Hektik in Bhutan

Die Zeit schien stehen geblieben in dem winzigen Land zwischen China und Indien. Doch nun klopft das 21. Jahrhundert an.




- In einem Kloster in der Nähe von Thimphu sitzt ein Mönch und spricht von der Begierde. Er trägt eine purpurne Robe, darüber ein blutrotes Wolltuch. Auf einem Schrank hinter ihm ein gerahmtes Abbild Buddhas, dazu sieben silberne Schalen, die jeden Morgen mit frischem Wasser gefüllt werden. Der Hausaltar. Ringsum ein Durcheinander aus Kisten, Schachteln, Teppichen, Zeitungen, Büchern. Es ist kalt in der Kammer. Die Wände sind feucht. In der Decke, neben einem roten Papierlampion mit goldgelben Quasten, klafft ein Loch.

Ein Mensch, doziert der Mönch, müsse die Begierde überwinden, um den Kreislauf der Wiedergeburt zu verlassen. Auch Hass und Unwissenheit, vor allem aber die Begierde. Er lächelt und spielt dabei mit seinem dicken Ring am linken Mittelfinger. Am rechten Handgelenk trägt er eine klobige Uhr. Ein Junge in Mönchskleidung bringt Tee und Reisgebäck. Ist das da auf dem Sideboard eine Stereoanlage? Ja, sagt der Mönch verlegen, er möge Popmusik. Eine Katze springt auf das Regal neben der Kochplatte. Hat er einen Fernseher? Nicht in seiner Kammer, sagt der Mönch, aber wann immer es möglich sei, schaue er Fußball. Sein Held: Cristiano Ronaldo.

Yezer Dorji ist wie jeden Morgen um fünf Uhr aufgestanden. Danach hat er gebetet, meditiert, studiert, jetzt macht er ein, zwei Stunden Pause, bis er weiterstudiert, gefolgt vom Abendgebet. Gegen 22 Uhr rollt er sich in eine Decke auf einer Matratze am Boden. So geht das tagein, tagaus, seit er mit 15 in den Tempel Pangri Zampa kam. Seine Eltern sind mittellose Bauern. Die Religion war seine Chance auf Bildung. So ist er Astrologe geworden, liest Besuchern aus den Sternen, wie sie gesund werden, wann der günstigste Zeitpunkt für Hochzeit oder Hausbau ist. Und natürlich kann er auch erklären, warum der nächste lebende Buddha erst in 1800 Jahren erscheint und wie man mithilfe des achtfachen Pfades ein Bodhisattva wird, ein nach höchster Erkenntnis strebendes Wesen, getragen von Mitgefühl und Güte. Dorji, rundes Gesicht, Brille, kurz geschorenes Haar, kenne, so sagt er, keinen Hass, gegen niemanden. Unermüdlich studiere er die heiligen Schriften gegen die Unwissenheit. Und doch sei seine Mission in Gefahr. Immer wieder überkomme ihn dieses Gefühl. "Ich sehe etwas und will es besitzen", sagt der Mönch, "obwohl ich versuche, mich davon zu überzeugen, dass diese Bedürfnisse nicht wichtig sind." Er ist 25, und lang ist der Weg zur Erleuchtung.

Das Kloster liegt in der Sonne. Man könnte auf die nächste Anhöhe steigen, vorbei an Tränenkiefern und Hemlocktannen, an Rhododendren mit knorrigen Ästen und dunklen Flechten. Von dort öffnet sich der Blick auf majestätische Gipfel mit eisigen Kappen und weit hinab ins Tal, in dem ein imposanter Dzong, eine Mischung aus Kloster, Trutzburg und lokaler Verwaltung, zwischen Reisterrassen thront. Kalt und klar die Luft, blaublaublau der Himmel, der Schrei eines Vogels. Sonst nichts. Die größte Offenbarung, lehrte Laotse, ist die Stille.

Bhotanta, Ende von Tibet, nannten die Inder dieses abgeschiedene Bergland, das bis in Höhen von 7500 Metern reicht und etwa so groß ist wie die Schweiz. 670 000 Menschen leben in Druk Yul, wie die Einwohner ihr Land nennen, das Reich des mächtigen Donnerdrachens, der das Wappen ziert. Weiß ist er, zum Zeichen seiner Reinheit. Seine Klauen umfassen Diamanten, die Reichtum symbolisieren.

Bhutan ist ein leises, durch Einsamkeit verzauberndes Land, überzogen von Legenden und Mythen, beseelt von Berggöttern, Gespenstern und Schutzgeistern. Denn der Himalaya soll einmal ein tobender Dämon gewesen sein, bis Guru Rinpoche, der zweite Buddha, im 8. Jahrhundert auf dem Rücken einer Tigerin nach Bhutan ritt und an nur einem Tag 104 Klöster errichtete, die den Dämon bezwangen. Später wirkte in Bhutan der Lama Drukpa Kunley, der den Alkohol und die Frauen liebte und den sie ob seiner Lebenslust den "verrückten Heiligen" nennen. Als Kunley einmal Hunger hatte, schlachtete er eine Kuh und eine Ziege. Was er nicht aufaß, setzte er anderntags wieder zusammen. So entstand das Takin, die Rindergämse, Bhutans Nationaltier. Ein andermal erschlug er einen Dämon mit seinem erigierten Penis. Noch heute malen sie, ihm zu Ehren, Phalli an die Häuser.

Spirituelle und materielle Welt fließen in Bhutan ineinander. Überall Gebetsmühlen, Gebetsfahnen und Chörten, kleine gemauerte Schreine für Gebetsrollen und Reliquien. 25 Dzongs, 2000 Klöster, Zehntausende Mönche: Der Buddhismus ist tief verwurzelt im Hochgebirge, schließlich war der Staatsgründer ein Abt aus einem Drukpa-Kagyü-Klosterorden in Tibet. Shabdrung Ngawang Namgyal galt als Verkörperung des für sein Mitgefühl verehrten Heiligen. Er vereinte die zerstrittenen kleinen Fürstentümer der Region. Ihm hat Bhutan seine Schule des tantrischen Mahayana-Buddhismus zu verdanken, der bis heute Staatsreligion ist. Shabdrung baute die ersten Dzongs zur Verteidigung von Land und Glauben. "Religion hat Wert und Wichtigkeit", sagt Dorji, der Mönch. "Sie ist wie Gold."

Turbulente Zeiten in der Hauptstadt: Wann kommt wohl die erste Verkehrsampel?

Wenig später in Thimphu, früh am Abend. Der neue Toyota ist angekommen. Besser gesagt, die State Trading Corporation of Bhutan stellt auf einem Platz unterhalb der Hauptstraße Norzin Lam ihren neuesten Import auf einer Rampe vor. Auf einer Bühne daneben spielt eine Band. Die Sängerin trägt einen Anorak über einem bunten Tuch, das sie um die Hüfte gewickelt hat. Sie singt ein Lied aus einem Bollywood-Film. Die Tribüne ist voll besetzt, das Publikum in andächtiger Stimmung. Die Sängerin trägt ein weiteres Lied aus einem Bollywood-Film vor, in dem es um eine Frau geht, die ihr unglückliches Leben beweint. Refrain: "Heute machen wir uns Sorgen, morgen können wir tot sein."

Das erscheint verwirrend. Zählt Konsum denn nicht zu den Begierden? Der neue Toyota ist übrigens keine Neuheit; es ist ein Yaris. Und man fragt sich, wer sich hier solch einen Wagen leisten kann, der 800 000 Ngultrum kostet, umgerechnet etwa 20 000 US-Dollar. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt in Bhutan bei 1400 Dollar im Jahr; 250 Dollar Monatsgehalt gelten als Spitzenverdienst. Und es fällt schon auf, dass Thimphu, 69 000 Einwohner, damit wirbt, die einzige Hauptstadt der Welt ohne Verkehrsampel zu sein. Doch der Journalist Tashi Dorji sagt: "Im Prinzip zeigt das alles, dass wir in turbulenten Zeiten leben."

Er schlendert vorbei an Juwelieren und an Elektroläden, die mit zehn Prozent Rabatt auf Fernseher und Kühlschränke locken. Er will zum Hotel Phuntsho Pelri, um seinen Freund Dupthob zu treffen. Tashi Dorji sagt: "Thimphu ist die am schnellsten wachsende Hauptstadt der Welt." Und zählt auf: 70 größere Gebäude im Bau, der neue Highway durch das Tal, der vergrößerte Wochenmarkt, der Ausbau des Sportstadions. Gemeinsam mit Dupthob werde er nachher vom aufregenden Wandel ihres Landes und neuen Herausforderungen erzählen, von Wirtschaftswachstum, Tourismus und Hydroenergie, vom Fernsehen, der neuen Verfassung und der Demokratie.

Die beiden haben sich am Sherubtse College in Kanglung kennengelernt, Bhutans einziger Universität. Sie sind jetzt 29 und gehören zu jener Generation, die mit dem Wandel Bhutans aufgewachsen ist. 2008 erlebt der seinen vorläufigen Höhepunkt. Ende März wird eine Verfassung in Kraft treten und zum ersten Mal in der Geschichte Bhutans ein Parlament gewählt. Tashi Dorji ist Chefredakteur des Wochenblattes "Bhutan Observer", in dem seit Monaten der Wahlkampf dominiert. Dupthob wiederum, der wie viele Bhutaner nur einen Namen hat, wird in seiner Heimatprovinz als Kandidat antreten für Druk Phuensum Tshogpa, die - wörtlich übersetzt - Drachenglücksmannschaft. Er rechne sich Chancen aus, sagt er, "weil mich dort alle kennen".

Ein Blick zurück. Bis Anfang der sechziger Jahre gab es im buddhistischen Königreich Bhutan weder Autos noch asphaltierte Straßen. Eine Reise von der indischen Grenze nach Thimphu dauerte mindestens fünf Tage - falls sie überhaupt genehmigt wurde, denn ausländische Besucher waren selten erwünscht. Bhutan hatte keine eigene Währung, ließ sich außenpolitisch von Indien vertreten, mit dem es ein Freundschaftsvertrag verband. Bis 1968 gab es keine Bank. Doch 1972 wurde ein Teenager zum Druk Gyalpo (Drachenkönig) ausgerufen und zwei Jahre darauf, mit 18, gekrönt: Jigme Singye Wangchuck, auf Schulen in Indien und Großbritannien ausgebildet, wurde der vierte Herrscher einer von den Briten 1907 eingesetzten Dynastie.

Seine Ausgangsposition war alles andere als beneidenswert. Null Infrastruktur. Keine nennenswerten Bodenschätze außer ein wenig Kohle, Zement und Talk. Schwer zugänglich und wild die Natur, dramatisch unterentwickelt die Gesellschaft, prekär die geopolitische Lage als Liliput zwischen China und Indien. Das Schicksal Tibets, das 1959 von Chinas Armee besetzt worden war, und der buddhistischen Königreiche Sikkim (indisches Protektorat) und Mustang (von Nepal annektiert) mahnte den jungen Monarchen zum Handeln. Er musste mit der Zeit gehen. Doch wie? Schließlich verkündete er ein neues Staatsziel: Glück sei wichtiger als Geld. Nur so seien die glorreichen spirituellen und staatlichen Traditionen des Volkes zu bewahren. Sein Credo bekam einen Namen: Gross National Happiness (GNH).

Bruttonationalglück vor Bruttosozialprodukt, Wohlbefinden vor Wachstum. Darauf muss man erst mal kommen. Doch GNH ist vor allem verknüpft mit Reformen. 1974 öffnet sich Bhutan für den Tourismus. 1983 wird der erste und bislang einzige Flughafen in Paro in Betrieb genommen. 1998 tritt der vierte König als Regierungschef zurück und ernennt einen Premierminister. Seit 1999 gibt es Fernsehen und Internet, dazu seit Kurzem zwei private Zeitungen und einen privaten Radiosender. König Jigme Singye lässt eine Verfassung ausarbeiten und übergibt im Dezember 2006 die Amtsgeschäfte an seinen Sohn Jigme Khesar Namgyel, 28, dessen Krönung in diesem Jahr ansteht. Der fünfte König hat bereits angekündigt, dass er an GNH festhalten will: "Für ein kleines Land mit einem kleinen Volk ist es entscheidend, dass es sich für ein gemeinsames nationales Ziel einsetzt. GNH ist die Brücke zwischen fundamentalen Werten und dem notwendigen wirtschaftlichen Wachstum."

Im Zuge der Öffnung und des Wandels ist viel über Bhutan und GNH berichtet worden, vor allem seit der Tourismus behutsam gefördert wird. 2006 kamen 17 000 Besucher, 2007 waren es etwa 22 000, nächstes Jahr sollen es 30 000 sein. Bhutan gilt bei Fernreisenden als idyllisches Utopia, weil das Land laut Gesetz zu mindestens 60 Prozent bewaldet sein muss (aktuell: 72 Prozent), Jagd und Hochalpinismus verboten sind (der Gangkhar Puensum, 7541 Meter, ist der höchste unbestiegene Berg der Welt) und der Zustrom an Touristen gesteuert wird. Jeder Besucher muss täglich mindestens 200 US-Dollar ausgeben, die mit Übernachtung, Verpflegung und Touren verrechnet werden. So soll es gelingen, Nepals Probleme - Backpackerboom, Gipfelwahn und entsprechende Umweltsünden - zu vermeiden.

Bhutaner sprechen daher voller Stolz über GNH. Auch weil es die Kultur des Landes bewahrt und die Identität des Volkes stärkt. Der vierte König ließ eine Akademie für traditionelle Musik und Tanz einrichten, dazu ein Institut, in dem die 13 traditionellen Handwerkskünste gefördert werden. Gebäude müssen im traditionellen Stil errichtet und mit kunstvollen Holzschnitzereien verziert werden. Männer müssen in der Öffentlichkeit den Gho tragen, eine Art Kimono mit langen weißen Stulpen an den Ärmeln, Frauen die Kira, einen gewickelten Rock mit kurzer Jacke.

Das alles ist hübsch anzusehen. Und wer sich als Besucher von der zwölften Inkarnation eines bedeutenden Lama segnen lassen will, Bäder mit heißen Mineralsteinen mag oder Yak-Gulasch mit Chili, Käse mit Chili und überhaupt Chilipaste zu allem, wer all das toll findet und dazu unablässig von Bhutanern angelächelt wird, der sitzt irgendwann bei Buttertee in einer Hütte auf 4000 Metern Höhe und glaubt, auf einer Wolke zu schweben, wie sie watteweiß in der Ferne vorbeizieht. "Wenige Orte", hat das britische Wirtschaftsmagazin "The Economist" festgestellt, "werden so romantisiert wie Shangri-La."

Oberstes Staatsziel: ein glückliches Volk. Doch wie bewahrt man es vor der Habsucht?

Doch zurück in die Lobby des Hotels Phuntsho Pelri, zu Tashi Dorji und seinem Freund Dupthob. Sie haben Tee bestellt und Kekse und wollen etwas klarstellen, weil GNH in ausländischen Medien häufig als Kuriosität oder Esoterik erscheine. "Umweltschutz oder Erhalt und Förderung unserer Kultur", sagt Dorji, der Journalist, "sind zwei Säulen von GNH. Doch man darf nicht vergessen, dass dazu auch verantwortungsvolles Regieren und eine nachhaltige sozio-ökonomische Entwicklung gehören." Daraus folgt, sagt Dupthob, der Betriebswirtschaft studiert hat, dass Glück zwar wichtig, aber auch, dass Geld nicht unwichtig sei: "GNH bedeutet nicht, dass wir glücklich sind mit dem, was wir haben. Dass wir nicht mehr wollen. Wir wollen mehr. Aber nicht um jeden Preis. Nicht auf Kosten der Gemeinschaft."

Während die beiden reden, checken zwei Männer in Gho im Hotel ein. Es sind Lehrer vom Sherubtse College. Tshewang Norbu und Ugyen Norbu werden anderntags nach Bangkok fliegen, zur 3rd International Conference on Gross National Happiness. Die erste Konferenz gab es 2004 in Thimphu, die zweite 2005 in Nova Scotia, Kanada. Damals hieß es, das ehedem rückständige Bhutan sei inzwischen unserer Zeit voraus. Ugyen Norbu hält es für revolutionär, die ökonomische Entwicklung eines Landes mit einer nachhaltigen Philosophie zu verknüpfen. Dies sei die einzige Alternative zum Wachstumswahn der Gegenwart: "Nichts in der Natur wächst unendlich", sagt er, "außer einem Krebsgeschwür, das einen Organismus und damit sich selbst zerstört."

Den Hochschullehrern geht es weniger darum, ob Geld die Menschen wirklich glücklich macht. Dass allerdings Parameter wie das Bruttosozialprodukt eines Staates wenig über Zufriedenheit und Erfüllung seiner Bevölkerung aussagen, habe sich leider noch nicht überall herumgesprochen.

Sie können sich dabei auf Studien von Forschern berufen, die - wie etwa der US-Ökonom Richard Easterlin - nachgewiesen haben, dass mehr Einkommen nicht zugleich auch mehr Glück erzeugt. Das gilt vor allem in Gesellschaften, in denen sozialer Status kaum eine Rolle spielt. Die Bürger sogenannter reicher Länder sind also nicht in dem Maße glücklicher, in dem sie mehr Geld verdienen als jene in armen Ländern. Ist die ökonomische Existenz gesichert, werden andere Faktoren wichtiger.

Im sogenannten Happy Planet Index, der Glück, Gesundheit und soziale Einflüsse bewertet und gewichtet, führt das zu überraschenden Resultaten. Kolumbien - im UN Human Development Index auf Platz 75 - belegt Rang zwei, Kuba folgt auf Rang sechs, Bhutan auf Rang 13. Zum Vergleich: Norwegen rangiert auf Platz 115, die USA sogar erst an 150. Stelle. Die neuen Wirtschaftswunderländer China (31) und Indien (62) schneiden unter ähnlichen Kriterien ähnlich enttäuschend ab. Der "Economist" berichtete: "Die Leute arbeiten hart, um sich Dinge leisten zu können, von denen sie glauben, sie machten sie glücklich ... Aber dadurch zwingen sie nur sich und andere, in diesem Rattenrennen immer schneller zu werden. Am Ende verlieren alle."

Etwa eine halbe Stunde Autofahrt hinter Punakha führt ein schlammiger Pfad zu einem Hügel. Hinter den Bäumen sieht man Rauch aus den Schornsteinen kleiner Häuser aufsteigen. Das Dorf Dochuka mit seinen 300 Einwohnern hat Elektrizität und Anschluss an die Kanalisation. Auf den Feldern werden Mais, Kohl, Chili, Rettich, Kartoffeln und roter Reis angebaut, und weil die Bauern Kühe haben, fehlt es auch nicht an Milch und Butter. Solche Bedingungen sind den meisten Bhutanern auf dem Lande fremd. Immer noch sind viele ohne Strom und Wasserversorgung, häufig nur über Schotterpisten oder auf unbefestigten Wegen zu erreichen. Der Journalist Tashi Dorji hatte uns so vorbereitet: "Es gibt zwei Bhutan. Für jemanden, der im Osten in den Bergen lebt, ist Thimphu wie New York."

Für jemanden, der in New York lebt, muss Dochuka ein Schock sein. Im Haus neben einer mannshohen Gebetsmühle sitzen Kinley Tenzin, Dorji, Pem Zam, Namgay Tshering und Gomchen, die Zähne rot von Betelnuss. Gomchen, der als Einziger einen Schulabschluss hat, fungiert als Dorfvorsteher. Er spricht für alle. Nur wenn die Ernte gut sei, sagt er, könnten sie auf dem Markt in Punakha Gemüse, Getreide und Chili verkaufen, ihre einzige Einnahmequelle außer dem Verkauf von Holz. Am Boden kauern die Kinder, Rotz an der Nase, Schlamm an den nackten Füßen. Ihre Schule ist anderthalb Stunden Fußmarsch entfernt. Im Winter sind sie zwei Stunden unterwegs, in der Regenzeit ist der Weg oft unpassierbar. Ein Krankenhaus in der Nähe gibt es nicht. Doch sie fänden das nicht schlimm. Pem Zam habe eine Ausbildung in Erster Hilfe. Pem Zam lächelt scheu. Über ihr an der Wand hängen Poster, die über Tbc und HIV informieren.

"Eigentlich", sagt Gomchen, "geht es uns gut." Eigentlich? Nun, es habe im Tal einen Mann gegeben, der für die Verteilung des Wassers aus dem Fluss zuständig gewesen sei. Dieser Mann habe die Felder seines eigenen Dorfes bevorzugt, weshalb jemand aus Dochuka zu ihm gegangen sei, um sich zu beschweren. Es sei zum Streit gekommen, wobei der Wasserwart umkam. Der Täter sei nicht verurteilt worden, doch zur Strafe habe man dem Dorf nun das Wasser ganz abgegraben. Deshalb falle ihre Ernte diesmal 60 Prozent geringer aus als im Vorjahr. Für eine Weile herrscht betretenes Schweigen. Doch als Dorji ein Getränk aus vergorenem Weizen anbietet, freuen sich die Dörfler, loben ihren König und sagen, sie seien stolz, dass sich jemand aus einem Land, das bei ihnen "ganz weit weg" heißt, für ihr Bruttonationalglück interessiere.

Wenn man Toshihiro Tanaka zur Situation in Bhutan befragt, so antwortet er: "Es geht voran, langsam, aber stetig." Tanaka ist stellvertretender Leiter des Development Program der Vereinten Nationen in Thimphu und kennt die Zahlen. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist seit 1966 von 37 auf 66 Jahre gestiegen; 84 Prozent der Kinder gehen zur Schule; die Kindersterblichkeit sinkt, die Armut geht zurück. Doch 46 Prozent aller Bhutaner können immer noch nicht schreiben und lesen, die meisten von ihnen leben auf dem Land. Ein Drittel der Einwohner, fast alle von ihnen Subsistenzbauern, müssen mit weniger als 16 US-Dollar im Monat auskommen. Für 10 000 Menschen gibt es nur einen Arzt, 40 Prozent aller Kinder sind wegen mangelhafter Ernährung im Wachstum zurückgeblieben.

Ohne UN und ausländische Hilfsorganisationen wäre Bhutan, das bereits ein Viertel seines Etats für Bildung und Gesundheitswesen ausgibt, kaum überlebensfähig. Lebensmittel müssen importiert werden. Die Schulspeisung wird durch Spenden finanziert. Mit Projekten für Milchwirtschaft, Workshops zur Förderung des Kunsthandwerks oder Krediten für Kleinunternehmer, etwa Pilzzüchter, versucht die UN zusätzliche Einnahmequellen zu schaffen und die größte Not zu lindern. Doch die Landflucht kann auch sie nicht aufhalten. Vor allem Jugendliche mit Schulabschluss suchen in den Städten nach Jobs, was zu einem sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt hat.

Demokratie könnte Land und Leute verändern. Genau das aber macht vielen zu schaffen.

Simple Frage: Wo sollen die Jobs herkommen? Die für 2006 gemeldeten zwölf Prozent Wirtschaftswachstum gehen überwiegend auf das neue Wasserkraftwerk Tala mit 1020 Megawatt zurück, das die Energieproduktion des Landes verdreifacht hat. Tala wurde von Indien finanziert, das auch die Straßen und Leitungen baute und fast den gesamten in Bhutan produzierten Strom kauft. Etwa 90 Prozent des Handels wird mit dem südlichen Nachbarn abgewickelt, der das Land mit billigen Produkten überschwemmt und damit das lokale Handwerk lähmt. Wie schwer es Bhutan fällt, sich wirtschaftlich zu emanzipieren, zeigt das Beispiel einer Industriezone an der Grenze zu Indien. Dort sollen Quarz, Dolomit und Kalkstein verarbeitet, Kupferdrähte, Seifen und Öle produziert werden. Doch es fehlt an einheimischen Fachkräften, die Arbeiter kommen mit Lärm und Staub nicht zurecht, und der gesamte Warentransport führt über eine einzige Brücke.

Bleibt der Tourismus. "Unsere Natur und Kultur", sagt Thinley Dorji, Executive Director von Bhutan Tourism Corporation Limited, "sind unser größtes Kapital." Klaus Dietsch von Studiosus Reisen in München, das Bhutan im Programm hat, sieht das ebenso. Er erzählt begeistert vom Anflug über Tannenspitzen auf den Flugplatz in Paro und schwärmt von "Menschen mit Stolz, den sie auch zeigen", bevor er bilanziert: "Unsere Reisen sind immer ausgebucht, was auch daran liegt, dass jeder, der einreisen darf, denkt, er sei ein Auserwählter."

Exklusivität ist Bhutans Trumpf, schließlich darf in Paro nur die staatliche Druk Air landen. Es gibt 74 Resorts, Hotels und Pensionen sowie 16 für Touristen eingerichtete Restaurants. Thinley Dorji sagt: "Der Tourismus hat deshalb höchste Priorität bei den Politikern." Dupthob glaubt: "Da ist Potenzial, und Tourismus könnte nach den Kriterien von G N H gestaltet werden." Doch ein Zuviel des Guten könnte die Sitten im Lande ernsthaft verderben. So meldete der "Bhutan Observer" vor einigen Monaten erstmals, dass ausländische Reisende bestohlen worden seien, während sie vor ihrem Zelt am Lagerfeuer saßen.

Allem Bruttonationalglück zum Trotz: Bhutan wird normaler. Mit dem Fortschritt ändern sich die Lebensgewohnheiten der Bauern, die nicht mehr auf die Felder gehen. Junge Frauen frisieren sich wie indische Models. Junge Männer wollen statt Gho lieber Jeans und Turnschuhe tragen. In den Städten mischen sich Englisch und Hindi in die Amtssprache Dzong kha. Die Kluft zwischen den ganz Armen und den weniger Armen wächst. Eltern verstehen ihre Kinder nicht mehr, weil die Bollywood-Filme, MTV und US-Sitcoms schauen. In Thimphu gibt es bereits 20 000 Autos: Statussymbole, die die wenigen Straßen verstopfen. Das 21. Jahrhundert ist spät und mit Macht in Bhutan angekommen, und nicht jedem gelingt die Umstellung.

Doch darüber wird ungern gesprochen. Bekenntnisse fallen vielen leichter: Ewig ist das Wesen des edlen Monarchen in Bhutan, segensreich seine Herrschaft. Der Tourismus-Manager Thinley Dorji spricht von "einem goldenen Zeitalter", von "Frieden, Prosperität, Harmonie", die man dem König verdanke.

"Bhutan", sagt ein britischer Reporter in der Hauptstadt, "ist ein freundlicher, angenehmer Platz, aber da ist auch ein orwellscher Anstrich." Und das liegt nicht nur daran, dass Supermärkte und Plastiktüten verboten sind und Rauchen in der Öffentlichkeit untersagt ist. Wer sich etwa über das Schicksal der Lhotshampa erkundigt, stößt meist auf taube Ohren. Der ethnische Konflikt, der auf eine Bhutanisierungskampagne in den achtziger Jahren zurückgeht, ist tabu. Eine Volkszählung hatte ergeben, dass mehr als die Hälfte der Bhutaner Einwanderer aus Nepal waren, sogenannte Lhotshampas. Daraufhin wurde ihnen zu Tausenden die Staatsbürgerschaft aberkannt, rund 100 000 Menschen verließen das Land, verloren ihren Besitz und leben seither in Lagern in Nepal. Die verbliebenen Lhotshampas gelten immer noch als Bürger zweiter Klasse, denen etwa Jobs im Staatsdienst verwehrt bleiben.

Selbst Ausländer, die in Bhutan leben und arbeiten, bestehen darauf, nicht zitiert zu werden, wenn sie sich zu König, Politik oder Gesellschaft äußern. Sie fürchten, zu viel Offenheit könne ihnen beruflich schaden. Oder sie weisen darauf hin, dass es sich nicht schicke, über das Engagement von Angehörigen des Königshauses in Politik und Wirtschaft zu recherchieren. Zeitweise gab es Formulare für Journalisten, die vor ihrem Besuch im Lande zusichern mussten, nicht negativ über Bhutan zu berichten.

Yezer Dorji, den Mönch von Pangri Zampa, berührt all das wenig. Er glaubt an die Monarchie, weil die vier Frauen des vierten Königs angeblich Abkömmlinge des Shabdrung sind. Also stamme auch der fünfte König vom Shabdrung ("Ich bin es, der das Rad der Ordnungen dreht") ab, was ihm zusätzlich Autorität verleihe. Der Mönch ist, wie die meisten Bhutaner, wenig angetan von der Demokratie. An Testwahlen im vorigen Jahr nahmen nur 28 Prozent der Wahlberechtigten teil. Jeder Partei war eine andere Farbe zugeordnet. Es gewann Gelb, die Farbe des Königshauses. Dorji sagt: "Wer weiß, ob Parlamentarier für das Volk auch gute und weise Entscheidungen treffen?"

Er will keine Veränderungen. Er glaubt, sie seien nicht gut für die Religion. Was nicht gut sei für den Buddhismus, gefährde das Glück der Menschen. Konsum, Pressefreiheit, Demokratie? "Wer weiß, ob wir damit umgehen können?", fragt Dorji. Es gibt ein Sprichwort in Bhutan: Du kannst heute den Tiger reiten, aber was ist morgen? Dass Dorji nicht wählt, hat damit nichts zu tun. Er darf es nicht. Wie alle Mönche. Denn Politik strebt nach Macht. Und Macht fällt, buddhistisch gesehen, unter Begierde. -