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Die Preisfrage

Was leisten eigentlich Banker, Werber oder Künstler? Eine Umfrage.




Karen Heumann Strategie-Vorstand bei der Werbeagentur Jung von Matt

brand eins: Wie lässt sich die Leistung der Kreativen, die bei einer Werbeagentur arbeiten, messen?

Heumann: Häufig werden innerhalb der Branche die Auszeichnungen herangezogen, die ein Kreativer für seine Ideen bei wichtigen Wettbewerben gewonnen hat. Kreative Leistung besteht für uns aber vor allem darin, für oft ähnliche Produkte und Marken überraschende Werbekampagnen zu erfinden.

Stimmt für Ihre Branche die Formel: Mehr Leistung gleich mehr kommerzieller Erfolg?

Ich würde schon sagen, dass sie stimmt. Eine intelligente und ungewöhnliche Idee führt zu einer gelungenen Kampagne und damit auch zu kommerziellem Erfolg für den Kunden. Am Ende ist der Gradmesser für unsere Leistung das Geld, das der Kunde dadurch verdient.

Wie wichtig sind unkalkulierbare Faktoren wie Glück, Zufall oder die Vorlieben des Kunden?

Glück, Zufall, Stimmungen oder Eingebungen sind bei einer so magischen Sache wie Kreativität immer wichtig. Eine gute Idee ist nichts, das ausschließlich mit Disziplin erzwungen werden kann. Mut zum Unkonventionellen gehört dazu, und die Vorlieben des Kunden müssen den Erfolg nicht unbedingt mehren.

Gibt es den genialen Einfall als Geschenk eines Augenblicks - oder ist auch der nur die Folge harter Arbeit?

Dass schon auf dem Rückweg von einer Sitzung mit einem Kunden im Taxi die zündende Idee entsteht, ist ziemlich selten, aber es kann vorkommen. In den meisten Fällen müssen wir lange und hart nachdenken, um den entscheidenden Dreh zu finden. Wir haben natürlich alle unsere Rituale, um auf neue Ideen zu kommen. Und man entwickelt mit den Jahren ein Gefühl dafür, wo etwas drinsteckt und wo nicht. Letztlich ist es aber viel Arbeit - und oft entsteht die bessere Idee einfach deshalb, weil man nicht zu früh aufgegeben hat.

Kommt es vor, dass Sie viel Arbeitszeit und Energie in ein Projekt investieren und damit nur einen vergleichsweise geringen Erfolg erzielen?

Klar, das passiert oft. Etwa wenn wir uns mit einem ausgearbeiteten Konzept bei einem Neukunden bewerben: Wir haben uns eine packende Kampagne ausgedacht, eine kluge Strategie entwickelt - und am Ende kriegen wir den Auftrag doch nicht.

Können Sie solche Situationen verhindern oder gehören sie notwendigerweise zu Ihrer Arbeit?

Wir präsentieren uns nicht bei allen Ausschreibungen, zu denen wir eingeladen werden. Aber verhindern können wir solche Situationen nicht. Man braucht eine relativ hohe Frustrationstoleranz.

Empfinden Sie das Verhältnis zwischen Ihrer eigenen Leistung und Ihrem Erfolg als gerecht?

Es werden Hunderte von Ideen geboren, und wenn man Glück hat, kommt eine durch. Natürlich empfindet man das nicht immer als fair, aber so ist der Beruf. Finanziell muss man sagen, dass das Verhältnis zwischen Agenturleistung und Erfolg zunehmend kippt. Die Champagnerstimmung der achtziger Jahre, als sehr viel Geld in der Branche war, ist vorbei. Wenn man die Honorare auf Stundensätze herunterrechnet, ist Werbung beileibe keine Branche mehr, in der Geld leicht verdient wird.

Hans Lotter
Einer der beiden Deutschlandchefs der Investmentbank Rothschild

brand eins: Wie lässt sich die Leistung eines Investmentbankers messen?

Lotter: In meinem Fall zunächst einmal dadurch, dass Fusionen oder Übernahmen für Kunden zum Abschluss gebracht werden. Das ist wichtig, damit das eigene Unternehmen in den Branchen-Ranglisten gut dasteht. Die größte Leistung eines Investmentbankers ist es jedoch, dauerhafte Beziehungen und ein enges Vertrauensverhältnis zu den Klienten aufzubauen. Für dieses übergeordnete Ziel muss ich manchmal auf den kurzfristigen Erfolg verzichten und den Klienten von Transaktionen abraten, die sich aus meiner Sicht nicht für sie lohnen würden.

Was ist in Ihrem Beruf Leistung?

Leistung ist, den Klienten gut zu beraten und für ihn durch die eigene Tätigkeit einen Mehrwert zu schaffen, der weit über das bezahlte Honorar hinausgeht. Dazu gehört natürlich auch, rund um die Uhr verfügbar zu sein, ein erfolgreiches und tatkräftiges Team aufzubauen, zu führen und zu motivieren. Leistung im Unternehmen bedeutet darüber hinaus, mehrere komplexe Übernahmen und Fusionen gleichzeitig abzuwickeln.

Wie würden Sie in Ihrem Beruf das Verhältnis zwischen Leistung und Erfolg beschreiben?

Generell gilt in unserer Branche: Wer im oben definierten Sinne Leistung erbringt, wer hart und kontinuierlich arbeitet, der hat auch eine gute Chance, erfolgreich zu sein. Natürlich kann ein negatives Marktumfeld die Erfolgsaussichten verschlechtern. Unabhängig davon ist es auch jedem von uns schon einmal passiert, dass ein scheinbar sicherer Deal durch unkalkulierbare Einflüsse kurz vor der Vertragsunterzeichnung doch noch geplatzt ist. Daran kann manchmal auch harte Arbeit nichts ändern.

Kommt es vor, dass Sie viel Arbeitszeit und Energie in ein Projekt investieren und damit dann nur einen vergleichsweise geringen Erfolg erzielen?

Leider, so etwas kommt immer wieder vor. Zum Beispiel wenn wir einen Bieter, der ein Unternehmen kaufen möchte, über Monate beraten und dann in letzter Minute doch ein Konkurrent den Zuschlag erhält. Es ist in meinem Beruf jedoch sehr wichtig, so etwas wegzustecken und sich auf den nächsten Deal zu konzentrieren. Häufig sind solche Niederlagen die Basis für enge Kundenbeziehungen und künftige Erfolge.

Gibt es in Ihrer Branche den genialen Einfall als Geschenk eines Augenblicks - oder ist auch der nur die Folge harter Arbeit?

Es kommt vor, dass durch eine einzige gute Idee ein Mandat gewonnen wird. Aber damit fängt unsere Arbeit erst an. In der Regel sind die Situationen, vor denen wir stehen, zu komplex, als dass ein einziger genialer Einfall den Erfolg sichern könnte.

Empfinden Sie das Verhältnis zwischen Ihrer eigenen Leistung und Ihrem Erfolg in Ihrem Beruf als gerecht?

Ich überprüfe das für mich von Zeit zu Zeit. Denn wenn Leistung nicht mehr zu Erfolg führt, leidet die Motivation. Und dann kann man in diesem Beruf, der einem jeden Tag sehr viel abverlangt, nicht mehr gut sein.

Hans-Werner Kroesinger
Theater-Regisseur, inszeniert am Hebbel-Theater in Berlin, am Staatstheater Stuttgart und am Residenztheater München

brand eins: Was macht die künstlerische Leistung eines Schauspielers aus?

Kroesinger: Wenn ich ihm beim Denken auf der Bühne folgen kann, wenn er mich überrascht und mich anregt, dann lädt er mich und die Zuschauer zum Mit-Denken und Mit-Empfinden ein: Das ist seine Leistung.

Was muss ein Schauspieler mitbringen, damit Sie mit ihm arbeiten?

Seine Interessen sollten über sein Ego hinausgehen, er sollte neugierig auf die Welt und die Themen unseres Stückes sein.

Wie würden Sie in Ihrem Beruf das Verhältnis zwischen künstlerischer Leistung und Erfolg beschreiben?

Erfolg bedeutet für mich, für eine Arbeit, die mich interessiert, ausreichend bezahlt zu werden. Sie erlaubt es mir, Erfahrungen zu sammeln und diese Erfahrungen so aufzuarbeiten, dass sie für andere nützlich sind. Eine Theaterinszenierung wird vom Publikum gesehen und löst bei ihm Reaktionen aus. Jedoch muss ein persönlicher künstlerischer Erfolg nicht auch zwangsläufig ein Publikumserfolg sein.

Was ist in Ihrem Beruf Leistung?

Im Theater geht es darum, ein gemeinsames Interesse aller Beteiligen herzustellen. Leistung bedeutet, die Kreativität und Disziplin der Schauspieler, Ausstatter, Musiker, Dramaturgen und Assistenten zu aktivieren. Dieses Interesse sollte über das Premieredatum hinausgehen: Die beteiligten Künstler sollten Verantwortung für die Produktion übernehmen und unabhängig von meiner Präsenz weiter an der Vorstellung arbeiten. So schaffen wir auf der Bühne einen Raum, in dem die Auseinandersetzung mit dem Thema der Inszenierung für das Publikum fassbar wird.

Kommt es vor, dass Sie viel Arbeitszeit und Energie in ein Projekt investieren und damit nur einen vergleichsweise geringen Erfolg erzielen?

"Wieder scheitern, besser scheitern" - Samuel Becketts Satz stimmt nach wie vor. Wenn ich bei Beginn einer Arbeit gleich an die Resonanz beim Publikum, bei Kollegen und Kritikern denke, brauche ich gar nicht erst anzufangen.

Gibt es den genialen Einfall als Geschenk eines Augenblicks - oder ist auch der geniale Einfall Folge harter Arbeit?

Es gibt diese Geschenke des Augenblicks, aber ich bekomme sie erst nach 20 Jahren Arbeit in diesem Beruf. Man muss dafür in die Arbeit der Mitarbeiter vertrauen und genau beobachten, was bei den Proben zu einem Stück entsteht. Nur so entwickelt man die Fähigkeit, das Angebot eines Schauspielers anzunehmen. Aber man muss auch akzeptieren, dass man manchmal tagelang auf der Stelle tritt, bis dieser Moment sich einstellt. Die Erfolgsformel lautet: "Nicht in Panik geraten, wenn nichts passiert."

Empfinden Sie in Ihrem Beruf das Verhältnis zwischen Leistung und Erfolg als gerecht?

Ich habe im vergangenen Jahr ein Stück über den Völkermord der Türken an den Armeniern inszeniert: "History tilt". Darin sagt eine Schauspielerin an einer Stelle den Satz: "Das türkische Volk hat das nicht gewollt." Bei einer Vorstellung rief plötzlich ein Zuschauer: "Das ist nicht wahr! " Plötzlich war es totenstill im Theater. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit ging die Vorstellung weiter. Nach der Aufführung kam ein alter Mann zu mir und sagte: "Als ich diese Stimme hörte, war ich so froh - und dann erschrak ich, denn es war meine eigene. Ich wollte Ihre Vorstellung nicht stören, aber meine Toten sitzen unter meiner Haut, und da sprach es aus mir heraus." Die Aufführung hat etwas in ihm berührt, etwas ausgelöst. Vor einigen Tagen bekam ich von einem Festival eine Absage für dieses Stück mit der Begründung, man hätte sich lange mit der Aufführung beschäftigt, sie hätte die Jury sehr verunsichert, aber dann habe man sich doch für ästhetisch anspruchsvollere und innovativere Inszenierungen entschieden. Der Erfolg ist immer abhängig von den Bedürfnissen des Marktes.

Jan-Philipp Frühsorge
Galerist, Inhaber der Fruehsorge Galerie für Zeichnung, Berlin

brand eins: Wie lässt sich künstlerische Leistung und ihr kommerzielles Potenzial bewerten?

Frühsorge: Um künstlerische Leistung zu bewerten, sind Formeln komplett unbrauchbar. Materialaufwand, Zeit, intellektuelles Konzept - all diese Faktoren beschreiben ja nur den äußeren Rahmen, nicht den Kern der Arbeit.

Welche Leistung muss ein Künstler bieten, damit Sie sich entschließen, ihn zu vertreten?

Zuallererst müssen mich die Arbeiten in irgendeiner Weise packen und verführen. Es geht um Ernsthaftigkeit, Professionalität, Loyalität, eine genuine künstlerische Haltung und Intelligenz. Zur Professionalität gehört - da bin ich Protagonist des kommerziellen Systems Kunstmarkt - auch die Bereitschaft, auf diesem Terrain des Sichfeilbietens seriös mitzuspielen.

Wie würden Sie im Kunstmarkt das Verhältnis zwischen künstlerischer Leistung und kommerziellem Erfolg beschreiben?

Wir sind alle keine Hellseher. Zahlreiche vielversprechende Talente haben irgendwann das Handtuch geworfen und sind ausgestiegen. Es gibt aber auch Spätentwickler, deren Leistungen erst sehr viel später Anerkennung finden. Der Markt hat seine eigenen Kritierien, und es gibt etliche gut verdienende Maler und Bildhauer, die ich als Künstler nicht unbedingt ernst nehme. Anders gesagt: Es kursiert sehr viel hoch bezahlter Schrott in dieser Szene. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Künstler, die sehr hart arbeiten, von Museen und Kennern durchaus geschätzt werden, und trotzdem relativ bescheidene Preise erzielen.

Was ist in Ihrem Beruf Leistung?

Die Leistung besteht darin, möglichst über tagesaktuelle Moden hinaus, eine Öffentlichkeit für künstlerische Positionen herzustellen, die in der gegenwärtigen Ökonomie der Aufmerksamkeit sonst vielleicht unbeachtet blieben. Wir haben uns auf Zeichnungen spezialisiert und versuchen die Künstler an wichtige Sammlungen zu vermitteln. Im Idealfall können Künstler und Händler auch davon leben. Das heißt: Wir müssen uns auf dem Markt bewegen und dort mitspielen, ohne darin unterzugehen. Die Leistung kann sich in kommerziellem Erfolg niederschlagen, sie muss es aber nicht.

Kommt es vor, dass Sie viel Arbeitszeit und Energie in ein Projekt investieren und damit nur einen vergleichsweise geringen Erfolg erzielen?

Das kommt vor und lässt sich schwer vermeiden. Das Kunstgeschäft ist extrem kapitalintensiv. Aber nicht jede Investition, etwa eine kostspielige Messebeteiligung, rentiert sich unmittelbar. Man braucht einen langen Atem.

Wie wichtig sind unkalkulierbare Faktoren wie Glück, Zufall oder die Vorlieben eines Kunden?

Günstige Umstände können ab und zu ein kleines, bescheidenes Projekt fördern. Ein wichtiger Kurator oder Kritiker zur rechten Zeit in einer Ausstellung, ein paar Sammler - und schon ergeben sich aus einem unaufwendigen Projekt weitreichende Kontakte und gute Verkäufe. Aber selbst in kleineren Projekten steckt immer noch viel Arbeitszeit, die man besser nicht nach einem Stundenlohn berechnet.

Empfinden Sie das Verhältnis zwischen Ihrer Leistung und Ihrem Erfolg als gerecht?

Ob Gerechtigkeit hier die richtige Kategorie ist, weiß ich nicht. Die Umsatzrekorde auf dem zeitgenössischen Kunstmarkt und die Stilisierung von Künstlern, Sammlern und Galeristen zu Berühmtheiten verdecken die Wirklichkeit prekärer Verhältnisse. Die Spitze verdient außerordentlich gut, aber das Gros der Händler und Künstler kann sich schon freuen, wenn die Bilanzen halbwegs ausgeglichen sind. Zum finanziellen Erfolg, der sich in meiner Galerie langsam einstellt, kommt die Anerkennung von Kollegen und Leuten, deren Urteil mir wichtig ist. Der Impuls, weiterzumachen, speist sich vor allem daraus. -