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Ist und Soll

Die Refa ist ein sehr deutscher Verein. Er kämpft seit mehr als 80 Jahren gegen das für ihn größte Übel in der Wirtschaft: Zeitverschwendung. Wozu das gut sein kann, zeigt der Überlebenskampf eines Fensterbaubetriebs in der Eifel.




"Was gut zu sein scheint, öfters narrt. Wer planvoll bessert, nützt und spart."
Aus einer Spruchsammlung für Refa-Leute aus dem Jahr 1940

Werner Pfeil kehrt gerade von einer Besprechung in seine Firma zurück und sagt halb schmunzelnd, halb besorgt: "Kunde droht mit Auftrag." Der 47-jährige Tischlermeister und Betriebswirt ist ein umgänglicher und offenherziger Mensch, der eigentlich Arzt werden wollte, bevor er sich vom Vater in die Pflicht nehmen ließ. Nun führt er den aus der Tischlerei seines Großvaters hervorgegangenen Betrieb in dritter Generation. Lange hatte der vor zwei Jahren unerwartet verstorbene Vater noch mitgemischt. "Zwischen uns hat es oft gescheppert", sagt Pfeil. "Aber das muss so sein." Seine aktuelle Sorge rührt daher, dass die Klaus Pfeil GmbH & Co KG mehr als ausgelastet ist. In diesem Jahr mussten Fenster aus Polen zugekauft werden, um die Nachfrage zu decken. Und jetzt auch noch der überraschende Auftrag eines Stammkunden, den man nicht enttäuschen will.

Pfeils Firma hat ihren Sitz in dem 500-Seelen-Ort Ripsdorf in der Eifel, rund 80 Kilometer südwestlich von Köln. Mit rund 100 Mitarbeitern ist sie der größte Arbeitgeber in dieser sanft hügeligen Gegend. Von der klassischen Bautischlerei haben sich die Pfeils auf die Fertigung und Montage von Kunststofffenstern für große Objekte wie Neubausiedlungen oder Bürokomplexe verlegt. Und sich im Laufe der Jahre über die Region hinaus einen guten Ruf erarbeitet. Obwohl das Geschäft brummt, klagt der Inhaber: "Der Markt ist mehr als kaputt." Seit dem Ende des Bau-Booms in Ostdeutschland Mitte der neunziger Jahre gebe es im Fensterbau Überkapazitäten. Zudem sei der Preiskampf bei diesem Produkt besonders hart, weil die Bauherren kein besonderes Augenmerk darauf legten: "Die investieren lieber in ein gutes Bad als in gute Fenster."

Werner Pfeil hat sich in diesen schwierigen Zeiten dank Qualität, Zuverlässigkeit und einem stabilen Netz von Stammkunden, darunter zwei Kölner Wohnungsbaugesellschaften, behauptet bis sein Unternehmen vor zwei Jahren vor dem Aus stand. Drei große Auftraggeber waren insolvent geworden und hätten ihn um ein Haar mit in den Abgrund gerissen. Die Hausbank forderte ihn ultimativ auf, eine Unternehmensberatung ins Haus zu holen. Glücklicherweise hatte Pfeil mit Andreas Dittmar ohnehin gerade einen Berater für einen kleineren Auftrag verpflichtet, den die Bank akzeptierte und mit dem er sich vorstellen konnte, weiter zu arbeiten. Längst sind die beiden per Du.

Dittmar, ein jovialer Endvierziger mit Kurzarmhemd, Krawatte und Dreitagebart, ist Berater, Dozent und Geschäftsführer des Refa-Verbandes für Arbeitsgestaltung, Betriebsorganisation und Unternehmensentwicklung Rheinland. Die Refa, 1924 von leitenden Angestellten großer Konzerne als Reichsausschuss für Arbeitszeitermittlung gegründet, ist die älteste und bedeutendste Organisation zur Effizienzsteigerung in Unternehmen. Sie war - in einer Zeit, als Leistung noch penibel messbar war - inspiriert von dem amerikanischen Arbeitsforscher Frederick Taylor, dem Vordenker der Fließbandarbeit. Und beschäftigte sich lange vor allem mit der Zeitmessung für Kalkulationen und Akkordarbeit.

Entsprechend unbeliebt waren die mit der Stoppuhr neben dem Fließband stehenden Refa-Männer bei den Arbeitern. Die Organisation entwickelte sich weiter und nahm die wesentlichen Strömungen aus Managementlehre und Arbeitswissenschaft auf. Dittmar betont denn auch, dass es ihm um Produktivitätssteigerung nicht zuletzt durch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen gehe. Arbeitgeber und Gewerkschaften sind in dem 50 000 Mitglieder zählenden Verband gleichberechtigt vertreten, und die Refa-Methoden werden von beiden Parteien anerkannt - was die Akzeptanz in den Betrieben erleichtert. Die Refa-Leute waren zu Hoch-Zeiten in sehr vielen Unternehmen fest etabliert, bis in den neunziger Jahren im Zuge der Lean-Management-Mode viele Abteilungen geschliffen wurden. Weshalb etliche Refa-Leute wie Dittmar heute freiberuflich als Berater arbeiten.

Ihm ist bewusst, dass heute in der Wirtschaft schwer messbare Leistungen wichtig sind: etwa der Geistesblitz des Konstrukteurs beim Blick aus dem Fenster. Deshalb konzentriert sich der handfeste Unternehmensberater auf die Prozesse, die ihm zugänglich sind. Er führt durch den Betrieb, als wäre es sein eigener, und erklärt, wie die Fensterproduktion funktioniert. Die angelieferten Kunststoffprofile werden mit Stahlarmierungen versehen, zugeschnitten, zu Fensterrahmen und Flügeln verschweißt und dann mit Beschlägen wie Schließmechanismen versehen. Eine Mischung aus maschineller Produktion und Handarbeit. Kaum ein Fenster, das die Fertigungshalle verlässt, gleicht dem anderen, weil es eine große Variation von Größen, Farben, Schall- und Isolierschutzgraden gibt. Beschäftigt werden hauptsächlich Tischler; Pfeil unterhält nicht zuletzt zur Ausbildung des Nachwuchses noch eine klassische Schreinerei - qualifizierte Arbeitskräfte von außerhalb sind kaum in die Eifel zu locken.

Ein Handwerksbetrieb lernt die industrielle Logik. Nicht ohne Mühe, aber ohne Alternative

Dittmars Kernidee war die Umstellung der Produktion auf sogenannte Fließfertigung. Maschinen und Arbeitsplätze wurden so angeordnet, dass die einzelnen Arbeitsschritte ineinander übergehen, also der Logik der Produktion folgen, und die Kapazitäten so besser ausgelastet wurden. Das brachte eine Produktivitätssteigerung um 25 Prozent. Er konnte vom Zweischicht- auf einen Einschichtbetrieb umstellen und trotzdem mehr produzieren. "Für mich war das unvorstellbar", sagt Werner Pfeil, der schon ein Jahr nach der großen Krise bei neun Millionen Euro Umsatz wieder schwarze Zahlen schrieb. Die Abschaffung der Spätschicht - die mittlerweile für einen kleinen Teil der Belegschaft wegen der guten Auftragslage wieder eingeführt wurde - verbucht Dittmar unter Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Außerdem wurden etliche Monteure entlassen, von denen die meisten bei Subunternehmen unterkamen, die Pfeil heute mit dem Einbau der Fenster beauftragt. Nur für komplizierte Fälle und Nacharbeiten hat man eine eigene Mannschaft im Unternehmen behalten. Das Ziel, die Jobs in der Eifel zu halten, verbindet Pfeil und Dittmar. Für den in der Gegend fest verwurzelten Unternehmer, der gern über das Wesen des Eifelers - "bedächtig und geradeheraus" - spricht, ist es nicht vorstellbar, seinen Betrieb zu verlagern. Deshalb muss er immer mehr aus seinem Unternehmen herausholen; der erreichte Produktivitätsfortschritt "wurde bereits vom Markt aufgefressen".

Es bleibt also allerhand zu tun für Dittmar, der den Betrieb seit drei Jahren begleitet. Damit die Refa-Idee der optimalen Betriebsorganisation auch Wurzeln schlägt, wurden Mitarbeiter an Schlüsselstellen des Betriebs in der Methode ausgebildet. Die Qualifizierung der bestehenden Belegschaft ist ganz im Sinne des Inhabers. "Mein Großvater hat immer gesagt: , Du musst mit den Mädchen tanzen, die auf dem Ball sind.'"

Konfliktfrei verlief die Ablösung der Handwerkstradition durch die industrielle Logik nicht, aber die existenzielle Krise, in der die Firma steckte, erleichterte den Veränderungsprozess. Axel Keul, der sich in seinen 34 Jahren bei Pfeil vom Tischlergesellen zum Bauleiter hochgearbeitet hat, sagt: "Alles ist stressiger geworden." Früher habe der Neubau eines Wohnblocks zwei Jahre gedauert, "heute wird er in neun Monaten hochgezogen". Der Termindruck sei groß und die Konkurrenz aus dem Ausland stark. "Wenn wir kommen, sitzen uns die folgenden Gewerke wie Innen- und Außenputz schon im Nacken. Und wir sind oft die Ersten auf der Baustelle, die deutsch sprechen."

Damit nicht die Konkurrenten aus Polen das Geschäft machen, soll demnächst der Maschinenpark erneuert werden - mit 450 000 Euro die größte Investition der Firmengeschichte. Außerdem soll auch die Verwaltung - "bei der man besonders betriebsblind ist" (Pfeil) - optimiert werden. Über beide Projekte machen sich zwei durch Dittmars Vermittlung in den Betrieb gekommene Studenten Gedanken und führen die Ergebnisse in einer Präsentation mit der sehr eigenen Refa-Sprache vor. Dabei geht es um das akribische Beobachten der Abläufe, das Aufspüren von Zeitverschwendung und den Vergleich von Ist- und Idealzustand.

So ist dem 28-jährigen angehenden Betriebwirt Jan Kranke bei seiner Analyse der Auftragsabwicklung ein zu hoher "Recherche-und Kommunikationsaufwand" zwischen Kalkulation und Bauleitung aufgefallen. Wenn die Bauleiter Material bestellen, müssen sie sich durch einen dicken Ordner ihrer Kollegen aus der Kalkulation wühlen. Zur Verbesserung schlägt der junge Mann im Nadelstreifensakko eine übersichtliche Bestellanweisung vor. Als weiteres Problem hat er "die personal- und zeitintensive Bewertung unfertiger Erzeugnisse" identifiziert. Einmal monatlich gehen der Chef und sein Steuerberater mit den Bauleitern die Lage auf den Baustellen durch. Wobei stets die Frage auftaucht, warum es da und dort nicht vorangegangen sei. Die Lösung könnte darin bestehen, dass die Monteure täglich per Handy Nachrichten über den Stand der Arbeiten und die Materialversorgung verschicken, die in einer Datenbank erfasst werden. Womit auch die ewige Frage zu beantworten wäre, "warum sich auf der einen Baustelle die Fenster stapeln, während sie auf der anderen fehlen". Werner Pfeil hört sich all das, was in seiner Firma nicht optimal läuft, mit Engelsgeduld an und wirft gelegentlich ein, dass sie derzeit tatsächlich viel "Troubleshooting" betrieben und Arbeit auf Zuruf verteilt werde: "Jupp, mach du mal!"

Das auch in der Fabrikation zu ändern, darum geht es dem angehenden Produktionstechniker Marco Könen. Der 25-jährige kräftige Mann mit dem Kinnbart hat penibel Zeiten erfasst, die Laufwege der Mitarbeiter gemessen und in einem "Spaghetti-Diagramm" - jeder Weg eine Linie - anschaulich dargestellt. Das zeigt: Der Fluss der Produktion lässt sich noch erheblich verbessern. Und mit dem neuen Maschinenpark ist eine weitere Leistungssteigerung um 30 Prozent drin.

Um die Mitarbeiter zu sensibilisieren, hat er in seiner Studie zudem "Die sieben Arten der Verschwendung" aufgelistet: vom Warten auf Material bis zur Nacharbeit wegen Fehlern. All das soll abgestellt, die Refa-Betriebsorganisation verinnerlicht werden. Am Ende seines Vortrags hat der Student noch ein Zitat von Angela Merkel parat, das den Soll-Ist-Vergleichen höheren Sinn verleiht. Sie antwortete einmal auf die Frage, welche Empfindungen Deutschland in ihr wecke: "Ich denke an dichte Fenster! Kein anderes Land kann so dichte und so schöne Fenster bauen." -