Partner von
Partner von

Bloggen, bis der Arzt kommt

Sich im Netz einen Namen zu machen ist eine Leistung. Und eine Gefahr: Blogs neigen dazu, ihre Macher aufzufressen.




- Zum Jahresende sollte man eigentlich den Schreibtisch aufräumen, Bilanz ziehen, Geschäftspartnern ein paar Dankeszeilen schreiben und sich entspannen. Es sei denn, man betreibt eines der meistgelesenen Internet-Tagebücher. Die Bestie will gefüttert werden, idealerweise rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Sonst sinken die Besucherzahlen und damit die Werbe-Einnahmen.

Für zwei prominente Blogger hatte dieser Dauer-Sprint Folgen. Marc Orchant, einer der führenden Köpfe des Netzwerks Blognation, erlitt Anfang Dezember 2007 mit 50 einen Herzinfarkt und starb eine Woche später. Tech-Blogger Om Malik (41) erlitt über die Weihnachtsfeiertage ebenfalls einen Infarkt. Während der Autor und Manager des nach ihm benannten Blog-Imperiums GigaOm eine Zwangspause einlegen musste, füllten sich dessen Seiten mit Hunderten Genesungswünschen.

Trotz der beiden Unglücksfälle fahren Maliks Kollegen weiter Vollgas, ohne groß über die Risiken und Nebenwirkungen der neuen Medienwelt nachzudenken, in der Sofort-Journalismus und unternehmerischer Erfolgsdruck das Privatleben weitgehend abgeschafft haben. Bei der dünnen Oberschicht sogenannter A-List Blogger, die Hunderttausende Leser haben und sogar Angestellte bezahlen können, verbinden sich professionelle Leidenschaft, überdimensionales Ego und Profitstreben zu einem explosiven Gemisch.

In einem seiner ersten Interviews nach dem Infarkt sagt Malik: "Leute im Silicon Valley sind stolz auf Stress. Es ist eine Art Macho-Test, wer am härtesten ist und 20-Stunden-Arbeitstage am längsten durchhält." Das müsse jeder mit sich selbst abmachen, denn: "Bloggen an sich bringt niemanden um. Als Blogger schaufelt man sich sein eigenes Grab."

Wer es als Blogger zur Marke gebracht hat, gibt ungern zu, dass er ausgebrannt ist und beim selbst angezettelten Wettlauf nicht mehr mithalten kann. Einer, der offen über sein Leben redet, ist Matt Marshall. Der ehemalige Reporter des "Wall Street Journal" machte sich 2007 mit einem Blog namens Venture Beat selbstständig, um den Strom der Deals von Hightech-Firmen so zeitnah wie möglich zu verfolgen. "Eigentlich ist das ein ziemlich miserables Leben, und ich habe nie zuvor härter gearbeitet", sagt er.

Der Druck auf die Ein-Mann-Nachrichtenagentur halte sieben Tage die Woche an, sagt Marshall. "Sobald ich mit dem Schreiben und Redigieren fertig bin, muss ich mich ums Geschäftliche kümmern. Selbst auf dem Laufband nehme ich mir etwas zum Lesen mit. Mein Privatleben habe ich auf Eis gelegt - eine Beziehung kann ich vergessen."

Wer seine Leser an der Ostküste sprich Wall Street - bei Laune halten will, muss frühmorgens Beiträge hochladen, am besten gegen drei Uhr kalifornischer Zeit, gefolgt von vielen Häppchen über den Tag verteilt. Viele bekannte Blogs setzen mehr auf Masse als auf Klasse. Bei einer Veranstaltung lehnte sich Michael Arrington, der Gründer des Marktführers TechCrunch, unlängst zu Marshall herüber und fragte ihn: "Du stellst am Wochenende nichts ins Web - welche Strategie steckt dahinter?" Der ehemalige Journalist war verblüfft: "Meine Strategie? Ich kann einfach nicht mehr! " Inzwischen hat Marshall drei Angestellte, die ihn entlasten sollen, aber sie können dem Blog-Betrieb nicht den Fluch des extrem Persönlichen nehmen. Das Medium lebt davon, dass sein Macher stets und ständig von sich hören lässt.

"Wenn Leute jeden Tag zu meiner Seite kommen und mir zehn Minuten ihrer Zeit schenken, muss ich ihnen sagen, wieso ich nichts schreibe", erklärt Malik seine Blog-Einträge vom Krankenbett aus. Selbst mit inzwischen 13 Angestellten sieht sich der Chef bemüßigt, regelmäßig in die Tasten zu greifen, um die Besucherzahlen hoch zu halten.

Nicht immer geht dieser Plan auf, wie der Fall von Blognation zeigt. Bis heute streiten sich die Gründer darum, wer und was das inzwischen geschlossene Blog-Netzwerk in den Ruin trieb. Oliver Starr, mit dem verstorbenen Marc Orchant einer der Gründer, macht wie viele andere Blogger seinen ehemaligen Boss Sam Sethi dafür verantwortlich. Der habe nicht die versprochenen Gelder eingeworben, um Betriebskosten und Honorare zu zahlen. "Monatelang kein Geld zu bekommen ist erheblicher Stress, einmal abgesehen von dem normalen Druck, ständig Meldungen als Erster zu haben", klagt Starr.

Sein Freund Orchant, erinnert sich Starr, habe für Blognation einen gut bezahlten Reporterjob aufgegeben und unter finanziellem Druck gestanden. "Als ich ihn kurz vor seinem Tod besuchte, war ich schockiert, wie er sich verändert hatte." Orchant sei bei Kleinigkeiten in die Luft gegangen, so sein Arbeitskollege. "Es würde zu weit gehen, zu behaupten, dass das Bloggen Marc getötet hat. Aber wir alle wissen, welche Folgen ständiger Stress für das Herz hat", sagt Starr, der seit Anfang 2006 professionell bloggt.

Er selbst schätzt, dass ihm Arringtons TechCrunch und Blognation weit mehr als 100 000 Dollar Honorar schulden. "Wenn ich nicht vorher als Risiko-Kapitalist gut verdient hätte, wäre ich bankrott. Andererseits kann ich nicht anders, ich muss bloggen. Wenn ich nicht wollte, dass möglichst viele Leute lesen, was ich zu sagen habe, würde ich ein Tagebuch führen."

Kritiker sehen genau in der Position als Allein-Unternehmer und Zeitzeuge das Problem. Der Engländer Andrew Keen, Journalist und Web-Unternehmer, ist heute einer der lautstärksten Blog-Gegner - auch wenn er sich ironischerweise selbst zur Ein-Mann-Marke stilisiert hat. Auf seiner Visitenkarte prangen ein Dreizack und der Titel "Antichrist von Silicon Valley". So sehen ihn auch viele der Top-Blogger, denn Keen verdammt sie in seinem Buch "The Cult of the Amateur" als Totengräber einer in gemeinsamen Erfahrungen verankerten Kultur. "Blogger sind ein typisches Beispiel für eine Revolution, die ihre Kinder frisst", sagt er. "Die Bewegung entstand aus zwei amerikanischen Traditionen - einerseits dem Wunsch, sich gegen jede Form von Autorität aufzulehnen, und andererseits aus dem fanatischen Glauben an den freien Markt." Die Folgen bekämen die Aufständischen jetzt zu spüren.

Der von "Wired"-Chefredakteur Chris Anderson beschworene "Long Tail" ist danach eine beinahe endlose Schleppe aus Millionen Blogs für persönliche Interessen und Vorlieben, die niemand liest außer den Autoren selbst. Der Kopf des Ganzen besteht aus ein paar Tausend Blogs, auf die der Rest der Online-Welt schielt und die so zum neuen Establishment geworden sind. "Wenn man die ganze Heuchelei über die Revolution des neuen Mediums Internet einmal abzieht", giftet Keen, "regiert die Blogger letztlich alle der Wunsch nach Einfluss und finanziellem Erfolg. Das zieht eine bestimmte Sorte Mensch an - besessen, getrieben und nie zufrieden." In Anlehnung an den übermenschlichen Helden der Arbeit aus besten Sowjet-Zeiten seien Blogger "die neue Stachanow-Bewegung". Mit einem Unterschied, so Keen: "Sie schuften sich zu Tode, aber in zehn Jahren redet kein Mensch mehr von ihnen." -

Das Blog-System Der Kopf: rund 2600 Blogs mit mehr als 1000 Verweisen auf sie.
Die magische Mitte: rund 400 000 Blogs mit mehr als 20 Verweisen.
Der lange Schwanz: rund 100 Millionen Blogs mit weniger als 20 Verweisen.
Besucherzahlen (im Dezember 2007): TechCrunch: 851 971
ReadWrite Web: 275 513
GigaOm: 197 182
VentureBeat: 153 580
Blognation: 88 176