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Gammler 2.0

Interessante Formen der Leistungsverweigerung am Ende der Industriegesellschaft. "Wenn du liebst, was du tust, wirst du nie in deinem Leben arbeiten." Konfuzius




I 1967: Gammler

Die Deutschen sind stolz auf sich, damals, in den sechziger Jahren, denn sie haben viel geschafft: Sie haben Trümmer weggeräumt und Stadtteile wieder aufgebaut, in denen es nicht einmal mehr Ruinen gab, nur Schutt. In Hamburg konnte man nach dem Krieg vom Hauptbahnhof etliche Kilometer nach Osten sehen, über Geröllflächen, auf denen wenig mehr stand als ein paar Nissenhütten, Notunterkünfte aus Blech. 20 Jahre später rollen dort Kleinwagen über großzügige Trassen, vorbei an langen Reihen von Backsteinblöcken, in denen Ausgebombte und Flüchtlinge, Witwen und Waisen menschenwürdig leben können. Die Menschen haben Arbeit, die Wirtschaft wächst, abends geht man in die Kneipe oder ins Kino. Und da wagen es einige Langhaarige, diese Leistung, ja sogar die Arbeit an sich infrage zu stellen? Die sollen sich besser erst mal waschen, diese Gammler!

Sie haben lange Haare und sind schmutzig, tragen alte Bundeswehrparka, Hemden, Jeans und schlafen in muffigen Schlafsäcken in Parks oder Kneipen. Sie nennen sich Gammler und wirken auf den ersten Blick wie Penner, doch das sind sie nicht. Die jungen Leute, die sich in Frankfurt, München, Hamburg und Berlin in Kellerkneipen, an Bahnhöfen oder auf den zentralen Plätzen der Innenstädte herumdrücken, sind die ersten Nachkriegskinder, die ohne Elend aufgewachsen sind, denen die Welt offensteht. Doch was tun sie, statt ihre Chancen zu nutzen? Sie schlurfen ermattet über das Trottoir, betteln, hören laute Musik und wollen auf keinen Fall arbeiten. Sondern gammeln. Schlimm!

Natürlich sehen sich die Gammler selbst anders. Sie betrachten sich als europäische Version der amerikanischen Beatniks, zu deren Ikonen Dichter wie Allen Ginsberg und Jack Kerouac gehören. Wie die Beatniks vertreten sie eine Do-it-yourself-Philosophie, die auf dem Zen-Buddhismus gründet, der Einfachheit und die Hingabe an den Moment predigt. Wie ihre Vorbilder singen sie zur Wandergitarre, jobben nur, wenn es unbedingt nötig ist, und schreiben Gedichte. Wie ihre Vorbilder, die so oft die USA durchquert haben, reisen sie: Per Anhalter pendeln die Gammler zwischen London, Paris, Amsterdam, München und Hamburg (wo sie sich in dem Kellerlokal "Palette" treffen, das durch den gleichnamigen Roman von Hubert Fichte berühmt wird, und später im "Oblomow", benannt nach dem trägen Romanhelden).

Und trotzdem geht es vielen von ihnen nicht gut - genau wie ihren Vorbildern: 1961 legt der US-Psychologe Francis Rigney eine Studie über die Szene in San Francisco vor, in der er die Mehrheit der Beatniks als Drogensüchtige, Alkoholiker oder Menschen mit ernsten seelischen Störungen darstellt. Das ist nicht völlig falsch, selbst wenn man das rigide Menschenbild der Sechziger bedenkt - wie fast alle Subkulturen ist auch die Welt der selbst ernannten Poeten ein Auffangbecken für Verstörte. Was genauso auf die Gemeinde der Gammler zutrifft: Viele von ihnen wären in einem bürgerlichen Leben wohl verloren.

Die Gammler sind unorganisiert und deshalb schlecht zu zählen, doch es gibt Schätzungen: Mitte 1967 geht man von 100 000 Gammlern europaweit aus, davon 7000 in Deutschland. Es ist eine winzige Gruppe, die bei einer repräsentativen Umfrage des Instituts Allensbach im gleichen Jahr trotzdem 89 Prozent der Deutschen bekannt ist. Diese Popularität verdankt sie vor allem der "Bild"-Zeitung, die ihren Teil tut, um aus der Randerscheinung ein Problem zu machen. Folgerichtig verfolgt die Polizei die Jugendlichen, vertreibt sie oder verhaftet sie wegen Landstreicherei, bis kurz darauf ein gefährlicherer Feind auftaucht: die Studentenbewegung.

Aus heutiger Sicht ist die ungeheure Wut, die den Gammlern entgegenschlägt, erstaunlich: Es geht um ein paar Jugendliche, die niemanden stören, nichts verlangen und keinen bekehren. Sicher, es gibt politische Gammler, Provos genannt. Doch deren Forderungen nach dem Ende der Rassendiskriminierung in den USA, nach Sexualkunde und der Verkürzung (nicht Abschaffung! ) des Wehrdienstes erinnern eher an eine rührende Version der allgemeinen Menschenrechte als an eine Revolution. Im Zuge der Studentenunruhen gerät die Bewegung dann auch bald in Vergessenheit: Die politische Hälfte schlägt man den 68ern zu, die unpolitische den Hippies.

Doch das wird den Gammlern nicht gerecht, denn in einigen Punkten sind sie weit vorn: Sie wollen nicht die Gesellschaft verändern, sondern ihr Leben, und nehmen dafür viele Mühen in Kauf; sie produzieren Software (Kultur) statt Hardware; sie folgen keiner ideologischen, sondern einer spirituellen Philosophie, sind international vernetzt und für Außenseiter offen (im Gegensatz zu den legendär elitären Studenten). Keiner kann es damals wissen, aber: Das sind die Ideen für die Zukunft.

II 1978: Tunix

1977 schreibt der damalige Bundesminister für Forschung und Technologie, Hans Matthöfer, in seinem Buch "Humanisierung der Arbeit und Produktivität in der Industriegesellschaft": "Die Bundesrepublik ist ein an natürlichen Hilfsquellen armes Land. Ihre wirtschaftlichen Zukunftschancen hängen von der Leistungsfähigkeit und der Leistungsmotivation ihrer arbeitenden Menschen ab. Allein schon deshalb muss uns die Gefahr mit größter Sorge erfüllen, dass mit diesem Potenzial Raubbau getrieben wird." Die Formulierung ist ein wenig hölzern, der Hintergrund aber eindeutig: Rund 300 000 Menschen scheiden zu dieser Zeit in Deutschland jährlich aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus dem Arbeitsleben aus. Der SPD-Politiker denkt vor allem an die körperliche Belastung in Industriebetrieben, in denen im Zuge von "Rationalisierung, Automatisierung und Arbeitszeitverkürzung" (Matthöfer) die Arbeit verdichtet wird, sieht dabei aber nur das halbe Problem. In den USA ist man weiter: Aus dem 1974 erschienenen Buch "Labor and Monopoly Capital: The Degradation of Work in the Twentieth Century" von Harry Braverman (das 1977 unter dem Titel "Die Arbeit im modernen Produktionsprozess" in Deutschland erscheint), erfährt man, dass die Angestellten (white collar worker) inzwischen ebenso leiden wie die schuftenden Arbeiter (blue collar worker) - die Arbeit in den Büros ist zwar körperlich leichter, aber psychisch belastender. Eintönige Tätigkeiten, strenge Hierarchien, eine zunehmende Fragmentierung der Aufgaben und geringe persönliche Entscheidungsmöglichkeiten sorgen für ein heute allgemein bekanntes Problem: Stress. Das ist ein Hintergrund von Tunix.

Der Tunix-Kongress tagt vom 27. bis 29. Januar 1978 in der Technischen Universität Berlin. Zwischen 5000 und 20 000 Menschen (je nach dem, wem man glauben will) treffen sich zur bis dahin größten Versammlung autonomer Gruppen und Individuen. Das Themenspektrum ist weit gefächert. Eine Initiative stellt eine alternative Tageszeitung vor (die bis heute "Taz" heißt), Schwule fordern mehr Selbstbewusstsein (und veranstalten im folgenden Jahr den ersten deutschen Christopher-Street-Day), der Traum einer bundesweiten Öko-Partei wird diskutiert, diverse Anti-AKW-, Antipsychiatrie-, Bildungs- und Erziehungsgruppen stellen ihre Modelle vor. Und alle sind sich einig: Es muss etwas passieren.

Doch wo bleibt da das Nixtun? Immerhin endet der Aufruf zum Kongress so: "Wir lassen uns nicht mehr einmachen und kleinmachen und gleichmachen. Wir hauen alle ab! Zum Strand von Tunix." Doch vom trägen Strandleben ist nicht viel zu spüren. Im Gegenteil, neben den spektakulären Zukunftsprojekten stellen sich auch etliche alternative Unternehmen vor, Taxi-, Kneipen- und Handwerkskollektive, Druckereien, Läden, Verlage, winzige Manufakturen. Es ist der Anfang einer enormen Gründerwelle, die in den folgenden Jahren vor allem in Berlin, aber auch im übrigen Westdeutschland zu einem neuen Wirtschaftszweig führt: der Alternativ-Ökonomie. Aus ihr entwickelt sich die Öko-Branche von Lebensmitteln über Bau- und Energiewirtschaft bis zu Textilien, Spielzeug und Kosmetik, die Esoterik-Branche und nicht zuletzt ein gigantischer Dienstleistungssektor, der unter anderem große Teile der Kulturindustrie und das Wellness-Geschäft hervorbringt.

Denn der Begriff Tunix verspricht nicht das Ende der Arbeit. Er ist eine Kampfansage: Ich tu nix - für dich! Entscheidend am Aufruf ist nicht der Strand, sondern die industrielle Dreifaltigkeit, vor der man auf der Flucht ist - einmachen, kleinmachen, gleichmachen. Nach diesem Prinzip ist fast jede Arbeit organisiert, und um das zu ändern, braucht es keine genialen Manager, sondern eher geduldige Psychotherapeuten: Das Arbeitsleben ist wie der Wehrdienst pathologisch auf das Brechen des Individuums ausgerichtet. Ein Schreiner erzählt Mitte der achtziger Jahre in dem Buch "Immer diese Jugend", warum er sich selbstständig gemacht hat: "Die ganze Hierarchie von oben nach unten stinkt mir: Obermeister, Meister, Altgeselle, Geselle, Stift. Scheißegal, ob als Stift oder als Obermeister - so will ich nicht arbeiten. (...) Beim normalen Arbeiten wirste ruckzuck unheimlich klein gemahlen, ohne dass du's merkst. Du wirst von hinten bis vorne bevormundet, und irgendwann denkste halt, es is' eben so."

Das Problem ist lange bekannt. Schon Ende der Sechziger hatte sich im Rahmen der Apo auch eine Lehrlingsbewegung gegründet, die für eine bessere Ausbildung kämpfte. Doch die ging mit der Zeit spurlos in der DGB-Jugend auf.

An diesem Punkt macht die Alternativbewegung einen Unterschied: Sie will nicht die Welt ändern - sondern eine neue Welt aufbauen. Dafür wird sie natürlich von der dogmatischen Linken gehasst, die weiter wacker den Klassenkampf propagiert und die alternativen Aktiven für "Büttel des Kapitals" hält, doch die Kläffer sind das kleinere Problem. Schlimmer ist, dass der Tatendrang zwar groß, das Wissen aber oft klein ist. Unternehmen werden häufig mit wenig Kapital gegründet und überleben nur dank 70-Stunden-Wochen zu Löhnen auf Sozialhilfe-Niveau, die alternative Kleiderordnung und ihre Umgangsformen befremden potenzielle Kunden, und die Selbstverwaltung reibt die größten Idealisten in endlosen Diskussionen auf. Es ist ein Elend, selbst eine neue Art des Wirtschaftens zu erschaffen - aber es ist immer noch besser als die alte Arbeitswelt.

Mit der Zeit lernt man dazu: Betriebe im Besitz der Belegschaft werden zu Betrieben mit Belegschaftsbeteiligung, soziale Projekte verstehen, dass sie auch sozial sein können, wenn sie Gewinn machen, kleine Unternehmen vernetzen sich zu größeren Verbänden. Schließlich gelingt es vielen alternativen Gründern, von ihrer Arbeit gut zu leben, ohne sich verbiegen zu müssen. Denn darum geht es letztlich, diese Leistung verweigern sie: brav ein Rädchen im Getriebe zu werden. Und sie sind nicht die Letzten.

III 1995: Die neue Wirtschaft

Jede Leistung hat zwei Ebenen, eine faktische und eine symbolische. Die faktische ist simpel: Nach außen ist sie ein Produkt, ein Auto, eine Massage, ein Computerprogramm; nach innen ist sie ein Umsatz, dem im Idealfall (der gern mit dem Normalfall verwechselt wird) ein Gewinn folgt. Die symbolische Ebene ist schwieriger: Nach außen kann sie eine Marke sein, die bestimmte Werte transportiert, oder ein wichtiger Teil der Dienstleistung wie zum Beispiel das höfliche Auftreten des Masseurs.

Nach innen ist diese Leistung noch weniger offensichtlich. Alle Symbole, die einen Mitarbeiter sichtbar als Teil eines Unternehmens identifizieren, von der Uniform bis zu den offiziell zu vertretenden Worthülsen, sind als Teil des Produktes beziehungsweise der Marke immer auch nach außen gerichtet. Die einzige symbolische Leistung des Mitarbeiters, die ausschließlich nach innen gerichtet ist, ist die Einhaltung der Arbeitsorganisation, also ihre Entscheidungswege, Hierarchien, Arbeitszeiten, Kleiderordnung, und zwar unabhängig von deren Nutzen.

Die Folgen sind bekannt. Menschen simulieren Arbeit, weil man im Büro keine Pause machen darf, wenn nichts los ist. Entscheidungen werden spät oder unzureichend getroffen, weil die Entscheider überfordert sind, die Kompetenzträger aber nicht befugt, und wer aufsteigen will, trägt Krawatte. Das sind keine Marginalien: Bis zu 75 Prozent der Arbeitszeit wird mit schlecht organisierten Arbeitsabläufen, Formalien und Hierarchiekämpfen verschwendet, heißt es immer wieder in Studien, von denen jeder gehört hat (und die genauso gut urbane Medien-Legenden sein könnten, vielleicht sind es nur 50 Prozent oder gar 40, aber reicht das nicht?). Und natürlich bedauern Arbeitgeber wie Arbeitnehmer das Elend. Aber glaubt tatsächlich irgendwer, dass es diese Zustände gäbe, wenn nicht viele Menschen daran interessiert wären, dass es sie gibt? Dass es anders geht, zeigt Ende der neunziger Jahre die neue Wirtschaft.

Die Firmen heißen Razorfish, Brokat, Almado oder Mobile, und vieles an ihnen ist neu: ihr Marketing (spektakulär), ihr Arbeitsgebiet (meist das Internet), ihr Geschäftsmodell (so sie eines haben). Doch nichts ruft so viel Misstrauen hervor wie ihre Unternehmenskultur. Die flachen Hierarchien, das eigenständige Arbeiten, die Selbstverantwortung (und dass die Chefs und ihre wichtigen Angestellten sehr jung sind - eine neue Form der Nichteinhaltung des Dienstweges). Diese drei Bausteine sind der natürliche Feind des mittleren Managements, und so freut sich 2001 dessen bester Freund, das "Manager Magazin", als die Börsenblase endlich platzt. Unter dem Titel "Die Internet-Lüge" wird von einem fremden Kontinent berichtet: "Der Ton ist locker, jeder darf anziehen, was er will; statt Betriebsausflug mit Kegeltour wird eine Party gefeiert. Doch abseits solcher Folklore wandeln sich die Start-ups zu ganz normalen Firmen." Die Kultur ist Folklore, doch jetzt zieht endlich die Normalität ein, mit Vorgesetzten, die ihre ganze Kraft der Kontrolle von Menschen widmen, die ehrlich arbeiten. Wobei der Widerstand der Führungskräfte, die sich von der jungen, selbstständigen Mitarbeitergeneration bedroht fühlen, noch verständlich ist. Doch auch in der Angestelltenwelt rauscht es. Es wird von Ausbeutung gemunkelt, von schlimmen (weil flexiblen) Arbeitszeiten und Verantwortung für jeden. Kurz: von viel Arbeit.

Vergleicht man die neue Wirtschaft mit der Alternativ-Ökonomie sind die Unterschiede in den Unternehmenskulturen nicht groß. Selbstverantwortliches Arbeiten in flachen Hierarchien ist im Schreiner- oder Massage-Kollektiv ebenso üblich wie die Einbindung schwieriger, aber begabter Außenseiter, das Duzen und die freie Kleiderordnung (wobei man als Freak selbstverständlich keinen Anzug trägt und in der neuen Wirtschaft nicht das Selbstgestrickte). Und natürlich machen die Internet-Pioniere Fehler (wie ihre zotteligen Vorgänger), sodass sie irgendwann hektisch zurückrudern (jedenfalls zum Teil, einige Neuerungen gehören bald zum Alltag intelligenter Unternehmen).

Misstrauen erzeugen die flotten Macher aber weder durch ihre Erfolge noch durch Fehler, sondern vor allem, weil sie ihre Arbeitsform aus dem belächelten Vollkorn-Ghetto in einen Teil der Wirtschaft transportiert haben, in der ordentlich Geld verdient wird. Und da hilft ihnen auch nicht, dass sie richtig schuften, was immerhin noch als gesellschaftlicher Wert gilt. Denn sie verweigern etwas Wichtigeres als Arbeit: die Beihilfe zum Stillstand.

Das große Geheimnis unserer Zeit ist, dass die Zivilisation funktioniert hat und der Fortschritt tatsächlich existiert. Das Leben ist einfacher geworden, die Arbeit kann zunehmend von Maschinen erledigt werden, die Welt bietet mehr Möglichkeiten. Doch das Neue, und sei es noch so lange herbeigesehnt, ist immer ein Problem: Ansichten und Gewohnheiten zu ändern fällt den meisten Menschen schwerer als knochenhartes Rackern in der immer gleichen Mühle. Schon die Gammler beweisen, dass wir in einer Wohlstandsgesellschaft leben, in der man nicht mehr zwangläufig arbeiten muss, um durchzukommen. Die Alternativbewegung macht klar, dass man arbeiten kann, ohne sich den alten Industriestrukturen zu beugen. Und die neue Wirtschaft zeigt, dass es möglich ist, damit Geld zu verdienen. Das ist für die Mehrheit eine schlechte Nachricht. Führungskräfte wie Angestellte haben es zu dieser Zeit in der von Technik und Erfahrung verfeinerten alten Arbeitswelt relativ bequem, zumal der große Veränderer, die Globalisierung, noch nicht in den Köpfen angekommen ist. Sie wollen nicht wissen, dass es anders geht. Auch wenn die Stimmen um sie herum immer lauter werden.

IV Heute: The Idler

Wie hält man eigentlich einen Elfmeter? 2005 kommt der israelische Sportwissenschaftler Michael Bar-Eli zu einer interessanten Antwort: Die größte Chance hat ein Torwart, wenn er in der Mitte des Tores stehen bleibt, denn mehr als die Hälfte der Spieler schießen geradeaus. Die Torhüter wissen das auch, hechten aber trotzdem in den meisten Fällen in die Ecken - weil sie beobachtet werden. Wenn sie stehen bleiben und der Ball in eine Ecke geht, sehen sie dumm aus, doch wenn sie zur Seite springen und der Ball in der Mitte landet, hinterlassen sie zumindest den Eindruck, sich bemüht zu haben.

Anfang dieses Jahres wird in einem kleinen Artikel der französischen Bank Société Générale die Arbeit des Torwarts mit der Arbeit eines Fondsmanagers verglichen. Die Schlussfolgerung ist eindeutig. Auch Fondsmanager könnten oft bessere Ergebnisse erzielen, legten sie selektiv und langfristig an. Allerdings hätten sie dabei die meiste Zeit wenig zu tun, getreu dem Rat des Wirtschaftsnobelpreisträgers Paul Anthony Samuelson: "Investieren sollte langweilig sein, nicht aufregend. Als würde man Farbe beim Trocknen zusehen oder Gras beim Wachsen."

Die meisten Fondsmanager aber tun das Gegenteil: Sie folgen im Alltag jeder Bewegung des Marktes, um Aktivität zu zeigen -und verschlechtern damit häufig sogar ihre Erträge. Doch selbst wenn sie so viel erreichten wie ihre weniger aufgeregten Kollegen, arbeiteten sie unwirtschaftlich, da sie mehr Aufwand betreiben als nötig, also ineffizient sind. Das würde nur dann nicht gelten, wenn man von unendlichen Ressourcen ausginge, wie es für die frühe Industriegesellschaft galt. Damals gab es mehr Arbeiter als Arbeitsplätze, sodass es (zumindest aus betriebswirtschaftlicher Sicht) nichts machte, wenn die Arbeiter zügig verschlissen wurden. In einer Gesellschaft aber, in der es um Wissen, Erfahrung und Ideen geht, ist die Ressource Mensch begrenzt, und so ist es sinnvoll, sie zu schonen. Das beste Mittel dazu ist die Effizienz. Und ihr wackerster Vertreter ist zurzeit der Brite Tom Hodgkinson und sein Magazin "The Idler".

"The Idler" (der Müßiggänger) berät seit 1993 die Briten getreu seinem Untertitel "The Periodical of Easy Living" (Das Magazin des bequemen Lebens) umfassend in allen Lebensfragen. Erziehung? Lasst die Kinder ruhig machen, die brauchen Erfahrung, und den Eltern geht es damit auch besser. Umweltschutz? Erst durch Aktivität wird die Umwelt verschmutzt, also tut besser weniger. Sex? Weniger Aufregung und mehr Zeit können viele Probleme lösen. Überhaupt: die großen Probleme? Wenn Protest hülfe, gäbe es sie schon nicht mehr, also verbessert lieber euer Leben, dann wird auch die Welt besser. Passend dazu erfindet Hodgkinson 2006 ein Gegenstück zu all den Armuts-, Krankheits- und Elendsgedenktagen: den National Unawareness Day, an dem sich die Menschen keine großen Gedanken machen sollen, sondern lieber einen dünnen Band mit Gedichten lesen, über dem sie irgendwann einnicken.

Der Gedichtband ist nicht unwichtig, denn mit Müßiggang meint Hodgkinson nicht, stumpf in der Ecke zu liegen. Das Leben soll Freude machen, und dazu braucht man gute Bücher, schöne Musik, leckeren Tee und ein interessantes Hobby. Das schon mal aufwendiger sein kann: Angeln, Ukulele spielen oder Bier brauen gehört zu den einfachen Beschäftigungen, Gärtnern, ein Baumhaus bauen oder gar eine Jurte ist schwieriger. Um sich all dem ordentlich widmen zu können, braucht es natürlich viel Zeit, und so ist ein Ziel des Idlers, den Menschen auf der Flucht vor regelmäßiger Arbeit zu helfen. Klar, wer weniger arbeitet, hat weniger Geld, also muss man erst seine Schulden abbauen, und danach gilt: "Stop consuming, start producing." So kommt eins zum anderen, Klarheit trifft auf Effizienz, und am Ende liest sich "The Idler" wie eine halbjährlich erscheinende (häufiger wäre Arbeit) Gebrauchsanweisung für eine Freizeitgesellschaft, die intelligent genug ist, nicht in Dekadenz zu versinken.

Die Liste der Mitarbeiter ist erstaunlich exklusiv: Neben Hodgkinson, der mit "Anleitung zum Müßiggang" auch in Deutschland bekannt wurde, veröffentlichen im "The Idler" Künstler wie Damien Hirst und Bill Drummond (der Mann, der eine Million Pfund verbrannte, siehe brand eins 06/2001), Popstars wie Pete Doherty, britische TV-Stars wie Jonathan Ross und Louis Theroux, Wissenschaftler, Schriftsteller, Komiker und andere Prominente. Das Thema scheint besonders Menschen zu inspirieren, die sehr aktiv sind, und das liegt wohl kaum daran, dass sie gern fauler wären. Im Gegenteil, diese Leute verdienen zum Teil viel Geld mit Dingen, die ihnen wirklich Spaß machen, und so gehören sie zu den wenigen Menschen, die den Wert von Geld und den Wert einer erfreulichen Tätigkeit tatsächlich realistisch abwägen können.

Vor allem aber wissen sie, die von Ideen, Wissen und Erfahrungen leben, genau, woher dieser Grundstoff kommt: nicht vom Rackern zu vorgegebenen Zeiten an festgelegten Orten unter strenger Aufsicht, sondern in unbeobachteten Momenten, im Innehalten, in kleinen Pausen, kurz, im Müßiggang.

V Okay, was haben wir gelernt?

1. Wenn man rumhängt, ohne zu wissen, was man will, muss man eventuell in Kneipen unter dem Tisch übernachten und hat am nächsten Morgen Kopfschmerzen, ohne dass es sich vorher oder nachher gelohnt hätte.

2. Wer für wenig Geld 70 Stunden in der Woche arbeiten will, weil er an das Gute glaubt, sollte zumindest dafür sorgen, dass er hinterher nicht auch noch mit dem Kollektiv über den Abwaschplan diskutieren muss.

3. Wer mit seinen Freunden eine Firma gründet, in der alle dasselbe verdienen, sollte das keinem erzählen, der sich regelmäßig von seinem Chef kleinmachen lässt, weil der seine nächste Gehaltserhöhung bestimmt.

4. Wer gerade wie Damien Hirst einen mit Diamanten besetzten Schädel, dessen Produktion 14 Millionen Pfund kostete, für 50 Millionen Pfund verkauft hat, kann ganz entspannt ein obszönes Cover für die Sex-Ausgabe (Nummer 40) seines Lieblingsmagazins "The Idler" machen (siehe Foto auf S. 126).

Tom Hodgkinson schreibt in seiner "Anleitung zum Müßiggang": "Müßiggang bedeutet Freiheit, und damit meine ich nicht die Freiheit, zwischen McDonald's und Burger King, zwischen Volvo und Saab zu wählen. Ich meine die Freiheit, das Leben so zu führen, wie wir es wollen, frei von Vorgesetzten, Wochenlöhnen, Berufsverkehr, Konsum und Schulden. Müßiggang bedeutet Spaß, Vergnügen, Freude. Eine Revolution ist im Anmarsch, und das Tolle ist, dass ihr überhaupt nichts tun müsst, um euch anzuschließen. Seid einfach dabei, Freundinnen und Freunde der Freiheit. Es dürfte die lustigste Revolution werden, die die Welt je gesehen hat." -