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In der Echtzeitwelt

Sie glauben, auf eine Sekunde komme es nicht an? An den globalen Finanzmärkten kann das eine Ewigkeit sein. Frankfurt am Main und New York trennt heute nur noch ein Wimpernschlag. Und in dieser Welt ist man schnell spät dran.




- Sie haben den Vorspann gelesen? Dann haben Sie sich einen Luxus gegönnt, den sich viele Börsenmakler heute nicht mehr leisten können. Sie haben tatsächlich einige Sekunden investiert, um etwas mehr als die Überschrift einer Wirtschaftsnachricht zu lesen. Hätten Sie diese Unvernünftigkeit auch am 22. Januar 2008 um 14.20 Uhr begangen, am Tag nach dem schwarzen Montag, als Reuters die Meldung in die Welt tickerte, dass Ben Bernanke den Leitzins der US-Notenbank um 0,75 Prozentpunkte senkt, wären Sie an den Börsen schon nach dem Überfliegen der Überschrift hoffnungslos spät dran gewesen. Und hätten Sie dann auch noch überlegt, was die Meldung bedeutet und wo man investieren sollte, sind Sie in der Echtzeitwelt, mit Verlaub, ein hoffnungsloser Fall.

London, Canary Wharf, 30 South Colonnade - die Zentrale der Echtzeitwelt: Internationale Börsennotierungen laufen auf Nachrichten-Displays vor dem Reuters-Hochhaus. Drinnen, direkt über der Rezeption, flimmert auf einem immensen Bildschirm3 Weltgeschehen im Sekundentakt: Britney Spears, FC Bayern, Kreditkrise - die Reuters-Informationsmaschine lässt nichts aus. Eine Milliarde Menschen erreicht der Nachrichtendienst nach eigenen Angaben jeden Tag. Für seinen Service beschäftigt das Unternehmen 2400 feste und freie Mitarbeiter in 131 Ländern. Dabei sind die Nachrichten nur ein netter Image-Faktor, der kaum zehn Prozent zum Umsatz beisteuert. Sein Geld verdient Reuters in der Finanzwelt mit der Abschaffung von Raum und Zeit. Wie könnten sonst Börsennotierungen aus New York im Moment ihrer Entstehung bereits vor einem Hochhaus in London laufen?

Ein beträchtlicher Anteil der heutigen Finanzgeschäfte wird in einer Zeit abgewickelt, die es für den Menschen eigentlich gar nicht gibt. In Echtzeit, also in Millisekunden, in denen ein Mensch nicht einmal einen Mausklick zustande bekäme. Wie wollte er da erst Aktien irgendwo in der Welt kaufen und im selben Moment irgendwo anders gleich wieder verkaufen? Mit großer Wahrscheinlichkeit hat jeder Börsenkurs, den Sie im Fernsehen oder Internet verfolgen, jede Transaktion, die Sie vom heimischen PC ausführen, bereits eine Reise durch die Echtzeitwelt hinter sich. Eine Art vierte Dimension, ein ewiges Jetzt, das Mike Powell für Reuters weltweit verantwortlich im Bereich "Echtzeit-Unternehmens-Informationen" - gerade auf weißes Papier skizziert. Er malt mit flinker Hand drei Kuller, tauft sie "New York, London, Hongkong" und verbindet sie mit schnellen Strichen zu einem Dreieck: Fertig ist die Reuters-Echtzeitrennbahn.

In der Realität handelt es sich dabei um ein ultraschnelles Kabelnetz, durch das der Konzern jeden Tag etwa 30 000 Nachrichten, 1000 Fotos, 200 Filmbeiträge, Hintergrundinformationen zu mehr als 40 000 Unternehmen, Kauf- und Verkaufsorder, Börsennotierungen und andere mehr oder weniger vorstellbare Informationen verschickt. Der Datenfluss wird gut 1,9 Milliarden Mal aktualisiert, und zwar jeden Tag. In Spitzenzeiten sind das zirka 23 000 Updates in der Sekunde.

Die drei Kuller sind die Hauptsammelstellen für Daten aus aller Welt. Die rasen zunächst nach London und werden von dort in die Echtzeitwelt gepumpt - ohne dass auch nur ein Augenblick vergeht. Mehr als 370 000 Benutzer haben sich einen direkten Zugang zu dieser Rennbahn gemietet. Zum Beispiel für knapp 1300 Euro im Monat mit der Reuters-Benutzeroberfläche 3000 Xtra. Dieses Software-Paket in Maßanfertigung erlaubt den Zugriff auf die Rennbahn und sämtliche Reuters-Informationsdienste - mit ihm können Großbanken und Börsenhändler in ein und demselben Moment an 258 internationalen Handelsplätzen der Welt zugleich sein.

Es ließen sich auch Wetterdaten oder Schiffspositionen auf den Weltmeeren in Echtzeit mitverfolgen. Der Wert für die Ladung eines Öltankers kann sich im Minutentakt ändern - und immer, wenn sich etwas ändert, lässt sich damit Geld verdienen. Sei es auch nur, weil ein Schiff ein wenig früher im Hafen einläuft. Man muss es nur rechtzeitig, besser: vor allen anderen, wissen.

Je stärker man sich in diese Welt vertieft, desto verwunderlicher mutet sie an. Daten reisen hier nie als Ganzes, sondern in kleine Päckchen zerlegt und jedes auf verschiedenen Wegen, um erst am Zielort wieder zusammengesetzt zu werden. Es ist, als rufe unser New Yorker Korrespondent in Hamburg an, um das aktuelle brand eins-Exemplar zu bestellen, und hätte es im selben Moment auf seinem Schreibtisch. Zuvor wäre das Heft - als Ganzes zu groß für die zeitlose Verschickung - in Hamburg in Einzelseiten zerlegt worden. Jede für sich wäre auf einem anderen Weg nach New York gesaust und dort wieder fein säuberlich zusammengebunden worden, wo das komplettierte Exemplar den Korrespondenten im Moment der Verschickung erreicht. Zwischen New York und Hamburg liegt eine Menge Arbeit und weniger als ein Wimpernschlag.

Der Anfang vom Ende der Zeit

Der Weg in die Echtzeitwelt begann mit einer 200-köpfigen Brieftauben-Staffel. Die ließ ein gewisser Julius Reuter im Jahre 1850 zwischen Brüssel und Aachen verkehren. Börsennachrichten aus Paris gelangten so sieben Stunden schneller als auf dem üblichen Weg mit der Eisenbahn nach Deutschland.

In jener Epoche gilt Zeit noch als unveränderliche Gewissheit im Leben der Menschen. Alles braucht seine Zeit, das Leben wird vom Lauf der Sonne und dem Wechsel der Jahreszeiten bestimmt. Wenn Europa und die neue Welt in Nordamerika miteinander kommunizieren, benutzen sie ein Schiff.

Die Idee eines transatlantischen Telegrafenkabels gilt vielen als absurd. Den Verfechter und späteren Verwirklicher dieser Vision, den Amerikaner Cyrus West Field, nennen die Zeitungen einen gerissenen Betrüger. Einer der wenigen, die das Potenzial einer solchen Verbindung erkennen, ist Julius Reuter. Als das erste Untersee-Kabel eine direkte Telegrafenverbindung zwischen den Börsen in London und Paris erlaubt, mietet der Deutsche 1851 ein kleines Büro am Londoner Parkett. Das Unternehmen Reuters ist gegründet. Bescheiden zunächst, nur mit Reuter selbst und einem elfjährigen Bürogehilfen. Die Geschäftsidee ist nicht sonderlich spektakulär: Sammlung und Verkauf von Informationen, schnell und weltweit.

Daran hat sich bis heute im Grundsatz nichts geändert. Wenngleich aus der Ein-Mann-Filiale ein kleines Imperium mit 2,6 Milliarden Pfund Jahresumsatz (2006) und 17 500 Angestellten in 94 Ländern geworden ist. Das Sammeln und Verkaufen von Informationen ergänzt der Konzern heute mit dem Zugang zu allen wichtigen Finanzhandelsplätzen dieser Welt, zudem stellt er alle notwendigen Werkzeuge bereit, um dort aktiv zu werden. Heiko Cassens, Europa-Chef für Geld- und Devisenhandelssysteme, nennt die Säulen des Reuters-Geschäftes: "Nachrichten, Inhalt, Zugang zu allen internationalen Märkten, weltweite Aufstellung". Oder einfacher formuliert: "Wir sind überall."

Die neue Zeitrechnung eröffnete Reuters vor 16 Jahren mit der Einführung der ersten Echtzeitplattform im Devisenhandel. Mittlerweile entwickelt die Nachrichtenfirma zeitlose Handelsplattformen für immer speziellere Finanzmärkte. "Die Anlagestrategien werden immer aggressiver", erklärt Cassens eine generelle Entwicklung auf den Finanzmärkten. "Der Faktor Zeit ist damit immer wichtiger." Er wird heute bis auf die Nanosekunde ausgereizt, mit immer neuen Finanzprodukten, bei denen der Wettbewerbsdruck allerdings die Margen ebenfalls fast in Echtzeit auffrisst. Für Reuters bedeutet das oft ein kurzlebiges Geschäft: "Ist eine Idee geboren, ist sie auch schon alt. Die Herausforderung besteht darin, das Fenster so lange offen zu halten, dass wir auch Geld verdienen", sagt Cassens.

Wenn der Tag in Millisekunden unterteilt ist, muss auch über das Wort "aktuell" neu nachgedacht werden. Eine Nachricht ist in der neuen Börsenwelt schon nach wenigen Minuten so altbacken wie ein Brötchen vom Vortag. Da ein Tag zudem über viele Millisekunden verfügt, lassen sich in der Echtzeit nahezu unendliche Mengen an Nachrichten veröffentlichen. Bei Reuters sind es momentan gut acht Millionen Wörter in 18 Sprachen am Tag. "Das entspricht ungefähr dreimal der Bibel", sagt Mark Thompson, leitender Redakteur der Reuters-Presseagentur, damit man es sich besser vorstellen kann.

Thompson hat standesgemäß einen Kaffeebecher, aber nicht den obligatorischen Blackberry in der Hand. Er betreibt das traditionelle Geschäft des Konzerns, das Sammeln und Verkaufen von Informationen. Dabei hat sich viel geändert in den vergangenen Jahren, gerade weil ein Anspruch der Firma nun schon seit mehr als einem Jahrhundert unverändert blieb: "Wir müssen die Ersten sein." So wie 1865 bei der Meldung vom Attentat auf Abraham Lincoln - Reuters veröffentlichte die Nachricht (nachdem sie zwölf Tage auf See war) zwei Stunden vor der Konkurrenz - oder beim Bau der Berliner Mauer oder bei deren Fall. Thompson behauptet, Reuters sei bei 70 Prozent der weltweiten Meldungen Erster. Die Frage für ihn ist: "Ob wir uns die 30 Prozent leisten können, bei denen wir es nicht sind."

Auch wenn der Informationsdienst in Geld gerechnet wenig zum Konzernumsatz beiträgt, so ist er im System Reuters doch von entscheidender Bedeutung. Neben dem schon genannten Image-Effekt dient er als Motor und Köder gleichermaßen. Schließlich sind es Nachrichten, die am Finanzmarkt Aktionen auslösen.

Den Finanzmarkt befeuert Reuters ohne Unterlass, keine Sekunde vergeht, in der die Kunden nicht auf irgendetwas reagieren könnten. Sie müssen beschäftigt bleiben, um nicht etwa in einer langweiligen Minute in die Echtzeitwelt eines Konkurrenten - vielleicht Bloomberg - zu wechseln. "Deshalb ist es auch wichtig, dass unsere Kunden das Gefühl haben, bei Reuters alle Neuigkeiten zuerst zu bekommen", sagt Thompson. Für dieses gute Gefühl betreibt Reuters einen gehörigen Aufwand, bei dem der Blackberry dann doch ziemlich schnell den Kaffeebecher ablöst. Für die Journalisten ist der mobile Nachrichtenticker längst Standard-Arbeitsmittel. Thompson erinnert sich noch, als er dieses Ding zum ersten Mal benutzte: "Es war beim ersten Mannesmann-Prozess, als das Urteil gegen Josef Ackermann verkündet wurde." Als damaliger Leiter des Reuters-Büros in Frankfurt am Main hörte er von den neuen Wundergeräten und legte sich schnell eines zu, in der Hoffnung auf einen Zeitvorteil. Im Gericht tippte er bereits simultan zur Urteilsverkündung die Nachricht - wie alle anderen Kollegen um ihn herum allerdings auch.

Was aber in ein und demselben Moment überall auf der Welt verfügbar ist, wird in diesem Moment für eine Presseagentur auch schon wertlos. Reuters arbeitet deshalb verstärkt daran, Nachrichten mit mehr Wert zu entwickeln. So werden aus der im 20-jährigen Archiv des Konzerns abgelegten Vergangenheit Aufschlüsse für die Zukunft analysiert - man verlässt also die Echtzeitwelt, um etwas Neues zu bieten. Manchmal geschieht der Ausbruch aus dem ewigen Jetzt auch ganz unbeabsichtigt. Bei den Bombenattentaten in London im Jahr 2005 standen die Reuters-Journalisten hilflos da, weil sämtliche Mobilfunknetze abgeschaltet waren. Als hätte man Schreibtischtäter nur mit einer Keule ausgerüstet im Wald ausgesetzt.

"Wir mussten damals zurück zu unseren Wurzeln", erinnert sich Thompson schmunzelnd. Die Journalisten standen wieder Schlange vor den Kiosken und Zeitungsläden in den Straßen, um auf dem Festnetz mit der Redaktion zu telefonieren. Seither gehört zur Journalisten-Ausrüstung auch ein Satellitentelefon.

Wie wichtig ein funktionierender Nachrichtenbetrieb ist, belegt der andere große Echtzeitwelt-Betreiber Bloomberg mit Sitz in New York. Der leistet sich sogar einen weltweiten Fernsehkanal mit mehr als 650 Beschäftigten. Diese sehr sichtbare Präsenz ist einer der Gründe, warum der amerikanische Konkurrent, der vor einem Jahrzehnt nur ein Drittel des Reuters-Umsatzes erwirtschaftete, 2004 den einstigen Echtzeit-Weltmarktführer bereits überflügeln konnte. Bloomberg bietet ähnliche Dienste wie Reuters an, verpackt sie aber auch gleich in ein imposantes Hardware-Produkt: das Bloomberg-Terminal, einen Computer, der auf zwei Bildschirmen die Finanzwelt in Wort, Bewegtbild und Zahlen live abbildet und mit dem vor allem professionelle Trader gern arbeiten. Seit Reuters 2007 seine Geschäfte mit dem kanadischen Medienkonzern Thompson zusammengelegt hat, rangeln die Londoner mit den New Yorkern um die Vorherrschaft in der Echtzeitwelt.

In dieser seltsamen Sphäre haben beide Konzerne mittlerweile mehr als 600 000 Kunden. Sie sind mit einem jeweils eigenen Instant-Messenger-System verbunden, denn der Reuters- wie der Bloomberg-Gemeinde dauern selbst E-Mails zu lange. Manchmal mutet es an, als sei es gelungen, die Welt schneller zu drehen: Statt an 365 Tagen dreht sich der Planet nun hundertmal so schnell, schafft 36 500 Tage im Jahr. Macht hundertmal so viele Börsentage, an denen es irgendwie hoch und runter geht, sich irgendetwas vermelden lässt und auf das Jahr gesehen hundertmal so viel Geld zu verdienen ist. Ist aber deswegen auch tatsächlich mehr passiert?

Der Appetit des Menschen nach Geschwindigkeit scheint unersättlich. Warum? Weil sich die Erde, so stellte einst der amerikanische Astrophysiker und Schriftsteller Alan Lightman fest, "für Leute in Bewegung langsamer dreht. Bis sich allesamt mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, nur um Zeit zu gewinnen."

Aber heißt Echtzeit nicht vielmehr, keine Zeit mehr zu haben, um über den Horizont zu schauen oder zurückzublicken? Gefangen im dauernden Jetzt - für immer in der winzigen Spanne des Moments beschäftigt? Der Silicon-Valley-Veteran Regis McKenna nennt die Aussicht auf Echtzeit das heutige Äquivalent zum Heiligen Gral. Die Economy of Scale des 20. Jahrhunderts wandle sich zu einer Economy of Time, zu einer virtuellen Welt, in der das Wissen dynamisch ist und sich das Marketing vom Monolog zum interaktiven Dauer-Dialog mit den Kunden entwickelt.

Die große Leistung der Echtzeit sieht der Wissenschaftler in einem banalen Fakt: "Sie versetzt die Menschen in die Lage, miteinander zu reden." Echtzeit lässt aber auch den Abstand zwischen Sehnsucht und Erfüllung verschwinden. Aktion und Reaktion verlaufen heute simultan - was für den Marketing-Experten nur eine logische Konsequenz haben kann: "den für immer unzufriedenen Kunden". Der fragt auf den Märkten nichts anderes mehr nach als die sofortige Befriedigung seiner Nachfrage. Was für die Wirtschaft wiederum heißt, sich auf "die Eventualität von irgendwas" einzustellen. McKenna schrieb das alles bereits 1997 in seinem Buch "Real Time". Ungefähr so ist es dann auch gekommen, wie die irrlichternden acht Millionen Nachrichtenwörter pro Tag zeigen.

Bleibt die bescheidene Frage, ob der Mensch das alles verarbeiten kann - oder überhaupt noch verarbeiten soll. Unsere Gattung ist die Crux in der Echtzeitwelt, da können die Beschleuniger die Zeit aushebeln, wie sie wollen - der Bremser Mensch braucht nun einmal für alles seine Zeit. Da kann man ihm noch so viele Blackberrys an die Hand ketten: Er bleibt für vieles, was heute möglich ist, einfach zu langsam und in seiner Auffassungsgabe - so ist es nun einmal - auch zu begrenzt.

Er wird daher leider abgeschafft.

Zeit ohne Menschen

Oststeinbek bei Hamburg. Das Unternehmen International Algorithmic Trading GmbH (IAT) handelt von hier aus an allen Börsen Europas. Allein am 22. Januar 2008, dem Tag, als die USA aufgrund des Kursrutsches die Leitzinsen um 0,75 Prozentpunkte senkte, vollzog das Unternehmen mit insgesamt neun Mitarbeitern 66 175 Transaktionen - ein Umsatz von 1,98 Milliarden Euro. Legte man gutwillig zehn Stunden erfüllte Arbeitszeit zugrunde, beliefe sich das auf durchschnittlich 1,8 Aktiengeschäfte pro Sekunde - ohne Pause freilich. Wie schnell das ist, kann man sich kaum vorstellen, nur eines ahnt man: Der Mensch ist hier überflüssig. Bei IAT genügt ein Händler, um die Computer zu kontrollieren.

Die mit Algorithmen trainierten Maschinen durchsuchen die internationalen Märkte auf winzige Chancen. Die Codes sind so geheim wie die Coca-Cola-Rezeptur. Vielleicht handelt man mit zwei Aktien, die sich in der Vergangenheit auffällig im Gleichschritt bewegten. Fertig ist eine Wenn-dann-Konstellation: Driften beide Werte außergewöhnlich weit auseinander - kaufen. Haben sie sich wieder angenähert - verkaufen. Das passiert Stunde um Stunde, Sekunde für Sekunde und eben auch Millisekunde für Millisekunde. Es geht auch noch einfacher, wie Timo Wagner in Oststeinbek erklärt: "Vielleicht kaufen wir einen Wert in Frankfurt, sagen wir für 15 Euro, um ihn in Paris - wo die gleiche Aktie im selben Moment bei 15,10 Euro steht - gleich wieder zu verkaufen." Sind genug Aktien im Spiel, addiert sich das zu einem schnell verdienten Vermögen: "Hier sind zehn Cent mitzunehmen", sagt Wagner. "Das ist nicht sonderlich schwer zu verstehen."

Am heimischen Computer sollte eine solche Transaktion allerdings keiner nachmachen. Die im Internet und Fernsehen verfügbaren Kursnotierungen sind meist Echtzeitwelt-Standbilder, die alle 15 Minuten ausgetauscht werden. Bis eine Transaktion ausgeführt ist, vergeht eine weitere Ewigkeit, der Heim-Spekulant ist viel zu spät dran, also ein hoffnungsloser Fall. Es sei denn, er hat sich mit einigen Hochleistungs-Servern bei der Deutschen Börse in Frankfurt am Main eingemietet. IAT hat dort gleich 40 Super-Server stehen, neben denen anderer Broker oder Hedgefonds aus aller Welt. Was waren das für Zeiten, als sich das Börsengeschehen noch leibhaftig auf dem Frankfurter Parkett abspielte. "Heute werden 60 Prozent des Computerhandels Xetra durch den maschinellen Algorithmushandel abgewickelt", sagt Frank Herkenhoff, Sprecher der Deutschen Börse. 2006 waren es noch 33 Prozent. Dass die Computer direkt vor Ort sein müssen, ist der physikalischen Gemeinheit geschuldet, dass sich zwar der Mensch, aber nicht die lästige Beschleunigungsbremse Lichtgeschwindigkeit abschaffen lässt. Distanzen zu überbrücken bedeutet Zeitverlust, auch wenn er für Menschen kaum messbar ist. "Wir verlieren pro 100 Kilometer Datenleitung eine Millisekunde", sagt Wagner bei IAT. In der Echtzeitwelt liegt zwischen Oststeinbek und Frankfurt somit eine halbe Ewigkeit. Wer gar von New York aus mithandeln wollte, wäre gänzlich abgeschlagen. Deshalb wetteifern Server unter fairen Bedingungen am Ort des Geschehens um Vorteile in Form einiger Nanosekunden.

Dieses Aufsaugen der Börsen in den Echtzeitkosmos entkoppelt den Finanzhandel immer mehr von fundamentalen Zusammenhängen. Wo es um statistische Miniaturen geht, verlieren Hintergründe ihre Bedeutung. Sogar die Richtung ist egal. "Es ist unwichtig, ob es hoch oder runter geht. Hauptsache, es bewegt sich was", sagt Wagner. Ein schneller Verlust ist interessanter als ein langfristiger Anstieg, und so feierte IAT im schwarzen Januar einen Rekordhandelsumsatz von 13,5 Milliarden Euro. Auch die Deutsche Börse meldete Rekorde bei purzelnden Kursen: Mit 292,7 Milliarden Euro Umsatz legte das elektronische Handelssystem Xetra im Vergleich zum Januar 2007 um 65 Prozent zu. Die Zahl der getätigten Transaktionen stieg um 106 Prozent.

Wenn es für mehr als die Hälfte der Marktteilnehmer mittlerweile unbedeutend ist, ob Börsenkurse steigen oder fallen und Entscheidungen unabhängig von menschlicher Logik getroffen werden - was bedeutet das dann eigentlich für den Börsenhandel? Muss man sich Sorgen machen wegen der Cyber-Broker?

Zunächst einmal nicht. "Der algorithmische Handel ist kein grundsätzliches Problem", sagt Professor Joachim Gassen, Wirtschaftswissenschaftler an der Humboldt-Universität in Berlin. Schließlich handelten Computer "nicht gottgegeben schlechter als Menschen". In gewisser Hinsicht biete das ultraschnelle Echtzeithandeln sogar Vorteile: "Es schafft zusätzliche Liquidität - und das ist erst mal gut." Die Spanne zwischen An- und Verkaufskursen verringerte sich dadurch beträchtlich, bald schon wird die Deutsche Börse die Notierungen auf einen Zehntel-Cent genau ausweisen.

Der verstärkte Handel kommt auch den Konzernen zugute. Will etwa ein Unternehmen ein üppiges Aktienpaket erwerben, kann dies heute ganz dezent abwickelt werden: Statt mit einer Order von 500 000 Stück den Preis zu verderben, zerlegen anonyme Computer den Kauf in Tausende Mini-Pakete, die überall in der Welt unauffällig eingesammelt werden. Es soll aber - so das Gerücht einiger Händler - schon Computer geben, die genau solche Vorhaben frühzeitig aufdecken. Es werden Algorithmen trainiert, die andere Algorithmen zu durchschauen versuchen.

Der Wettlauf zwischen Mensch und Maschine

Hier schlummert für Gassen auch das große Problem: "Der Handel von Computersystemen basiert auf Algorithmen und ist dementsprechend vorhersehbar." Wo sich Strategien berechnen lassen, könnte der Mensch - ein später Triumph - die algorithmischen Entscheidungen der Computer prognostizieren. "Dies schafft Möglichkeiten, die auf einem effizienten Markt eigentlich nicht vorliegen dürften, da auf effizienten Märkten zum Beispiel Preisänderungen eben nicht vorhersehbar sind", stellt Gassen fest.

Die Konstellation Computer versus Mensch betrachtet er somit als interessantes Hase-und-Igel-Spiel. Die Computer profitieren von den irrationalen Händlern, die wiederum von den rationalen Algorithmen profitieren. Beides sei derzeit wohl weitestgehend in Balance. Sollte der Computerhandel einmal Amok laufen, so Gassen, "würde dies nur den menschlichen Handel wieder anreizen". Zudem belegten bislang alle empirischen Untersuchungen, dass "auf lange Sicht immer noch Fundamentaldaten den Marktpreis bestimmen".

Timo Wagner von IAT ist sich da nicht so sicher. In Oststeinbek überlässt man die Fundamentaldaten gern den Analysten, er kenne aber keinen, der damit noch Geld verdiene. Auch Wirtschaftsdaten oder Nachrichten seien für die Algorithmiker letztlich wertlos. "Auf unseren Handel haben News keinen Einfluss", sagt Wagner. In der Echtzeitwelt geht man davon aus, "dass die aktuellen Preise schon alle etwaigen News enthalten". Womit sich die Frage stellt, warum Reuters der Echtzeitwelt noch dreimal am Tag die Bibel bereitstellt. Wer liest die überhaupt noch? Menschen offenbar immer weniger, schließlich sind die längst abgeschafft oder interessieren sich nicht dafür. Doch Reuters trainiert seine Journalisten bereits für eine andere Zielgruppe: "Wir bringen unseren Mitarbeitern gerade bei, Überschriften in einer gewissen Struktur zu schreiben, die auch Maschinen lesen können", sagt Richard Brown, Manager für Machine Readable News. Menschen schreiben bei Reuters nun auch für Maschinen.

Die Idee spart Zeit, ist also brillant. Wir erinnern uns: Der Mensch vertut - geschuldet seiner Langsamkeit und begrenzten Auffassungsgabe - schon wertvolle Sekunden, nur um eine Überschrift zu entschlüsseln. Die neuen Maschinen bei Reuters lesen einen ganzen Text in Millisekunden. Extrahieren dabei Schlüsselwörter wie "Zinssenkung" und erspüren sogar den Ton der Nachricht, also: Mäkelt der Schreiber, oder gibt er sich euphorisch? Knipst der zeitsparende Broker nun eine solche des Lesens mächtige Maschine mit einer Trading Box zusammen, lassen sich aus dieser Kombination wiederum erquickliche Konstrukte basteln.

Was halten Sie zum Beispiel hiervon? Man entwickelt eine historische Analyse: Wie reagierte eine Aktie in den vergangenen zehn Jahren auf Nachrichten über die US-Notenbank mit dem Wort "Zinssenkung"? Was in der Vergangenheit so war, wird in der Zukunft auch weiterhin so sein - mit dieser Annahme baut man einen Algorithmus. Sobald von nun an die in Echtzeit lesende Maschine der handelnden Maschine das Wort Zinssenkung zuflüstert, löst die im gleichen Moment einen Kauf oder Verkauf aus. Zwischen Veröffentlichung, Lesen und Handel vergehen wenige Millisekunden. Und da Computer im Börsenhandel mittlerweile in der Überzahl sind, ist der lesende oder überlegende Mensch eben ein hoffnungsloser Fall, da gibt es keine zwei Meinungen.

Er kann zwar auch weiterhin seine Zeit damit vergeuden, über das Welt- und Börsengeschehen zu philosophieren, sich ein eigenes Bild zu machen, zu analysieren - doch besser überlässt er auch das der Lese-Maschine. Sie kann zudem eine Presseschau sämtlicher Reuters-Nachrichten der - sagen wir - vergangenen 20 Jahre gleich mit erledigen. Unter Berücksichtung gewisser Branchen, Firmen oder Aktien und des angeschlagenen Tons, sodass ein schneller Mausklick offenbart, ob in den zurückliegenden Jahren eher positiv oder negativ über eine bestimmte Firma geschrieben wurde. Das lässt sich dann wieder mit der Handels-Maschine verbinden - und so weiter. In Echtzeit kaufen, verkaufen, Geld verdienen.

So vergeht in dieser schönen neuen Welt keine Millisekunde ungenutzt. Weshalb ein stiller Triumph und ein wenig schlechtes Gewissen mitschwingt, als wir zum Ende unseres Termins bei Reuters der Echtzeitwelt glatt eine ganze Stunde zusätzlich abgerungen hatten. Nicht auszurechnen, was sich in dieser Zeit hätte verdienen lassen. -