Das Spielfeld aus der Maschine

Kein Ärger mehr über holprigen, zerfurchten Naturrasen auf Fußballplätzen: Kunstrasen aus Grefrath steht als perfekter Ersatz bereit, immer saftig grün. Und pflegeleicht.




- Etwas Magisches geschieht in dieser Werkhalle. Hunderte Spulen mit grünem Garn stecken an Holzstativen, deren Reihen sich wie die Stämme eines Zauberwaldes allmählich im Schatten verlieren. Von überall her laufen die Fäden surrend auf eine riesige Nähmaschine zu, werden ratternd von ihr verschluckt - und aus der Rückseite quillt unablässig eine vier Meter breite Bahn makelloser sattgrüner Rasenteppich und gleitet sanft zu Boden. Dichter Wuchs, einheitliche Länge, wie frisch gemäht, nachgemachte Natur in industrieller Perfektion.

So saftig glänzend, wie der Rasen daliegt, möchte man ihn unwillkürlich anfassen, daran schnuppern, am liebsten ein Hälmchen von ihm kosten - vielleicht besteht er aus grünem Weingummi? Doch die Polytex GmbH in Grefrath, einer Kleinstadt im nordrhein-westfälischen Kreis Viersen, verarbeitet nur ungenießbares Polyethylen einer geheimen Zubereitung und zählt zu den weltweit größten Anbietern von Kunstrasen. Das Produkt wird aus einer elastischen und zugleich enorm belastbaren und widerstandsfähigen Faser gesponnen.

Der Herr des Zauberwaldes ist der Volkswirt Sebastian Karrer, 57, aufgewachsen in Oberbayern, seit 1991 Geschäftsführer von Polytan, der Muttergesellschaft von Polytex. Wenn er von Value for money, Bestperformer und Life-Cycle-Costing spricht, hört er sich an, als benutzte er urbayerischen Wortschatz.

Und dann erklärt er, wodurch sich die Firma einen Platz in der Weltmarktspitze erkämpft hat. "Wir haben uns früh von allen Zulieferern unabhängig gemacht. Wir mischen die Rohstoffe selbst, spinnen den Faden, nähen und beschichten den Rasen und verlegen ihn selbst. So haben wir die maximale Qualitätskontrolle."

Gegründet wurde Polytan 1969 als Hersteller von Laufbahnen für Sportplätze. Ende der achtziger Jahre nahm die Firma auch Kunstrasen ins Sortiment auf, zunächst von fremden Herstellern, später aus eigener Produktion. Heute beschäftigt Polytan 600 Mitarbeiter und verlegt 3,5 Quadratkilometer Kunstrasen im Jahr, das entspricht ungefähr der Größe von knapp 500 Fußballfeldern. Polytan hat wesentlich dazu beigetragen, dass Kunstrasenplätze im Fußball- und Hockeysport inzwischen profitauglich sind. Seit November 2004 lässt die Uefa Kunstrasenplätze auch für die Champions League, die Königsklasse des europäischen Fußballs, zu. In den Stadien von Bern und Salzburg ist Rasen von Polytan, genannt Ligaturf, bereits der Standardbelag für nationale und internationale Spiele. Vorbei die Zeiten, in denen Sportler sich bei einem Sturz auf Kunstrasen schwere Verbrennungen und Abschürfungen zuziehen konnten. Die neue Produktgeneration verwendet eine für die Haut besser verträgliche Kunststofffaser für die Halme sowie Gummigranulat als Füllung.

Jeder Quadratmeter Kunstrasen besteht aus 120 000 Halmen. Zur besseren Haltbarkeit und Dämpfung legt Polytan eine zusätzliche Elastikschicht unter den Kunstrasen. "Alle Erfahrungen zeigen, dass dieses System das beste ist", sagt Karrer. Das bestätigt auch die Fifa. Der Weltfußballverband hat in einem Katalog genau festgelegt, dass Spieleigenschaften und die Sicherheit auf natürlichem und künstlichem Rasen gleich sein müssen. Polytan hat 32 zertifizierte Felder, der nächstbeste Hersteller nur 17.

Ein Kunstrasen von Polytan kostet inklusive Einbau eine halbe Million Euro. Die Stadionbetreiber können in der Folgezeit jedoch ein Mehrfaches davon einsparen. Ein Fußballspiel am Samstag, ein Rockkonzert am nächsten Tag - kein Problem: Der künstliche Untergrund ist strapazierfähiger als Naturrasen, vermodert nicht und bleibt auch ohne Sonnenlicht und frische Luft immer grün. "Im Berner Stadion wurde im vergangenen Jahr sogar ein Eishockeyfeld in die Mitte des Kunstrasenplatzes gebaut. Das war in der Schweiz das erste Eishockeyspiel, das 30 000 Zuschauer hatte", berichtet Karrer stolz.

In Deutschland, sagt er, gebe es noch Vorurteile. "Manche haben noch die schmerzhaften Eigenschaften alten Kunstrasens in Erinnerung, andere halten ihn für umweltfeindlich. In Hamburg und Bremen wurden Kunstrasenplätze sogar von der Verwaltung verboten. Dabei braucht Kunstrasen im Sommer zur Kühlung viel weniger Wasser als früher." Den Deutschen Fußball-Bund muss Karrer nicht mehr überzeugen. Der lässt gerade landesweit tausend Kleinfelder mit Kunstrasen als unverwüstliche Bolzplätze anlegen, vornehmlich in armen Vierteln. Der Auftrag, mit einem Volumen von 25 Millionen Euro der größte in der Geschichte des Kunstrasens, ging an Polytan.

2010 könnte der nächste Großauftrag folgen. Der Fifa-Präsident Sepp Blatter dachte bereits bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 laut darüber nach, vier Jahre später in Südafrika ausschließlich auf Kunstrasen spielen zu lassen - falls die Sonne dort natürliches Gras versengen sollte oder die Plätze nicht rechtzeitig fertig werden. "Wenn Herr Blatter kurz vor der WM feststellt, dass er doch Kunstrasen braucht, können wir ihm noch schnell welchen in die Stadien legen", sagt Karrer und zwinkert amüsiert, "auf Wunsch auch mit echtem Grasduft." -