Konkurrenz auf dem Noppenmarkt

Aus Lego-Steinen lässt sich eine ganze Welt bauen. Bislang gehörte sie der dänischen Firma ganz allein. Jetzt dringen Konkurrenten dort ein - sehr unangenehm für den Ex-Monopolisten.




- Lego ist ein gutes Spielzeug - da sind sich wohl die meisten Eltern in Deutschland einig. Die bunten Plastikbausteine mit den Noppen sind langlebig, exakt gefertigt und regen die Kreativität von Kindern an. Selbst Eltern, die sonst nur Bauklötze und Holzeisenbahn ins Kinderzimmer lassen, kaufen Lego-Steine - und bezahlen dafür einen Preis, der auch über dem des Holzspielzeugs liegen kann. 89,99 Euro kostet beispielsweise eine große Polizeistation von Lego.

Wesentlich billiger davonkommen könnten die Eltern, schauten sie sich beim Internetversteigerer Ebay ein wenig um. Dort ist eine große Polizeistation mit ein wenig Glück schon für weniger als 20 Euro zu haben - hergestellt von der chinesischen Firma Enlighten. Die Plastik-Polizisten haben dann zwar einen roten Stern auf der Schirmmütze, die Steine, aus denen die Polizeiwache zusammengesetzt wird, passen aber haargenau auf die Steine von Lego.

Allerdings dürfte der Verkäufer die Enlighten-Polizeistation und ähnliche Produkte nach dem deutschen Wettbewerbsrecht vermutlich gar nicht anbieten. Genau müsste das im Einzelfall ein Gericht klären; oft hängt es von kleinen Details ab. Grundsätzlich aber darf ein Konkurrenzprodukt Käufer nicht über die Herkunft täuschen. Das aber dürfte bei den Enlighten-Bausätzen leicht möglich sein: Das Logo der Firma ist ein rotes Quadrat, ähnlich dem von Lego, und auch die bunten Bilder auf dem Karton erinnern an das Verpackungs-Design des Konkurrenten.

Lego wehrt sich gegen diese Nachbauten, so gut es geht. Im November 2004 beispielsweise bezahlte die Firma das Schreddern von 54 514 Nachbau-Sets von Enlighten. Der finnische Zoll hatte die Ware auf dem Weg von China nach Russland beschlagnahmt - und Lego gewann den Prozess, da der Gegner gar nicht erst vor Gericht erschien.

Lego ließ die Kartons mit den Nachbauten von einer Planierraupe platt walzen, dann die Überreste häckseln. Und begründete die Aktion mit Sorge um das Wohl der Verbraucher - und um den eigenen Namen. Wegen der schlechten Produktqualität sei es wichtig, dass Kopien nicht auf den Markt kämen oder an wohltätige Organisationen gespendet würden, wurde der Firmenanwalt Henrik G. Jacobsen in einer Erklärung zitiert. Wenn sich ein Kind an einem schlechten Nachbau verletze, rücke das wegen der Verwechslungs-Gefahr auch Lego in ein schlechtes Licht.

Doch über den Sieg in Finnland konnte sich Lego nicht lange freuen. Bereits einen Monat später, im Dezember 2004, erlaubte der Bundesgerichtshof in Deutschland grundsätzlich den Verkauf von Nachbauten. Damit kippte er die unter Juristen "Lego-Doktrin" genannte Auslegung des Wettbewerbsrechts, die es Konkurrenten verboten hatte, auf Lego-Noppen passende Produkte zu verkaufen. Für den ersten Konkurrenten war dann nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Hamburg vom Oktober 2005 der Weg auf den deutschen Markt frei.

"Für Lego ist das hart", sagt Professor Volker Michael Jänich und nimmt ein paar der Plastik-Klötzchen in die Hand - Klemmbausteine heißen sie im Juristen-Deutsch. Jänich verfolgt den Streit um die Lego-Nachbauten aus beruflichem Interesse - er ist Inhaber des Gerd-Bucerius-Lehrstuhls für Bürgerliches Recht mit deutschem und internationalem Gewerblichen Rechtsschutz an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er selbst würde eher zu den Produkten von Lego greifen, sagt er. Die Entscheidung des BGH findet er allerdings trotzdem richtig. "Nachahmen gehört zum Wettbewerb."

Lange schützten Gerichte Lego. Jetzt ist es aus mit dem Privileg

Vier Jahrzehnte lang hatte Lego auf dem deutschen Markt ein Monopol auf alle Produkte mit Noppen, die auf Lego-Steine passen. Allerdings nicht, weil die Lego-Steine durch Patente geschützt gewesen wären; die sind längst abgelaufen. Patente, mit denen sich technische Erfindungen schützen lassen, werden in Deutschland für maximal 20 Jahre vergeben. Danach darf auch jeder Konkurrent die einstmals patentierte Technik nutzen. Und ein sogenannter Geschmacksmuster-Schutz, über den eine Firma die Gestaltung eines Produktes schützen lassen kann, gilt maximal 25 Jahre - und lässt sich relativ leicht umgehen. Als Beispiel zeigt Jänich auf ein Feuerwehrauto. "Bei so etwas kommen Sie mit dem Geschmacksmusterschutz nicht weiter. Dann sieht das Auto des Konkurrenten halt ein bisschen anders aus."

Nach dem Patentrecht hätten also schon vor Jahrzehnten Konkurrenten zumindest Nachbauten der klassischen Lego-Steine anbieten dürfen - und Produkte mit Lego-typischen Noppen. Zwei Firmen versuchten das auch - und scheiterten in den sechziger und neunziger Jahren vor dem Bundesgerichtshof. Die Begründung: Mit dem "Einschieben in eine fremde Serie" nutze ein Nachahmer in unlauterer Art den wirtschaftlichen Erfolg eines anderen Unternehmens aus. Als entscheidend sah es das oberste deutsche Zivilgericht dabei an, dass Lego nach seinem Geschäftsmodell nicht nur ein einzelnes Set Bausteine verkaufen, sondern einen kontinuierlichen Bedarf danach wecken wolle. Wer also schon eine Kiste Lego-Steine hat, will weitere, dazu passende Steine haben - und das Geschäft von Lego ist, ihm diese zu verkaufen, so damals die Richter.

Diese Auslegung des Wettbewerbsrechts sicherte Lego trotz abgelaufener Patente bis zum Jahr 2004 eine Monopolstellung auf dem deutschen Markt. Doch dann entschied der BGH anders. Auch der Schutz vor dem Einschieben in eine fremde Serie habe einmal ein Ende, sagten die Richter. Und zwar nach einer "angemessenen Frist". Wie lang genau diese Frist sein muss, ließen sie offen, nach mehr als 40 Jahren auf dem deutschen Markt sei sie für Lego aber auf jeden Fall abgelaufen. Und der Markt offen für Konkurrenten.

Beispielsweise für die Firma Best-Lock, die den Prozess gegen Lego angestrengt hatte. Mit einem Jahresumsatz zwischen 10 und 20 Millionen US-Dollar ist sie im Vergleich zu Lego ein Zwerg. Allein Lego Zentraleuropa, zuständig für Deutschland, Österreich und die Schweiz, hat nach Firmenangaben 2007 einen Nettoumsatz von 229 Millionen Euro gemacht.

Die Konkurrenz setzt auf eine Marktlücke: Kriegsspielzeug

Best-Lock wird von einem in Kanada lebenden Deutschen geleitet: Torsten Geller. Der hatte seine Firma Ende der neunziger Jahre in Großbritannien gegründet und expandierte dann nach Amerika. Dort fand er einen Markt, den Lego aus ethischen Gründen nicht bedient: Kriegsspielzeug.

Was das bedeutet, zeigte bis vor Kurzem ein Blick auf die Web-Seite der Firma (www.best-lock.com). Dort war ein kleiner Junge abgebildet. Er hatte einen Stoppel-Haarschnitt, trug ein T-Shirt in Tarnfarben und spielte mit einem riesigen Flugzeugträger. Angeboten wurden auch Panzer, Militärhubschrauber und Geländewagen. Mit Bausätzen wie "Scud", "Patriot" und "Desert Camp" lassen sich die Kriege der vergangenen 20 Jahre nachspielen.

In Deutschland aber gibt sich Best-Lock anders. Beim Discounter Penny etwa lagen eine Feuerwache, eine Polizei-Station, ein Satz Baustellenfahrzeuge und eine rosa Burg in bunt bedruckten Pappkartons auf dem Wühltisch. Ein Großteil dieser Sets konkurriert mit der Produktlinie "City" von Lego. Es ist eine der ältesten des Traditionsunternehmens und nach Angaben von Lego Zentraleuropa mit einem Umsatzanteil von knapp 20 Prozent eine der beiden erfolgreichsten.

Best-Lock greift Lego dort an, wo die dänische Firma verwundbar ist: beim Preis. "Build a lot ... Pay a little! " lautet das auf den Schachteln aufgedruckte Motto. Und so kostet die Feuerwehr- oder Polizei-Station bei Penny gerade einmal knapp zehn Euro. Dafür bekommt der Kunde eine Kiste mit Steinen, mit denen sich ganz passabel bauen lässt. Sie halten aufeinander, auch wenn sie nicht so geschmeidig einrasten wie die von Lego. Reichlich mitgeliefert werden Aufkleber für die Gebäude und die Autos. Die fallen allerdings nach ein paar Monaten zum Teil wieder ab.

Die Stärke seines Unternehmens sieht Best-Lock-Chef Torsten Geller auch in der Fähigkeit, schnell neue Produkte liefern zu können. Beispielsweise wenn eine Ladenkette ein gemischtes Set mit Feuerwehr-und Polizeifahrzeugen haben wolle. "So etwas machen wir in acht Wochen."

Auf den Kartons von Best-Lock ist ein Aufdruck: "Best-Lock ist ein einheitliches Bausystem der Best-Lock Firmengruppe und sollte nicht mit anderen Bausteinsystemen verwechselt werden! " Ein bisschen erinnert das an die Warnungen auf Zigarettenschachteln. Best-Lock hat den Aufdruck aber von sich aus angebracht um von vornherein auszuschließen, dass ein Kunde das Produkt für eines von Lego halten könnte.

Ironie der Noppen: Sie stammen gar nicht von Lego

Wer genau hinschaut, findet noch andere Unterschiede. Die Plastikfiguren etwa haben keine glatten Gesichter wie bei Lego, sondern ausgeformte Nasen und Augen. Und sie sind nicht gelb, sondern hautfarben. Oder das, was man mit ein bisschen gutem Willen für hautfarben halten kann: Es gibt Figuren mit hellbraun-grauen Gesichtern, die am ehesten dem europäischasiatischen Typ zuzuordnen sind, und mit dunkelbraunen Gesichtern, dem Anschein nach aus dem afrikanischen Raum.

Die Best-Lock-Figuren wirken fast ein bisschen grimmig, auf jeden Fall sehen sie nicht so süß aus wie die Lego-Männchen. Das hat einen Grund: Die Mini-Figuren von Lego sind als Marke geschützt. Genauer gesagt: als eine sogenannte 3D-Marke, die sich auf ein dreidimensionales Erzeugnis bezieht - und damit sind sie für Konkurrenten tabu.

Ebenso versuchte das Unternehmen den klassischen Lego-Stein mit zwei Reihen zu je vier Noppen zu schützen. Auch den hatte Lego sich Mitte der Neunziger als dreidimensionale Marke eintragen lassen; doch inzwischen löschte das Deutsche Patent- und Markenamt das Warenzeichen wieder. Gegenstände, die eine bestimmte Form nur aus technischen Gründen haben, können nicht als Warenzeichen eingetragen werden - und das ist nach Ansicht des Amtes beim Lego-Stein der Fall. Allerdings erhob Lego Einspruch; eine endgültige Entscheidung steht aus.

Dabei hat Lego den Plastikbaustein mit zwei mal vier Noppen gar nicht erfunden. Bereits 1939 meldete der britische Kinderpsychologe Hilary Harry Fisher Page Plastikbausteine mit zwei mal vier und mit zwei mal zwei Noppen auf der Oberseite zum Patent an. Seine "Self-Locking Building Bricks" vermarktete Fisher Page in Großbritannien unter dem Markennamen "Kiddicraft".

1949 erst brachte Lego seine "Automatic Binding Bricks" auf den Markt, die den Kiddicraft-Steinen zum Verwechseln ähnlich sehen. 1958 erfand dann Lego die Röhren im Inneren des Steins, der bis dahin hohl gewesen war - und bezeichnet heute diesen Zeitpunkt als die Erfindung des Lego-Steins.

Laut Lego waren die Röhren die entscheidende Erfindung, die den Steinen ihre volle Funktionalität gab. Erst durch die Röhren ließen sie sich aufeinanderstecken - und die vielen Modelle bauen. Trotzdem: Die Geschichte des Lego-Steins beginnt mit einem Nachbau, wenn auch mit einem lizenzierten, wie man bei Lego betont.

Aus der ursprünglichen Idee, dass sich Plastikbausteine mithilfe von Noppen miteinander verbinden lassen, hat Lego eine ganze Welt an Produkten entwickelt. Dass in diese Welt nun Konkurrenten eindringen, behagt der Firma offensichtlich gar nicht. Öffentlich will man sich dazu aber nicht äußern - aus unternehmenspolitischen Gründen, heißt es aus der Zentraleuropa-Niederlassung in München.

Direkt nach dem Urteil des Oberlandesgerichts Hamburg, das im Oktober 2005 den Verkauf von Bausätzen eines Konkurrenten erlaubte, gab Lego allerdings eine Erklärung ab. "Wir gewinnen Marktanteile von unseren Konkurrenten, weil unsere Produkte von einzigartiger Qualität sind und von einzigartiger Kreativität zeugen", wird darin Dirk Engehausen, Vice President Central Europe, zitiert.

Auf einen Preiskampf will sich Lego also offenbar nicht einlassen. Dazu hätte die Firma auch kaum einen Grund: Fast jedes Spielwarengeschäft in Deutschland hat ein Regal mit Lego-Produkten. Die Ware der Konkurrenten hingegen findet man nicht so leicht. Und wenn, dann eher im Supermarkt und beim Discounter als im Fachgeschäft.

Außerdem hat Lego Produkte, die die Konkurrenten nicht nachmachen dürfen: die Lizenzprodukte zu den Star-Wars-Filmen beispielsweise. Lego erwirtschaftet mit gerade einmal 15 bis 20 verschiedenen Produkten zu diesem Thema nach Angaben von Katharina Sutch von Lego Zentraleuropa rund zehn Prozent seines Umsatzes in dieser Region. 2008 erweitert Lego das Angebot der Lizenzprodukte noch. Dann kommt eine Reihe zu den Indiana-Jones-Filmen ins Sortiment - und in die deutschen Kinderzimmer.

Apropos Kinder: Wie kommen die überhaupt mit den Lego-Nachbauten zurecht? Ein Besuch bei einer befreundeten Familie mit Kindern, drei Mädchen, acht, sechs und vier Jahre alt, im Gepäck eine Kiste mit den Klötzchen eines Lego-Konkurrenten, soll Aufschluss geben.

Nach wenigen Minuten liegen die Steine verstreut auf dem bunten Spielteppich im Kinderzimmer neben dem Regal mit den Bauklötzen, den Bilderbüchern und der Holzeisenbahn. Die beiden älteren Mädchen stecken Stein für Stein aufeinander, Formen entstehen, deren Bedeutung für einen Erwachsenen schwer ersichtlich ist. "Das ist ein Haus", verkündet eine der Schwestern. Und wie nennt man die Steine, aus denen es gebaut ist?

Da machen die Kinder keinen Unterschied. "Das sind Legos."

Was auch sonst? -