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Vitasprint B12

Kaffee und Traubenzucker waren gestern. Heute hilft man sich mit "Vitasprint B12". Das Präparat ist vor allem eines: Ausdruck einer Gesellschaft im Hochleistungswahn.




- Gestern Abend zum Beispiel. "Du gefällst mir gar nicht gut", sagte diese Frau, eine wunderschöne, reife Frau mit langen schwarzen Haaren. Sie kam herein in ihrem Sommerkleid, warf den Schlüssel in eine Glasschale, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. "Du siehst abgespannt aus und erschöpft", hauchte sie dem Spiegel zu. "Was du brauchst, ist eine Kur." Und dann schrieb sie "Vitasprint" auf einen Notizblock, bis es roten Medizinsaft sprudelte und eine ferne Stimme sagte: "Das kann man sich selbst verschreiben." Als sei Erschöpfung in anstrengenden Zeiten nur eine Frage der Chemie.

Im Sport regen sich alle über Aufputschmittel und Doping auf. Doch die Hochleistungsgesellschaft ist nicht besser. Längst reichen Kaffee, Nikotin und Traubenzucker nicht mehr aus, um lange Nächte am Schreibtisch zu überstehen. Neue Mittel müssen her, um die eigene Leistung zu steigern. Immer länger werden die Regale für Vitamin-, Aufputsch- und Beruhigungsmittel in den Apotheken, Drogerien und Supermärkten.

Eines dieser Mittel hat einen genialen Namen: "Vitasprint B12." Es führt dem Körper hoch dosiertes Vitamin B zu und empfiehlt sich als "Formel für Fitness", "Die Fitnesskur!" und "Der Energie-Mix!" Es ist ein Accessoire für das Leben auf der Überholspur. Laut Eigenwerbung stärkt es "die physische und psychische Leistungsfähigkeit", "unterstützt die gesunde Nervenfunktion" und "erhöht die Belastbarkeit".

Für Produkte mit solchen Botschaften gibt es einen großen Markt. Vitasprint B12 ist nicht verschreibungspflichtig, und Ärzte setzen es bei der Behandlung von akutem Vitamin-Mangel im Alter und bei schweren Krankheiten ein. Doch schon lange findet es auch andere Nutzer: Die Erschöpften und Ausgebrannten in den Unternehmen dieser Republik schlucken den kleinen Helfer - es kann der Karriere nicht schaden, über ausreichend Vitamin B zu verfügen. Aber auch Sportler schwören auf das Mittel, Abiturienten ebenso wie Studenten und Außendienstler. Und selbst Schauspielerinnen wie Hannelore Elsner, die Frau, die sich im aktuellen Fernsehspot von Vitasprint B12 eine kleine Aufbaukur verordnet. Sie alle sehnen sich nach mehr Konzentrationsvermögen, mehr Ausgeglichenheit, mehr Gedächtnisleistung wenn es sein muss, eben aus der Apotheke.

Doping im Alltag. Die Popularität von Mitteln wie Vitasprint ist Ausdruck einer Gesellschaft im Hochleistungswahn. Der Pharma-Industrie kommt das gut zupass. Denn sie will sich das Milliardengeschäft mit den legalen Aufputschmitteln nicht entgehen lassen.

In Münster regnet es in Strömen. Die Büros der Whitehall-Much GmbH, einer Beteiligung des Pharma-Unternehmens Wyeth, sind in einem schmucklosen Zweckbau untergebracht, den man nur schwer findet. Der Aufzug bringt nur Besucher mit Einladung hinauf in den weißen Flur. Dort zeigt ein Fernseher Börsennachrichten. An den Wänden hängen Poster der wichtigsten Produkte des Hauses. Die Multivitamin-Packung Centrum ("Jeden Tag 100 Prozent"), das Beruhigungsmittel "Baldriparan" ("Stark für die Nacht"), die Kopfschmerztablette "Spalt", die früher mit dem Slogan "Schaltet den Schmerz ab: Schnell" beworben wurde. Und Vitasprint, natürlich.

"Jaaa, das sind Slogans, die man sich gut merken kann. Die setzen sich fest", sagt Michael Becker, Geschäftsführer von Whitehall-Much. Für das Gespräch über Vitasprint hat er sich Verstärkung mitgebracht: Silke Middendorf, eine Biochemikerin, und Daniela Kleiböhmer, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Die beiden kennen Gespräche wie dieses schon. Trotzdem lächeln sie - und reden mehr über Marketing als über Medizin. Gegen Ende dieses Termins werden sie alle zu den kleinen rosaroten Trinkfläschchen greifen, die neben die Kaffeetassen drapiert wurden. Sie werden dem Gast zuprosten, den Deckel abknibbeln, weißes Pulver in die Flüssigkeit schütten. Und den Saft wie Schnaps in sich hineinkippen. "Noch nicht probiert? Na, dann hinein damit! " So einfach ist das.

Aber so weit ist es noch nicht. "Der Slogan ist ganz entscheidend", sagt Becker. Er lässt auf einer Leinwand zwei ältere und den aktuellen Vitasprint-Werbespot abfahren. Der erste stammt aus dem Jahr 2001 und zeigt eine Weltraumrakete, die auf Knopfdruck in den Orbit schießt. Im zweiten, aus dem Jahr 2004, eiert ein Kreisel, der dank Vitasprint wieder seine Bahn findet. Der dritte ist der aktuelle Spot, um den sich Hannelore Elsner, jahrelanger Vitasprint-Junkie, persönlich bei Whitehall-Much bemüht haben soll. "Du gefällst mir gar nicht gut. Was du brauchst, ist eine Kur." Ein freundschaftlicher Rat.

Dieser Spot, sagt Becker, sei seit seiner Erstausstrahlung im Frühjahr 2007 besonders erfolgreich gewesen. Er lief zu Uhrzeiten, in denen die klassische Zielgruppe vor dem Fernseher saß: Rentner und Hausfrauen, kurz vor den "Heute"-Nachrichten. Dank Elsner sei es gelungen, den eigenen Marktanteil in der Sparte der Tonika, den Stärkungsmitteln aus der Apotheke, zu denen auch Doppelherz und Aktivanad zählen, weiter auszubauen - von 63 auf 70 Prozent.

Die Werbebotschaft des Filmchens ist simpel. Sie spricht die Ängste älterer Menschen an, die fürchten, mental abzubauen: Jung und geistig aktiv bleibt man nur mit Vitasprint. Damit man nicht den Eindruck gewinne, bei dem Präparat handle es sich um einen Rentner-Drink, vergisst Becker nicht darauf hinzuweisen, dass Vitasprint auch gern "in den Werbeagenturen" getrunken werde. Soll heißen: Auch junge modische Menschen schwören auf den roten Zaubertrank. Dabei könnten die Werber ebenso gut zu alten Hausfrauenrezepten greifen. Mit einem allmorgendlichen Happen herzhafter Leber ließe sich der Vitaminspeicher des Körpers auch auffüllen. Früher bekämpfte man auf solch rustikale Weise die Blutarmut. Heute nimmt man Vitasprint.

Vitamin B12, das sogenannte Cobalamin, ist an der Bildung roter Blutkörperchen im Körper beteiligt und kann beim Aufbau von Nervenzellen helfen. Es ist relativ einfach, dieses Vitamin über die Nahrung aufzunehmen. In tierischen Produkten wie Fleisch und Milch ist es normalerweise in ausreichender Menge vorhanden. Bei Stress, vegetarischer Ernährung, im Alter und bei Krankheiten wie der "perniziösen Anämie", so behauptet man bei Whitehall-Much, sei allerdings eine erhöhte Dosis von Vitamin B12 notwendig.

Ein legales Mittel für ehrgeizige Sportler und gestresste Büroarbeiter

Ein Fläschchen Vitasprint enthält 500 Mikrogramm Vitamin B12, synthetisch hergestellt in einer Fabrik in Italien. Das ist die vielfache Menge der empfohlenen Tagesdosis von ein bis drei Mikrogramm. "Die Dosierung ist unbedenklich. Das Vitamin ist wasserlöslich. Was der Körper nicht brauchen kann, scheidet er einfach wieder aus", sagt Becker, und seine Begleiterinnen nicken im Besprechungszimmer nahezu synchron. Die drei loben auch den Phosphonoserin- und Glutamin-Anteil des Präparats, weil der Glutamin-Verbrauch beim Menschen nun einmal bei erhöhter Gehirnaktivität steige. Und da kann es doch nicht schaden, ein wenig nachzuhelfen. Doch schon wieder kommen die drei auf die Werbung zu sprechen.

Denn Werbung für Vitasprint war früher kaum nötig. Der rote Saft wurde seit Mitte der siebziger Jahre von verschiedenen Pharmafirmen nacheinander vertrieben, über Pharma-Vertreter beworben, von Ärzten verordnet und von den Krankenkassen sogar erstattet. Erst als um die Jahrtausendwende die Welle der Gesundheitsreformen losbrach und die Kassen Mittel wie Vitasprint nicht mehr bezahlten, fand sich das seit Jahrzehnten etablierte Produkt auf einmal im Wettbewerb um die besten Plätze in den Apotheken wieder - das war Fluch und Chance zugleich.

Um den Kampf um die Regalplätze aufnehmen zu können, stellte man Mitarbeiterinnen wie Silke Middendorf ein. Als Wissenschaftlerin arbeitete sie nach ihrer Promotion zunächst als Pharma-Vertreterin. "Ich half ab 2001 dabei, Vitasprint im Over-The-Counter-Bereich zu etablieren", sagt sie. "Denn wir mussten versuchen, unser Produkt in die Vitrinen zu bekommen. Möglichst weit nach vorne."

Schwierig war das nicht. Die Apotheker leisteten keinen Widerstand. Schon allein deshalb nicht, weil Whitehall-Much die Preise frei kalkuliert und die Gewinnspanne bei rezeptfreien Produkten so hoch ist, dass Apotheker bereitwillig die schönsten Auslagen dafür frei räumen.

Außerdem hatte Vitasprint einen guten Ruf. Diejenigen, die das Präparat zuvor medizinisch verordnet bekommen hatten, griffen auch weiterhin zu. Becker und seine Kolleginnen verweisen zudem gern auf Studien, in denen die anregende Wirkung nachgewiesen worden sei. So stellte man 1970 und 1971 in Italien fest, dass die Einnahme von Vitasprint dazu führen könnte, "die psychische Ermüdbarkeit der Arbeiter zu vermindern" und "eine entgleiste Stoffwechselsituation zu korrigieren". Auch in Tierversuchen soll das Präparat ausprobiert worden sein, Studien "an 106 Schulkindern" seien vorgenommen worden. Zudem sei es an Personen mit "Voralterungserscheinungen" verabreicht worden, und Eiskunstläufer wussten von einer "gesteigerten Harmonie der Bewegungen" zu berichten.

Überhaupt, der Sport. Der Essener Mediziner Klaus Thiemer will einer der ersten Ärzte gewesen sein, der die Einnahme von Vitasprint bei Wettkämpfen empfohlen hatte. "Als verantwortlicher Arzt für die deutsche Handball-Nationalmannschaft", schrieb Thiemer 1986 in der Zeitschrift "Die Heilkunst", "stieß ich bei der Vorbereitung der Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles auf das Präparat Vitasprint B12, das bereits in einigen anderen Sportarten zur Verbesserung der Konzentration und Leistungsfähigkeit eingesetzt wurde." Er habe den Spielern täglich das Mittel gegeben und am Spieltag "nochmals jeweils ein Fläschchen" gereicht. Die Handballer hätten schließlich selbst nach Vitasprint gefragt. Sie hatten den "Eindruck, dass sich ihre Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit durch die Einnahme deutlich steigern ließ".

Nach und nach wurde Vitasprint zum legalen Doping-Mittel in vielen Sportarten. Bei Amateuren und bei Profis ist die Hemmschwelle gering, den eigenen Körper mit chemischen Mitteln zu optimieren. Thiemer sagt noch heute, was auf der Vitasprint-Seite im Internet ebenfalls gesondert hervorgehoben wird: "Vitasprint gehört zu den wenigen Mitteln, die im Sport noch zulässig sind." Und in Büros werden gestresste Mitarbeiter sowieso nicht zur Doping-Kontrolle gerufen.

Dabei ist die Wirkung von Vitasprint nicht für alle Mediziner ausgemachte Sache. Viele raten zur Vitasprint-Einnahme grundsätzlich nur auf ärztlichen Rat. Bei gesunden Menschen vermuten sie allenfalls eine Placebo-Wirkung.

Das Trio im Besprechungszimmer von Whitehall-Much in Münster ist noch immer bei der Werbung. Es ist die Rede vom Absatz und von den Zielgruppen. Da Vitasprint unter Senioren bereits etabliert sei, versuche man nun eine neue Zielgruppe zu erschließen: die Jüngeren. In einer Broschüre wollen die Vita-sprint-Strategen bereits gehetzte Schulkinder ab zwölf Jahren anfixen.

Und spätestens hier beginnt das Problem. Einerseits hat der Geschäftsführer Michael Becker recht, wenn er Wert darauf legt, dass Vitasprint ein Arzneimittel mit dokumentierter Wirkung sei, das es nur in der Apotheke gebe. Andererseits verordnen sich die Kunden den roten Zaubertrank selbst und dosieren ihn nach Lust und Laune. Damit lässt sich Vitasprint kaum mehr unterscheiden von den unzähligen Nahrungsergänzungsmitteln und Vitamin-Präparaten, die es überall zu kaufen gibt. Wie Junkies zum Dealer zieht es die Kunden in die Drogerien, Supermärkte und Apotheken - immer getrieben von der Illusion, dass ihr Leben mit Aufputschmitteln schneller und damit selbst das Alter einfacher würde.

So gesehen, ist der Unterschied zwischen Multivitamin-Säften, Ginseng-Präparaten, Arzneimitteln wie Vitasprint, Potenzmitteln wie Viagra und rezeptpflichtigen Stimmungsaufhellern nur minimal.

"Wir halten es für bedenklich, dass knapp 80 Prozent der 15-Jährigen zu derartigen Präparaten greifen, ob es sich nun um Sportgetränke oder Vitamintabletten handelt", sagt der Ernährungswissenschaftler Hans Braun vom Institut für Biochemie der Deutschen Sporthochschule in Köln. Er ist Fachmann für Sporternährung und kommt gerade aus einer Besprechung mit Mitgliedern des Olympiakaders. "Diese Bedenken haben wir schon aus einem ganz simplen Grund: Nur jeder fünfte der jungen Sportler hat sich jemals in Sachen Ernährung professionell beraten lassen."

Auch Braun weiß, dass Vitasprint im Spitzensport und Management seit Langem etabliert ist. Er weiß auch, dass sich die verabreichte Dosis innerhalb des "tolerierbaren Einnahmeniveaus" bewegt. Und dennoch rät er zum umsichtigen Einsatz dieses Mittels, sofern der Bedarf nicht tatsächlich durch medizinische Untersuchungen nachgewiesen wurde. Er empfiehlt außerdem, drängenden Eltern und Trainern zu widerstehen und Werbebotschaften zu misstrauen. "Ich will gar nicht sagen, dass diese Präparate falsch sind oder nicht wirken. Das Motto aber darf nicht 'Viel hilft viel' heißen. Alle großen Sport-Institutionen raten dazu, sich endlich besser um die eigene Ernährung zu kümmern."

Beim schnellen Mittagessen in der Kantine oder am Imbiss und beim stressigen Büroalltag haben viele Menschen das Gefühl, dass sie ungesünder leben, als es ratsam wäre - und suchen nach Ergänzungsstoffen. Wenn dann auch noch erfolgreiche Sportler oder angesehene Persönlichkeiten für diese Produkte werben, greift man möglicherweise schneller zu, warnt Braun.

Ähnlich argumentiert auch die frühere Spitzensportlerin Ulrike Spitz. Sie ist stellvertretende Geschäftsführerin der Nationalen Anti-Doping Agentur Nada. Von Doping, sagt sie zwar, dürfe man eigentlich nur im Sport reden. Denn dort gibt es anders als in anderen gesellschaftlichen Sphären - ein Regelwerk, das die Grenzen des Gesunden und Erlaubten zu definieren versucht, die Einnahme unerlaubter Mittel als Betrugsfall einstuft: "Von Alltags-Doping zu reden ist also falsch. Und noch spritzt sich ja niemand Epo vor einer Klassenarbeit."

Aber "natürlich", sagt auch sie, werde durch das Doping im Spitzensport, durch die Mund-zu-Mund-Propaganda in den Fitnessclubs und das ausladende Angebot der Apotheken, Drogerien und Supermärkte "eine bedenkliche Mentalität" vermittelt, die das althergebrachte und sehr menschliche Verlangen, sich bessere Ausgangsmöglichkeiten für Wettbewerbe jeder Art zu verschaffen, stärker als je zuvor herausfordere. "Entweder ist der Druck groß, zu einer Leistungselite zählen zu wollen, obwohl das eigene Leistungsvermögen einfach nicht mehr hergibt. Oder man ist so an Zusätze gewöhnt, dass man ohne diese Dinge nicht mehr auszukommen meint." Niemand gibt gern zu, unvollkommen zu sein.

Der unkritische Griff zu allerlei unbedenklichen Präparaten, sagt Ulrike Spitz, sei oft nur der erste Schritt hin zum Einsatz gefährlicherer Mittel. Es entsteht ein Teufelskreis, der im Grunde schon dort beginnt, wo Freizeit-Radrennfahrer vor dem Start Aspirin schlucken, um die Schmerzen in den Beinen möglichst nicht zu spüren. Mit einem Wundermittel ließe sich das Vertrauen in die eigene Leistung eben leichter herstellen als mit verstärktem, aber anstrengendem Training. Eine Alternative zu chemischen Säften und Pillen wäre es, die eigene Ernährung umzustellen, was ungeahnte Kräfte wecken könnte. Ulrike Spitz schwört im Frustfall auf eine Mischung aus Orangen-, Zitronen-und Rote-Bete-Saft. Obwohl sie Rote Bete eigentlich nicht mag.

Vitamine sind ein großes Geschäft – obwohl die Deutschen ausreichend damit versorgt sind

In Münster redet man über diese Dinge nur leise. Das Image der Nahrungsergänzungsmittel, sagen Becker und seine Begleiterinnen, sei gelegentlich "schon ein Problem" für den Verkauf von Vitasprint B12. Damit ist nicht nur der Skandal um den selbst ernannten Vitaminguru Matthias Rath gemeint, dessen Produkte als Heilmittel sogar gegen Aids und Krebs angepriesen wurden. Vielmehr ist das Image der schätzungsweise 300 Produkte der gesamten Branche ramponiert. Seit im Frühjahr dieses Jahres eine dänische Meta-Studie mit 230 000 Probanden die vorsorgliche Einnahme von Vitamin A, E und Beta-Carotin scharf kritisierte, ist der Absatz solcher Mittel in Supermärkten und Drogerien merklich zurückgegangen.

Doch wirklich angesprochen fühlt man sich davon in Münster nicht. Vitasprint spiele in einer anderen Liga, sagt Becker. "Das hier ist nicht die x-te Brausetablette. Und wir sind auch kein x-beliebiges Garagenunternehmen, das Chemikalien mal eben zusammenmischt." Und dann kommt der erwähnte Moment, in dem er im Besprechungsraum einen Schluck Vitasprint anbietet: "Noch nicht probiert? Na, dann hinein damit! " Probieren kann man's ja mal, soll das heißen. Eine 30-Tage-Packung für den Besucher hat Becker ebenso zurechtgelegt wie die weichen Worte, mit denen alle Bedenken zerstreut werden sollen.

Wäre die Einnahme bedenklich oder mit starken Nebenwirkungen verbunden, schwört das Trio, hätte man keine Zulassung für das Produkt erhalten. Wäre der Stoff wirkungslos, hätte sich die zwischen 30 und 50 Euro teure Kurpackung nicht über Jahre im Verkauf bewährt. Die neue "Health-Claim-Verordnung" der Europäischen Union, die gesundheitsbezogene Werbeaussagen stärker als bislang einschränkt, bereite den Vitasprint-Herstellern keine Probleme. Und es stehe ja außer Frage, dass zumindest Vegetarier, Senioren und Magen-Darm-Patienten unter einem B12-Mangel leiden können, der auf natürlichem Wege nicht zu beheben sei.

Zumindest in letztgenanntem Punkt stimmt selbst die Deutsche Gesellschaft für Ernährung zu. "Etwa ein Drittel der über 70-Jährigen verfügt nicht mehr über eine ausreichende Magensäureproduktion. Dadurch wird der im Rahmen der Verdauung notwendige Aufschluss der Nahrung, das heißt die Freisetzung von Nährstoffen, beeinträchtigt. Dies betrifft besonders das Vitamin B12." Ein Vitamin-B12-Mangel sei daher in Deutschland "der am häufigsten zu therapierende Vitaminmangel".

Doch die Wissenschaftler betonen auch: Deutschland sei entgegen vieler pseudowissenschaftlicher Studien kein "Vitamin-mangel-Land", eine "rein rechnerische Vitamin-Unterversorgung" nicht mit "Vitaminmangel" zu vergleichen. Sie warnen generell vor einer Überversorgung mit Vitaminen, die im Einzelfall, bei Vitamin A etwa, durchaus gefährlich werden könne, zumal langfristige Folgen in seriösen Studien kaum geklärt und eine Überdosis leicht zu erreichen sei, wenn man nur einmal den erhöhten Vitamin-Anteil verschiedener Säfte und "Functional-Food"-Produkte im Kühlschrank zusammenzähle.

Deutschland ist übrigens das einzige Land, in dem Vitamin B12 in Fläschchen verabreicht wird. Im Ausland wird der Stoff als Tablette geschluckt oder per Spritze verabreicht - andere Länder, andere Sitten, sagt man dazu in Münster knapp. Verkauft haben sich die Vitamine aus der Flasche in Deutschland prächtig. In den vergangenen zwölf Monaten wurden 22,5 Millionen von ihnen abgesetzt. Zwei Drittel der Käufer, schätzen Experten, haben dabei getan, was die Schauspielerin Hannelore Elsner in den TV-Spots geraten hat: Sie haben sich die "Energiekur" selbst verordnet. Ob das nötig war oder nicht, weiß ganz allein ihr Arzt.

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat in einer Fernsehrunde zum Thema Doping davon gesprochen, die Helden der Moderne würden mehr und mehr zum "Übermensch aus der Apotheke". Schauen Sie sich im Büro doch einmal um, wer bereits dazugehört.-