Das geht: Der Geduldige

Ewald Schwendemann hört sich an, was Menschen bedrückt, und mischt sich ein. Freiwillig. Er ist Sozialpate in Augsburg.




- Helfen kann so einfach sein. Ein Aktenordner, Lebenserfahrung, unerschütterliche Ruhe und Geduld, viel mehr braucht es nicht. Ewald Schwendemann, 64, bringt das mit, jeden Montag, wenn er von 16 bis 18 Uhr Menschen zuhört, die dabei sind, abzustürzen, die ihr Leben ohne Beistand nicht mehr in den Griff bekommen. Der Industriekaufmann im Ruhestand ist freiwilliger Sozialpate in Augsburg.

Im Computerraum der Drei-Auen-Schule im Stadtteil Oberhausen-Nord, wo sich sonst die Schüler zum Chatten treffen, sitzt Frau R. vor Schwendemann. Sie ist 58 Jahre alt und seit sieben Monaten arbeitslos. Frau R. ist am Ende. Die Stadtwerke haben ihr den Strom gesperrt: 207 Euro Außenstände. Warmes Wasser habe sie noch und gerade mal 80 Cent in der Tasche. Jetzt wisse sie weder ein noch aus. Sie hat sich von ihrem Mann getrennt, ist aber noch verheiratet. Deshalb erhält sie kein Arbeitslosengeld. "Bei mir bricht alles zusammen", sagt Frau R.

Schwendemann schaut sich zuerst den Bescheid von der in Augsburg zuständigen Arbeitsgemeinschaft zwischen Kommune und Arbeitsagentur (Arge) an und stellt fest: Die Frist, um Widerspruch einzulegen, ist längst abgelaufen. Dann zerlegt er das Problembündel für Frau R. in handliche kleine Scheiben und erklärt ihr Schritt für Schritt, wie sie vorgehen soll. Zuerst im Bürgeramt ihr Getrenntleben anzeigen. Mit der Bescheinigung wieder zur Arge und einen neuen Antrag auf Arbeitslosengeld stellen. Eine Abtretungserklärung unterschreibt sie gleich: 50 Euro vom Geld der Arge werden jeden Monat direkt an die Stadtwerke abgeführt, bis die Schulden beglichen sind. Beratungsschein besorgen, einen Anwalt beauftragen, der beim Ehemann Unterhalt einklagt. Die Familiensozialversicherung beantragen, denn krankenversichert ist Frau R. auch nicht mehr.

Rund 40 Sozialpaten bieten inzwischen über ganz Augsburg verteilt Sprechstunden an, zu denen jeder Bürger ohne Anmeldung kommen kann. Die Freiwilligen erhalten kein Honorar, nur ihre Telefon- und Fahrtkosten werden erstattet. Jeder wurde zuvor in Leistungsrecht, Insolvenzverfahren und Psychologie geschult. Pensionierte Banker und Juristen sind auffällig häufig vertreten, aber auch Hausfrauen, Angestellte und Selbstständige machen mit. Sie wollen etwas Sinnvolles tun. Sie erfahren, dass sie gebraucht werden, und fühlen sich anerkannt. Vier Stunden für Sprechzeit und Nacharbeit wendet ein Sozialpate im Durchschnitt pro Woche auf.

"Staat und Wirtschaft allein schaffen es nicht mehr, Probleme wie Armut, Überschuldung und Ausgrenzung zu lösen", sagt Wolfgang Krell vom Freiwilligen-Zentrum. Deshalb hat Konrad Hummel, der Sozialreferent der Stadt, 2004 ein "Bündnis für Augsburg" ins Leben gerufen und auf Bürgerbeteiligung gesetzt. Das Ergebnis: Im Jahr 2006 haben die Ehrenamtlichen mehr als 1600 Menschen unentgeltlich beraten und zugleich der Gemeinschaft einen Dienst erwiesen. Kritiker wie Regina Hinterleuthner von der Caritas-Schuldnerberatung werfen der Stadtverwaltung allerdings vor, mit den Sozialpaten bloß Geld sparen zu wollen.

Diese Kritik kennt auch Ewald Schwendemann. Er hält dagegen: "Was ich mache, könnte sowieso niemand bezahlen", sagt er. Ein Geflecht aus Mietschulden, ausgereizten Dispo-Krediten und für Laien schwer verständlichen Hartz-IV-Bescheiden zu entwirren, das kostet viel Zeit. Genau daran aber fehlt es im personell unterbesetzten Sozialamt. Rund 20 000 Menschen beziehen in Augsburg Arbeitslosengeld I I oder Grundsicherung nach Hartz IV: Wohnkosten plus 347 Euro monatlich zum Leben plus Kindergeld. Wer dann noch Schulden, aber weder Familienangehörige noch Freunde hat, steht schnell auf der Straße.

"Hauptziel der Sozialpaten ist es, Obdachlosigkeit zu verhindern", sagt Wolfgang Krell. Mehr als die Hälfte aller Hilfesuchenden in den Sozialpaten-Sprechstunden beziehen Hartz-IV-Leistungen, etwa 30 Prozent sind Migranten. "Die Zahl der Zwangsräumungen ging in Augsburg seit dem Start des Projekts um 25 Prozent zurück, obwohl die Mietschulden gestiegen sind."

Schwendemann ist von Anfang an dabei. Seine Sprechstunde halte er nicht nach der Devise "Wir sind nett zueinander", sagt er. "Ich fasse zwei-, dreimal nach. Wenn dann nichts kommt, höre ich auf." Wer Termine nicht einhält, Unterlagen verschlampt oder trotz drohender Insolvenz weiter shoppen geht, dem könne er auch nicht helfen. Das sei manchmal frustrierend. Warum er weitermacht? "Es freut mich, wenn ich helfen kann", sagt er.

Zur Seite steht ihm der Fallmanager Anton Haberstock vom Amt für Soziale Leistungen. Durch die Zusammenarbeit mit den Freiwilligen hat sich auch für den Fachmann, seit 30 Jahren im Dienst der Stadt, einiges verändert. Jetzt geht er mehrmals in der Woche raus, weg von den Akten, dorthin, wo Not herrscht. Für Haberstock sind die Sozialpaten so etwas wie einst die Schreiber. Sie erledigen Dienste für Menschen, die sich im Gewirr von Vorschriften und Formularen verloren fühlen. Menschen wie Frau R. Drei Tage nach der Beratung hat sie wieder Strom. Sie wird ihren Mann auf Unterhalt verklagen. Das Leben geht weiter. -