Elefantengras-Hochzeit

Bei der Erforschung erneuerbarer Energiequellen hinken die USA Europa hinterher. Nicht mehr lange, wenn es nach dem Willen führender Wissenschaftler rund um San Francisco geht. Für mehr als eine Milliarde Dollar wollen sie ein Weltzentrum für Biosprit aufbauen. Was Kritiker stutzig macht: Hauptsponsor ist der Ölkonzern BP.




- Für jemanden, der die Menschheit vor sich selbst retten will, besitzt Steven Chu ein sonniges Gemüt. Der 59-jährige Nobelpreisträger versteht es, trockene wissenschaftliche Fakten mit Witzen, Kindheitserinnerungen und Ironie zu spicken, wenn er Besucher in seinem Büro hoch über dem Campus der University of California in Berkeley empfängt oder mit federndem Schritt auf eine Bühne springt.

Dabei sind die Reden des Physikers und Molekularbiologen alles andere als leichte Kost: steigende Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre, Schneeschmelze im Himalaya und in den kalifornischen Sierras. "Wenn auch nur die vorsichtigsten Computermodelle stimmen, stehen wir in Kalifornien vor einer Katastrophe. Und ich rede nicht von zu wenig Schnee zum Skifahren in Tahoe! "

Sicher, in die Klimakerbe hauen heute viele. Doch Chu sitzt in einem ganz besonderen Chefsessel, um sich Gehör für seine optimistische Schwarzmalerei zu verschaffen. Als Direktor des Lawrence Berkeley National Laboratory herrscht er über knapp 4000 Mitarbeiter und ein Jahresbudget von mehr als 500 Millionen Dollar. LBL, so das Kürzel für das älteste amerikanische Bundeslabor, ist die Geburtsstätte vieler bahnbrechender Entdeckungen auf dem Gebiet der Atomphysik. Jetzt hat Chu eine radikale Neuorientierung der Institution eingeleitet, die er als "neues Manhattan-Projekt" preist, um "die Energiefrage des 21. Jahrhunderts" zu lösen. Der Professor und eine Schar ausgesuchter Akademikerkollegen aus der Bay Area sind dazu eine Partnerschaft mit dem Ölriesen BP eingegangen, die im kommenden Jahrzehnt mindestens eine halbe Milliarde Dollar für Forschung an Biotreibstoffen einsammeln wird. In Berkeley lässt sich besser als anderswo besichtigen, welche Fragen die Suche nach neuen Energiequellen aufwirft. Darf sich die Wissenschaft mit der Wirtschaft so eng verflechten? Wer hat das letzte Wort? Und, ganz pragmatisch: Sind Biotreibstoffe den Riesenaufwand eigentlich wert?

Die Truppe am LBL steht für eine weitere Frage: Können die USA in Sachen Umwelttechnik den Abstand zu Europa wieder aufholen?

Das von BP bezahlte Institut ist nur ein Stein im Biosprit-Puzzle. Geht Steven Chus Rechnung auf, werden in den kommenden zehn Jahren für eine ganze Reihe neuer Forschungszentren rund eine Milliarde US-Dollar in die Region fließen. Und zwar überwiegend Industriegelder, um alle Fragen von der Grundlagenforschung in der synthetischen Biologie bis zu den sozialen Folgen der Gewinnung von Biokraftstoff zu beantworten.

Der neue Energie-Cluster liegt im Silicon Valley. Im Mekka der Informationstechnik sollen Risikokapitalisten und Gründer für eine möglichst schnelle Vermarktung der neuen Ideen und Erkenntnisse sorgen. Bis ein solches Ökosystem entsteht, laufen erst einmal in Berkeley alle Fäden zusammen, und Chu hat aus seinem Chefbüro den perfekten Überblick. Zumindest auf das Grundstück, auf dem das Biosprit-Zentrum hochgezogen wird. "Unser Ziel ist klar - wir wollen fossile Brennstoffe ablösen, ohne noch mehr CO2 freizusetzen", sagt der Physiker. "Dazu brauchen wir als Wichtigstes eine neue Forschungskultur. Mir schwebt Wissenschaft als Team-Anstrengung vor, bei der unterschiedliche Gruppen an zahlreichen Ideen gleichzeitig arbeiten. An vielen werden sie nach ein, zwei Jahren scheitern. Das ist gut so, denn sie werden sich wieder aufrappeln und mit anderen weitermachen."

Die Amerikaner nennen diese Strategie "Failing faster" - schnelleres Scheitern. Für den Physiker, der neun Jahre an der legendären Ideenschmiede Bell Labs verbrachte, soll es das Leitprinzip des neuen Energiezentrums werden. Chu will 20- bis 30-jährigen Nachwuchs-Wissenschaftlern, Doktoranden und Studenten möglichst viele Entscheidungsbefugnisse geben. Sie sollen sich in ihren Arbeitsgruppen selbstständig Ziele setzen und mit fachfremden Kollegen frei beraten, ohne dass einige wenige Koryphäen alles kontrollieren. "Was wir nicht gebrauchen können, sind ein paar Professoren, die über allen anderen stehen und den Daumen auf dem Geld haben."

Eine konzertierte Aktion für die Zukunft nach dem Öl

Der neue Energie-Cluster ist ein flexibler Rahmen, in dem mehrere Hochschulen, Regierungsstellen sowie Unternehmen zusammenarbeiten. Da ist zunächst einmal das Energy Biosciences Institute (EBI), in das der Ölkonzern BP über zehn Jahre hinweg insgesamt mindestens 500 Millionen Dollar investieren wird. An einem Steilhang hoch über der Bucht von San Francisco wird dazu ein neues Gebäude mit knapp 5000 Quadratmeter Fläche gebaut, in dem rund 300 Wissenschaftler Platz finden. Ihre Aufgabe wird es sein, die gesamte Entstehungs- und Wertschöpfungskette von biologischen Treibstoffen zu erforschen. Das beginnt beim Design neuer landwirtschaftlicher Nutzmaschinen und Anbaumethoden und dem Einsatz neuer Pflanzen - wie dem schnell wachsenden Elefantengras Miscanthus. Dazu kommen Methoden der industriellen Fermentierung und Verarbeitung bis hin zur Sequestrierung (der dauerhaften Einlagerung) von CO2. Das volle Programm.

Das EBI liegt direkt neben den bereits bestehenden Zentren für Nanotechnologie, Chemie- und Materialwissenschaften. Es wird sich jedoch von seinen Nachbarn durch eine möglichst transparente Architektur unterscheiden. Die Laborbereiche sollen so weit wie möglich offen sein, selbst Trennwände lassen sich im Handumdrehen verschieben. Das Personal will Chu von der Universität Berkeley und seinem Regierungslabor sowie unter Bewerbern aus aller Welt rekrutieren. Interessenten aus Europa und Japan gebe es bereits. Zudem gehört die Universität Illinois tief im Getreidegürtel der USA als Agrar-Außenstelle zum neuen Institut. In ihrem neuen Institut für Genomik in Urbana-Champaign werden weitere 80 bis 100 EBI-Forscher untergebracht sein.

Parallel dazu hat Chu ein Projekt namens Helios angestoßen, das Fachleute aus den unterschiedlichsten Disziplinen zusammenbringen soll, damit sie die Solartechnik von morgen entwickeln. Helios soll innerhalb der nächsten Jahre auf rund 150 bis 200 Wissenschaftler anwachsen und im selben Neubau Platz finden. Für dieses auf 160 Millionen Dollar bezifferte Projekt hat der Nobelpreisträger bei privaten Spendern bereits 25 Millionen Dollar eingesammelt, weitere 70 Millionen Dollar hat Gouverneur Arnold Schwarzenegger zugesichert.

Der dritte Baustein im künftigen Energie-Cluster heißt JBEI - kurz für Joint Bioenergy Institute. An diesem Vorhaben sind gleich sechs Hochschulen und Regierungslabors beteiligt: die Elite-Unis Berkeley und Stanford, die Universität von Davis nahe Sacramento - eine Hochburg für Wasserstoff- und Transportforschung - sowie die Nationallabors LBL, Sandia und Livermore. Das Startkapital kommt aus dem Energieministerium in Washington - insgesamt 125 Millionen Dollar über fünf Jahre. Plus bald schon, so hofft man, Sponsorenverträge aus der Industrie.

JBEI, auf rund 150 Wissenschaftler angelegt und abseits des Campus in einem Industriegebiet untergebracht, ist eines von drei neuen landesweiten Forschungslabors, mit denen die Regierung Bush die Verwendung des alternativen Treibstoffs Ethanol vorantreiben will. BP - das stand bis 2000 für "British Petroleum", heute aber soll es, hübsch zeitgeistig korrekt, "Beyond Petroleum", bedeuten. Für den Konzern lohnt sich der dicke Scheck an die Forscher in jedem Fall. Während die Firma wegen leckender Pipelines in Alaska und tödlicher Explosionen in Texas Schlagzeilen macht, kann sie sich für relativ wenig Geld als Pionier in Sachen erneuerbarer Energien etablieren. Und klar, dass bis zur großen Energiewende, die das Ziel der ganzen Aktion sein soll, auch weiterhin an BP-Benzin-Zapfsäulen getankt wird. Die Welt hängt am Öl wie ein Junkie am Heroin. Und Biotreibstoffe? Sind irgendwie, genauer betrachtet, eine Art Methadon.

Eine clevere Idee von BP: die akademische Partnerschaft

Steve Koonin, der Chefwissenschaftler des Konzerns, formuliert es naturgemäß etwas umfeldverträglicher: "Wenn man davon ausgeht, dass auch auf absehbare Zukunft die meiste Energie aus Kohlenstoff gewonnen wird, dann liegt es auf der Hand, dass Biologie und Biotreibstoffe sehr, sehr wichtig sind", erklärt der ehemalige Professor am California Institute of Technology. "Es geht nicht nur um die Verarbeitung, die chemischen Prozesse. Wir müssen bereits bei der Landwirtschaft ansetzen." BP hatte bisher keine Kompetenz in der Biologie. "Wir hätten uns eine ganze Mannschaft von Experten aufbauen können, wie bei der chemischen Industrie."

Doch das ist umständlich und teuer. Und es gebe einen viel einfacheren Weg, schrieb Koonin in einem Memorandum an den damaligen Konzernchef Lord Browne im Februar 2006: sich mit einer führenden Universität zusammenzuschließen, die beständigen Nachschub an jungen Talenten und verwertbaren Innovationen hervorbringt, und die noch dazu staatliche Fördermittel für einen Teil ihrer Forschung bekommt. "Der Fall war klar - für dieses Projekt brauchen wir eine akademische Partnerschaft", erinnert sich Koonin. Rund 20 Hochschulen schafften es in die grobe Vorauswahl, fünf davon bis Ende 2006 in die engere Auswahl: das Imperial College in London, die Universität Cambridge sowie drei US-Institutionen. Das MIT in Massachusetts, gepaart mit der Purdue University im Agrarstaat Indiana, die University of California in San Diego im Verbund mit Iowa State sowie Berkeley im Doppelpack mit der Universität Illinois. Die Kombination mit einer Hochschule im Mais- und Sojagürtel des Landes hat handfeste Vorteile. Riesige, mehrere Hundert Hektar große Testflächen gibt es da. Gigantische Treibhäuser, in denen sich neue Pflanzensorten züchten lassen. Dafür wäre an der dicht besiedelten Ost- oder Westküste schlicht kein Platz.

Gedacht wird in Berkeley, ein idealer Platz. Zum einen gehören die beiden Universitäten Berkeley und Stanford zu den besten des Landes und befinden sich zuweilen im erbitterten Wettstreit um frisches Talent und Nobelpreise. Zum anderen umgibt sie ein Ring von mit massiven Bundesmitteln geförderten Labors und ein dichtes Geflecht von Firmen in den Gebieten Bio- und Informationstechnik - von anderen Regionen in aller Welt neidisch bestaunt.

In der Bucht um San Francisco sind mehr als 900 Biotech-Firmen mit rund 90 000 Mitarbeitern angesiedelt sowie gut 13 000 Hightech-Unternehmen mit mehr als 370 000 Mitarbeitern. Jeder vierte Dollar an Risikokapital in den USA fließt in den Landstrich zwischen Berkeley und San José, und jedes zehnte Patent stammt von dort. Parallel zur Euphorie über das Mitmach-Web-2.0 schwenken Ingenieure, Unternehmer und Finanziers in Silicon Valley auf Clean Tech um - eine Investitionsblase, die die "New York Times" in Anlehnung an die Dotcom-Phase zur "Watt-Com"-Ära erklärt hat.

Namhafte Risikokapitalgeber wie Vinod Khosla und John Doerr, die vorher mit Web-Firmen steinreich wurden, wollen die grüne Lücke gern füllen und können damit rechnen, dass ihnen Hochschulen und BP den Boden bereiten, auf dem die Saat ihrer Neugründungen aufgehen soll. Doerrs Risikokapitalgeber Kleiner Perkins etwa hat bereits rund 200 Millionen Dollar in 15 Clean-Tech-Neugründungen investiert, Vinod Khosla eine unbekannte Summe in mehr als zwei Dutzend Start-ups.

BP sieht die Ergebnisse zuerst, darf sie aber nicht zuerst nutzen

Bei dieser Kooperation zwischen Geist und Kapital ist die Universität Berkeley - ihrem Image als linke Hochburg der 68er zum Trotz - hervorragend im Geschäft. Die Hochschule hat allein in den vergangenen zwei Jahren 285 Lizenzabkommen mit Firmen abgeschlossen und knapp 200 Sponsorenverträge für Forschungsaufgaben eingeworben. Im Jahr 2000 etwa erntete Berkeley Schlagzeilen für einen Kooperationsvertrag mit dem Schweizer Pharmariesen Novartis über 25 Millionen Dollar.

Das neue Bioenergie-Institut soll diese Tradition der engen Verzahnung mit der Privatwirtschaft in bislang ungeahnten Dimensionen fortsetzen. So wird BP neben den öffentlich zugänglichen Forschungsbereichen im EBI seine eigenen, sorgfältig abgeschirmten Labors im selben Gebäude unterhalten, um etwaige eigene Entdeckungen sauber trennen zu können. Am Anfang wird die Ölfirma nur einen ihrer Wissenschaftler nach Berkeley entsenden, aber über die Jahre dürfte die Zahl auf bis zu 50 Firmenforscher anwachsen. Das lässt sich BP einiges kosten. "50 Millionen Dollar im Jahr sind das Minimum zum Einstieg. Sie können sicherlich höher gehen", sagt der Institutsleiter und Pflanzenbiologe Chris Somerville.

Was im öffentlichen Bereich des Instituts entwickelt wird, bekommt BP zwar als Erster zu sehen, hat aber keineswegs einen Exklusivanspruch. "Sie haben uns klar zu verstehen gegeben, dass sie keine Biotech-Firma sein wollen und Erfindungen lieber an Start-ups lizenzieren", erklärt Somerville. Er plant regelmäßige Seminare, Workshops und Tage der offenen Tür, um Risikokapitalgeber, Unternehmer und Akademiker an einen Tisch zu bringen. "Da wir so viele Bereiche abdecken, haben wir wie kaum ein anderer Ort auf der Welt den kompletten Überblick, was sich bei neuen Biotreibstoffen tut. Das EBI soll die erste Adresse werden, damit Risikokapitalgeber und kleine Firmen zusammenkommen und Ideen auf ihre Machbarkeit abklopfen können."

Ähnlich kommerziell ausgerichtet wird das zweite Institut namens JBEI sein, das nur ein paar Fahrminuten vom Campus entfernt entsteht. Dessen designierter Direktor, der Biologe Jay Keasling, sitzt bereits in den Startlöchern. Der 43-jährige Pionier für synthetische Biologie erinnert mit seinen Bodybuilder-Muskeln unter dem Polohemd und prall gefülltem Reisekalender von Asien bis Europa an einen energischen Silicon-Valley-Unternehmer.

Keasling ist einer der führenden Köpfe auf dem relativ neuen Feld der synthetischen Biologie, die sich nicht mehr mit Kreuzen und Züchten zufrieden gibt, sondern Mikroorganismen nach Belieben umprogrammiert. Sein Labor erregte Aufsehen, als es Mikroben so manipulierte, dass sie gewöhnlichen Zucker in Artemisinin umwandelten, einen natürlich vorkommenden Wirkstoff gegen Malaria, der sonst knapp und teuer aus Beifuß gewonnen werden muss. Die Technik, Medikamente wie Bier zu brauen, wird gegenwärtig von der Firma Amyris Biotechnologies marktreif gemacht, die Jay Keasling mit begründete und an der die Risikokapital-Pioniere Doerr und Khosla beteiligt sind.

Die Entdeckung maßgeschneiderter Mikroben-Fabriken ist der erste Schritt zu Designer-Organismen, die Treibstoffe von morgen herstellen, glaubt Keasling. Sein Institut wird sich mit genau dieser Teilmenge der ganzen Biosprit-Frage beschäftigen - nämlich der Analyse und Erforschung der Reaktionspfade, die von Genen zu Proteinen und Enzymen führen, um sich in Zukunft den Umweg über Zellulose sparen zu können.

Keasling vergleicht die Arbeit des neuen Regierungsinstituts weniger mit einem herkömmlichen Labor, sondern eher mit einem schlanken Start-up, das von Anfang an auf Firmensponsoren setzt, Drittmittel erwerben und enge Verbindungen zur Industrie pflegen will, um seinen Kapitalstock und seine Möglichkeiten zu vervielfachen. "Kurzfristig wollen wir neue Enzyme identifizieren und entwickeln, um die Herstellung von Biotreibstoffen zu optimieren. Langfristig, also 15 Jahre oder länger vorausgedacht, wollen wir Organismen umprogrammieren, sodass völlig neue Prozesse entstehen. Ethanol ist ein schlechter Treibstoff und ein Lückenbüßer", sagt er fast verächtlich.

Die Forscher sind von ihrer Unabhängigkeit überzeugt

Welche Projekte es in die engere Auswahl der beiden Institute schaffen, wird sich in jedem Jahr aufs Neue entscheiden. Insgesamt 25 unterschiedliche Themengebiete haben Chu, Somerville und Keasling mit Kollegen identifiziert. Sie werden je nach Größe mehrere Projekte mit ein bis drei Mitarbeitern oder Programme mit bis zu zehn Forschern finanzieren. In der ersten Runde will das EBI rund 60 Vorhaben unterstützen - allesamt Forschungsprojekte mit einem Zeithorizont von maximal zehn Jahren.

Fühlen sich die Wissenschaftler als Auftragsforscher an der Leine von BP? Allein die Tatsache, dass Akademiker jetzt regelmäßig und eng mit der Energieindustrie sprechen, ist für Steven Chu ein wichtiger Schritt nach vorn. "Wenn man das Energiegeschäft grundlegend verändern will, geht es um viel mehr als nur um neue Wissenschaft. Wir wollen eine Technik verdrängen, die sich über hundert Jahre fest verwurzelt hat, und das wird nicht ohne Kämpfe ablaufen", glaubt er.

Der Biologe Somerville bescheinigt seinen Geldgebern in London noble Absichten: "Sie meinen es ernst. Ich spüre in der Chefetage von BP keinen Zynismus. Die Entscheidung, woran geforscht wird, treffen Gremien von Fachleuten und nicht BP, deswegen habe ich ein gutes Gefühl bei der ganzen Sache. Gemeinsam können wir mehr erreichen, als wenn wir uns von der Industrie abschotten und irgendwelche Studien verfassen."

Der Synthetiker Keasling sieht den Interessenkonflikt pragmatisch: "Biotreibstoffe haben noch einen langen Weg vor sich. Bevor sie wirtschaftlich sind, haben wir zumindest den Anfang gemacht. Man kann BP vorwerfen, dass sie es aus Gründen der Image-Pflege tun, aber kein anderer Energiekonzern engagiert sich auf diesem Gebiet. Und ich sehe weltweit keine andere Initiative in dieser Bandbreite und Größe." Ungebührliche Einflussnahme fürchtet der Biologe ebenso wenig: "Wir können immer Nein sagen, wenn die Forschung in eine bestimmte Richtung gesteuert werden soll." Da seine Firma Amyris Biotechnologies neben Malaria-Impfstoffen auch Bio-Kerosin erforscht, scheinen sich die Forschungsprioritäten ohnehin zu decken.

Kritiker bemängeln einen viel grundsätzlicheren Denkfehler, da sich der gesamte Energie-Cluster in Berkeley nur auf das Angebot an Kraftstoffen konzentriert. Wenn führende Forscher quer durch alle Disziplinen daran arbeiten, für einen Ölkonzern neue Produkte zu entwickeln, so die Sorge, helfen sie nur, das eigentliche Problem zu vergrößern - den ständig steigenden Durst nach Treibstoff für Amerikas verschwenderischen Lebenswandel zu stillen. Wenn es sein muss, auf Kosten der Dritten Welt, in der viele der Pflanzen angebaut werden könnten, die sich zu Zellulose-Ethanol oder anderen Treibstoffarten verarbeiten lassen.

BP geht es darum, die auf Jahrzehnte hinaus steigende Nachfrage nach Treibstoff zu befriedigen, gerade auch, weil die Funde neuer fossiler Vorkommen knapper und teurer werden. Im Konzept für EBI ist interessanterweise nirgends die Rede vom Energiesparen oder von mehr Effizienz. "Dafür haben wir andere Forschungsprojekte, wir können nicht überall alles leisten", verteidigt BP-Forschungschef Koonin die Lücke. Er verweist auf ein gemeinsames Zentrum für "städtische Energiesysteme" am Imperial College in London, das seine Firma gestartet hat. Investitionssumme: nicht einmal acht Millionen Dollar über fünf Jahre.

Energiezukunft ist viel mehr als Öko-Sprit

Das ist, bildlich gesprochen, nicht mal ein Öltropfen im Motor des Energiekonzerns BP. Das Unternehmen setzte im abgelaufenen Geschäftsjahr knapp 289 Milliarden Dollar um und erzielte einen Nettogewinn von 17 Milliarden. In die Exploration und Erschließung neuer Erdöl- und Erdgasvorkommen allein für den US-Markt investierte das Unternehmen im gleichen Zeitraum mehr als fünf Milliarden Dollar. Weltweit, schätzen Analysten der internationalen Energiebehörde IEA, müssen die großen Energiekonzerne im kommenden Vierteljahrhundert Jahr für Jahr rund 250 Milliarden Dollar ausgeben, um Versorgungsengpässe zu vermeiden.

Das EBI hat sich zumindest einen kritischen Experten ins Führungsgremium geholt. Dan Kammen ist Leiter des Labors für erneuerbare und angemessene Energieträger (RAEL) in Berkeley. Der Physiker gibt zu, dass die Suche nach neuen Treibstoffen allein nicht ausreicht - wie der Name seines Labors bereits andeutet. "Mit der Industrie zusammenzuarbeiten ist eine gute Sache - keine Frage. Aber wenn wir mit EBI erfolgreich sind, werden unsere Ideen über kurz oder lang in die Tanks der Fahrzeuge von morgen gepumpt", sagt Kammen. "Woher die Biomasse dafür kommt, ist noch offen. Aber es wäre eine Katastrophe, wenn Länder in Afrika dazu beitragen, dass Amerikaner weiter dicke Geländewagen fahren."

Kammen ist einer der wenigen Forscher, der sich mit den lautstarken Gegnern der BP-Allianz regelmäßig trifft. "In vielen Punkten haben sie recht", gesteht der Wissenschaftler. Er sieht die neuen Programme als Teil einer amerikanischen Aufholjagd. Wie üblich muss ein solches Vorhaben in den USA größer sein, schneller gehen und üppiger finanziert werden. "Ohne mehr Einsatz der privaten Industrie geht gar nichts. Wir haben bisher klägliche Summen investiert, und nur die Initiativen in einzelnen Bundesstaaten federn ab, was Washington versäumt."

Er will deswegen neben der reinen Kraftstoff-Forschung andere Programme in Berkeley beginnen, die sich mit besseren elektrischen Leitungen, Batterietechnik, Klimawandel, CO2-Speicherung und Emissionshandel befassen. Für den Deal mit dem Treibhausgas interessieren sich große Rückversicherer wie die Swiss Re und die Münchener Rück.

Was die Speicher- und Übertragungstechniken angeht, so hofft der Forscher, Stromversorgungsfirmen als Partner zu gewinnen. Am Ende schwebt ihm ein Energie-Cluster rund um San Francisco vor, das nicht nur die Räder rollen lässt wie bisher, sondern eine wirklich nachhaltige Energiewirtschaft anstrebt. Beyond Petroleum, sozusagen. -

Die unangenehmen Wahrheiten hinter dem Biosprit-Boom Die Biotreibstoff-Forschung setzt in den USA nach langen Jahren des Dämmerschlafs um das Jahr 2005 mit Macht ein. Die Parole: weg vom Erdöl, hin zum Ethanol aus Getreide. Das hilft auch den großen Agrarkonzernen, deren Unternehmen massiv subventioniert werden. Noch werden 95 Prozent des gesamten amerikanischen Ethanols aus Mais gewonnen, was heute und auf absehbare Zeit ohne massive Förderung nicht funktioniert. Die Energiebilanz des Alkohols ist äußerst schlecht, da nur die in den Körnern enthaltene Stärke bzw. der Zucker verwendet wird, aber nicht der Rest der Pflanze. Sprit aus Mais steht zudem in Konkurrenz zur Herstellung von Nahrungsmitteln, was erhebliche Preisverzerrungen verursacht. Ethanol aus Zuckerrohr oder Biodiesel aus Sojabohnen-Öl, wie es Brasilien seit ein paar Jahrzehnten erfolgreich vormacht, sind demgegenüber bedeutend effizienter und wären umweltverträglicher, wenn dafür nicht tropischer Regenwald gerodet werden würde. Pläne für ein US-weites Programm für Zellulose-Ethanol wurden seit dem Sommer 2005 entwickelt. EBI-Chef Chris Somerville war einer der wichtigsten Berater des Energieministeriums. Aus dem Brainstorming von Forschern und Regierungsbeamten entstand ein im Juni 2006 veröffentlichtes Strategiepapier, das den Pfad weg vom Öl hin zu Zellulose-Ethanol beschrieb. Insgesamt beziffern Experten die Zahl der mit erneuerbaren Energien befassten Arbeitsplätze in den USA auf gerade mal 194 000. Der massiv subventionierte Getreide-Ethanol-Boom ist für 147 000 dieser Jobs verantwortlich. Der Weg zu grünen Treibstoffen lässt sich nur mit aufwendiger Bio-Bastelei bewältigen. Wer es schafft, die zähe Zellulose, die Gräsern, Unkraut oder Bäumen Halt gibt, chemisch zu erschließen und mithilfe von genetisch manipulierten Mikroben in Sprit umzuwandeln, steht vor einem Milliardengeschäft. Kein Wunder, dass Risikokapital in Neugründungen wie LS9 und Amyris Biotechnologies fließt, die genau solche Brauereien für Designer-Sprit entwickeln.