Schlaue denken wenig nach

Anstrengung muss sich auch fürs Oberstübchen lohnen, sagt Gerhard Roth. Ein Gespräch mit dem Hirnforscher über geistige Höchstleistungen und die Unmöglichkeit, Menschen mit logischen Argumenten zu motivieren.




Herr Roth, was sind Höchstleistungen für das Gehirn. Und was passiert dabei?

Höchstleistungen sind für das Gehirn das schnelle Lösen neuer und komplexer kognitiver, emotionaler und motorischer Probleme. Dafür müssen Netzwerke vornehmlich im oberen Stirnhirn, wir nennen es Arbeitsgedächtnis, aktiviert werden. So kann das Gehirn kurzfristige rationale Entscheidungen treffen, etwa ob ich teure, aber haltbare Schuhe kaufe oder wesentlich billigere, aber eben auch weniger haltbare. Oder ob ich darauf hoffe, dass der Spritpreis wieder sinkt, und ich den Tank jetzt nur halb fülle.

Wer macht dabei im Oberstübchen eigentlich was?

Die entsprechenden Netzwerke des Arbeitsgedächtnisses haben die Fähigkeit, sich sehr schnell umverknüpfen zu können - allerdings mit dem Nachteil, dass ihre Fassungskraft an Information gering ist. Da braucht es also noch etwas: Beim Problemlösen wird versucht, das Problem zu identifizieren, mögliche Lösungen auszurechnen und dann auf vorhandenes Expertenwissen zuzugreifen, das in anderen Teilen der Hirnrinde gespeichert ist.

Das Gehirn ordnet sich also vor jeder Problemlösung neu?

Das Arbeitsgedächtnis als sehr schneller Informationsverarbeiter fängt in der Tat immer von vorn an - es kann sich nur sehr kurzfristig etwas merken. Für die längerfristige Erfahrung gibt es andere Netzwerke in den übrigen Teilen des Gehirns - eben das Langzeitgedächtnis.

Intelligenz würde dann bedeuten, dass das jeweilige Gehirn diese Neuorganisation besonders gut und schnell zusammenbringt?

Sicher: Das beste Maß für die allgemeine Intelligenz ist die Verarbeitungsgeschwindigkeit und -kapazität des Arbeitsgedächtnisses. Intelligenz ist aber nicht gleich Leistung. Leistung hängt nur zu etwa einem Drittel von Intelligenz ab, andere wichtige Faktoren sind Motivation, Ausdauer und Fleiß und selbstverständlich Expertenwissen. Diese Faktoren können Defizite in der Intelligenz in Grenzen ersetzen. Es gibt einen positiven Zusammenhang zwischen Intelligenz und Motivation sowie zwischen Intelligenz und der Geschwindigkeit, mit der man Expertenwissen erwirbt. Die Sache ist nur die: Man kann hochintelligent sein, ohne motiviert zu sein - denn letztlich hängt das Lösen eines Problems auch von der Art des Problems ab und von der individuellen Belohnungserwartung.

Leistung muss sich also lohnen, sonst strengt das Gehirn sich erst gar nicht an. Wie werden Ausdauer, Fleiß, Motivation gesteuert?

Ausdauer, Fleiß und Motivation haben primär nichts mit dem Arbeitsgedächtnis zu tun, sondern mit limbischen Zentren außerhalb der Großhirnrinde, die für Emotionen und Motivation zuständig sind. Hierzu gehört der Mandelkern (Amygdala) und das mesolimbische System, die beide das gehirneigene Belohnungs-und Belohnungserwartungs-System darstellen und in denen auch das emotional-motivationale Erfahrungsgedächtnis sitzt. Diese Zentren beeinflussen über Stoffe wie Dopamin und endogene Opiate die Arbeitsweise unserer kognitiven und motorischen Gebiete in der Großhirnrinde.

Als Maß für Intelligenz ist allgemein der Intelligenz-Quotient anerkannt. Dieser IQ ist normalverteilt, der Mittelwert liegt per Definition bei 100. Ist der IQ-Test wirklich ein Mittel zur Messung der Intelligenz oder nur eine metrische Krücke, die man eingeführt hat, damit man einen Standard hat?

Intelligenz ist die allgemeine Fähigkeit zum Lösen neuer beziehungsweise neuartiger kognitiver Probleme unter Zeitdruck und wird üblicherweise über den IQ ausgedrückt. Wenn man in Illustrierten allerdings manchmal liest, es gäbe Menschen mit einem IQ über 180, kann man nur den Kopf schütteln, denn über 150 ist der IQ gar nicht mehr genau messbar. Die gängigen Intelligenz-Tests sind sehr bewährt und messen verlässlich die verschiedenen Komponenten von Intelligenz - allerdings nicht absolut, sondern immer nur im Vergleich zum Durchschnitt der Altersgruppe.

Wie viele Menschen sind überhaupt intelligent?

Psychologen und andere Intelligenzforscher definieren aufgrund der Begabungsstatistik, dass 68 Prozent der Bevölkerung mit einem IQ zwischen 85 und 115 normal intelligent sind, 14 Prozent mit einem IQ größer als 115 überdurchschnittlich begabt und ein Prozent mit einem IQ größer als 135 hochbegabt. Diese Definition ist plausibel, aber natürlich willkürlich wie jede Grenzziehung in einem Kontinuum.

Kann man Intelligenz trainieren?

Intelligenz ist das Persönlichkeitsmerkmal mit dem höchsten Grad an genetischer Determiniertheit - Schätzungen, die meist aufgrund von Untersuchungen an eineiigen Zwillingen gemacht wurden, liegen zwischen 50 und 70 Prozent, andere Persönlichkeitsmerkmale liegen zum Teil weit darunter und sind deshalb viel stärker umweltabhängig.

Man ist also schlau von Geburt an? Und kann am Pech, nicht die entsprechenden Gene mitbekommen zu haben, nichts ändern?

Was wir wissen, ist, dass alle anderen Faktoren, die eine Person kennzeichnen, leichter lernbar sind. Die Ausbildung der Intelligenz setzt eine normale kognitive Förderung durch die Umwelt voraus. Eine sehr gezielte Förderung kann, so nimmt man an, den IQ um zirka 10 bis 15 Prozent steigern. Wenn man nichts tut oder eine psychische Traumatisierung eintritt, kann der IQ auch um den gleichen Wert sinken. Das ist trotz der hohen genetischen Determiniertheit bemerkenswert. Es lohnt sich also doch, seine Intelligenz so gut wie möglich zu trainieren. Nur darf man nicht auf Wunder hoffen.

Aber es gibt doch zahlreiche Mittel und Methoden, die versprechen, zu höherer geistiger Leistung zu verhelfen. Ist das alles Humbug?

Wenn man sich die Arbeitsweise des Gehirns vor Augen führt, kann man sich die Antwort selbst geben. Es ist in seiner Kapazität zur Informationsverarbeitung notorisch begrenzt. Intelligente Menschen verfügen, genetisch bedingt, über die Fähigkeit, die Vorteile des Arbeitsgedächtnisses stärker zu nutzen. Wie machen sie das? Indem sie Wissensfragmente kreativ zusammenfügen. Dazu gehören alle mentalen Möglichkeiten der Kategorisierung, der Gruppierung aufgrund von Ähnlichkeiten, Eselsbrücken und Denk- und Gedächtnishilfen.

Ein geistiger Höchstleister hat also seine eigenen Tricks, sein Gehirn zu trainieren?

So ist es. Sinnvoll oder auffällig gruppiertes Wissen kann man besser behalten als ungeordnetes. Jenseits dieser Tricks ist das Arbeitsgedächtnis nicht zu verbessern, auch durch Drogen und Pillen nicht. Abgesehen vielleicht von einer kurzfristigen Steigerung der Aufmerksamkeit und Konzentration, für die man aber über Nebenwirkungen bezahlt. Natürlich arbeitet die Pharmaindustrie an denk- und gedächtnissteigernden Pillen, das wäre ein tolles Geschäft. Aber bisher ist der Erfolg ausgeblieben.

Ist die Gehirntätigkeit bei intelligenten Menschen höher als bei weniger intelligenten?

Das Gegenteil ist der Fall: Je weniger intelligent, je ungeübter und unwissender man ist, desto mehr muss das Gehirn sich anstrengen, und umgekehrt. Das hängt mit den neurobiologischen und stoffwechselphysiologischen Grundlagen des Denkens und Problemlösens zusammen: Je mehr wir uns geistig oder körperlich anstrengen müssen, desto mehr Zucker und Sauerstoff wird verbraucht.

Wer dauernd nachdenkt, ist nicht so schlau?

Ja, man muss es so sagen. Ein Intelligenter kriegt schneller Übung und fährt seine Hirnleistung auf Sparflamme, er macht es sozusagen mit links. Das kann man heute gut experimentell messen. Anders gesagt: Wer nicht so intelligent ist, muss mehr und mühsamer denken.

In unserer Kultur wird aber nach außen sichtbare Anstrengung sehr hoch geschätzt. Wenn jemand 14 Stunden im Büro sitzt, grübelt und nachdenkt, gilt das als Zeichen von Fleiß - aber eigentlich müssten wir die, die etwas leicht und schnell hinkriegen, viel mehr bewundern, oder?

Bewundern müssen wir die Hochbegabten nicht, denn sie haben ihr Talent sozusagen in die Wiege gelegt bekommen. Sie lernen müheloser und effektiver, und das beeindruckt. Es gibt aber auch für solche Menschen Dinge, die Höchstleistungen und viel Fleiß erfordern. Bewunderung verdienen andererseits auch Personen, die sich aufgrund geringerer Talente extrem anstrengen müssen, aber mit Fleiß und Ausdauer viel erreichen. Fleiß, Ausdauer und Motivation können Intelligenz zum beträchtlichen Teil ersetzen.

Sind intelligente Menschen auch kreativer?

Hohe Intelligenz ist nicht identisch mit hoher Kreativität, beide hängen aber rein empirisch miteinander zusammen, das heißt, hochintelligente Menschen sind auch meist überdurchschnittlich kreativ. Intelligenz und Kreativität aktivieren aber unterschiedliche Netzwerke im Stirnhirn, nämlich zum einen das bereits erwähnte bewusst und sequenziell funktionierende Arbeitsgedächtnis im oberen Stirnhirn, und zum anderen im unteren Stirnhirn angesiedelte Netzwerke, die halb bewusst beziehungsweise intuitiv und parallelverarbeitend funktionieren.

Wenn vor allem genetische Faktoren zählen, Trainings und Pillen wenig helfen, bleibt die persönliche Anstrengung. Wann ist aus der Sicht der Gehirnforschung jemand motiviert?

Motivation wird getrieben von der Belohnungserwartung, der allerdings irgendwann einmal auch tatsächlich eine Belohnung folgen muss. Die Arten der Belohnung, welche die Motivation bestimmen, können so verschieden sein, wie Menschen verschieden sind, aber im Gehirn haben sie, gleichgültig ob Geld, Erfolg, Lob, Sex oder Alkohol, alle dasselbe Ergebnis: den Ausstoß von endogenen Opiaten und anderen hirneigenen Stoffen wie Serotonin, die in uns psychisches Wohlbefinden vom ruhigen Glück bis hin zur Ekstase auslösen.

Wie kann ich mich selbst motivieren?

Wir verändern uns nur in dem Maße, in dem unser Gehirn bereit dazu ist, das heißt, sich irgendeine Art von Belohnung verspricht. Einer der größten Irrtümer in der Erziehung und der Personalführung ist es, zu glauben, Menschen würden ihr Verhalten dann ändern, wenn wir ihnen unsere logisch zwingenden Argumente nur hinreichend deutlich vermittelt haben. Dasselbe gilt für den Appell an die Einsicht. Das Gehirn fragt immer, bewusst oder unbewusst: "Was kriege ich dafür, dass ich mich ändere?", und wenn es darauf keine gute Antwort gibt, dann ändern sich Menschen eben nicht.

Mit Vernunft ist also nichts zu machen?

Nein. Dies widerspricht natürlich dem vorherrschenden Manage-ment-Alltag. Mitarbeiter werden als ausführende Organe ihrer Vorgesetzten angesehen - egal, ob deren Entscheidungen von den Mitarbeitern als motivierend angesehen werden oder nicht. Selbstmotivation funktioniert am besten, indem man sich konkrete Ziele setzt, die man in kleinen Schritten erreichen kann und für die man sich materiell belohnt. Sich für große und langfristige Ziele ohne konkrete Belohnung zu motivieren gelingt nur Menschen mit einer einseitig ausgerichteten Persönlichkeit, zu denen die sogenannten willensstarken Menschen gehören. Wer andere motivieren will, braucht eine gute Belohnungsstrategie. Die muss an die einzelne Person angepasst sein. Für den einen ist ein größerer Dienstwagen eine Motivation, für den anderen Lob und Anerkennung.

Das Problem ist auch, dass sich Belohnung bei ihrer Wiederholung erschöpft - man muss sich also immer etwas Neues einfallen lassen. Zudem ist eine erwartete Belohnung nur eine halbe Belohnung. Es muss einen Überraschungseffekt geben. Und überdies muss die Belohnung von der Person, die sie empfängt, als verdient empfunden werden. Übertreibung schadet ebenso wie Knauserigkeit. Ideal wäre es natürlich, wenn der zu Motivierende alles aus freien Stücken macht. Das klappt dann, wenn der Personalführer es fertigbringt, seine eigenen Motive zu denen seines Mitarbeiters zu machen.

Was hält eigentlich Menschen von geistigen Leistungen ab?

Das, was uns auch von körperlichen Anstrengungen abhält: Geistige Leistungen sind anstrengend. Die Ausbildung von Gewohnheiten und Routinen und das Festhalten an ihnen entlastet auch unser Gehirn, und dies ist ebenfalls eine starke Belohnung. Deshalb müssen die Belohnungsaussichten, die mit den Änderungen verbunden sind, größer sein als die Belohnungen, die man erwartet, wenn man weitermacht wie bisher.

Und Sie selbst? Wie hält sich ein Hirnforscher geistig auf Trab?

Das Beste ist, sich mit ganz verschiedenen Problemen und Problembereichen zu beschäftigen, sodass man immer geistig herausgefordert wird. Das habe ich selbst immer so gemacht, mich zum Beispiel gleichzeitig mit geistes- und naturwissenschaftlichen Fragen beschäftigt. Wichtig ist auch eine Mischung zwischen eher abstrakten und eher konkreten Problemen, zum Beispiel hochwissenschaftlichen Fragen und praktischer Laborarbeit. Die Kunst ist, solche deutlichen Herausforderungen nicht zum starken Stress werden zu lassen, der geistige Tätigkeit lähmt. Man muss die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit sowohl testen als auch respektieren. All das muss ergänzt werden durch körperliche und musische Aktivitäten, bei mir Sport zweimal die Woche sowie Musik - aktiv und passiv - zwei Stunden am Tag. Und interessante Gespräche mit Freunden. -

Gerhard Roth ist promovierter Philosoph, promovierter Biologe und lehrt seit 1976 als Professor für Verhaltensphysiologie an der Universität Bremen, wo er auch Direktor des Instituts für Hirnforschung ist. Literatur zum Thema: Gerhard Roth: Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten - Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern. Erschienen 2007 bei Klett-Cotta, 349 Seiten; 24,50 Euro