Augenblicke der Freiheit

Manchmal sind Sekunden entscheidend: Ob ein Atomkraftwerk außer Kontrolle gerät. Ob ein Polizist auf einen Geiselnehmer schießt. Wer dann zögert, hat ein Problem. Und wer nicht zögert, erst recht.




"Wenn wir alle Handlungen unterließen, für die wir den Grund nicht kennen oder die wir nicht rechtfertigen können, wären wir wahrscheinlich bald tot."
Friedrich A. von Hayek

- Zögern kann tödlich sein. Wer sich nicht entscheiden kann, ob er die Autobahn verlassen oder lieber weiterfahren soll, riskiert bei Hochgeschwindigkeit eine fatale Kettenreaktion.

Nicht zu zögern kann erst recht tödlich sein. Weil die Techniker, die 1986 im Atomkraftwerk Tschernobyl Dienst hatten, unter Stress reagierten, nahmen sie sich nicht die Zeit, ein Messgerät abzulesen - es war ihnen zu weit entfernt angebracht. Weil die Notfallregeln es zuließen, konnte ein einzelner, ohne Kontrolle durch einen zweiten Techniker, die Reaktorschnellabschaltung auslösen. Es fehlte ein kurzer Moment zur Verständigung mit einem anderen Verantwortlichen. Der Techniker drückte im entscheidenden Augenblick den falschen Knopf. "Der Vorfall in Tschernobyl ist gut dokumentiert", sagt der Unfallforscher Rüdiger Trimpop über den GAU im ukrainischen Atomkraftwerk. "Dort war das notwendige Zögern nicht in den Ablauf integriert. In Tschernobyl ist vieles schiefgelaufen, weil intuitive Prozesse nicht eingeplant waren."

Je komplizierter Abläufe sind, desto anfälliger werden sie auch für Fehlentscheidungen, spontane wie panische. Wer sich ein Zögern erlaubt oder durch vorgeschriebene Abläufe dazu gezwungen wird, hat bessere Chancen, solche Fehler zu vermeiden. Was zwischen Wahrnehmung und Reaktion geschieht, ist ein komplizierter Prozess. Das meiste registrieren wir nicht einmal. Entscheidungen, mit denen wir unablässig auf die Außenwelt reagieren, finden größtenteils unterhalb der Bewusstseinsschwelle statt: vom Winkel, in dem wir etwa eine Flasche ansetzen, um ein Glas Mineralwasser einzuschenken, bis zum Wiedererkennen von Gesichtern und mehr oder weniger selbstverständlichen Grüßen oder Nicht-Grüßen. Komplizierter wird es, wenn diese Automatismen mit bewussten Denkprozessen kollidieren.

Genau das geschieht, wenn wir für einen Moment stocken. Plötzlich greift die vertraute Routine nicht. Ob das Zögern nur ein Schulterzucken bewirkt, eine notwendige Korrektur oder ein Desaster auslöst, erfährt man erst nachträglich.

Was auch immer auf dem Spiel steht: Der Wechsel vom Autopilot-Modus zum Innehalten und Neu-Denken lässt sich kaum für alle Eventualitäten verbindlich festlegen. Und was für die Achtsamkeit gegen Unfallgefahren im Alltag gilt, findet sich ähnlich auch beim Ablauf von Entscheidungen in Unternehmen. Menschen und Organisationen benötigen automatisierte Entscheidungsmuster, schon deswegen, um möglichst wenig Zeit, Nerven und Kraft an Routine zu verschwenden. Hauptsache, sie können die Routine bei Bedarf verlassen. Für Entscheidungsabläufe in Organisationen bedeutet das im besten Fall, dass etwas Wichtiges sichtbar wird: zusätzliche Optionen.

Weil das Zaudern im Wechsel zwischen unbewussten und bewussten Reaktionen kompliziert und wenig erforscht ist, sind Wissenschaftler vieler unterschiedlicher Fächer gefragt, um uns vor Augen zu führen, was geschieht, wenn wir zögern. Und was wir daraus lernen können. Das Schöne daran: Jeder blickt mit einer anderen Perspektive auf das Phänomen. Für den Kulturwissenschaftler Joseph Vogl bedeutet Zögern eine Zäsur, die Selbstverständliches infrage stellt. Für den Unfallforscher Rüdiger Trimpop ist es Risiko und Chance, während der Verhaltensforscher Gerd Gigerenzer im Zögern häufig ein Zeichen von Angst erkennt.

Intuition ist oft klüger als der Verstand

Gerd Gigerenzer ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit unbewusster Intelligenz, mit intuitiv erworbenem und eingesetztem Wissen. Der Psychologe gehört zur Elite seines Faches, seine Bücher sind in mehreren Ländern Bestseller geworden, auch weil er darin gängige Vorstellungen von rationalem Handeln und Entscheiden infrage stellt.

So vertritt er etwa die These, dass unsere Intuition oft klüger ist als unser Verstand. "Dass wir zögern, kann damit zusammenhängen, dass wir uns absichern wollen", sagt Gigerenzer. "Wenn zum Beispiel ein erfahrener Arzt auf den ersten Blick sieht, was das Problem des Patienten ist, sich aber absichern will, zum Beispiel gegen juristische Schwierigkeiten, macht er lieber noch ein Dutzend diagnostische Tests. Das kann Fehler produzieren. Wir leiden in vielen Entscheidungssituationen nicht an einem Mangel, sondern einem Überfluss an Information. Wir können nur eine begrenzte Anzahl an Informationen verarbeiten. Ein Experte zeichnet sich durch eine gute Intuition aus, die ihm sagt, welche Information er braucht und welche er ignorieren kann. Oft trifft man mit weniger Basis-Informationen bessere Entscheidungen als mit ausdifferenzierten Daten-Erhebungen. Das gilt besonders, wenn es Entscheidungen mit vielen Unbekannten sind, zum Beispiel bei der zukünftigen Wertentwicklung einer Immobilie."

Zögern wäre nach dieser Erklärung Ausdruck des Misstrauens gegen die eigene Intuition: nicht um neue Wege zu gehen, sondern um alle Eventualitäten zu kontrollieren. Weil Intuition aber vor Gericht oder in einer Vorstandssitzung nicht als überzeugendes Sachargument durchgeht, weil Entscheidungen nach objektiven, nachvollziehbaren Begründungen verlangen, wird die Intuition unter Datenbergen begraben. "Man will sich mit solchen Entscheidungen in erster Linie selber schützen", sagt Gigerenzer. "Das führt manchmal zu Entscheidungen, die für das Unternehmen oder den Patienten schlechter sind. Man trifft die sicherste, nicht die beste Entscheidung. Das kann ein Grund dafür sein, dass Familienunternehmen, in denen man sich nicht permanent gegenüber Aktionären, anderen Managern und Hierarchie-Ebenen rechtfertigen muss, oft erfolgreicher als große Konzerne sind. In diesen defensiven Kulturen, in denen es vor allem darum geht, sich unangreifbar zu machen, verlernen Entscheider, ihrer Intuition zu trauen."

Gigerenzer kennt viele andere Beispiele für das Zögern als Intuitions-Bremse. In einem Experiment wurde erfahrenen Handballern ein Top-Spiel auf dem Monitor vorgeführt. Ihre Aufgabe war, spontan zu sagen, sobald das Bild einfror, welche sie für die beste Option in der Situation hielten - beispielsweise nach links abzugeben oder aufs Tor zu werfen. Anschließend erhielten sie 45 Sekunden Bedenkzeit, um das Bild genau zu studieren, worauf sie in der Hälfte der Fälle ihr Urteil änderten: Je länger sie nachdachten, desto schlechter wurden ihre Entscheidungen. "Wer im Fußball das Elfmeterschießen trainiert, muss auf seine intuitive Intelligenz setzen und nicht versuchen, den Abschusswinkel zu berechnen", sagt Gigerenzer. "Ein guter Rat ist: Wenn du spürst, du wirst nervös, dann denk an dein kleines Kind, lauf los und schieß. Weg mit der Aufmerksamkeit. Dein Körper weiß, was er tut." Zögern lähme nur dieses im Körper gespeicherte Wissen.

Ähnliche Muster findet Gigerenzer überall: "Ein Pianist, der über jeden Fingersatz nachdenkt, ist verloren. Es gibt die Geschichte von dem kanadischen Pianisten Glenn Gould, der beim Proben einer Beethoven-Sonate immer an einer bestimmten Stelle scheiterte, sodass er jedes Mal schon zögerte, bevor er zu dieser Stelle kam. Das Zögern war die Antizipation des Scheiterns. Er hat Fernseher und Radio auf volle Lautstärke gedreht, den Staubsauger angestellt, alles, was Lärm machte, sodass er sein Spiel selbst nicht mehr hören konnte. Statt sich besonders zu konzentrieren, hat er die Aufmerksamkeit vom Spiel abgezogen und der intuitiven Intelligenz vertraut - dann ging es."

Sinnvolles Zögern erkennt der Verhaltensforscher vor allem, wenn es uns vor sinn- und nutzlosen Reflexen bewahrt - den Resten aus der Steinzeit gewissermaßen, die wir noch in unserem Instinkt-Haushalt mitschleppen. "Menschen tendieren dazu, vor Situationen Angst zu haben, bei denen sehr viele Menschen innerhalb kurzer Zeit umkommen, Flugzeugabstürze zum Beispiel. Aber der Berufsverkehr im Auto ist gefährlicher als jeder Interkontinentalflug. Ein anderes Beispiel sind die Ängste vor BSE oder der Vogelgrippe, als Massen von Geld verschwendet wurden, um Vorräte aller möglichen Medikamente anzulegen. Das sind vorgestellte Katastrophen. Da sind alte, evolutionär angelegte Mechanismen am Werk, die in der Evolution sinnvoll waren, heute aber nicht mehr. Wenn man diese Mechanismen kennt, kann man gegen den ursprünglichen Instinkt ankommen. Das Muster gilt auch an der Börse: Die große Angst geht da hin, mit einem Schlag sehr viel zu verlieren. Über einen langen Zeitraum Geld zu verlieren wird als nicht so tragisch empfunden. Die Hypothese zur Erklärung dieses alten Musters ist, dass in einer Zeit, in der Menschen in kleinen Gruppen lebten, der plötzliche Tod eines großen Teils der Gruppe das Überleben auch aller übrigen gefährdete. Die unmittelbare Bauchreaktion ist da. Die kann man auch nicht verhindern. Aber dann kann man sich überlegen, ob man wieder zum fremdgesteuerten Opfer werden will." Zögern hat hier die gleiche Funktion wie auch in Gigerenzers Beispielen: Es eröffnet dem Bewusstsein die Chance, automatisch ablaufende Reflexe zu korrigieren.

Suchlauf des Gefühls, in Zehntelsekunden

Den Kulturwissenschaftler Joseph Vogl hat das Phänomen des Zögerns so sehr fasziniert, dass er ihm im vorigen Jahr eine Vorlesungsreihe gewidmet und ein Buch darüber geschrieben hat. Sein Interesse ist weit von den Beobachtungen des Verhaltensforschers Gigerenzer entfernt. Was nicht nur daran liegt, dass der Psychologe vom Max-Planck-Institut den Alltag von Menschen untersucht, Vogl dagegen mit literarischen Texten arbeitet. Er lehrt an der Berliner Humboldt-Universität und ist als Permanent Visiting Professor regelmäßig an der Princeton University zu Gast. Ihn reizt das Zaudern als "aktive Geste des Befragens", als Moment, der scheinbar selbstverständliche Handlungsketten unterbricht.

"Das Zaudern", sagt Vogl, "wirkt als Zäsur, es eröffnet eine Zwischen-Zeit." In der kurzen Spanne zwischen Wahrnehmung und Reaktion werde so etwas wie ein Möglichkeitsraum erfahrbar: Die Reaktion ist offen; nicht alles muss zwangsläufig geschehen; plötzlich werden Optionen sichtbar. Während Vogl über diese Situation spricht, erscheint es einem, als wollte er zu Robert Musils berühmtem Satz hinführen: "Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben." Doch dem Kulturwissenschaftler kommt es auf die Zuspitzung seiner These an: "Im Zaudern, im Augenblick der Entscheidung, eröffnet sich ein Moment der Freiheit. Um Taten zu definieren, ist der Augenblick der Entscheidung, der Augenblick vielfältiger Optionen, zentral, sonst wäre es nur ein mechanisches Geschehen."

Das Beispiel, an dem Joseph Vogl den Moment des Zauderns gern beschreibt, ist eine Stelle in der "Orestie" des Aischylos, einer antiken Tragödie. Die Mutter Orestes hat ihren Mann, Orestes Vater, ermordet. Der Sohn muss den Vater rächen und seine Mutter töten. Als sie ihn um Gnade bittet, zögert er. Für einen Moment stockt nicht nur die Handlung. Für einen Augenblick ahnt man, dass die Tragödie nicht unausweichlich ihren Lauf nehmen muss - womit sie keine Tragödie mehr wäre. Orest wäre seiner Bestimmung entkommen. "Es hat sich ein Zwischenraum aufgetan, in dem die Tat kontingent, also weder notwendig noch unmöglich ist", interpretiert Vogl den Augenblick, in dem selbst eine Tragödienfigur kurz frei zu sein scheint.

Das Interessanteste an diesem Moment der Freiheit ist für Vogl nicht die Frage, wie man sich entscheidet, nicht einmal, ob man sich überhaupt entscheidet oder ob man das Zaudern ausdehnt wie Hamlet (was ihm bei Shakespeare bekanntlich nicht gut bekommt). Mindestens so interessant ist, dass im Zaudern die Kriterien, nach denen man seine Entscheidungen trifft, selbst zur Disposition stehen - sonst wüsste man, welche Wahl man zu treffen hat. "Es findet ein Suchlauf des Gefühls statt", sagt Vogl, "in dem die Kategorien, nach denen sich die Welt sortiert, zumindest fragwürdig geworden sind." Ein "radikales Zaudern" nennt er Situationen, in denen "das Tun wie dessen Weltbezug wenigstens für Augenblicke problematisch geworden ist". Im Zaudern, könnte man annehmen, geht es um alles - zum Beispiel um die Orientierung eines Menschen in der Welt.

Das Zaudern ist in Vogls Denkmodell zugleich der Augenblick, in dem Souveränität von den Routinen auf den Akteur übergeht. "Wie viele Ich-Anteile sind an Taten beteiligt?", fragt der Kulturwissenschaftler. "Wenn man sich genau prüft, stellt man fest, dass eigentlich wenig Ich nötig ist, um zu handeln. Man hat das am Straßenverkehr untersucht. Um ein Fahrzeug zu lenken, ist irrsinnig wenig Ich nötig. In komplexen Systemen, in denen wir leben, wird das Handeln vorstrukturiert. Man hat es immer nur mit einem bestimmten Set von Handlungsmöglichkeiten zu tun. Das ist eine große Entlastung von Ich-Funktionen. Das Zaudern wühlt all diese zuvor nicht beteiligten Ich-Anteile plötzlich auf." Deshalb hat Vogl das Zaudern in die Formel gegossen, es sei in Wirklichkeit "ein Rechercheprogramm für Individual-Reste in relativ weitläufig organisierten Handlungsmilieus" - der Augenblick der Wahrheit sozusagen. "In verregelten Organisationen vollziehen sich Handlungsabläufe unter geringer Beteiligung des Ich. In der Krise ist das Ich gefragt."

Wer solche Krisen nicht zulassen kann, hat ein Problem. Um es zu beschreiben, zitiert Vogl den Schweizer Psychiater und Freud-Zeitgenossen Eugen Bleuler. Nach Bleuler ist es eine Form von Wahnsinn, bestimmte Handlungsketten, Handlungsautomatismen und Reflexe nicht abstellen zu können. Die Souveränität des Ich besteht nämlich darin, automatisch ablaufende Handlungen zu unterbrechen. Vogls radikaler Rückschluss: "Entscheider in der Politik oder in Unternehmen, die nicht zaudern und automatische Abläufe nicht unterbrechen können, repräsentieren systemimmanenten Wahnsinn."

Die Stille vor dem Schuss

Rüdiger Trimpop, einer der renommiertesten deutschen Unfallforscher, hat eine ähnliche Definition für Wahnsinn: Er nennt sie "Tunnelblick". Seine Auseinandersetzung mit dem Phänomen ist handfester als bei dem Intuitionsforscher Gerd Gigerenzer oder dem Geisteswissenschaftler Joseph Vogl. Trimpop, Professor für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der Universität Jena, hat vor seiner Hochschul-Karriere als Berater gearbeitet und betreut noch heute Forschungsprojekte in Unternehmen. Der Pragmatiker nimmt seine Beispiele für notwendiges oder lebensgefährliches Zögern aus der Praxis: von einer Analyse der Katastrophe in Tschernobyl bis zur Nahkampfausbildung bei der Bundeswehr. "Es geht darum, sich davor zu schützen, nur als Reflex-Amöbe zu reagieren", sagt Trimpop über den Versuch, Momente des Zögerns in vorgeschriebene und trainierte Einsätze gezielt einzubauen. "Bei hochriskanten Prozessen, wie auf einem Flugzeugträger oder in einem AKW, müssen Kontrollmechanismen integriert sein, notwendige Zwischenschritte der Überprüfung. Der Moment der Verständigung sorgt für eine kleine Zäsur im Ablauf. Den gleichen Zweck hat bei der Polizei der vorgeschriebene Warnschuss in die Luft. Beim Einsatz der Waffe hält man den Finger nicht am Abzug, sondern an den Abzugsbügel daneben. Der Moment, den der Finger vom Bügel bis zum Abzug braucht, schafft eine Unterbrechung von zwei, drei Zehntelsekunden. Diese kurze Zäsur braucht man, um die Intuition wirksam werden zu lassen - zum Beispiel um zwischen Geisel und Geiselnehmer zu unterscheiden. Überlege ich zu lange, bin ich tot. Überlege ich gar nicht, ist die Geisel tot."

Solche extrem kleinen Zeitfenster sind die Ausnahme. Die meisten Entscheidungen müssen nicht in Sekundenbruchteilen fallen. Dennoch setzen Menschen sich oft unnötig unter Zeitdruck - unter anderem, so der Unfallforscher, "weil wir Ungewissheit nicht gut aushalten und diesen Zustand möglichst schnell beenden wollen". Das ist bequem. Und es ist gefährlich. "Aus der Stress- und Unfallforschung ist bekannt, dass Menschen in Entscheidungssituationen unter Zeitdruck eine Tunnelsicht entwickeln", sagt Trimpop. "Sie konzentrieren sich auf die primäre Aufgabe und blenden alles andere aus. In einem Simulations-Experiment hat man Fluglotsen massiv unter Stress gesetzt: Monitore sind ausgefallen, laute Störgeräusche kamen aus den Lautsprechern, der Chef kam schreiend herein. Das Flugzeug, für das die Lotsen jeweils verantwortlich waren, haben sie sicher zur Landung gebracht. Aber man konnte auf dem Bildschirm andere Flugzeuge kollidieren lassen - das haben sie nicht mal wahrgenommen. Die gesamte Energie, die gesamte Aufmerksamkeit ist auf die eine Aufgabe konzentriert, alles andere wird ausgeblendet. Und je komplexer eine Handlung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, sich auf das falsche Thema zu fokussieren."

Der Tunnelblick verdrängt die Chance, im entscheidenden Moment zu zögern. Wer nicht mehr wahrnimmt, was um ihn herum geschieht, kann nur noch das automatische Programm nutzen. Das wird gefährlich, wenn sich Bedingungen so verändern, dass die routinierten, gelernten Verhaltensmuster nicht mehr funktionieren. "Man hat in Simulatorstudien Autofahrer unter Stress gesetzt. Sie fahren immer noch sicher, aber sie sehen den Fahrradfahrer nicht, der in der falschen Richtung aus einer Einbahnstraße kommt", berichtet Trimpop. "Was nicht in unser Erwartungsmuster passt, wird nicht wahrgenommen. Ich erkenne die Gefahr überhaupt nicht, die in der komplexeren Situation steckt, und reagiere schematisch darauf."

Ähnliche Konsequenzen wie Stress und Zeitdruck könnten emotionale Konflikte, Überforderung und zu große Komplexität auslösen. Die Akteure würden zu "Reflex-Amöben", sagt Trimpop. Dabei könne man Alternativen üben. "Es gibt viele Trainings, die vollständig automatisiertes Handeln verhindern sollen. Die Leute lernen, im Ablauf einzuhalten und Denkpausen einzubauen. In diesen kurzen Pausen werden die intuitiven, unspezifischen Gefühle und Ideen wirksam, die oftmals wichtige Warnungen und Hinweise sind, aber sonst vom Handlungszwang überrollt werden. Aber die meisten Führungskräfte stehen unter dem Druck, möglichst schnell eine Lösung zu präsentieren. Und wenn der Druck nicht von außen kommt, machen sie ihn sich selbst."

Innehalten? Ist nicht. Dann eben systemimmanenter Wahnsinn. -

Literatur: Joseph Vogl: Über das Zaudern. Diaphanes Verlag 2007; 128 Seiten; 12 Euro Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen - Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. C. Bertelsmann 2007; 288 Seiten; 19,95 Euro