen an private Haushalte liefert. Genauer gesagt: ein Erdgas-Biogas-Gemisch. Fünf Prozent Biogas - so hoch ist der von Lichtblick vorerst garantierte Anteil.

Fünf Prozent, das klingt bescheiden. Doch der TÜV bescheinigt dem Licht-blick-Gas, "umweltfreundlicher als herkömmliches Gas" zu sein, weil zumindest diese fünf Prozent klimaneutral verbrennen. Es sichert Lichtblick ein Alleinstellungsmerkmal auf dem frisch liberalisierten Markt. In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Sachsen und Sachsen-Anhalt liefert das Unternehmen Biogas, zuvor gab es dort keine Alternative zum Erdgas der lokalen Versorger und keinen Wettbewerb, anders als in Hamburg und Berlin. Lichtblick, das beim Strom auf Atomkraft und Kohle verzichtet, zielt auch als Gaslieferant auf ökologisch sensible Kundschaft und verspricht saubere Verhältnisse. "Wer auf unser Gas umsteigt", sagt der Unternehmenssprecher Gero Lücking, "kann seine persönliche CO2-Bilanz verbessern, ohne an seinen Gewohnheiten etwas zu ändern." Außerdem sorge jeder neue Kunde für mehr Nachfrage und mittelfristig für mehr Bio-gas-Anlagen. Lichtblick wolle möglichst bald bundesweit auftreten und den Bio-Anteil im Gas stetig erhöhen.

Mit dem brandenburgischen Biogas gibt's mächtig Stunk

Rechtzeitig zum Markteintritt hat der Versorger, wie er versichert, langfristige Verträge abgeschlossen. Einer garantiert die Lieferung von 1,3 Millionen Kubikmeter Biogas jährlich. Das hätte für die ersten 65 000 Kunden gereicht. Im brandenburgischen Jüterbog, etwa eine Zugstunde südlich von Berlin, wurde eigens dafür eine Anlage errichtet. Doch es gibt Probleme, auch noch ein Jahr nach dem geplanten Betriebsbeginn: Jüterbog liefert nicht. Mancher Anwohner findet, das sei auch gut so.

Lichtblick und der Projektentwickler, die Hamburger Epuron, machen einander seit Langem Scherereien. Der Gasversorger musste kurzfristig neue Lieferanten finden. Epuron, eine Tochterfirma der finanziell schwer angeschlagenen Conergy AG, soll wiederholt und vergeblich versucht haben, aus dem Liefervertrag auszusteigen. Von Klagen auf Vertragserfüllung und Schadenersatz ist die Rede. Noch bevor die Anlage auch nur ihren Probelauf bestanden hat, wird schon mit Unbekannten über den Verkauf verhandelt. Immer noch fehlen für die endgültige Betriebserlaubnis wesentliche Verfügungen der Behörden. Ein guter Start sieht anders aus.

Jüterbog ist eine typische ostdeutsche Kleinstadt. Nach der Wende haben die russischen Truppen dort ein großes militärisches Sperrgebiet hinterlassen; von den Kasernenblöcken sind nur Ruinen geblieben. Auf dem einstigen Schießplatz steht die Biogas-Anlage. Sie mutet an wie eine Jurtensiedlung für Riesen: neun Rundbauten aus Beton mit grünen Hüten. Jeder Zylinder hat einen Durchmesser von knapp 30 Metern. In den Behältern werden Mais-Silage und Gülle vergärt, bis sich unter den Spitzdächern das Biogas sammelt.

Passt Massentierhaltung zum grünen Label Lichtblick?

35 000 Tonnen Mais soll die Anlage im Jahr verbrauchen. Den liefert die Agrargenossenschaft von nebenan. Der Mais wird bei der Ernte auf dem Feld gehäckselt, samt Stengel, Blatt und Kolben, danach wird die Biomasse aufgehäuft und unter den Reifen von Traktoren verdichtet.

Ein paar bräunlich-gelbe Pfützen auf dem Betonboden, von denen ein säuerlichscharfer Geruch aufsteigt, sind von einem Test mit der Silage übrig geblieben. Die Milchsäurebakterien haben mit der Zersetzung begonnen. Der eigentliche Gärprozess findet in den beheizbaren Betonzylindern statt und dauert fast hundert Tage. Unter Luftabschluss wird der Mix aus Biomasse und Gülle aufgewärmt und von einem mächtigen Quirl ständig durchgerührt. Anaerobe Mikroorganismen produzieren ein explosives Gemisch aus Methan, Kohlendioxid und Schwefel, das sich unter den Dächern sammelt. Zuletzt wird das Rohgas mit Hochdruck durch Wasser geleitet, wobei das Kohlendioxid wie in Mineralwasser hängen bleibt und zischend in die Luft entweicht, ohne der Klimabilanz zu schaden. Das gefilterte Gas hat einen Methangehalt von mindestens 96 Prozent, so viel wie klassisches Erdgas. Bis dieses Biomethan vielleicht später einmal ins Leitungsnetz eingespeist wird, verwandeln sie es in Jüterbog in elektrische Energie.

Die Technik ist einfach, der Prozess durchweg "bio". Ob die Herstellung auch ökologisch einwandfrei und sinnvoll ist, darüber gehen die Ansichten auseinander.

In der Jüterboger Biogas-Anlage wird während des Probebetriebs noch Rindergülle aus den Ställen der Agrargenossenschaft herangekarrt. Auf Dauer wird das nicht reichen. 25 000 Tonnen tierische Abfälle jährlich sollen deshalb schon bald von einer Schweinemast geliefert werden. Die existiert bislang aber nur auf dem Papier. Der Schweinemastbetrieb, der wenige hundert Meter entfernt für die Biogas-Herstellung und auf Rechnung eines niederländischen Investors entstehen soll, ist auf die enorme Kapazität von 15 200 Tieren ausgelegt. Selbst in traditionellen Tiermastbezirken bei Vechta oder im Münsterland halten große Betriebe selten mehr als 5000 Schweine. Für die Jüterboger Anlage wurden 800 sogenannte Buchten beantragt und genehmigt, kleine Abteile, in die sich jeweils 19 Schweine drängen sollen. Jedes einzelne Tier wird weniger als einen Quadratmeter Platz haben.

Die Tiere sollen als Ferkel nach Jüterbog gebracht und wenige Monate später zum Schlachten wieder abtransportiert werden. In ihren Buchten stehen die Tiere auf nackten Betonplatten mit schmalen Schlitzen, durch welche Kot und Urin wie durch einen Gulli rinnen, damit die Gülle unterirdisch abfließen und durch Rohre zur nahen Biogas-Anlage gepumpt werden kann. Laut Genehmigungsverfahren sind auch ein Kadaverbehälter und ein Krankenabteil für 200 Schweine vorgesehen. 100-Lux-Lampen sollen in den Hallen das fehlende Tageslicht ersetzen.

Die Schweinemast genügt damit den gesetzlichen Mindestanforderungen. Nur: Wie passen Massentierhaltung und Ökologie zueinander?

Auch wenn es Ökobauern waren, die auf ihren Höfen als Erste und im Kleinen die Technik der Biogas-Erzeugung erprobt haben - das meiste Biogas wird längst von konventionell arbeitenden Landwirten hergestellt. Sie bessern damit ihre Ökobilanz auf. Bei der Gärung im Fermenter entweichen zwar Methan und andere Gase, aber wertvolle Nährstoffe für die Düngung der Äcker bleiben erhalten. Der Gär-Rest aus der Biogas-Anlage kann einen Teil des Kunstdüngers ersetzen.

Gülle ist natürlicher Dünger, doch wird nach der Ausbringung auf den Feldern Methan freigesetzt. Und das ist als Treibhausgas um ein Vielfaches schädlicher als CO2. Gülle, die in Biogas-Anlagen verarbeitet wird, hilft also nicht nur, klima neutrales Gas zu produzieren. Außerdem wird Methanausstoß vermieden, wenn von der Gülle nur die Gär-Reste auf die Felder kommen. "Solange 90 Prozent des Fleisches konventionell erzeugt werden, ist das doch das Beste, was man mit der Gülle machen kann", rechtfertigt Gero Lücking von Lichtblick das neue Geschäft.

Andererseits: Ohne die Biogas-Anlage würde es in Jüterbog auch keine Massentierhaltung geben. Zumal ausreichende Ackerflächen fehlen, die später mit den Massen an Gülle gedüngt werden könnten. Und die Genehmigung für die Schweinemast wird in der behördlichen Umweltverträglichkeitsprüfung ausdrücklich an die Fertigstellung der Biogas-Anlage geknüpft.

Hoppla: Öko-Gesetz fördert Gülle-Produktion

Jüterbog ist kein Einzelfall. Mittlerweile gibt es mehrere Projekte in Brandenburg, bei denen Biogas-Anlagen nicht die bereits vorhandene Gülle verwerten, sondern Massentierhaltung überhaupt erst zur Folge haben. Es sind vor allem niederländische Großmäster, die sich aus Platzmangel oder wegen der strengen Umweltauflagen daheim immer öfter in Ostdeutschland ansiedeln, und das in einer dort bislang nicht gekannten Größenordnung: 85 000 Schweine sollen es zum Beispiel in Hassleben sein.

Für "eine katastrophale Entwicklung" hält das die Brandenburger Grünen-Politikerin und Bundestagsabgeordnete Cornelia Behm. Es empört sie umso mehr, als sie selbst am Anstoß dafür beteiligt war: dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). "Wir wollten, dass die Bauern mit der Energieproduktion ein zweites Standbein bekommen", sagt die Grünen-Abgeordnete Behm, "aber keine Industrialisierung der Landwirtschaft."

Das EEG sorgt seit 2000 dafür, dass die Verbraucher den Ökostrom subventionieren. Und weil mit Biogas bislang vor allem Strom erzeugt wurde, hat sich die Zahl der Biogas-Anlagen seither auf mehr als 3700 verdreifacht. Bayern war lange Champion auf diesem Feld. Nirgendwo wurden so viele Anlagen gebaut. Doch die bayerische Landwirtschaft mit ihren meist überschaubaren Betrieben eignet sich nicht für eine Naturgas-Produktion im großen Stil. Zu teuer und zu aufwendig wäre es, die Rohstoffe bei vielen verschiedenen Bauern einzusammeln.

Der Norden und Osten hat Bayern in der Gesamtleistung der Anlagen längst überholt. Gründe dafür sind die Konzentration der Viehmastbetriebe in Niedersachsen und die großräumigen Strukturen aus den Zeiten der kollektivierten Landwirtschaft in Ostdeutschland.

Lichtblick profitiert vom Biogas-Boom, aber nicht direkt von den EEG-Subventionen. Zwar wurde der Gaseinstieg für bäuerliche Betriebe durch technische Innovation möglich und deshalb von der Politik gefördert. Lichtblick aber muss das Bio-Methan zum Marktpreis einkaufen, der durch das EEG mitbestimmt wird, wie der Pressesprecher Lücking betont. Das Gesetz garantiert die günstigen Preise nur, wenn damit Strom erzeugt wird - wer Biogas anders verwenden will, muss diesen Preis überbieten. Heute ist Biogas mehr als doppelt so teuer wie Erdgas. Doch Lichtblick setzt darauf, dass der Erdgas-Preis weiter steigt und es künftig immer teurer wird, CO2 zu vermeiden. Dann könnte sich das Biogas rechnen.

Diese langfristige Perspektive allein hält den Markt noch in Bewegung. Denn die inzwischen auf Rekordniveau gestiegenen Getreide- und Futterpreise haben die einstige Euphorie gedämpft. "Die Zahl der Anlagen-Neubauten ist erstmals rückläufig", sagt Claudius da Costa-Gomez vom Fachverband Biogas. Wenn der Getreidepreis nicht sinke, rentiere sich für einen Landwirt die hohe Investition in eine Bio-gas-Anlage nicht mehr. "Was jetzt noch gebaut wird, sind größere Projekte, bei denen das Geld von außen kommt." Zu den Großinvestoren gehören auch Energieversorger wie Eon. Der Konzern lässt schon einige Erdgas-Tankstellen mit Biogas beliefern.

Je mehr von den großen Biogasfabriken in Betrieb gehen, desto stärker wird der Widerstand. Es sind längst nicht mehr nur Anwohner aus den Landgemeinden und Naturschutz-Aktivisten, die gegen drohende Geruchs-, Lärm- und Verkehrsbelästigung protestieren.

Der Hamburger Lichtblick-Konkurrent Greenpeace energy will so lange kein Biogas auf den Markt bringen, wie die ökologischen Mindestkriterien bei der Herstellung nicht garantiert sind. Dazu zählen: kein Einsatz von Gülle aus industrieller Massentierhaltung, kein Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen, kein globaler Handel mit Biomasse, keine Verdrängung des Anbaus von Lebensmitteldurch Energiepflanzen.

Umweltschützer warnen vor Monokulturen und Gentechnik, weil nachwachsende Rohstoffe begehrt und die Agrarflächen in Deutschland ausgereizt sind. Möglichst viel müsse deshalb aus jedem Hektar herausgeholt werden. Da Mais die beste Energieausbeute bringt, hat sich der Anbau in Deutschland allein im vorigen Jahr verdoppelt.

In Penkun in Mecklenburg-Vorpommern läuft bereits eine Anlage, die auch mit gentechnisch verändertem Mais betrieben wird. Die neue Biogas-Technik wird die Te n denz zu Anlagen im großindustriellen Maßstab noch verstärken und damit den Anbau von Energiepflanzen wie die Ansiedlung von Mastbetrieben im großen Stil.

Der Lichtblick-Chef Heiko von Tschischwitz sagt, er habe nie "in der Öko-Nische" bleiben wollen, beteuert jedoch: "Genmais wird es bei uns nicht geben. Aber wir haben von Anfang an gesagt, dass wir ein ökologisches Massenprodukt anbieten wollen." Das verlange nun einmal die Bereitschaft zum Kompromiss. Denn die Alternative sei schlimmer: noch mehr Kohlendioxid-Emission. Er weiß, dieses Argument scheint zurzeit unschlagbar.

Die Frage ist allerdings, ob der Preis für dieses schlagende Argument stimmt. -