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Das kleine Wirtschaftswörterbuch: Argentinisches Spanisch - Deutsch

Übung 3: Verstehendes Lesen Eine Übung für Fortgeschrittene über den Nutzen von Trinkgeld. Und über ein Steuersystem, bei dem man für das bezahlen muss, was man gar nicht bekommt.




(Für ein erfolgreiches Lernen bitte laut lesen und mehrmals wiederholen)

In Argentinien ist derzeit viel von CC, HF und CM die Rede - und von Siemens.
Der Konzern soll 25,75 Millionen Dollar an CC, HF und CM überwiesen haben. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft beim Landgericht München soll das Schmiergeld geflossen sein: an Carlos Corach, den früheren Innenminister Argentiniens, an Hugo Franco, den früheren Leiter der Migrationsbehörde, und an Carlos Menem, den einstigen Staatspräsidenten.
Mit den Kürzeln hat man sich also nicht gerade große Mühe gegeben, die wahren Identitäten zu verwischen. Warum auch: Wer Geschäfte machen will, muss Eintrittsgeld zahlen. Oder besser: ein kleines "Trinkgeld". Das zahlt man in Argentinien nämlich nicht nur in der Gastronomie.

[propina, la] | Trinkgeld, das (für Kellner, aber auch für CC, HF, CM und Politiker ganz generell)

Wer etwas an die Regierung verkauft, zahlt Trinkgeld. Während der Regierungszeit Carlos Menems (1989-1999) waren diese Trinkgelder für die Vergabe staatlicher Aufträge offenbar stattlich.
Ein Software-Ingenieur sagt: "Ich verkaufe Computer an die Regierung. Und wenn ich verkaufe, gebe ich ein Trinkgeld, so ist die Politik." Respektive der Politiker.

[político, el] | Politiker, der (als Berufsstand)

Im öffentlichen Ansehen der Berufe steht der Politiker in Argentinien hinter dem Geldeintreiber, aber vor dem Türsteher. Politik ist in Argentinien keine Berufung, sondern ein Beruf. Es geht um Einfluss oder Geld.
Wobei das Geld manchmal den Einfluss kosten kann. So sollen im Jahr 1999 mehrere Abgeordnete ihre Stimmen verkauft haben. Sie segneten im Senat ein Gesetz zur Arbeitsmarkt-Reform ab. Aber immerhin haben sie nichts geraubt.

[robo, el] | Raub, der (auch Privatgeschäft)

Gibt die Regierung den Bau einer neuen Straße in Auftrag, sagt niemand: "Da wird gebaut."
Es heißt: "Da wird geraubt." Gemeint sind nicht Wegelagerer, sondern Politiker und Bauunternehmer. Automatisch wird unterstellt, dass der Bauunternehmer dem Politiker von der Auftragssumme auch gleich noch ein Haus baut wenn man doch schon die Maurerkelle in der Hand hat.
Genährt wurde diese Verunglimpfung durch eine eigentlich pragmatische Idee von Luis Barrionuevo.
Der Prototyp des argentinischen Politikers glaubte, ein Rezept gegen die Wirtschaftskrise gefunden zu haben, als er seinen Kollegen den Rat gab: "Señores, wir müssen aufhören zu rauben, mindestens für zwei Jahre."
Doch das ist leichter gesagt als getan. Schließlich hat man es mit Unternehmern zu tun, die tagtäglich vor allem nach Schlupflöchern fahnden, um Gesetze elegant zu umkurven.

[hueco, el] | Loch, das (was Geschäftemacher finden müssen)

So bemerkte eine Aufsichtsbehörde kürzlich, dass die Exporteure von Soja etwas untertrieben hatten, als sie - unter Eid stehend - die ins Ausland verkaufte Menge der proteinhaltigen Bohnen erklären mussten. Dem Zoll, also dem Staat, waren so geschätzte 1,7 Milliarden Dollar entgangen.

[aduana, la] | Zoll, der (im Sinne von leicht umgehbar)

Dabei ist der Zoll kreative Zahlenspielereien durchaus gewöhnt. Wer etwa daran denkt, nach Argentinien umzuziehen, kann dies durch Zahlung eines 3 Trinkgeldes reibungslos arrangieren.
Das Trinkgeld ist an einen hohen Beamten zu entrichten oder in jährlichen Raten abzustottern, immer in bar. Bezahlt man sofort alles, bekommt man sogar eine echte Rechnung.
Freilich nicht vom Zoll, sondern von der Umzugsfirma. "Umzugsunkosten" steht dann auf dem Papier.

[factura, la] | Rechnung, die (rein symbolisches Dokument)

Es ist in Argentinien erste Bürgerpflicht, bei jeder Zahlung eine Quittung zu verlangen. So will es das Gesetz.
Nur hält nicht jeder, der eine Rechnung ausstellt, diese auch für ein entsprechend ernst zu nehmendes Dokument. Zwischen dem Rechnungsbetrag und der ausgehändigten Summe bleibt daher nicht selten eine Differenz. Fairerweise teilt einem der Auftraggeber das vorher mit.
"1000 Pesos waren abgemacht - schreib mir also 1200 auf deine Rechnung", sagt jemand von der bezahlenden Firma. Er holt sich mit der Rechnung 1200 Pesos von seinem Arbeitgeber, reicht 1000 weiter und behält 200 für sich. Man kann es ihm nachsehen, denn bei seinem Gehalt wird es genauso mit ihm gemacht.

[salario, el] | Gehalt, das (im Sinne von Reallohn)

Es ist keine Ausnahme, wenn von den 2000 Pesos, die ein Arbeitnehmer laut Gehaltszettel verdient, nur 1500 auf dessen Konto eingehen. Die Differenz landet auf einem anderen Konto, in der Regel einem des Abteilungsleiters. Warum sollte der jemanden einstellen, wenn er nichts davon hätte?
Zumal sich hier eine gute Möglichkeit bietet, das eigene Einkommen steuerfrei aufzubessern.
Zur Steuerkasse bittet der Staat denjenigen, der offiziell 2000 Pesos verdient, obwohl er nur 1500 davon erhält.

[impuestos, los] | Steuern, die (nichts bekommen, trotzdem zahlen)

Die Einkommensteuer ist natürlich über den vollen Betrag zu entrichten. -

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