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Wasser, marsch!

Ugandas Wasserversorger war bankrott. Die Weltbank riet: privatisieren. Aber mit einfachen Antworten kommt man in Afrika nicht weit.




- Von außen fällt die Zentrale des ugandischen staatlichen Wasserversorgers nicht weiter auf: ein verkehrsumtoster Betonklotz im Herzen der Hauptstadt Kampala. Drinnen aber auf den Fluren und in den engen Büros der rund 180 Mitarbeiter herrscht geschäftiges Treiben - nicht die schläfrige Stimmung, wie sie in öffentlichen Einrichtungen in Afrika weit verbreitet ist. Auch an Selbstbewusstsein mangelt es den dort arbeitenden Leuten nicht. "Ganz Afrika redet von uns, wenn es um Wasserversorgung geht", sagt der Geschäftsführer William Muhairwe in seinem Büro, das wie die seiner Mitarbeiter durch eine Glaswand eingesehen werden kann. "Vor Kurzem lautete unser Ziel noch, der Stolz Afrikas in der Wasserversorgung zu werden. Das haben wir erreicht. Jetzt haben wir eine neue Vision: zu den besten öffentlichen Versorgern der Welt aufzusteigen."

Noch vor zehn Jahren wäre ein solches Vorhaben der reinste Hohn gewesen. Ende der neunziger Jahre war die Nationale Gesellschaft für Wasserversorgung und Abwasserentsorgung (National Water and Sewerage Corporation) bankrott, und Uganda stand vor der Frage, wie sich in den Städten die Wasserversorgung verbessern ließe. Die Weltbank riet zur Privatisierung, doch die Regierung wählte einen anderen Weg. Statt ausländische Privatunternehmen zu beauftragen, heuerte sie William Muhairwe an, einen erfahrenen ugandischen Geschäftsmann, und gab ihm freie Hand, die Firma zu sanieren.

Mit beachtlichem Erfolg: Heute zählt sie zu den besten Staatsunternehmen Afrikas. Der Jahresumsatz hat sich seit 1998 von 12 Millionen auf 34 Millionen US-Dollar fast verdreifacht. Die Wasserverluste, etwa durch undichte Leitungen, konnten von 54 auf 32 Prozent reduziert, die Zahl der neuen Wasseranschlüsse jährlich von gut 3000 auf 28 000 erhöht werden. National Water ist so angesehen, dass immer mehr Wasserversorger anderer afrikanischer Länder dort um Rat bitten.

Über die Frage, ob die Wasserversorgung in Entwicklungsländern privat oder öffentlich sein sollte, wird heftig diskutiert. Privatisierungskritiker sehen sich durch das Beispiel Uganda bestätigt. Tatsächlich widerlegt die Erfolgsgeschichte von National Water die Behauptung, Staatsbetriebe arbeiteten notorisch ineffizient. Sie taugt jedoch nicht als Beleg dafür, dass es ohne Private besser geht. Denn der Betrieb ist vor allem deshalb so erfolgreich, weil er sich strikt an Managementprinzipien hält: Kostendeckung, Kundenorientierung und leistungsabhängige Bezahlung der Mitarbeiter. National Water arbeitet praktisch wie ein Privatunternehmen.

Zum anderen findet in dem ostafrikanischen Land seit einigen Jahren auch "echte" Privatisierung statt - und ohne die hätten heute noch weniger als derzeit 60 Prozent Ugander Zugang zu Trinkwasser. Der staatliche Vorzeigebetrieb versorgt nur die 22 größten Städte des Landes. Für 57 Kleinstädte mit insgesamt einer Million Einwohnern sind dagegen einheimische Firmen zuständig, die im Auftrag der Kommunen defekte Wasserleitungen flicken, neue Anschlüsse installieren und von den Kunden Gebühren kassieren. Wasserprivatisierung in Uganda heißt nicht Ausverkauf öffentlicher Versorger an profitgierige Investoren aus dem Ausland, sondern Beteiligung kleiner lokaler Unternehmen, die unter schwierigen Bedingungen beachtliche Arbeit leisten.

Als William Muhairwe 1998 bei National Water anfing, stand das Unternehmen am Abgrund. Die insgesamt 1800 Mitarbeiter in der Zentrale und den Außenstellen versorgten vor allem sich selbst und fuhren jeden Monat rund 300 000 Dollar Verlust ein. Die Weltbank, die bis dahin zusammen mit anderen Organisationen insgesamt mehr als 100 Millionen Dollar für ugandische Wasserleitungen und Wasserwerke ausgegeben hatte, zog eine düstere Bilanz. Das Land am Victoriasee verfüge über ausreichend Wasser, eine gute Infrastruktur und gute gesetzliche Rahmenbedingungen. Aber leider gebe es kein fähiges Management für den Betrieb der Wassersysteme, heißt es in einem Bericht von 1998.

Die übliche Antwort der Washingtoner Banker in solchen Fällen lautete zu jener Zeit: verkaufen. Doch dieses Vorhaben scheiterte zunächst an der Bürokratie. Die Regierung bestellte stattdessen einen neuen Aufsichtsrat für National Water, und der holte sich aus der Privatwirtschaft einen neuen Geschäftsführer.

William Muhairwe, damals Anfang 40, war der richtige Mann für den Job. Wenn er es in hundert Tagen nicht schaffe, das Unternehmen aus dem Minus zu führen, dann dürfe die Regierung ihn wieder feuern, lautete sein Angebot. Einzige Bedingung: Er brauche freie Hand. Davor hatte Muhairwe für eine Reihe staatlicher und privater Unternehmen in Uganda und im Ausland gearbeitet, unter anderem ein paar Jahre für Wacker Chemie in München. "Den Leuten von der Weltbank habe ich damals gesagt: Lasst uns die Kuh doch zunächst einmal mästen, um sie für mögliche Käufer attraktiv zu machen", erzählt der Manager. "Welcher Investor will denn einen bankrotten Betrieb übernehmen?"

Vorbildlich: ein Staatsbetrieb, der wie ein privater arbeitet

In nur zwei Jahren verkleinerte Muhairwe die Belegschaft um mehr als die Hälfte auf 800 Mitarbeiter. Heute kommen auf 1000 Wasseranschlüsse sieben Angestellte, 1998 waren es noch 36 gewesen. Muhairwe reduzierte Kosten, trieb den Gebühreneinzug voran, verbesserte den Kundendienst und übertrug den Außenstellen in den zu versorgenden Städten mehr Verantwortung. Die Hebe-Effizienz, also der Anteil der Rechnungen, für die das Unternehmen tatsächlich Geld kassiert, stieg von 60 Prozent bis heute auf 96 Prozent. 2006 machte National Water einen Gewinn von 3,8 Millionen Dollar.

Die Teams in den 22 zu versorgenden Städten arbeiten weitgehend unabhängig von der Zentrale. Ihre Bezahlung ist leistungsabhängig und bemisst sich unter anderem an der Zahl der monatlichen Neuanschlüsse. Service wird groß geschrieben bei National Water: Als es im September in Kampala zu Engpässen in der Wasserversorgung kam, schaltete das Management in der größten Tageszeitung eine Anzeige, erläuterte die Ursachen für die Probleme und bat die Kunden um Entschuldigung. "Wir arbeiten nach Managementprinzipien aus der Privatwirtschaft", sagt Silver Mugisha, verantwortlich für Unternehmensentwicklung. "Es gibt aber einen Unterschied zu echten Privatfirmen: Wenn wir Profit machen, dann für die Regierung und für neue Investitionen - und nicht für Aktionäre."

Derzeit haben nach offiziellen Statistiken 70 Prozent der Einwohner in den großen Städten Ugandas Zugang zu einem Wasserhahn, bei sich zu Hause oder auf der Straße an einer öffentlichen Zapfstelle. 1998 waren es nur knapp 50 Prozent. Neue Wasserhähne installiert National Water zu einem Sonderpreis, sodass sich auch ärmere Einwohner welche leisten können.

Und für Wasser aus den öffentlichen Zapfstellen in den Slumvierteln von Kampala gilt ein spezieller Sozialtarif - was allerdings nicht verhindert, dass die meisten Armen am Ende doch den Normalpreis oder sogar mehr bezahlen müssen, weil die Kassierer an den Zapfstellen saftige Aufschläge verlangen.

In der Provinz sind kleine Firmen fürs Wasser zuständig

Sowohl die Weltbank als auch nicht staatliche Initiativen, die sonst selten einer Meinung sind, bescheinigen National Water, die Versorgung in den großen Städten deutlich verbessert zu haben. "Im Wasserbereich arbeiten hier wirklich gute Leute", findet auch Hermann Plumm von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, die die Reform des Unternehmens seit 2002 beratend unterstützt. Das Thema Verpachtung oder gar Verkauf ist erst einmal vom Tisch. "Jetzt, da die Kuh richtig schön fett ist und uns Milch gibt, warum sollten wir sie loswerden wollen?", fragt Muhairwe.

Es gibt aber auch Leute, die genervt reagieren, wenn das Staatsunternehmen wieder einmal gelobt wird. Zum Beispiel Dominic Kavutse vom ugandischen Wasserministerium, der für die Wasserversorgung in den Kleinstädten zuständig ist. "Natürlich haben sie fähige Manager und machen gute Arbeit", sagt er. "Aber Sie müssen auch bedenken, welche finanzielle Unterstützung das Unternehmen aus dem Ausland bekommt." Tatsächlich sind die Bedingungen für National Water gut: Der Konzern arbeitet weitgehend unbehelligt von der Politik und profitiert stark von der internationalen Entwicklungshilfe für Uganda. Im vergangenen April ging zum Beispiel die dritte Wasseraufbereitungsanlage für Kampala im Wert von zwölf Millionen Euro in Betrieb - das Geld stammt aus Deutschland.

Davon können die privaten Wasserversorger nur träumen, die Schritt für Schritt die Versorgung in den Kleinstädten übernehmen. Zurzeit gibt es landesweit 14, vom Sechs-Mann-Betrieb bis zum mittleren Unternehmen mit 40 Mitarbeitern. In knapp der Hälfte der 127 ugandischen Kleinstädte mit zentraler Wasserversorgung sind sie für Wasserwerke und Leitungsnetze verantwortlich. Zwar werden auch sie von der Regierung unterstützt, aber das Geld fließt nur unzuverlässig. Auf dem Weg von der Hauptstadt über die Distriktbehörden bis in die einzelnen Kommunen versickert meist ein Teil der zugesagten Mittel. "Oft gehen deshalb unsere Geschäftspläne nicht auf", klagt Winfred Kalebu vom Verband der privaten Wasserversorger APWO. Und wenn ein Betreiber das mit den Behörden verabredete Soll nicht erfüllt, ist er seinen Auftrag im Zweifel auch schnell wieder los. Denn der rechtliche Status der privaten Versorger ist auch nach sechs Jahren immer noch nicht geklärt.

Beispiel Kamuli, 140 Kilometer nordöstlich von Kampala: Der Ort hat 15 000 Einwohner, seit 2002 betreibt das Unternehmen Bika Ltd. mit acht Mitarbeitern das Wasserleitungsnetz der Stadt. Damals gab es 420 Anschlüsse, heute sind es doppelt so viele. "Derzeit haben wir 32 Anträge für neue Anschlüsse. Wir können sie aber nicht bearbeiten, weil wir kein Geld haben. Die Nachfrage ist viel größer als das, was wir anbieten können", sagt der Geschäftsführer Simon Okongo. Dazu kommt, dass vor allem öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder Krankenhäuser ihre Wasserrechnungen nicht bezahlen, weil sie selbst kein Geld haben.

Das größte Problem aber ist die Elektrizität. Er könne mir leider keinen laufenden Wasserhahn zeigen, weil die Stadt seit zwei Tagen keinen Strom habe, entschuldigt sich Okongo. Energie für Wasserwerke und Pumpen hat mit 40 Prozent den größten Anteil an den Betriebskosten der Wasserversorger - wenn es denn Strom gibt. Die Versorgung fällt nämlich ständig aus - in Kamuli täglich. Für die Einwohner ist das ärgerlich, weil die Wasserhändler der Stadt, die ihre Kanister an Quellen, Tümpeln oder Brunnen füllen, sofort drastisch die Preise erhöhen.

Für die Mitarbeiter von Bika Ltd. bedeutet Stromausfall weniger Geld im Portemonnaie. Denn die Gehälter, die die Kommune ihnen überweist, sind an die Einnahmen aus dem Wasserverkauf gekoppelt. Wegen der ständigen Stromausfälle funktioniert die Wasserversorgung in den ugandischen Kleinstädten im Durchschnitt nur neun Stunden am Tag statt der angepeilten 18 Stunden.

Trotz der schwierigen Umstände bekommen die privaten Versorger in Uganda insgesamt gute Noten für ihre Arbeit. Der Bürgermeister von Kamuli war erst gegen die Privatisierung. "Ich dachte, die wollen doch nur Geld machen", sagt er. Jetzt aber sei er froh, dass er sich nicht mehr selbst um die Wasserversorgung kümmern müsse. Bika arbeite effizienter als die Stadtverwaltung, die früher verantwortlich war. Beschädigte Leitungen und Wasserhähne würden viel schneller repariert. Landesweit hat sich die Zahl der Anschlüsse in den ugandischen Kleinstädten mehr als verdoppelt, seit die Privaten sich darum kümmern. Vor sieben Jahren hatten weniger als 40 Prozent der Einwohner Zugang zu einem Wasserhahn, heute sind es 54 Prozent.

Für Dominic Kavutse vom Wasserministerium gebührt den kleinen Privatunternehmen deshalb mindestens so viel Lob wie dem großen Staatsbetrieb National Water. "Für die kleinen Städte sind sie genau richtig. National Water könnte dort überhaupt nicht effizient arbeiten", sagt er. Der öffentliche Versorger hat einen großen Vorteil: Er macht allein in den beiden Industriezentren Kampala und Entebbe so hohe Gewinne, dass er damit sämtliche Verluste aus seinen anderen 22 Städten ausgleichen kann. Diese Möglichkeit haben die privaten Betreiber nicht. Und, fügt Kavutse hinzu, in einigen Städten, die National Water in den vergangenen Jahren übernommen habe, hätten die Privaten die Wasserversorgung überhaupt erst rentabel gemacht.

Im Oktober waren wieder Gäste aus Tansania und Kenia in Kampala, um von National Water zu lernen. Das Unternehmen hat längst eine eigene Abteilung für solche Fortbildungen und lässt sich den Service gut bezahlen. Muhairwe denkt unterdessen bereits an einen Börsengang. Er weiß, dass das den Charakter der Firma fundamental verändern würde. Es sei deshalb noch ein weiter Weg bis dahin, sagt er. Als Paradebeispiel für eine effiziente öffentliche Wasserversorgung würde die National Water Corporation dann jedenfalls nicht mehr taugen.

Die lokalen Betriebe in den Kleinstädten haben ganz andere Sorgen. Der noch junge Verband der privaten Wasserversorger soll ihre Position gegenüber den Behörden stärken. Für die Verbandschefin Winfred Kuleba bleibt da noch viel zu tun. Wirklich interessiert ist die Politik an der Privatisierung ihrer Ansicht nach nämlich nicht. "Die Regierung will letztlich möglichst viel Einfluss auf die Wasserversorgung behalten."-