Dollys Erben

Schafe, Kühe, Schweine - ja, sogar Menschen: Klonen wird zur Routine. Und zu einem vielversprechenden Geschäft. Zu Besuch bei Wissenschaftlern und Unternehmern, die aufs Kopieren setzen.




- Jeder kennt die Geschichte von Dolly, dem Schaf, das die Forscher Ian Wilmut und Keith Campbell 1996 in den Labors des Roslin Institute in Edinburgh klonten. Beinahe wäre das erste geklonte Säugetier ein Bulle gewesen. Denn auch im Labor von James Robl an der University of Massachusetts experimentierte man seit Langem an genetisch identischen Kopien von Nutztieren, insbesondere Rindern. Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der Firma PPL Therapeutics, die die schottischen Forscher unterstützte, und Advanced Cell Technology, an der Robl damals noch beteiligt war. So gelang der Durchbruch beim Klonen auch wegen handfester Geschäftsinteressen.

Denn die neue Technik läutet ein neues Zeitalter der Viehzucht ein. Nicht nur, weil sich durch Kopien eines wertvollen Zuchtbullen auch der Profit mit dessen Samen vervielfältigen lässt. Die gezielte Veränderung von Nutztieren eröffnet Landwirten noch lukrativere Einnahmequellen. "Früher brauchten wir hundert Versuche, um bei ein bis drei Tieren ein Gen ins Erbgut zu schleusen", sagt Heiner Niemann, Klon-Experte von der Bundesforschungsanstalt für Tiergesundheit Mariensee. Heute klont man die Schweine, Kühe oder Schafe aus speziellen Zellen, die vorher im Labor gentechnisch verändert wurden - "praktisch jedes" geborene Tier trägt dann das gewünschte Gen. Zum Beispiel Gene, die die Kuh zum Medikamentenproduzenten oder das Schwein zum Organlieferanten für den Menschen machen - mit Aussicht auf Milliardengewinne, wie sie eben in der Pharmaindustrie üblich sind. Ob USA, Neuseeland, Deutsch land oder Singapur: Weltweit arbeiten Forscher daran, Klone zu Geld zu machen.

Hematech, Sioux Falls, South Dakota, USA

Während Grundlagenforscher das Klonen von Säugetieren nach ein paar umstrittenen Experimenten in den Achtzigern als "unmöglich" ad acta gelegt hatten, wollten sich Fachleute in der Tiergenetik wie Robl, Wilmut und Campbell nicht geschlagen geben. Nach 16 Jahren Tüfteln hatten sie es geschafft und schufen mit Dolly, Molly und Polly sowie George und Charlie die ersten geklonten Schafe und Rinder.

Ian Wilmut hat das Klonen aufgegeben. Sein ehemaliger Partner James Robl ist inzwischen erfolgreicher Unternehmer. Seine Firma Hematech steht kurz vor dem Durchbruch: Er forscht an einer Kuh, die nicht nur geklont, sondern auch genetisch so verändert ist, dass sie menschliche Antikörper produziert, mit denen diverse Erkrankungen bekämpft werden können.

Eine Kuh als Antikörper-Fabrik

Das erste Exemplar glotzt neugierig durch das Plexiglasfenster seiner hermetisch abgeriegelten Zehn-Quadratmeter-Box. Das Jungrind Nummer 468 ist das Ergebnis fast zehnjährigen Klonens und gentechnischer Fleißarbeit. 468 ist die wichtigste von Dutzenden von Klon-Kühen auf der Hematech-Farm, irgendwo zwischen dem verschlafenen Sioux Falls und dem noch verschlafeneren Sioux Center an der Grenze zwischen South Dakota und Iowa.

Das Unternehmen hat sich bewusst nicht in einer der Hochburgen der Biotechnik in San Francisco oder Boston, sondern zwischen endlosen Maisfeldern und Rinderweiden angesiedelt. Der Firmengründer Robl, selbst auf einer Farm aufgewachsen, sieht hier alle Voraussetzungen gegeben, um "das größte Klon-Projekt weltweit" möglich zu machen. Stolz zwirbelt er den Schnauzbart und berichtet von seinen Erfolgen. Pro Woche produziere man rund hundert Klon-Embryos. Insgesamt seien bereits 15 000 Klon-Embryos entstanden. Tausende von Leihmutterkühen trügen sie aus.

Die landwirtschaftliche Logistik liefert Hematechs Joint-Venture-Partner Trans Ova Genetics, dessen Weiden und Stallungen gleich nebenan zur Verfügung stehen. US-Marktführer Trans Ova bietet Züchtern sämtliche Biotechniken für Nutztiere als Service an - von künstlicher Befruchtung bis hin zum Klonen.

Dem munteren Kalb 468 ist es nicht anzusehen, dass es das erste einer Art ist, in deren Rinderblut menschliche Antikörper schwimmen. Die Erzeugung dieses Wesens mag einfach erscheinen - Rinder-Antikörper-Gene entfernen, menschliche Antikörper-Gene hinein - ist aber "im Detail sehr schwierig", sagt der deutsche Experte Heiner Niemann nicht ohne Bewunderung.

Mitte der Neunziger, noch vor Dolly, hatte Robl in einer bierseligen Diskussion mit Immunologen der University of Massachusetts über Kühe als Antikörper-Fabrikanten philosophiert. Doch damals gab es die nötigen Techniken für das Kunststück noch nicht. Sogar Advanced Cell Technology erschien die Idee zu utopisch, sodass Robl seine eigene Firma, Hematech, gründete.

Das war mutig. Zwar hatte Robl kurz nach der Geburt Dollys gezeigt, dass sich auch Rinder klonen und mit den gewünschten Genen ausstatten lassen; George und Charlie weiden immer noch bei bester Gesundheit auf einer malerisch gelegenen saftigen Weide irgendwo in Iowa. Doch Robl hatte keine Ahnung, wie er die Gene des gesamten menschlichen Immunsystems in die Kuh übertragen sollte.

Dabei halfen ihm einige Forscher aus Japan, die für Kirin Pharmaceuticals ebenfalls an dem Problem arbeiteten. Die Japaner hatten ein menschliches Kunst-Chromosom entwickelt, das beliebig große DNS-Abschnitte transportieren konnte. Kirin hatte die gleiche Idee wie Robl: Die menschlichen Antikörper-Gene in ein Nutztier zu übertragen, um es zur Antikörper-Fabrik umzufunktionieren. Doch von Kühen und von Klon-Techniken hatten die Japaner keine Ahnung. Deshalb arbeiteten beide Firmen zusammen, 2005 übernahm Kirin Hematech.

Seitdem sammeln sich auf Hematechs Farm die Klone. Dutzende grasen hinter strahlend weiß getünchten Gattern. Hier Black Angus, dort Holsteiner, alles Klone in verschiedenen Stadien der Manipulationsprozedur. In einem separaten Gehege steht Nr. 454, ein Jungbulle. Seine Beine zucken, das Fell ist struppig, er hustet keuchend. Ihm wurden erfolgreich jene Gene entfernt, mit denen das Rind normalerweise Antikörper produziert. Allerdings hat er die menschlichen Antikörper-Gene noch nicht und ist vor Krankheitskeimen nur deshalb einigermaßen geschützt, weil er mit Antikörper-gesättigter Erstmilch gefüttert wird. Überhaupt sind die Tiere anfällig: In einer Scheune in speziellen "Nursery"-Kammern liegen unter wärmenden Rotlichtlampen die neugeborenen Klon-Kälber.

Das Klon-Kalb 468 muss nun zeigen, ob es die hohen Erwartungen erfüllen kann, denn ohne Unwägbarkeiten ist Robls Genmanipulation am Rind nicht. "Offenbar gibt es noch Probleme mit der Konzentration der menschlichen Antikörper im Rinderblut", sagt Heiner Niemann. Bei zu niedriger Konzentration ist die Antikörper-Gewinnung nicht wirtschaftlich. Klonen ist immer noch recht teuer, je nach Tierart und Alter zwischen 10 000 und 100 000 Euro - pro Klon.

"Wir sind etwa ein Jahr von einem Produktionssystem entfernt, das für kommerzielle Produkte genutzt werden kann", sagt Robl gelassen. Er sei "enthusiastisch", dass sich der Aufwand am Ende lohnen werde.

Mut darf ihm machen, dass "Pharming" die Produktion von Medikamenten in Säugetieren - von den Zulassungsbehörden in den USA und in Europa inzwischen akzeptiert wird. Das Blutverdünnungsmedikament Atryn, das aus der Milch gentechnisch veränderter Ziegen gewonnen wird, ist bereits auf dem Markt. 100 Kilogramm des Wirkstoffs konventionell zu produzieren kostet 300 bis 500 Millionen Dollar, 150 dieser Ziegen schaffen das zu einem Zehntel der Kosten.

Für Hematechs menschliche Antikörper aus der Kuh gilt prinzipiell das Gleiche. Und die Einsatzmöglichkeiten scheinen unbegrenzt zu sein: Beispielsweise können immunschwache Patienten unterstützt, Soldaten wochenlang vor Infektionen mit gefährlichen Keimen wie Anthrax geschützt oder Patienten gerettet werden, die sich mit resistenten Bakterien infiziert haben. Bisher kosten solche Behandlungen etwa 50 000 Dollar, weil die menschlichen Antikörper mühsam aus dem Plasma von Blutspendern gewonnen werden müssen, wobei kaum mehr als ein halber Liter pro Spende anfällt. Klon-Kühe könnten mindestens zweimal im Monat rund zehn Liter Blutplasma spenden. Mit Herden von Kühen wie 468 auf den endlosen Weiden Iowas könnte Hematech bald große Mengen der Antikörper produzieren zum Wohl der Patienten und zum eigenen.

Trans Ova Genetics, Sioux Center, Iowa, USA

Während der Profit bei Hematech noch auf sich warten lässt, läuft das Geschäft bei Trans Ova Genetics bereits. "2007 haben wir rund 300 Klone produziert", sagt die zuständige Produktmanagerin Diane Broek. Für 2008 rechnet sie mit 800 Klonen. Inzwischen haben die amerikanischen und europäischen Zulassungsbehörden Fleisch, Milch oder Käse von Klon-Tieren und deren Nachkommen für unbedenklich erklärt. Was aber nicht bedeute, dass die Leute bald Steaks von Klonen essen werden, sagt Broek. Das Klonen eigne sich nur für eine verbesserte Zucht. Für die gibt es verschiedene Gründe, einen Klon zu bestellen. "Notfall-Klonen" nennt Broek die Fälle, in denen ein wertvoller Zuchtbulle gestorben oder eine Kuh wegen einer Erkrankung oder eines Unfalls unfruchtbar geworden ist.

Die Not, aus der das Klonen hilft, kann groß sein, denn für Champions unter den Rindern werden um eine Million Dollar gezahlt. Die meisten Züchter wollen mit mehreren Kopien eines Top-Tieres die Häufigkeit von dessen Genen in der Zuchtpopulation erhöhen. So können sie für längere Zeit mehr Samen vom Bullen oder mehr Embryos von der Kuh gewinnen. Studien der französischen Gesundheits- und Lebensmittelbehörde AFSSA zufolge kann der Samen eines geklonten wertvollen Zuchtbullen schon jetzt einen jährlichen Profit von rund einer Million Dollar einbringen.

Schaffe ein, zwei, drei Super-Bullen

Doch viele Züchter zögerten noch, sagt Broek. So sei die Reaktion von Kunden und Behörden in Exportländern wie Japan schwer einzuschätzen. Es könnte sein, dass dort kein Fleisch von Rindern akzeptiert wird, die auch nur entfernt von Klon-Tieren abstammen.

Dass viele Züchter in Wartestellung sind, schließt Diane Broek aus der wachsenden Zahl von Aufträgen, Zellen wichtiger Zuchttiere einzufrieren. "Wenn die Tiere jung und gesund sind, wird eine Gewebeprobe, meist vom Ohr, entnommen", erklärt sie. Im Labor wird mit diesem Gewebe eine Zellkultur angelegt und eingefroren. Entpuppt sich das Tier als Top-Bulle, kann der Züchter aus den eingefrorenen Zellen jederzeit einen Klon bestellen, selbst wenn das Original längst unfruchtbar oder tot sein sollte.

Dass die meisten Züchter diese Möglichkeit noch nicht nutzen, liege vor allem an den "noch zu hohen Kosten des Klonens", sagt Broek.

An diesem Problem kann der Dienstleister Trans Ova nichts ändern. Doch in anderen Labors wird fieberhaft daran gearbeitet, das Klonen effizienter und damit auch bezahlbar zu machen. Nicht zufällig war der Forschungsleiter von Trans Ova kürzlich in Neuseeland.

AgResearch, Ruakura, Hamilton, Neuseeland

Hier, auf der ersten Klon-Farm der Südhalbkugel, wird am kommerziellen Durchbruch des Klonens geforscht. Aber es ist ein junger deutscher Forscher, der dem wichtigsten Ziel der Klon-Industrie nah ist: Im Jahr 2000 hat Björn Oback seine Koffer gepackt und sich den Klon-Forschern von AgResearch angeschlossen, dem Forschungs- und Entwicklungsinstitut für die Landwirtschaft Neuseelands. Der Zellbiologe, Jahrgang 1971, lernte das Klonen vom Leiter der Farm, David Wells, der schon zum Dolly-Team gehörte. Mehr als 160 Klon-Kühe sind in Ruakura über die Jahre entstanden. Man sei hier zwar ein wenig isoliert - "schließlich ist man am anderen Ende der Welt". Aber inzwischen hat der Forscher Familie in Neuseeland, und auch seine Suche nach einer besseren Klon-Technik zeigt erste Erfolge.

Das Problem beim Klonen ist nicht, dass von hundert Klon-Versuchen nur etwa ein Drittel in der Petrischale zu Klon-Embryos heranwächst. Kopfzerbrechen bereitet den Forschern, dass nur wenige dieser Embryos in der Gebärmutter weiterwachsen. Bei Rindern schaffen es immerhin 15 bis 20 Prozent der Klone bis zur Geburt, bei allen anderen der mittlerweile elf geklonten Säugetierarten schaffen es bestenfalls drei Prozent.

Der Rest bleibt wegen verschiedener Entwicklungsstörungen auf der Strecke. Deshalb müssen viel mehr Leihmutterkühe Klon-Embryos austragen, als letztlich geboren werden. "Das verursacht die meisten Kosten", sagt Oback. "Wir sind beim Klonen weit von einem kommerziellen Break-even entfernt."

Klonen zur bezahlbaren Routine machen

Das will er mit verschiedenen Ansätzen und erheblicher staatlicher Unterstützung ändern. 21,5 Millionen Euro steckt das neuseeländische Forschungsministerium bis 2010 in das Projekt - mehr als die Hälfte des gesamten Biotech-Forschungsetats. Immerhin hat Oback die Erfolgsquote inzwischen verdoppelt. Er verwendet zum Klonen statt unbefruchteter Eizellen bereits per Spermium befruchtete. Die haben den Vorteil, dass sie sich ohne künstliche Manipulation von ganz allein entwickeln. Warum sich auf diese Weise doppelt so viele Klon-Kälber herstellen lassen, untersucht Oback noch. Ziel ist aber, die Klon-Effizienz zu verdreifachen: "Dann wird es kommerziell interessant."

Denn Forschung um der Forschung willen kann sich das Land mit vier Millionen Einwohnern und mehr als zehnmal so vielen Schafen nicht leisten. Andererseits muss Neuseeland den Anschluss an moderne Biotechniken halten, denn viel hängt von der Landwirtschaft ab, die Wolle, Fleisch, Äpfel und Kiwis in alle Welt exportiert.

So will Andrew West, Chef bei AgResearch, per Klonen den Anteil vorteilhafter Gene in den neuseeländischen Schafherden vermehren. In der Schafzucht gibt es keine künstliche Befruchtung, da müssen einzelne Elite-Zuchtböcke noch höchstselbst zu Werke gehen. Über Kopien dieser Böcke ließen sich deren Gene schneller in der Schafpopulation verteilen. Außerdem finden sich in Neuseelands Schafpopulation immer wieder einzelne Tiere, die resistent gegen bestimmte Wurmparasiten sind. "Klonieren ist bisher die einzige schnelle Möglichkeit, diese Ausnahmetiere zu vervielfältigen", sagt Oback. Dann stehen die Chancen gut, die Resistenz-Gene zu identifizieren und in der Zucht fortan zu berücksichtigen.

Ob sich der Aufwand für Neuseeland rechnen wird, ist offen. Ganz andere Gewinn-Margen sind zu erwarten, wenn geklonte, gentechnisch veränderte Tiere Organe als Ersatz für kranke menschliche Gewebe liefern. Daran arbeitet Eckhard Wolf, der Schöpfer des ersten deutschen Klon-Kalbs Uschi, in seinem Münchener Moorversuchsgut.

Moorversuchsgut Oberschleißheim bei München

"Hier wird unsere Schweine-Anlage entstehen", sagt Eckhard Wolf stolz und zeigt auf eine abrissreife Scheune. Der Forscher will auf dem Versuchsgut der Ludwig-Maximilians-Universität in Oberschleißheim, einem malerischen ehemaligen Gutshof nördlich von München, für etwa drei Millionen Euro einen hochmodernen Stall bauen. Einziehen werden Designer-Schweine, geklonte, gentechnisch veränderte Tiere, deren Organe in Menschen verpflanzt werden sollen - Xenotransplantation genannt.

Schweine als Organspender

Seit Jahren versuchen Forscher, Schweine gentechnisch so zu verändern, dass ihre Organe vom Immunsystem des Menschen besser akzeptiert werden. Theoretisch ist es zwar eine gute Idee, den ständigen Mangel an Spenderorganen durch die dem Menschen anatomisch recht ähnlichen Organe des Schweins zu beheben. Theoretisch ist es sogar ein vielversprechendes Geschäft, das auf 20 bis 100 Milliarden Dollar geschätzt wird. Doch praktisch reagiert die menschliche Körperabwehr mit sofortiger Zerstörung nichtmenschlicher Organe, der hyperakuten Abstoßung. Denn auf der Oberfläche der Schweinezellen sitzen Moleküle, die sie als fremd markieren. Die Idee ist, diese Marker-Moleküle gentechnisch zu entfernen.

Einen Durchbruch bei diesen Bemühungen gab es, als Xenotransplantationsforscher den Schweinen das Gen für ein wichtiges Enzym aus dem Erbgut entfernten, die Beta-Galaktosyltransferase. Normalerweise baut dieses Enzym die Marker-Moleküle auf den Zellmembranen auf, nicht aber in den sogenannten Beta-Gal-Knockout-Schweinen. Die Herzen von diesen Schweinen arbeiteten länger als drei Monate in Versuchsaffen.

Zum Vergleich: Die erste Herztransplantation im Jahr 1967 wagte der Chirurg Christiaan Barnard auf Basis von Tierversuchen, in denen die Organe nur 42 Tage im Körper der Tiere überlebt hatten.

Seitdem werden nicht nur in Oberschleißheim Schweineställe gebaut. Der deutschstämmige Bernhard Hering von der University of Minnesota baut derzeit für die Non-Profit-Organisation Spring Point Project für rund 20 Millionen Dollar einen Schweinestall, der die hohen hygienischen Anforderungen für die tierischen Organspender erfüllt - und wird dabei übrigens von Trans Ova Genetics beraten. Etwa 2010 sollen dann Insulin produzierende Zellen aus den Bauchspeicheldrüsen der Schweine in den Menschen verpflanzt werden. Ein weiterer Hightech-Schweinestall entsteht für etwa 17 Millionen Dollar an der gemeinnützigen Mayo Clinic in den USA. Dort sollen Schweineherzen verpflanzt werden.

In Deutschland arbeitet neben Eckhard Wolf auch Heiner Niemann von der Bundesforschungsanstalt für Tiergesundheit in Mariensee bei Hannover am Designer-Schwein für die Xenotransplantation. Denn: ohne Klonen keine Xenotransplantation. Die komplizierten Manipulationen am Schweine-Erbgut lassen sich - wie bei Hematechs Antikörper-Kuh - nur in einer Zellkultur realisieren. Aus einer veränderten Zelle wird durch Klonen wieder ein Schwein. Nur so sind "signifikante Verbesserungen in der Herstellung transgener Nutztiere für die Xenotransplantation" möglich, sagt Niemann.

Die Forscher verfolgen zwei Strategien. Zum einen wollen sie Gene löschen, die den "schweinischen" Ursprung der Organe verraten. Zum anderen menschliche Gene einfügen, die die Zellen der Schweine-Organe menschlicher erscheinen lassen. Solche "mehrfach transgenen Schweine" werden die Überlebensdauer von Schweine-Organen im Menschen deutlich erhöhen, sagt Niemann - "ein großer Schritt hin zur klinischen Anwendung der Xenotransplantation".

Es sei machbar, zum Beispiel alle fünfeinhalb Millionen Typ-1-Diabetiker mit den Insulin produzierenden Zellen von Schweinen zu behandeln, sagt Eckhard Wolf. Schließlich werden in Deutschland jährlich um die 40 Millionen Schweine geschlachtet. Xenotransplantation sei eine reale Möglichkeit, prophezeit er. Und damit sei man "um Dimensionen" näher an einer klinischen Anwendung als das sogenannte Therapeutische Klonen - jener Idee, die die Öffentlichkeit seit der Geburt Dollys elektrisiert, denn so wollten Forscher wie Rudolf Jaenisch das Klonen dem Menschen dienlich machen.

Whitehead Institute, Boston, Massachusetts, USA

Einst war Jaenisch ein großer Verfechter des Therapeutischen Klonens. "Das ist machbar", sagte der Klon- und Stammzellforscher am Whitehead Institute in Boston noch bis vor Kurzem. Und der resolute Deutsche stritt öffentlich für dieses Konzept. Eckhard Wolf hingegen hielt es von jeher für "völlig unrealistisch, dass Therapeutisches Klonen jemals in die Klinik kommt". Jetzt zeigt sich: Die Therapie der Zukunft besteht darin, Zellen zu reprogrammieren.

Das Therapeutische Klonen sollte so funktionieren: Erst wird aus einer Hautzelle eines Patienten ein Klon-Embryo hergestellt. Dann wird aus bestimmten Zellen des Klon-Embryos eine embryonale Stammzellkultur angelegt, die unbegrenzt vermehrt werden kann und aus der sich alle relevanten Gewebetypen des Körpers herstellen lassen. Im dritten Schritt wird aus der Stammzellkultur so viel von dem Gewebe produziert, wie dem Patienten fehlt, und ohne Gefahr der Abstoßung transplantiert, weil es das Erbgut seiner Hautzelle trägt.

Jaenisch selbst hat gezeigt, dass das im Labor bei Mäusen funktioniert. Allerdings gibt es im Labor keinen Mangel an Eizellen, die für den Klon-Vorgang benötigt werden. Menschliche Eizellen sind jedoch kostbar, bis zu 3000 Pfund zahlen unfruchtbare britische Frauen für gespendete Eizellen, um mit ihrem Partner zu einem Kind zu kommen. Der Preis stiege dramatisch, würden Millionen von Eizellen fürs Therapeutische Klonen gebraucht.

Außerdem müssen sich die Spenderinnen einer nicht ungefährlichen Hormonbehandlung unterziehen - ganz zu schweigen von Schmerzen und Risiken beim Absaugen der Eizellen. Therapeutisches Klonen für die Millionen von Parkinson-, Alzheimer- oder Diabetes-Kranken bedeutete auch, dass für jeden dieser Patienten eigens eine Stammzelllinie geklont werden müsste. Allein bei diesem ersten Schritt entstünden gewaltige Kosten. Wie teuer es sein würde, aus einer embryonalen Stammzelllinie für jeden Patienten individuell, in Handarbeit und ausreichenden Mengen das Gewebe zu züchten, das ihm schließlich transplantiert werden soll, weiß noch niemand.

Um solche wirtschaftlichen Details hatten sich Jaenisch und sein Mitstreiter Ian Wilmut aus dem Dolly-Projekt kaum Gedanken gemacht. Solange Therapeutisches Klonen der einzig gangbare Weg zu sein schien, um Schwerkranken zu helfen, waren ökonomische oder ethische Bedenken für sie nicht relevant. Doch mittlerweile hält Jaenisch das Therapeutische Klonen ohnehin für "obsolet" und kann den jüngsten Medienrummel um die ersten geklonten menschlichen Embryos durch die Forscher der kalifornischen Firma Stemagen nicht verstehen. Denn inzwischen gibt es eine Technik, die das Klonen ersetzt.

Und die den Vorteil hat, ohne Eizellspende und das ethisch umstrittene Zerstören von Embryos zu funktionieren. Der Japaner Shinya Yamanaka von der Kyoto University hatte die Idee - und in Jaenischs Labor wurde bewiesen, dass es möglich ist -, eine Hautzelle nur durch Einfügen von vier speziellen Genen in eine embryonale Stammzelle zu verwandeln.

Die vier Gene drehen dabei gewissermaßen die innere Uhr der Hautzelle zurück. Das Erbgut wird darauf getrimmt, sich wie eine embryonale Zelle zu verhalten, die noch das ganze Leben vor sich hat und sich zu verschiedenen Gewebetypen entwickeln kann. Reprogrammieren nennen Forscher dieses Verfahren. Alle Experten hielten dies allerdings für einen sehr komplizierten Vorgang, den Hunderte von Genen steuern sollten. Doch überraschenderweise reichten vier. Seitdem ist die Idee, zwei Tropfen Reprogrammier-Cocktail auf ein paar Hautzellen eines Patienten zu träufeln und sie so in Stammzellen zu verwandeln, realistisch geworden. Und Therapeutisches Klonen überflüssig.

Doch ob Therapeutisches Klonen oder Reprogrammieren - am Ende hat man nur embryonale Stammzellen, die erst noch in ein transplantierbares Gewebe umgewandelt werden müssen - ob Insulin produzierende Zellen für Diabetiker oder Hirnzellen für Alzheimer- und Parkinson-Kranke. Das klingt in der Theorie einfacher, als es in der Praxis ist. Das hat Alan Colman von der Stammzellfirma ES Cell International in Singapur lernen müssen.

ES Cell International, Biopolis, Singapur

Eigentlich wollte Alan Colman dieses Jahr mit seiner Stammzellfirma ES Cell International die ersten Patienten testweise mit embryonalen Stammzellen behandeln. Doch dann stoppten die Investoren das Projekt. Die Wahrscheinlichkeit, embryonale Stammzellen in absehbarer Zeit für therapeutische Zwecke einsetzen zu können, erschien ihnen zu gering, berichtet Colman. Er ist ebenfalls ein Veteran aus dem Team der Dolly-Kloner. 2001 machte sich der Schotte nach Singapur auf, um mit sechs Millionen US-Dollar Zuschuss des aufstrebenden Stadtstaats ES Cell International zu gründen.

Enttäuschen: embryonale Stammzellen

Kluge Köpfe aus aller Welt und viel Geld aus der Staatskasse - das ist die Mischung der Biopolis, mit der Singapur auf eine lukrative Biotech-Zukunft wettet. Colman leitet das Stammzell-Konsortium, das umgerechnet 70 Millionen Euro für einen Zeitraum von dreieinhalb Jahren zur Verfügung hat. Entsprechend unruhig rutschen die Biopolis-Manager auf ihren Stühlen hin und her, als Colman über die Gründe spricht, warum embryonale Stammzellen noch nicht therapiereif sind.

"Es ist eine enorme technische Herausforderung, aus embryonalen Zellen spezialisierte Körperzellen zu machen", sagt er ohne Umschweife. Man müsse den Zellen bestimmte Instruktionen geben, doch bisher wisse man kaum, welches die richtigen Signale seien. Viele Stolpersteine der Technik seien noch zu lösen, bis man an Produkte denken könne, "und deshalb verzögert sich das alles". ES Cell International werde sich deshalb künftig auf ein "marktnäheres Forschungsfeld" konzentrieren: embryonale Stammzelllinien als Wirkstofftester.

Ans Klonen denkt Colman schon lange nicht mehr, und Therapeutisches Klonen hielt er nie für praktikabel. Aber was ist mit dem reproduktiven Klonen von Menschen? Nicht Embryos für die Gewinnung von Stammzellen, sondern Kopien lebender Menschen? So wie alle Klon-Experten hält auch Colman das technisch für möglich, wenn auch nur um den Preis vieler missgebildeter Embryos, wie die Erfahrung beim Klonen aller anderen Säugetiere zeigt. Ob Colman, Jaenisch, Oback, Wolf, Nieman oder Wilmut - alle sind sich einig, dass solche Versuche ethisch inakzeptabel wären. Trotzdem haben zwei Forscher das heimlich versucht, in Lexington, Kentucky, USA, wie einer der beiden erst kürzlich zugab.

Andrology Institute of America, Lexington, Kentucky, USA

Frühmorgens am 14. März 2003 machte sich in Lexington, Kentucky, ein Mann auf den Weg, um erstmals Menschen zu klonen. Es ist der Deutsche Karl Illmensee, in den siebziger Jahren ein renommierter Forscher, dem man wegen seiner Fähigkeit, winzige Zellen zu manipulieren, "goldene Hände" nachsagte. Doch seit Mitte der Achtziger wird Illmensee von der Forschergilde gemieden, denn seine Methode, mit der er 16 Jahre vor Dolly drei Mäuse geklont haben will, lässt sich nicht wiederholen.

Trotzdem waren Illmensees Versuche Vorbild und Inspiration für Klon-Pioniere wie Wilmut, Campbell oder Robl. Nach Jahrzehnten der Klon-Abstinenz fand der heute 68-Jährige 2001 in dem Reproduktionsmediziner Panayiotis Zavos einen Kompagnon, der ihm bereitwillig Labor und Salär für Klon-Versuche am Menschen zur Verfügung stellte. An jenem Frühlingstag begann Illmensee also, Zavos' Labor in der Nicholasville Road 2134 für den Klon-Versuch vorzubereiten. Gegen Mittag hatte er aus den Körperzellen einer Amerikanerin zehn Embryonen geklont. 64 Stunden später hatte sich einer der Klone bis zum Acht-Zell-Stadium entwickelt, und Illmensee notierte stolz: "It is the first! "

Der erste menschliche Klon-Embryo. Den setzten Zavos und Illmensee noch nicht in eine Gebärmutter ein, 2004 und 2005, als sie die Experimente wiederholten, schon. "Wir haben versucht, insgesamt fünf Menschen zu klonen", sagt Illmensee. Eine Amerikanerin ohne Partner und vier Paare hätten sich dafür bei Zavos in Lexington, Kentucky, gemeldet. "Eines kam aus Ägypten, eines aus den USA, eines aus England und eines aus Syrien oder Jordanien", zählt Illmensee auf.

Sie seien über die Risiken informiert worden und hätten dem Prozedere zugestimmt. Die Körperzellen für das Klon-Prozedere entnahm ein Arzt aus dem Oberarm der unfruchtbaren Männer. Neun Embryonen will Illmensee so erzeugt haben: "Einer davon hat sich mindestens bis zum Zwölf-Zell-Stadium entwickelt, bevor wir ihn wie die anderen in die Gebärmutter transferiert haben."

"Absolut unverantwortlich" nennt das Hans Schöler, Stammzellforscher am Max-Planck-Institut in Münster. Illmensee habe von den vielen Fehlversuchen beim Klonen anderer Säugetiere und dem hohen Risiko von Fehlbildungen wissen müssen. Ihn habe "extreme Neugier" getrieben, sagt Illmensee: "Am Anfang habe ich gedacht, dass das Klonen beim Menschen vielleicht besser funktioniert." Reue oder Gewissensbisse sind ihm nicht anzumerken. Schöler vermutet als Motiv "weniger die Neugier als den Wunsch, in die Geschichtsbücher einzugehen, als Erster, der einen Menschen geklont hat". Bei Zavos spielt wohl auch eine Rolle, dass die Skandalmeldungen um seine Klon-Versuche einen erheblichen Werbeeffekt für seine Befruchtungsklinik haben.

Erkennend, wie "lausig" das Klonen beim Menschen funktioniert, habe Illmensee, so sagt er, nicht weitermachen wollen. Er distanziert sich auch von dem angeblichen therapeutischen Sinn eines reproduktiven Klon-Versuchs, der "Behandlung" kompletter Unfruchtbarkeit beim Mann. "Bis ein unfruchtbarer Mann per Klonen ein Baby bekommt, braucht es vermutlich 200 Spender-Eizellen und mehrere Embryotransfers, bis das mal zu einer Schwangerschaft führt", so die späte Einsicht Illmensees, der "keinerlei Chance einer klinischen Anwendbarkeit" mehr sieht. Am 8. Mai 2007 beendete Illmensee die Zusammenarbeit mit Zavos.

Ob damit die Gefahr gebannt ist, dass Forscher irgendwann wieder versuchen könnten, Klon-Babys zu züchten, ist ungewiss. Täglich lernen mehr Forscher die Technik, und wo verzweifelte, gegenüber den Gefahren ignorante oder selbstverliebte Frauen oder Männer Menschenklone nachfragen, da gibt es auch Geld und (zweifelhafte) Popularität zu ernten.

Was in einem schottischen Stall begann, ist in der Welt. Und die Menschen bedienen sich einer neuen Technik, mit mehr oder weniger Sinn, mit mehr oder weniger Skrupel, mit mehr oder weniger Erfolg. -