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Das nächste große Ding

Kriminalität ist unmoralisch, zerstörerisch - und harte Arbeit. Das Porträt eines Mannes, der das ganz genau weiß.




- Manche Dinge kann man vorher wissen. Etwa dass es der Mühe nicht wert ist, einen Tresor an der Vorderseite aufzufräsen. Das Stahlblech ist dort so dick, dass es selbst mit schweren Maschinen kaum zu durchtrennen ist. Deshalb lohnt es sich, einen Einbautresor aus der Wand zu hebeln und an seiner Rückseite aufzusägen. Dort hat er meist nur eine dünne Blechwand.

Andere Dinge kann man unmöglich vorher wissen. Etwa dass in dem schweren Schrank ein Vermögen lagert, das sein rechtmäßiger Besitzer in Optionsscheinen angelegt hat. Die waren dann vollkommen wertlos für Manfred Henkel.

"Manchmal zieht man eben eine Niete. Aber dieses Risiko gehört dazu", sagt er. Henkel heißt in Wirklichkeit anders, selbstverständlich möchte er anonym bleiben. Zehn Jahre lang hat er sein Geld als Einbrecher verdient. Lagerhallen und Fabriken, Büros und Geschäfte waren seine Ziele, Fernseher und Computer, Zigaretten und Kunstwerke seine Beute. Mal knackte er auf eigene Faust, mal erfüllte er Aufträge. Deutschland, Österreich und die Schweiz waren seine Einsatzgebiete. Erwischt wurde er nie, vielleicht seine größte Leistung - und das Ergebnis minutiöser Planung, regelmäßiger Fortbildung und harter Selbstbeherrschung.

Handwerkliches Geschick und viel Fantasie sind die Berufsvoraussetzungen für Einbrecher

Als er damals spät nachts in einem Büro in Süddeutschland die Optionsscheine statt Bargeld in den Händen hielt, waren zwei Wochen "Arbeit", wie er es nennt, vergebens gewesen. Er hatte 14 Tage lang die Halle des Großhändlers beobachtet. Er hatte im Warenhaus in einer anderen Stadt neue Kleidung gekauft. Er hatte einen neuen Werkzeugkoffer im Baumarkt erworben, der noch nie im Einsatz war. Dann legte er sich auf die Lauer. Nach zwei Wochen wusste er, in welchem Rhythmus der Wachdienst an dem schmucklosen Zweckbau vorbeifuhr und dass die Aufpasser nur an der Vordertür nach dem Rechten schauten. Kurz bevor er einbrach, sprühte er Bauschaum in das Gehäuse der Alarmanlage, um die Lautsprecher damit stumm zu machen. In dem grauen Telefonverteilerkasten an der Straße knipste er die Kabel ab für den Fall, dass die Alarmanlage mit der Polizeileitstelle gekoppelt war. In weniger als einer Minute öffnete er zuletzt das Sicherheitsschloss der Hintertür mit drei kleinen Metallstäbchen. Er ging direkt in das Chefzimmer, wo der Tresor in die Wand eingebaut war. Er hebelte ihn aus seiner Verankerung, schleppte ihn mit dem Leiterwagen in den Keller und fräste ihn auf der Rückseite auf. Es war ein perfekter Coup und endete als Totalausfall.

Aber selbst wenn alles geklappt hätte, sagt er heute, Jahre später: "Wenn man sich dann den Stundenlohn zusammenrechnet, den man als Einbrecher hat, muss man ehrlich sagen: Es lohnt sich nicht, schon gar nicht bei den Fähigkeiten, die man dafür entwickeln muss." Denn es gibt viele Talente, die man als Einbrecher braucht. Das erste: handwerkliche Begabung. Wer bei sich zu Hause kein Schloss auswechseln kann, sollte auch keines knacken wollen. Die zweite: Kreativität. Alarmanlagen sind nicht nur mit Bauschaum still zu kriegen. Man kann auch einfach einen schalldichten Kasten basteln, den man über die Lautsprecher hängt. Mit Können und Ideen ist es aber noch nicht getan: Ruhe, Pedanterie, Motivation, Mut zum Risiko, strategisches Denken und Menschenkenntnis sollte ein Einbrecher schon mitbringen. Vieles davon lässt sich trainieren.

Manfred Henkel verbrachte seine Lehrjahre in einer Stadt im Westen Deutschlands. Damals hatte er nicht viel Geld und keine Lust, sich einem festen Arbeitsverhältnis zu unterwerfen. "Roboten gehen", nannte er Lohnarbeit damals, und das klang ziemlich unattraktiv. Hinzu kam seine Weltsicht: "Wer viel hat, dem kann man auch etwas wegnehmen", dachte er. Also fing er an, Autos zu knacken, aber nur die teuren, Ehrensache. Ein 3er-BMW war tabu, ein 5er ein Muss. Offen waren die Fahrzeuge schnell. Ein Metallblatt mit Kerbe zwischen Dichtlippe und Fenster, einmal ziehen - fertig. Noch einfacher: Einen Aufkleber auf ein Fenster pappen, mit einem Hammer dagegenhauen - und schon lässt sich die Scheibe eindrücken.

Zunächst bemächtigte er sich nur der Wertsachen und des Autoradios und fuhr mit den Autos weg. Wie der Schließmechanismus einer Autotür funktioniert, hat er sich auf dem Schrottplatz angesehen. Den Wagen ohne Schlüssel zu starten ("Zündkabel gegen Masse") übte er am eigenen.

Bei solchen Versuchen beobachtete er sein Verhalten. Wer sein eigenes Auto knackt, tut nichts Verbotenes und bewegt sich dabei ganz normal. In einer Stresssituation muss man diesen Normal-Modus abrufen können. "Ein Mensch, der sich langsam bewegt, zieht keinen Verdacht auf sich. Man kann ja auch den Schlüssel verloren haben, wenn man an einem Auto rummacht. Aber im Idealfall sucht man sich einen Parkplatz, der nicht eingesehen werden kann", sagt er.

Die Autoknackerei zeigte ihm: Es funktioniert. Und dann rutschte er so rein in seinen neuen Beruf. Zuerst stieg er in Ladengeschäfte ein, später in Lagerhallen und Büros. "Wo gibt es was? Und was muss ich machen, um da reinzukommen? Was brauche ich dafür?", waren seine wichtigsten Fragen. Die Werkzeuge, die er benutzte, wurden mit den Jahren immer größer und schwerer - ebenso seine Beute. Etwa 4000 Euro hatte er durch seine Diebestouren monatlich in der Tasche, seinen Umsatz in zehn Jahren überschlägt er auf 800 000 Euro. "Es ist schwer, das zu schätzen: Nimmt man den realen Warenwert oder das, was ich dafür bekommen habe?"

Denn in der Hehlerei herrscht eine besondere Form der Marktwirtschaft. Der Wert der Waren sinkt rapide, wenn der Verkäu fer etwas zu verlieren hat. Ein Grund auch, warum sich Henkel von klassischen Hehlern ferngehalten hat. "Das ist eine sehr unangenehme Szene, und ich wollte nicht, dass solche Leute wussten, was ich mache", sagt er. Gerade wenn Hehler zu viele Fragen stellten, waren sie für ihn verdächtig: "Wo hast du das her? Wann hast du das geklaut? War noch jemand dabei?" - "Ich mache solche Sachen nicht", antwortete er dann, und die Sache war vergessen. Im Zweifelsfall warf er sein Diebesgut lieber weg, als mit windigen Figuren Geschäfte zu machen.

Hatte er vertrauenswürdige Käufer - oft Inhaber von Firmen oder Läden -, handelte er am liebsten mit Gold und Silber: Bei Schmuck ist das Verhältnis Diebesgut zu Ladenpreis eins zu fünf. Nur Uhren taugen nichts, sie haben Seriennummern. Fernseher oder Computer sind als Hehlerware 20-mal weniger wert als im Großhandel. Das mieseste Geschäft aber macht man mit Gemälden. Die Relation zwischen Schätzwert und Raubpreis liegt bei Kunst bei 1:100.

"Kunst habe ich eigentlich nur als Auftragsarbeit gemacht", sagt Manfred Henkel. Und weil Museen extrem gut gesichert sind, muss man andere Wege finden, um an einen echten Picasso zu kommen. Ist in irgendeiner europäischen Stadt eine Ausstellung geplant, kann man zuschlagen. Zuvor gilt es aber herauszufinden, welche Spedition mit dem Transport beauftragt ist, wo die Kunstwerke zwischengelagert und über welchen Flughafen sie geliefert werden. "Beim Transport und bei der Lagerung sind die Sachen nicht gut gesichert. Besonders eignen sich Flughäfen."

Der Recherche folgt Routine: die Alarmsysteme erkennen, die Schichten der Wächter protokollieren, die Schließanlage analysieren. Und wieder die Frage: "Was muss ich tun, um da reinzukommen? Was brauche ich dafür?" Einmal im Lager, gilt es, das bestellte Bild zu finden: keine einfache Sache, wenn es verpac kt ist. Aber die Mühe lohnt sich: Das Werk eines berühmten Malers hat ihm einmal als Auftragsarbeit 30 000 Euro eingebracht.

Überhaupt sind Auftragsarbeiten eine lukrative Sache. Unternehmen wollen wissen, wie teuer die Herstellung eines bestimmten Produktes die Konkurrenz kommt; sie interessieren sich dafür, wie hoch das Angebot eines Mitbieters für eine öffentliche Ausschreibung ist - und dann suchen sie jemanden, der bereit ist, bei der Konkurrenz oder der Behörde einzusteigen, um die Ordner zu kopieren oder mitzunehmen. Nicht selten sind es Rechtsanwälte, die solche Kontakte herstellen. "Man darf sich auf so etwas aber nur einlassen, wenn der Auftraggeber noch mehr zu verlieren hat als man selbst", sagt Henkel. Denn Vertrauen gibt es nicht. "Es ist wichtig herauszufinden, was sein Interesse ist. Warum braucht er diese Information? Was hat er damit vor? Wo wohnt diese Person? Ist sie verheiratet? Je mehr man weiß und dies auch zeigt, desto sicherer ist man."

Das Einstiegshonorar bei solchen Aufträgen hängt ab vom Schwierigkeitsgrad und vom Wert der Information. In der Regel nahm Henkel für solche Dienste zwischen 6000 und 12 000 Euro. Wenn es jedoch um ganz heikle Dinge ging, etwa wenn das Gebäude bewacht war, waren bis zu 40 000 Euro drin.

Aber auch für so viel Geld machte er nicht alles. Es gab für ihn eine ganz klare Grenze: "Niemals wollte ich in eine Situation kommen, in der ich mit Menschen konfrontiert werde. Keine Sache auf der Welt ist so wertvoll wie die Gesundheit eines Menschen. Ich hätte mir nie vorstellen können, Gewalt anzuwenden - und habe das auch nie getan. Einmal ging in einem Büro plötzlich ein Licht an, als ich gerade beim Einpacken war. Da habe ich alles liegen lassen und bin weggerannt."

Keine Experimente: Sicherheit geht vor Begehrlichkeit, prinzipiell

Dieser Grundsatz hatte für ihn einen wichtigen Nebeneffekt: Wer beim Diebstahl nie in Kontakt mit anderen Menschen kommt, geht kein Risiko ein, wiedererkannt zu werden. Und deshalb vermied Henkel auch ein weiteres Risiko seiner einstigen Branche: größenwahnsinnig zu werden und deshalb unter Druck zu geraten. Zwar erbeutete er als Einbrecher schon mal 70 000 Euro. Dennoch lebte er während seiner Unterweltkarriere sehr bescheiden. "Man darf nicht in eine Situation kommen, in der ein Bruch klappen muss, weil man dringend Geld braucht. Dann riskiert man zu viel, und es wird gefährlich. Man muss sagen können: Ich gehe dort jetzt nicht rein, obwohl ich Zeit und Geld investiert habe."

Die eigene Sicherheit war ihm höchste Priorität. Deshalb auch die neue Kleidung und das neue Werkzeug vor jedem Coup. Neue Kleidung, weil man damit noch nie gesehen wurde und weil man am Tatort immer Spuren hinterlässt. Deshalb müssen die Kleider sofort nach einem Einbruch entsorgt werden. Neues Werkzeug ist nötig, weil man mit einem Schraubenzieher, mit dem man einen Fensterrahmen aushebelt, ebenfalls Spuren hinterlässt. Werden solche Spuren zweimal gefunden, haben die Ermittler ein erstes Profil. Zudem muss das Werkzeug von einem Hersteller stammen, der Massenware produziert. So lässt sich der Ort des Kaufes nicht so einfach zurückverfolgen.

Aber es gibt auch Werkzeug, das ist im Baumarkt nicht zu kaufen. Eine Sauerstofflanze etwa. Ein solches Gerät braucht, wer besonders dicke Tresore ohne Schlüssel öffnen möchte. Oder einen Presslufthammer, um eine Wand durchzuschlagen. "So etwas stiehlt man am besten auf einer Baustelle, oder man findet es im Idealfall vor Ort", sagt Henkel.

Einbruch leicht gemacht: Im Idealfall liegt schweres Werkzeug am Tatort herum

Etwa wenn ein Gebäude renoviert wird. In einer deutschen Stadt entdeckte Henkel eine Bankfiliale, die gerade umgebaut wurde und von einem Gerüst eingezäunt war. Bessere Bedingungen konnte er kaum finden. Drei Wochen lang beobachtete er die Bank, bis er wusste, wann die Bauarbeiter nach Hause gingen, wann der Wachschutz anrückte, wie die Bank gesichert war. An einem Freitagabend wollte er hinein. Die Lautsprecher der Alarmanlage hingen versteckt hinter dem Gerüst. Für jeden einzelnen hatte er einen schalldichten Kasten gebastelt, den er darüberhängte. Dann löste er den Alarm aus und wartete in einem Gebüsch. Die Polizei kam, sah nach dem Rechten und zog wieder ab. Insgesamt dreimal spielte er dieses Spiel. Beim vierten Mal, kalkulierte er, würden sie von einem Fehlalarm ausgehen. Da stieg er ein. Durch das Dach. Er behielt recht. Niemand kam.

Drinnen klebte er Tücher vor Überwachungskameras und zerstörte den Videorekorder. Im Flur hing der Fluchtplan für den Brandfall. So fand er den Raum für die Schließfächer. Auf der Baustelle im Erdgeschoss lag tatsächlich ein Presslufthammer, genau wie geplant. Mehrere Stunden lang hackte er damit auf die Seitenwand im Keller ein, ehe er durch ein kleines Loch hineinschlüpfen konnte. Dann hebelte er alle 200 Schließfächer auf, eines nach dem anderen. Nicht alles, was darin lag, konnte er brauchen. Wieder lagerten dort Wertpapiere, aber auch viel Bargeld und Schmuck. Er packte alles in zwei Taschen und verließ die Bank am Samstagabend wieder - 28 Stunden lang war er in dem Gebäude gewesen. In dieser Zeit hatte er Diebesgut und Bargeld im Wert von mehr als 100 000 Euro erbeutet.

"Es ist unglaublich, was das Adrenalin in solchen Momenten mit einem macht", sagt er. "Man kann lange wach und konzentriert bleiben. Aber man begibt sich auch in Situationen, in denen man eine hohe Leistung erbringen muss, von der alles abhängt. Es sind Situationen, die man normalerweise nicht erlebt, und man hat in ihnen die absolute Kontrolle über sich selbst. Vielleicht ist es am ehesten mit dem Bergsteigen zu vergleichen: Man will auf den Gipfel, hat eine sehr schwierige Route, darf nicht danebengreifen, muss sich auf das Seil und den Sitzgurt verlassen können. Doch dann kann das Wetter umschlagen, man ist ihm ausgesetzt. Und wenn man oben ist, hat man erst die Hälfte geschafft. Man muss nämlich wieder runter."

Zurück bleiben dann geschädigte Unternehmen, die oftmals den Diebstahl nicht anzeigen. "Aus Image-Gründen werden viele Einbrüche nicht gemeldet", sagt Jürgen Linker, Sprecher der Kriminalpolizei Frankfurt am Main. Für eine Spedition ist der finanzielle Schaden eines Einbruchs eher zu verkraften als der Ruf, ihre Lagerhallen seien nicht sicher. Im vergangenen Jahr mussten Versicherungen in Deutschland 232 Millionen Euro Schadensumme wegen Einbrüchen überweisen. Die wahre Zahl ist vermutlich noch wesentlich höher, da die meisten Industriebetriebe Kombi-Versicherungen abgeschlossen haben und sich im Paket gegen Feuer, Unfall und Diebstahl versichern, wodurch nicht alle Schäden aufgelistet werden.

Aber die Einbrüche erzwingen auch den Fortschritt in der Sicherheitstechnik. Schon in seinen "Theorien über den Mehrwert" schrieb Karl Marx einst: "Wären Schlösser je zu ihrer jetzigen Vollkommenheit gediehen, wenn es keine Diebe gäbe? Wäre die Fabrikation von Banknoten zu ihrer gegenwärtigen Vollendung gediehen, gäbe es keine Falschmünzer? Hätte das Mikroskop seinen Weg in die gewöhnliche kommerzielle Sphäre gefunden ohne Betrug im Handel?"

Das Erfolgsgeheimnis? Penible Planung, stoische Ruhe - und das nötige Glück

Das Mikroskop des 21. Jahrhunderts ist die DNS-Analyse. Als Henkel noch aktiv war, mussten die Ermittler auf diese Methode verzichten. Aber auch Einbrechern bieten sich inzwischen neue Möglichkeiten: So steckt das Internet voller Informationen. Mit Google Earth kann man sehen, ob ein Grundstück am Waldrand eingezäunt ist oder nicht und wo der Hundezwinger steht. Dafür ist ein Mobiltelefon wie ein Peilsender, mit dessen Hilfe die Polizei Bewegungsprofile von Verdächtigen erstellen kann.

Und trotz der kriminaltechnischen Aufrüstung scheint sich Verbrechen noch zu lohnen. In Frankfurt am Main wurden im vergangenen Jahr nur etwas mehr als zehn Prozent aller Diebstähle in Büro- und Diensträumen aufgeklärt. Bei Einbrüchen insgesamt lag die Quote immerhin bei 15,5 Prozent. Oftmals handelt es sich bei den Tätern um Banden. "Es ist erwiesen: Wenige Täter begehen viele Straftaten, sie sind flexibel, können heute im deutschsprachigen Teil Belgiens einen Einbruch begehen, morgen in Frankfurt und dann in Hamburg", so Kripo-Sprecher Linker. "Dann tauchen sie wieder in der Anonymität ab."

Zehn Jahre lang tauchte auch Henkel erfolgreich in der Anonymität ab. Nicht ein einziges Mal wurde er verhaftet oder verdächtigt. "Es war ein aufregendes Leben", sagt er. Aber dann hat er aufgehört. Inzwischen sind alle seine Taten verjährt. Er lebt in Süddeutschland und hat einen Beruf wie viele andere Menschen auch. Ausgestiegen ist er, als er irgendwann die Dinge anders sah. "Diese Denke: Einen 5er-BMW aufzubrechen ist in Ordnung, einen 3er-BMW zu knacken nicht - das ist doch völliger Quatsch. Eine komische Werteskala war das."

Hinzu kam, dass Zeit und Risiko in keinem Verhältnis zum Ertrag standen. Geld konnte er verdienen. Aber es war hart ergaunertes Geld. Dann erkannte er, dass er sich nicht mehr weiterentwickeln konnte. "Um mehr Geld zu machen, hätte ich mich stärker professionalisieren müssen. Dann kommt man allerdings gezwungenermaßen in eine Szene rein, mit der ich nichts zu tun haben wollte. Noch einmal zehn Jahre lang so weitermachen? Nein danke. Ich wollte einmal eine längere Perspektive haben, als das nächste große Ding zu drehen." Das aufregende Leben war ihm irgendwann zu eintönig.

Warum aber, glaubt er, ist immer alles gut gegangen? "Vielleicht hatte ich einfach nur Glück."

Wie etwa in dem Moment, als er mit Handschuhen am Steuer des geraubten Transporters eines Zigarettengroßhändlers saß. Im Laderaum lagen mehrere Kisten Zigaretten, die er gerade erbeutet hatte. Den Wagen der Firma hatte er praktischerweise gleich mitgenommen, der Fahrzeugschein lag im Handschuhfach. Er war zufrieden, dass alles glattgegangen war, als plötzlich vor ihm eine Polizeikelle rot aufleuchtete. Er lenkte den Transporter auf den Parkplatz, kurbelte die Scheibe herunter. "Guten Abend, Personen- und Alkoholkontrolle, Ihre Papiere bitte!" Henkel griff ins Handschuhfach und holte den Fahrzeugschein heraus. Dem Beamten nannte er den Namen eines Mitarbeiters, den er auf einer Stechkarte im Lager gelesen hatte. Dann sagte er, der Wagen gehöre seiner Firma, und entschuldigte sich dafür, dass er seinen Führerschein nicht dabeihatte. Per Funk überprüften die Polizisten seine Daten, alles schien in Ordnung, offenbar war der Einbruch noch nicht gemeldet.

Dann fragte der Beamte: "Sind Sie mit einer freiwilligen Alkoholkontrolle einverstanden?" Er bejahte, stieg aus, ging zum Polizeibus und blies in ein Röhrchen. "0,0", sagte der Polizist, wechselte das Röhrchen am Gerät und wünschte noch einen schönen Abend. Henkel startete den Transporter, und als er ihn vom Parkplatz steuern wollte, sprang ihm ein Beamter vor die Stoßstange, fuchtelte wild mit den Händen. Er bremste, kurbelte wieder die Scheibe herunter. "Sie wissen, dass Ihr rechtes Vorderlicht nicht geht?" - "Ja, die Birne ist vorhin erst durchgebrannt. An der nächsten Tankstelle werde ich sie wechseln." - "Dann noch gute Fahrt weiterhin!" -