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Der Zeit-Maschinist

Der Jurist Wolf-Rüdiger Osburg war Manager, dann erfolgreicher Unternehmer. Doch wahren Stress lernt er erst jetzt kennen: Er hat in Berlin einen Verlag gegründet.




- Zeitverschwendung ist seine Sache nicht. Aber seine Lebensentscheidungen hat Wolf-Rüdiger Osburg stets so getroffen, als werde er mindestens hundert Jahre alt.

So einer studiert mit acht Jahren die historischen Daten im "Ploetz" und lernt die Stammbäume der Herrscherhäuser auswendig, will noch bis zum Abitur Historiker werden - um dann doch etwas ganz anderes zu studieren. Der möchte Diplomat werden und wird stattdessen ein erfolgreicher Manager, der nebenbei einen 500-Seiten-Wälzer über den Ersten Weltkrieg verfasst. Und beschließt, mit knapp 50 Jahren, einen Verlag zu gründen, der sich - so das Motto des Programms - mit Menschen und ihrer Geschichte befassen soll.

Wenn Wolf-Rüdiger Osburg von sich selbst sagt, er sei "ein extrem zielgerichteter Mensch", lässt sich nicht leicht sagen, was bewundernswerter ist: die Hartnäckigkeit, mit der er sein Ziel verfolgt, oder die Geduld, mit der er Umwege erträgt.

Doch was auf den ersten Blick als ein mäandernder Lebenslauf erscheint, eine Vergeudung von Talent und Zeit, erweist sich - näher betrachtet - als ein langer Anlauf in ein Leben, das gerade erst begonnen hat. Aber der Reihe nach, wie es sich für einen nach eigener Einschätzung "detailversessenen Dickbrettbohrer" gehört.

Mit seinem nagenden Interesse an Geschichte und Geschichten hat schon der Knabe Wolf-Rüdiger "die Familie ziemlich genervt", wie er sich fröhlich erinnert. Ins Gleichgewicht kam der bildungsbesessene Älteste einer Hamburger Arztfamilie erst auf dem Bolzplatz, wo er seine Sozialisation erfuhr - und dennoch nicht vom Berufsziel Historiker abwich. Frühgeschichtler wollte er werden, nahm an archäologischen Exkursionen teil und entschied dann, sein Hobby nicht zum Beruf zu machen. Er studierte Jura.

Das dauerte recht lange, weil sich Osburg für seine Dissertation viel Zeit nehmen musste. Denn er wollte das "mit Lust machen", eine Arbeit, die ihn wirklich interessierte, und so forschte er über "Die Verwaltung Hamburgs in der Franzosenzeit 1811 bis 1814". Auch im Rückblick "eine Sauarbeit". Die meisten städtischen Archive waren beim großen Hamburger Brand von 1842 zu Asche geworden. Statt wie meist üblich Sekundärliteratur zu wälzen, stöberte Osburg jahrelang in weit verstreuten Briefen und Privataufzeichnungen aus jener Zeit.

Als seine Arbeit 1988 von der juristischen Fakultät der Universität Hamburg angenommen wurde, hatte der Hobby-Historiker "unheimlich viel vom Leben jener Zeit" inhaliert. Für ihn hatte sich die Mühsal gelohnt. Er hatte etwas gemacht, das ihn wie mit einer Zeitmaschine in eine andere Epoche lotste. Das hat ihn "irgendwie aufgeregt", seine Fantasie beschäftigt. Auch Mut gemacht, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen.

Wie das geht, beweist er sich selbst. Er wird Verbandsjurist. Arbeitet beim Arbeitgeberverband in Oldenburg - eine behagliche Stadt, ein stressfreier Job. Und stolpert, eher zufällig, ins nächste historische Abenteuer. "Verdun", verfasst von German Werth, fällt ihm in die Hände. Ein Bericht über die großen Schlachten des Ersten Weltkriegs. Der fasziniert ihn und plagt ihn mit der Frage: Ob es noch Überlebende gibt, die persönlich Auskunft geben könnten über das unfassbare Gemetzel?

Gibt es noch Kriegsteilnehmer der Geburtsjahrgänge, sagen wir 1896 bis 1900? Beim Einwohnermeldeamt in Oldenburg, Osburgs erster Anlaufstelle, erntet er nur Achselzucken: Solche Auskünfte dürften nicht erteilt werden. Es müsse schon ein wissenschaftliches Interesse vorliegen. Die Universität Oldenburg liegt um die Ecke. Ein freundlicher Historiker bescheinigt Osburg den wissenschaftlichen Gehalt seiner Frage. Er erhält 111 Namen und Adressen. Er kann wieder seine Zeitmaschine anwerfen.

Ein bisschen zittrig steht er am 1. Mai 1989 in Oldenburg vor dem Haus Ackerstraße 33, gerüstet mit Tonband und Fragen an einen 94-jährigen Veteranen von Verdun. "Ich hatte doch keine Ahnung, wie man so was macht", erinnert sich Osburg. "Wie würde ein so alter Mensch auf meine Neugier reagieren?"

Es lief sehr gut. Der alte Herr war munter und scheute keine Fragen. Und was Osburg erfuhr, war überwältigend: Die Erlebnisse des so lange zurückliegenden Krieges waren in der Erinnerung so klar, präzise und lebendig, als seien sie gerade erst geschehen. Das Gespräch dauerte sechs Stunden, und danach war Osburg klar: Er musste weitermachen.

Wo steht, dass man nicht Bücher schreiben und gleichzeitig Karriere machen kann?

Nach elf Jahren und 135 Interviews mit Veteranen des Ersten Weltkriegs aus ganz Deutschland kommt Osburgs "Und plötzlich bist du mitten im Krieg" im Jahr 2000 im Verlag Aschendorff heraus. Ein Lesebuch der besonderen Art. Es belegt, höchst authentisch, was der Krieg mit Menschen macht, aber auch, was Menschen mit dem Krieg machen. Ein spannendes, auch berührendes Buch, das Krieg - scheußlich-menschlich - verständlich erklärt und überdies noch Auskunft gibt, woher sich all dies speiste, aus welchen Sozialmilieus die Krieger in den Kampf zogen.

In der langen Zeit seiner Recherchen und Niederschriften hat Wolf-Rüdiger Osburg das Leben nicht geschwänzt. Im Gegenteil. Ihm gelang eine solide Karriere. Erst bei der Deutschen Shell, dann bei der Muttergesellschaft in London. Er startete in der Rechtsabteilung in Hamburg, durchlief andere Bereiche - "ich war ja kein glänzender Jurist" -, war Personaler, Tankstellenbereichsleiter und wollte irgendwann ins richtige Geschäft.

London gibt ihm die Chance. Da wird er Manager bei der Eigenmarke in der Sparte für Autopflegemittel, Shell Car Care. "Sprachlich war das schon heftig", erinnert sich Osburg mit Schaudern an seine Anfänge, "aber ich bin doch recht zäh." Er schaffte es zum einzigen deutschen Global Vice President bei der Shell, reiste naturgemäß viel - "ich hab' das geliebt, rumzukommen".

Dann erfuhr er, seine Sparte solle verkauft werden, bewarb sich und bekam nach zähem Ringen den Zuschlag.

"Ich war kein Cleverle", sagt Osburg, "aber ein guter Manager mit Bodenhaftung." Nach einem Jahr harter Verhandlungen mit seinem Arbeitgeber und mit Beteiligungskapitalgebern übernimmt er den Autopflegebereich für fünf Millionen Euro. Gemeinsam mit drei Kollegen bringt er zehn Prozent vom Kapital ein. Die Venture-Capital-Firma 3i stellt den Rest und hält 55 Prozent der neuen Gesellschaft. Osburg hält mit 20 Prozent der restlichen 45 Prozent den größten Anteil und übernimmt die Geschäftsführung von Carix Europe, die Anfang 2000 startet.

Zeitgleich mit seinem Buch. Das hatte nur eine Liebhaberauflage von 1000 Exemplaren, die bald vergriffen war.

Carix Europe dagegen wird durch das engagierte Management zur Erfolgsgeschichte. In fünf Jahren verdoppelt sich der Umsatz von 20 auf 40 Millionen Euro. Die Beteiligungskapitalgeber ordnen den Ausstieg an.

Im Dezember 2005 werden alle Anteile von 3i und dem Management an einen Wettbewerber - "zu einem guten Preis" verkauft. "Nervlich war das eine strapaziöse Zeit", sagt Wolf-Rüdiger Osburg, "aber es hat sich gelohnt."

Nun hätte Osburg sich also zurücklehnen und seiner noch jungen Familie widmen können. Aber er hat ein schweres Defizit: "Ich bin immer unruhig, ich kann das Erreichte nicht genießen." Außerdem: Er hat da so eine Idee. Ein bisschen verrückt vielleicht, aber doch folgerichtig, wenn man seine Biografie betrachtet. Er will einen Verlag gründen.

Nun geht es nicht mehr nur um wirtschaftlichen Erfolg - es geht um ein Lebenswerk

Er beginnt Freunde und Experten zu befragen: "Wenn ich einen Verlag gründete, ist das schwachsinnig oder durchaus machbar?" Nach vielen Recherchen und Gesprächen hat er Ende 2006 das Gefühl: "Wenn du das gut machst, kannst du das mit einem bescheidenen Ertrag unternehmen." Im Dezember 2006 wird die Osburg Verlag GmbH ins Berliner Handelsregister eingetragen. In diesem Frühjahr kommen die ersten sieben Titel des Jungverlegers in die Buchhandlungen und auf die Leipziger Buchmesse.

Die Buch-Strecke sieht nicht aus nach Anfang oder gar tastendem Beginn. Osburg klotzt, als wäre er seit Jahren im Geschäft. Die Bücher schön, fast prächtig. Und auch was zwischen den Buchdeckeln steht, kann sich sehen lassen. Etwa Biografisches, über Thomas Mann oder Sigmund Freud; eine aktuelle Dokumentation über die Zeit, "Als Berlin zur Weltstadt wurde", so der Titel; oder ein Roman über einen Philosophieprofessor, der sich im Internet verirrt. Und der Verleger Osburg scheut sich auch nicht, eine Kulturgeschichte der Selbstbefriedigung zu drucken oder eine 660 Seiten dicke, von Fakten strotzende Analyse vom Aufstieg und Erfolg des deutschen Kleinbürgers heute: die neue Mitte.

Exemplarisch ist sicher das Buch, das auch das erste Verlagsprogramm auf dem Titel hat: "Der Orientalist" von Tom Reiss, einem "Wall-Street-Journal"-Reporter, der das abenteuerliche Leben von Essad Bey nachzeichnet , einem Star-Autor und Gesellschaftslöwen im Berlin und New York der dreißiger Jahre. Wobei die Geschichte der Recherche fast genauso spannend ist wie das Leben eines zum Islam konvertierten Juden.

Osburgs Faszination für Grenzgänger der Geschichte hat ihn schon ein schönes Stück Leben begleitet. Jetzt kann er ihnen "von Leidenschaft angetrieben" - Aufmerksamkeit verschaffen. "Das Leitmotiv des Osburg Verlags ist das Bewusstsein für die Gegenwärtigkeit der Geschichte", sagt er, der seine verlegerischen Interessen gleichermaßen auf das Sachbuch wie auf die Belletristik gründet, "keineswegs blauäugig", wie er beteuert.

Osburg will den Erfolg. Er hat das gründlich geplant und gründlich vorbereitet. Aber keine Frage: "Ich will das so machen, wie ich es für richtig halte. Ich bediene meine Interessen, es sind meine Buchumschläge. Ich kann nichts besser machen. Ich kann nur machen, was ich für richtig halte." Mit einem Wort: Osburg will eigentlich ein Verleger alter Prägung sein. Er will einen Verlag, dessen Name für etwas steht, kein Profit-Center.

Dass er sich dabei nicht nur auf seinen Instinkt und eine kompetente Mannschaft verlassen muss, sondern auf die Erfahrungen des erfolgreichen Managers Osburg zählen darf, ist sicher kein Nachteil. Wer ihn allerdings fragt, welcher Job zeitraubender sei, der eines Shell-Managers oder der eines Verlegers seiner Art, bekommt rasche Antwort: "Heute hab' ich viel mehr Stress."

Denn sein Verlag soll schließlich nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sein - "das bin ich mir und den Mitarbeitern schuldig" -, er soll auch als Lebenswerk bestehen.

Im Autopflege-Geschäft mit einer Vielzahl schneller, oft hektischer Entscheidungen ging es immer nur ums Geld, letzten Endes. Jetzt geht es um Selbstverwirklichung: in der Welt von Kunst und Kultur etwas zu machen, was unverwechselbar ist, weil es von ihm und seinen Vorlieben geprägt ist, nicht von Managern mit Jahresplanungsvorgaben.

Wenn Osburg heute von Zeitmangel spricht, spricht er vom Zeitdruck bei Entscheidungen. Vor allem beim Programm. "Ein Buch, das sich nicht verkauft, ist leicht zu verkraften", sagt er. "Aber ein falsches Buch, ein Buch, das unser Verlagsprofil beeinträchtigt, wäre eine Katastrophe. Es bedeutete Image-Verlust bei Publikum, Kritikern und nicht zuletzt bei den Autoren. Deshalb dauern solche Entscheidungen länger, werden intern immer wieder diskutiert und geprüft, und das bedeutet Druck."

Und wer sagt, dass man neben dem Lebenswerk nicht noch etwas anderes machen kann?

Einen Zeitdruck anderer Art mag er auch nicht leugnen. "Wenn man mit 50 einen Verlag macht" - aktuell ist er 51 -, "spürt man schon die Endlichkeit des Lebens. Man hat nicht mehr so viele Jahre, die Sache erfolgreich und dauerhaft zu machen."

Damit dies gelingt und ihm nicht doch eines Tages die Puste ausgeht, schließlich ist das zu hundert Prozent sein Laden, hat Osburg, der Herr auch schneller Entscheidungen, noch ein Spielbein ausgefahren. Gemeinsam mit Christian Warning, einem Kollegen aus alten Shell-Tagen, hat er gerade die Dr. Osburg Warning GmbH eintragen lassen, um gewachsene Erfahrungen zu vermarkten.

Das neue Unternehmen soll klassisches Business Development betreiben. Im Angebot: Konzepte für Produkteinführungen und Standort- und Netzentwicklungen. Sie stellen Teams zusammen, entwickeln Vertragsmodelle, nutzen ihr Netzwerk, um etwa eine Ladenkette für Kosmetik, Backwaren oder Geschenkartikel in deutschen Bahnhöfen aufzubauen.

"Meine Seele schreit nach einer gewissen Sicherheit", begründet Osburg das Unternehmen. Wer einen richtigen Verlag bauen will, muss einen langen Atem haben. Und hat er nicht schon lange Zeit das eine getan und das andere nicht gelassen? Und immer Zeit für beides gehabt?

"In meiner Art bin ich eigentlich ein Genussmensch", urteilt der Zeit-Maschinist selbstironisch. "Ein von mir verlegtes Buch dauert, da wird sich nichts ändern. Das Wort Beständigkeit ist für mich wichtig. Wenn ich Geschichte angucke, hat das für mich etwas wahnsinnig Beruhigendes. Ich fühle mich als Teil eines ewigen Flusses."

Sonst noch Träume? "Mit einer Zeitmaschine zurück in die Franzosenzeit. Das wär's. Das wäre doch unfassbar." Und ernsthaft? "Wenn ich von etwas träumen würde, dann würde ich als Autor Erfolg haben wollen", bekennt Wolf-Rüdiger Osburg. Er ist Spezialist für lange Anläufe.

Ach ja: Er hat gerade die Rechte an seinem Buch "Und plötzlich bist du mitten im Krieg" zurückgekauft. Er will es im Herbst 2013, wenn sich im Jahr darauf der Beginn des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal jährt, im Osburg Verlag herausbringen.

Denn nun hat er doch sein Hobby zum Beruf gemacht. -