Bumm-tschak

Armin Weber wollte mal ein berühmter Schlagzeuger werden. Das hat nicht geklappt. Jetzt gibt er Unterricht und spielt zum Tanz auf. Dabei ist der musikalische Kleinunternehmer ständig auf der Suche nach dem zeitökonomischen Optimum. Um zu gewinnen, was er als Rockstar nicht hätte: Zeit für sich.




- Vermutlich hat der große Charlie Watts von den Rolling Stones mal genauso angefangen wie der achtjährige Julien Eichborn. "Eins, zwei, drei, vier ...", zählt der Junge brav mit, vom Vater wohlwollend beäugt, und vollführt dazu auf dem kleinen Gebirge von Trommeln, hinter dem er kaum zu sehen ist, das klassische Bumm-tschak-bumm-tschak, die Mutter aller Rock-Rhythmen. Mit der fetten Bassdrum auf eins und drei und mit der schnarrenden Snare auf zwei und vier. Rechter Fuß auf die Basstrommel, bumm, linke Hand auf die Snare, tschak.

Tür auf. Der Lehrer tritt ein. Tür zu. Der Lehrer hört sich das Bumm-tschak an, macht ein zufriedenes Gesicht und schreibt mit beeindruckender Geschwindigkeit einen neuen Beat in Juliens Notenheft. "Gehen wir gleich zur nächsten Übung. Was ist hier anders?" Julien schaut sich die Noten an, die sein Lehrer ihm hingelegt hat. "Da muss ich jetzt auch noch Achtel auf der Kuhglocke spielen", sagt er. Zusätzlich zum Bumm-tschak erfüllt jetzt, im Timing noch unsicher, das hohle "Kong" der Kuhglocke den Übungsraum. Juliens Vater lächelt unter einem beeindruckenden Schnauzbart hervor. Der Lehrer verlässt den Raum, schließt die Tür, geht drei Schritte über den Flur.

Hinter der nächsten Tür klingt es kubanisch angehaucht. "Dem Johannes hab' ich eben eine schöne Mambo-Variante aufgegeben", sagt der Lehrer. "So, dann lass mal hören." Der Lehrer nimmt sich Johannes' Notenheft, schreibt, hört dabei zu, nickt zufrieden. Leise, wie von fern, hallt Juliens Bummkong-kong-tschakkong-kong herüber. Plötzlich leuchtet über der Tür eine gelbe Lampe auf. "Die nächsten beiden Schüler", sagt der Lehrer und schaut auf die Uhr. "Zwei Minuten vor Unterrichtsbeginn, die sind immer superpünktlich, darauf hab' ich die trainiert."

Der Lehrer, das ist A. B. - so nennt er sich - Weber, 45, seit mehr als einem Vierteljahrhundert Schlagzeuger von Beruf. "Tandemunterricht" nennt er seine Lehrmethode. Er hat es geschafft, seine Dienstleistung fast zu rationalisieren wie die Arbeit am Montageband in der Autofabrik - allerdings ohne dass die Individualität dabei unter die Räder kommt. Wenn er im Raum ist, genießt der Schüler seine ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Aber es gibt bei ihm keinen Leerlauf, keine Pause. Jede Minute zwischen 15 und 22 Uhr wird genutzt - und zweifach bezahlt. Im Dreiviertelstunden-Doppeltakt sitzen stets zwei Schüler hinter Webers Schlagwerk. In getrennten Räumen trommelnd, teilen sie sich eine Unterrichtsstunde. Was sie dort vollführen werden, weiß Weber zumindest bei den Anfängern schon nach einem flüchtigen Blick auf die Noten der letzten Unterrichtsstunde. Rhythmuslehre bleibt Rhythmuslehre.

Das Schlagzeug gestattet die Verdichtung und zeitweilige Abwesenheit des Lehrers. Beim Trommeln geht es ausschließlich um Rhythmik und Technik. Wer die Noten vor sich hat, das Koordinatensystem mit den einzelnen Schlägen, kann sich jeden Beat, langsam und Stück für Stück, selbst erschließen und umsetzen. Weber legt die Noten hin, und der Schüler kann erst mal allein üben. Was Viertel-, Achtel- und Sechzehntelnoten sind, wie sie notiert und mit welchen Symbolen die einzelnen Trommeln und Becken belegt werden, bringt Weber jedem Schüler gleich in der ersten Unterrichtsstunde bei.

Zu seinem Zweck hat Weber in einem schmucklosen Gebäude am Kurt-Schumacher-Platz in Berlin-Reinickendorf gleich eine Etage gemietet und mit Trommel-Equipment ausgestattet. "Anders als mit Tandemstunden ließ sich der Andrang der Schüler nicht mehr bewältigen", sagt er. "Mit Einzelunterricht habe ich es kaum noch geschafft, Termine für Übungsstunden zu vereinbaren." Weber unterrichtet derzeit 30 Schüler, also 15 Tandems, pro Woche. Pro Woche? "Eigentlich an zwei Tagen, Dienstag und Mittwoch. An den anderen Tagen will ich keine Schüler."

Er träumte vom Leben auf der Überholspur. Und lebt jetzt strengstens getaktet

Jener Junge aus dem Städtchen Münsingen auf der Schwäbischen Alb, der vor mehr als drei Jahrzehnten den Traum vom Leben als Rockstar träumte, wollte nicht Bumm-tschak unterrichten, sondern berühmt werden. Mit zehn trommelte Armin Weber in seiner ersten Band, zwei Jahre später fasste er nach dem ersten Auftritt seiner Combo auf dem Schülerball des Gymnasiums den Entschluss: Ich werde Berufsmusiker.

Armin arbeitete hart an sich, übte in jeder freien Minute. Er wurde besser, immer besser, von Jahr zu Jahr, steigerte sich mit jeder Band, in der er spielte. Und glaubte fest an eine "Form des Automatismus, mit der das zwangsläufig in den großen Erfolg mündet". Er würde als Drummer in einer Riesen-Band spielen, keine Frage. Immer "on the road", vor Tausenden, Zehntausenden Fans. "Das waren sicherlich Illusionen", sagt er heute. "Damals habe ich fälschlicherweise angenommen, ich würde allein mit schlagzeugerischer Leistung in diese Szene kommen." Weber wurde zwar immer besser, doch berühmt wurde er nicht.

Längst weiß er, dass es im Musik-Business vor allem auf die Vermarktung ankommt, mehr noch als aufs Können. Darauf, wie man sich in Szene setzt und welche Musikmanager man kennt. Vielleicht war er auch nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Anders als Christian Eigner, der Trommler von Depeche Mode. Der hauste in London eine Zeit lang mit jemandem in einer WG, der wiederum einen Musiker von Depeche Mode kannte. Und jetzt? " Jetzt verdient er an einem einzigen Abend wahrscheinlich mehr als ich in einem Vierteljahr."

A. B. Weber sieht sich heute als musikalischer Handwerker, als "Repräsentant des musikalischen Mittelstands, der von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird". Mit dem ruhmseligen Traum von einst hat das, zumindest auf den ersten Blick, kaum noch etwas zu tun. Dort der irrwitzig schnelle Takt des Lebens auf der Überholspur, hier der gleichförmige Rhythmus der Unterrichtsstunden. Viertel, Achtel, Sechzehntel. Triolen. Synkopen. Jeder neue Schüler beginnt mit dem Gleichen. Nach Bummtschak kommt immer Bummkong-kong-tschakkong-kong. Danach die Sechzehntel auf der Kuhglocke. Die Achtelbassdrum. Die getretene Hihat dazu. Bei den Fortgeschrittenen kann er dann hin und wieder mal einen Latin-Groove einschieben.

Aber was wäre die Alternative? Im alten Bulli von Auftritt zu Auftritt tingeln wie ein Kolonne Staubsaugervertreter? Mit Mitte 40 noch jeden Abend in schummrigen Schuppen vor 50 oder 100 Leuten rocken? In schäbigen Garderobenräumen abhängen und sich über dreckige Klos ärgern?

A. B. Webers Berufsleben erscheint wie eine Parabel auf den Umgang mit dem knappen Gut Zeit. Das gilt für seinen Tandemunterricht wie das eigene Spiel. Stimmt das Timing nicht, stirbt der Groove. Es sei denn, ein Beat soll gar nicht geradlinig stampfen wie eine Lokomotive unter Dampf, sondern ein leichtes Schwanken vermitteln wie ein Ritt durch die Wüste auf einem Kamel. Aber auch das ist kein Zufall, kein willkommenes Resultat schlampigen Timings, sondern bewusst herbeigeführtes Abweichen, dessen Qualität sich in Millisekunden ausdrückt.

Ein Schüler kommt mit einer schlechten Nachricht zur Tür herein. "Nächsten Mittwoch kann ich nicht zum Unterricht kommen", sagt der 14-Jährige, der seit knapp einem Jahr unter Webers Regie trommelt, "hab' einen Termin beim Kieferorthopäden." A. B. Weber blättert im Kalender. "Könntest du Dienstag um halb fünf?" Nein, am Dienstag kann er auf keinen Fall. Um halb fünf kommt er gerade erst aus der Schule. Am Donnerstag ist es das Gleiche, Schulschluss erst nach der zehnten Stunde. Eigentlich hat der Junge nachmittags nie Zeit. Immer ist irgendwas.

In jüngster Zeit merkt A. B. Weber, wie seine Bemühungen um größtmögliche zeitliche Verdichtung von den Plänen anderer durchkreuzt werden. Denen der Bildungspolitiker, zum Beispiel. Die Schulkinder, ein Großteil seiner Eleven, finden kaum noch Zeit für den Unterricht - und fürs Üben erst recht nicht. Die Verkürzung der Schullaufbahn bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre, das sogenannte "Turbo-Abitur", macht sich störend bemerkbar. Viele Kinder haben, die Hausaufgaben und das Lernen für Klassenarbeiten eingerechnet, mittlerweile eine 45- bis 50-Stunden-Woche. "Ohne Tandemstunden wäre es fast unmöglich, überhaupt noch Stunden mit Schulkindern zu vereinbaren", sagt Weber. Und wenn mal eine Stunde ausgefallen ist und nachgeholt werden muss, sitzt er manchmal eine Viertelstunde mit den Müttern da und geht die Wochentage durch, die zusätzlich angefüllt sind mit Nachhilfe und "dem von ihren Eltern oktroyierten Freizeitstress" - mit Boxen, Aikido, Tennis oder Chinesisch.

Studenten kommen fast gar nicht mehr zu ihm. "Früher war das traumhaft", erinnert sich Weber. "Die hatten immer irgendwie Zeit." Heute müssten die meisten nebenher jobben, um ihr Studium zu finanzieren. Mit dem Lotterleben sei es vorbei, seit die Studiengänge auf die neuen Bachelor- und Master-Abschlüsse umgestellt wurden. Ein straffes Curriculum, Prüfungen zum Ende jedes Semesters und deutlich verkürzte Regelstudienzeiten hätten das studentische Zeitbudget eingeschränkt.

Hin und wieder überlegt A. B. Weber, wie sich seine Unterrichtseffizienz noch steigern ließe. Er könnte beispielsweise seine Tandems nur aus Schülern bilden, die exakt auf gleichem Niveau trommeln. Dann bräuchte er die Noten nur einmal aufzuschreiben und anschließend zu kopieren. Allerdings funktioniert das nur in der Theorie. "Zwei Schüler stehen fast nie an gleicher Stelle", erklärt der Lehrer. "Selbst absolute Anfänger sind binnen zwei oder drei Wochen meist schon weit auseinander." Der eine, vielleicht mit dem Malus einer "gewissen Grundeckigkeit" versehen, quält sich noch mit dem Bumm-tschak, der Schüler im Raum nebenan kann dazu schon sauber die Hihat im Achteltakt treten.

Wenn die Konditionen stimmen, würde Weber auch im Musikantenstadl trommeln

Es ist viel Platz an den Tischen mit den großen Flirt-Telefonen. 40, vielleicht 50 Gäste haben an diesem Abend ins Café Keese gefunden, Berlins größtes Tanzlokal und eines der letzten Reservate des alten West-Berlin. Föhnfrisuren (bei den Damen und den Herren) und Vokuhila (nur bei den Herren) schmücken die Tanzfläche, strassgeschmückte Shirts glitzern im milden Licht. Die Leuchtschrift über der Bühne signalisiert "Damenwahl". Man tanzt Rock 'n' Roll. Mit Drehung, aber ohne Überwurf. Der klappt nicht mehr so gut, mit Anfang 60. "Berlin Rock 'n' Rollers" heißt die Showband des Abends. Sie serviert der kleinen Gemeinde reifer Flirtgäste Hits aus deren Jugendzeit: "Whole Lotta Shakin", "Diana", "Shake, Rattle and Roll". Selbst vor "Sag mir quando" schreckt man nicht zurück.

Hinterm Schlagzeug hockt der musikalische Handwerker A. B. Weber in blütenweißem Hemd, schwarzer Anzughose und rotem Gala-Jackett und hämmert den Rock 'n' Roll. Es gibt vermutlich nicht allzu viele Auftritte, die sein Können weniger fordern. Ein gerader Beat, schnell gespielt, ein Wirbel hier und da. Die meisten seiner Schüler bekämen das auch hin. Ein Rock-'n'-Roll-Drummer darf nicht virtuos sein. Das würde nur stören.

Aus A. B. Webers Sicht ist es ein guter, ein ertragreicher Abend. So wie immer, wenn er mit den Rock 'n' Rollers zum Tanz aufspielt. Die Kapelle ist gut gebucht, spielt nur für feste Gage und Spesen, zeitaufwendige Proben entfallen weitgehend. Das Repertoire beherrschen alle im Schlaf. Im Sommer steht die Combo zwei- bis dreimal pro Woche auf der Bühne, vor allem in Ostdeutschland. Die Namen der meisten Städte, in denen sie gespielt haben, hat Weber schon wieder vergessen.

Alles, was Weber in seiner Funktion als musikalisches Ein-Mann-Unternehmen betreibt, betrachtet er aus der Perspektive der Zeitökonomie. Was zu viel Zeit kostet, scheidet von vornherein aus. Dazu zählt vor allem das gemeinsame Musizieren und Leeren von Bierkästen. Idealismusschwangere Band-Projekte sind reine Zeitfresser. "Mit diesem Gedanken spiele ich überhaupt nicht mehr", wehrt Weber ab. "Monatelang im Proberaum zu versauern und dann statistisch gesehen 2,8 Auftritte im Jahr zu machen, das geht nicht."

Auf seiner Website präsentiert sich Weber seit einiger Zeit mit einigen kurzen Videos, schlagzeugerische Visitenkarte. Von Swing über Funkrock und Samba bis zum Techno-Beat zeigt er, "wie es bei mir mit der Trommelei aussieht". Das spart enorm Zeit. Seit er die Videos hat, muss er kaum noch irgendwo zum Vorspielen antreten. Durch die Aufnahmen erübrigt sich manch langes Palaver, ob er für einen Tournee-Job nun der Richtige ist oder nicht.

Wenn eine Band anfragt, weil sie für eine Tour einen Drummer benötigt, so wie kürzlich eine Reggae-Truppe aus Rostock, schickt Weber erst mal einen standardisierten Antwortbrief zurück. Er will Klarheit. Wie viele Auftritte stehen an, und wo finden sie statt? Wie hoch ist die Gage? Wer bezahlt das Hotel, wer den Sprit? Vor allem darf die Sache nicht allzu lange dauern. Wenn Weber wochenlang mit einer Band durch die Lande zieht, muss er seinen Unterricht ausfallen lassen oder eine Vertretung suchen. Die Miete für die Übungsräume muss derweil weiterbezahlt werden. Meist hat sich das Tournee-Projekt nach einem solchen kurzen Einnahmen-Kosten-Vergleich erledigt.

Unter dem selbst auferlegten Diktat kommen tendenziell eher musikalisch fragwürdige Engagements zustande wie jenes für die Wolfgang-Petry-Coverband, bei der Weber vor zwei Jahren eine Zeit lang aushalf. Erst zwei Tage vor dem ersten Konzert wurde einmal geprobt. Für "Wahnsinn" (Hölle, Hölle, Hölle! ) muss ein Drummer vom Format A. B. Weber nicht proben. Zur Vorbereitung reicht eine CD mit den Songs, die live gespielt werden. Und wenn morgen ein Angebot vom Musikantenstadl käme, für 1000 Euro am Abend auf eine vierwöchige Tour zu gehen? "Dann hätte ich zwar musikalisch damit ein Problem, würde es aber mit großer Wahrscheinlichkeit machen. Im Zweifelsfall immer eher machen als sein lassen - vorausgesetzt, die Sache ist solide gemanagt und das Geld stimmt."

Der Lohn der musikalischen Fließbandarbeit: Fünf Tage jeder Woche gehören ihm allein

Einiges scheint auf der Strecke geblieben zu sein auf dem langen Weg vom Auftritt beim Schülerball in Münsingen bis zum Tanzabend im Café Keese. A. B. Weber ist im Basislager geblieben, gipfelwärts stürmten andere. "Das zähle ich als Verlust, als eine Form des Betrugs, des Selbstbetrugs, den ich mir bereitet habe. Das ist ein Punkt, mit dem ich nicht zufrieden bin."

Nun könnte man glauben, A. B. Weber sei ein unglücklicher Mensch. Die große Illusion vom Rockstar in Scherben auf dem Boden wie ein zerschelltes Sternenschiff. Ein bedauernswerter Utilitarist, der im Café Keese zum Seniorenflirt trommelt. Einer, aus dem nicht das geworden ist, was er sich erträumt hat.

Aber dem ist nicht so. A. B. Weber ist kein frustrierter Getriebener, sondern ein überaus fröhlicher und entspannter Herr über seine Zeit, nicht Objekt, sondern Architekt seines stringenten Rasters. Indem er den Takt der Unterrichtsstunden extrem verdichtet und Auftritte primär danach auswählt, wie viel Zeit sie beanspruchen und welche Gage sie einbringen, gewinnt er genau das, womit er in seiner Rolle als Schlagzeuglehrer und Miettrommler so knausert: Zeit.

Der effiziente Kleinunternehmer A. B. Weber sorgt für den Freiraum des Menschen Armin Weber, damit der nicht völlig untergeht in der Routine. "Die Lebenszeit bewusst zu verwalten und zu gestalten, dort zu verdichten, wo es nötig ist, zu dehnen, wo es geboten ist - auch mal zu verschwenden, wo man es sich erlauben kann." Das hat Weber kürzlich zu Papier gebracht, als eine Art Präambel seiner Überlegungen zum Umgang mit Lebenszeit.

"Zwei zu fünf" heißt seine Formel. Zwei Tage Erwerbsarbeit, fünf Tage für mich. Zwei Tage A. B. Weber, fünf Tage Armin Weber. Tage, an denen er liest, schreibt, denkt. Und auch am Schlagzeug sitzt - damit er dem Ideal der perfekten Beherrschung des Instruments wieder ein Stück näher rückt. Ob das im Café Keese irgendjemanden interessiert, ist ihm egal.

Die fünf "freien" Tage sind Armin Weber heilig. Deshalb nimmt er auch nicht mehr Schüler auf als die 30, die er hat. "Mit dem Unterricht könnte ich sehr viel mehr verdienen. Ich müsste die Schleuse nur aufmachen und die Zahl der Unterrichtstage verdoppeln." Er hätte dann mehr Geld, aber weniger Zeit.

Armin Weber plant seine Freiheit ähnlich streng durch wie A. B. Weber die Zeit für den Broterwerb. Die Zeit zum Üben am Schlagzeug etwa ist genau sequenziert. Schon Wochen im Voraus steht der größte Teil des "Übeplans" mit allen Lektionen fest.

Zum Weber'schen Reich der Freiheit gehört unbedingt auch die Kontemplation. Er befasst sich mit Musikgeschichte, Musikphilosophie und Musikästhetik. Er zitiert Heidegger und verfasst feinsinnige Texte für seine Website, von denen man, bevor man sie gelesen hat, nicht geglaubt hätte, dass man sie überhaupt schreiben kann.

Macht es einen Unterschied, fragt Weber, ob ein Schlagzeuger auf der Doppelbassdrum vier Schläge in der Fuß-Reihenfolge rechts-links-rechts-links trommelt oder rechts-rechts-links-links? In beiden Fällen hört es sich gleich an, nämlich bumm-bumm-bumm-bumm. Dem Zuhörer mag's egal sein, befindet Weber, aber dem Trommler nicht, denn "es fühlt sich verschieden an, differiert sozusagen in der inneren Wahrnehmung. Es geht darum, durch das bloße Können, die Fertigkeit als solche, neue Freiheiten zu erfahren." Man hört es und staunt.

Eine Frage noch: Was ist, wenn morgen der Tour-Manager von Grönemeyer oder Joe Cocker anruft, weil der etatmäßige Drummer sich zwei Wochen vor Tourneebeginn die Hand gebrochen hat? Und A. B. Weber ganz oben auf der Watchlist steht? Weber denkt keinen Moment nach. "Wenn der anruft, dann wäre ich hier aus dem Übungsraum schneller weg, als du das Licht ausschalten kannst. Da würd' ich keine Sekunde zögern. Das würd' ich durchziehen." Kurze Pause. "Weil ich es auch verdient hab', nach dieser langen Zeit." -