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Kullmanns Moment

Seit Jahrzehnten steht die Ruhrkohle AG für Steinkohle und Subventionen. Damit soll nun Schluss sein. Die Industrie-Sparte des Konzerns geht mit einem neuen Namen an den Start. Rekonstruktion einer schwierigen Geburt.




- Als Manfred Gotta im Frühjahr 2006 sein jüngstes Kind bekam, weitab von großen Städten, in einem kleinen Dorf im Schwarzwald, war dies ein guter Ort für das Neugeborene. Es sollte sich ungestört entwickeln, so wie die anderen mehr als 150 Babys, die er schon in die Welt gesetzt hatte. Nur engste Vertraute und Spitzenmanager der Ruhrkohle AG (RAG) erfuhren von ihm. Seine Existenz war streng geheim.

Dokumente, auf denen es auftauchte, steckten die Eingeweihten in Schredder und warfen die Schnipsel in Papiercontainer, die sie mit Vorhängeschlössern sicherten. Wenn sie auf Flipcharts die Zukunft des Kleinen planten, zogen sie die Vorhänge vor die Fenster. Riefen Journalisten an, verleugneten sie den Nachwuchs. Sie wollten ihn ungestört prägen. Erst danach wollten sie das kleine Geheimnis der großen kalten Welt aussetzen.

Der Namenserfinder Manfred Gotta kannte solcherlei Geheimniskrämerei schon vor dem RAG-Auftrag. Seit mehr als 20 Jahren kommen Manager zu ihm und bitten ihn, sich Namen für Produkte auszudenken. Gotta sagt, dass diese Namen für ihn wie Kinder seien. Nach ihrer Geburt verließen sie das Haus, würden erwachsen, krank und manchmal wieder gesund, und irgendwann würden sie sterben.

Als sich Anfang 2006 Emissäre der RAG am Frankfurter Flughafen das erste Mal mit Gotta trafen, ging es um eine besonders schwere Geburt. An deren Ende stand eine der auffälligsten Kampagnen des vergangenen Jahres: die Einführung der Marke Evonik Industries. Die Rekonstruktion der Kampagne ist beispielhaft dafür, wie Marketing in der Medien-Welt um die Deutungshoheit über Symbole und um Aufmerksamkeit kämpft.

Am 12. September 2007, fast zwei Jahre nach dem ersten Treffen der RAG-Vertreter mit Gotta, sprengten Spezialisten tonnenschwere Planen, die das RAG-Gebäude in Essen verhüllt und den neuen Namen darunter verdeckt hatten. Als die Planen weg waren, grüßte Gottas Kind die Weltöffentlichkeit. Journalisten fotografierten und filmten den Schriftzug "Evonik Industries".

Die Fotos in den Zeitungen sahen aus, wie sich das RAG-Marketing sie anderthalb Jahre zuvor gewünscht hatte. Parallel schaltete man Anzeigen (auch in brand eins), die Motive waren Elefanten, die an Häusern kleben, Planierraupen, die über Fernsehapparate walzen, Menschen, die Kraftwerke aus Sand bauen. Die Anzeigen und Fernsehspots sollten Produkte des Unternehmens zeigen. Sie sollten es für den Börsengang bekannt und attraktiv machen. Ob das gelungen ist, wird bezweifelt.

"Ein guter Name", sagt Manfred Gotta, "ist wie ein leeres Gefäß, das sich mit Inhalt füllen lässt. Er ist ein Transporteur für Botschaften." Jene Sparten der RAG, die an die Börse wollten, hatten dieses Gefäß dringend nötig. Sie brauchten es, um loszukommen von der Steinkohle. Denn an der Börse zählt nur die Zukunft. Die RAG steht aber seit Jahrzehnten vor allem für den Kohlepfennig, für politische Einmischung, Subventionen und unkalkulierbare Bergbauschäden. Die Deutsche Steinkohle AG ist der schwarze Bereich der RAG. Er steht nicht für Zukunft.

Seit ihrer Gründung hat die RAG aber auch Industriebeteiligungen erworben. Das ist der weiße Bereich, der Bereich ohne Subventionen, der Bereich mit Zukunft. Mit Rückstellungen für Folgeschäden des Bergbaus hat die RAG dieses Portfolio aus Che-mie-, Energie- und Immobilienunternehmen aufgebaut, darunter die Konzerne Degussa und Steag.

Im Sommer vergangenen Jahres einigten sich Politiker und Industrievertreter nach langem Ringen darauf, den weißen vom schwarzen Bereich zu trennen. Den weißen Bereich wollen sie an Investoren verkaufen. Die Einnahmen sollen in eine Stiftung fließen, die nach dem voraussichtlichen Ende der Kohleförderung im Jahr 2018 die Folgekosten des schwarzen Bereichs bezahlen soll.

Die Kampagne war zu diesem Zeitpunkt längst fertig. Während die Politiker noch darüber stritten, ob und wie der deutsche Steinkohleabbau abgewickelt werden sollte, arbeitete Christian Kullmann, Kommunikationschef und Büroleiter des RAG-Vorstandschefs Werner Müller, bereits unter strenger Geheimhaltung mit Agenturen und Beratern am neuen Auftritt des weißen Bereichs.

Das erste Papier auf diesem Weg verfasste ein Vertrauter Kullmanns im Herbst 2005. Hinein schrieb er den Projektnamen "Alpha". Investoren, Mitarbeiter und die Menschen im Ruhrgebiet sollten am Tag X einen neuen kreativen Industriekonzern wahrnehmen, den sie als sympathisch, eckig und kantig empfinden. Zunächst aber musste Gotta das Gefäß bauen, in das Kullmann und seine Agenturen die Kanten und Ecken füllen konnten.

Die Unternehmensfarbe verrät viel über die Ziele. Evonik will vor allem an der Börse erfolgreich sein

Der Weg zu Manfred Gotta führt über Serpentinen durch den Schwarzwald. Besonders häufig gibt es hier Schilder, die vor Kühen auf der Straße warnen. Gotta wartet schon vor der Tür seines Fachwerkhauses, in gebügeltem Hemd mit roséfarbenen Streifen und rotgoldenen Manschettenknöpfen. Viele Autos kommen hier nicht vorbei. Aber einige von denen, die vorbeikommen, tragen Namen, die Gotta ihnen gegeben hat.

Als er sich Mitte der achtziger Jahre aus einer Werbeagentur verabschiedete und selbstständig machte, war das nicht absehbar: "Da haben sich erst einmal alle totgelacht, als da einer rumlief, der sagte: Ich bin Spezialist für Namensgebung." Das hat sich geändert. Zwischen 50 000 und 200 000 Euro bekommt Gotta für einen Namen: Opel Astra und Opel Vectra, Mercedes-Benz Actros oder Porsche Cayenne sind nur einige seiner Erfindungen.

Nach einem Besuch bei der RAG in Essen schickte Gotta E-Mails mit der Arbeitsanweisung (kreativ, Industrie, sympathisch, eckig, kantig) an freie Mitarbeiter. Er machte Wörterlisten und gab sie an Linguisten rund um den Globus, um unangenehme Überraschungen auszuschließen. RAG zum Beispiel wäre angesichts der englischen Übersetzung (Lumpen) keine schöne Bezeichnung für den internationalen Kapitalmarkt. Er ließ Patentanwälte das Markenrecht durchpflügen und recherchieren, ob die verbliebenen Namen schon irgendwo auf der Welt geschützt sind.

Aus den verbliebenen Namen suchte Gotta Evonik Industries aus. Im Juli 2006 startete er in der RAG-Zentrale vor Vorstandschef Müller eine Simulation der Tagesschau. Die Sprecherin verkündete, dass es einen neuen Konzern gebe und dass er Evonik Industries heiße, und Müller brummte zustimmend. Der neue Name war damit beschlossen, der Name RAG hatte nach mehr als 40 Jahren ausgedient. Später gab es eine Präsentation der Logos. Müller wollte Farbnuancen diskutieren und schaute, so berichten Teilnehmer, lachend unter den Tisch. Ben Rünger solle mal die Füße heben, das sei eine gute Farbskala. Rünger hob den Fuß und zeigte seine Ringelsöckchen.

Ben Rünger und Christoph Wallrafen leiten die Düsseldorfer Werbeagentur Xeo. Als sie sich beim Pitch um den Auftrag als Lead-Agentur der Kampagne, die die anderen Agenturen koordiniert, gegen die Großen durchsetzten, hat das viele in der Branche gewundert. Ein Vertrauter Kullmanns sagt, dass Kullmann die anderen wegen der Marketingsprache nicht verstanden habe.

Rünger und Wallrafen breiten auf einem tresenartigen weißen Tisch Material aus. Davor stehen hohe Stühle, die aussehen wie Mofasitze auf ein Rollgestell montiert. Es sind Stühle, die zwar nicht bequem sind, aber gut aussehen, Möbel, wie sie offenbar speziell für Werbeagenturen hergestellt werden. Wallrafen ist 37 Jahre alt und spricht manchmal "von den Menschen draußen", wenn er all diejenigen meint, die Zielgruppe des bedeutenden Treibens sind, das sich in diesem Raum abspielte.

Hier hatte Gotta seinen Namen das erste Mal präsentiert, nachdem sie die Vorhänge zugezogen hatten. Wenn die Xeo-Leute an dem Tisch später Broschüren bastelten, stand darauf statt Evonik Industries der Dummy "Ckuioc Obenoikhlk". Wenn sie doch mit dem Original arbeiteten, steckten sie das Papier anschließend in einen Schredder und warfen die Schnipsel in ihre abschließbare Mülltonne. Der Name musste am Tag X eine Nachricht sein. Käme er vorher raus, wäre die Kampagne Asche.

Wallrafen schiebt eine Farbskala über den Tisch, in der Mitte ein purpurfarbenes Rechteck, die Evonik-Farbe "Deep Purple". Deep Purple soll sich von den anderen Farben abheben. Das Blau der Deutschen Bank ist dabei oder das Gelb der Lufthansa. Es sind die Farben der als wichtig ausgemachten Konkurrenten, allesamt Konkurrenten um Anleger.

Außerdem haben Rünger und Wallrafen einen purpurfarbenen Balken erfunden, der sich auf allen Veröffentlichungen des neuen Konzerns finden soll, waagerecht durch die Motive gezogen. Er sieht aus wie ein großer Clip. Wallrafen hat sich eine werbephilosophische Begründung dafür ausgedacht: "Dieses Gestaltungselement leistet einen wichtigen Beitrag für die Identität des Unternehmens. Solange dieser Clip da ist, werden Sie es immer erkennen. Der Clip hält die Bereiche des Konzerns zusammen."

Weil die Politiker stritten, sponsorte die RAG für mehrere Millionen Euro ein Ausrufezeichen

Es war mittlerweile Sommer 2006, draußen fuhren noch ein paar Autos, an denen letzte zerfledderte Deutschlandfahnen im Wind flatterten. Der Name war so geheim, dass nicht einmal die Mitarbeiter in der RAG-Marketingabteilung ihn kannten. Der Plan war, dass im September 2006 die Codewörter "Alpha" und "Ckuioc Obenoikhlk" durch "Evonik Industries" ersetzt würden.

Doch Landes- und Bundespolitiker stritten darüber, ob und wie sie den weißen Bereich abtrennen sollten. Es ging um Macht und Geld. Die RAG hatte bereits Sponsoring-Verträge mit Borussia Dortmund geschlossen. Als zu Saisonbeginn immer noch nichts weiterging, pappten auf den Trikots der Bundesligafußballer statt eines neuen Namens Ausrufezeichen.

Zu dieser Zeit war Werner Knopf schon dabei, Inhalte für das Gefäß Evonik Industries herzustellen. Von seinem Schreibtisch aus blickt der Geschäftsführer der Hamburger Werbeagentur KNSK auf die Außenalster. Im Sommer schwimmen kleine Boote mit weißen Segeln darauf wie riesige Federn, die im Wasser treiben. Vor Knopfs Bürotür liegen lange Flure, links und rechts Glasfronten, hinter denen seine Kreativen vor papierlosen Schreibtischen in schneeweißen Büros hocken wie in einer sterilen Legebatterie. Weiter kann man von Steinkohle nicht weg sein.

"Ich kann nur Aktien von einem Unternehmen kaufen, das ich auch kenne. Und von einem Unternehmen, das mir unsympathisch ist, werde ich nie welche kaufen", sagt Knopf. Das Problem war: Der weiße Bereich der RAG bestand aus Chemie, Kraftwerken und Immobilien. Knopf, ein kräftiger Mann mit kurz geraspeltem Haarkranz und nettem Jungenlächeln, schenkt sich Kakao aus einer silbernen Designkanne ein und sagt: "Man muss zeigen, dass es sich um Produkte handelt, die den Leuten helfen."

Weil die RAG viele Produkte herstellt, nach denen außer in der Sendung mit der Maus niemand fragt, kamen Knopf und seine Kollegen auf den Slogan: "Wer macht denn so was?" Knopf ist noch heute stolz auf den Satz und grinst, wenn er davon berichtet. Allerdings machte er ihn ein Jahr lang bei der Zeitungslektüre nervös: Er fürchtete, ihn in fremden Anzeigen zu lesen.

Die Kreativen vor Knopfs Büro warfen schließlich zwölf Anzei-gen-Motive aus, beispielsweise das eines an einer Wand klebenden Elefanten, weil Evonik Klebstoffsubstanzen herstellt. Darunter stand auf einem purpurfarbenen Balken: "Wer macht denn so was?" Motive und Slogan sollten zwei Wochen vor Bekanntgabe des Namens in Anzeigen erscheinen - zunächst ohne den Namen. Nach der Bekanntgabe sollten die Motive wieder erscheinen mit Evonik Industries darunter. Teaser-Kampagne nennen Werbemenschen so etwas. Sie glauben, dass das neugierig macht.

Inzwischen waren die Spieler von Borussia Dortmund mit den Ausrufezeichen im Jahr 2007 angekommen. Die Politiker stritten noch. Die RAG hatte eine Saison lang für viele Millionen Euro ein Ausrufezeichen gesponsert. Und Colja Dams war bereits damit fertig, seinen Part zum Strategiepapier "Alpha" beizutragen. Er wartete seit Monaten auf den Startschuss.

Für Journalisten ist der Besuch bei dem freundlich zurückhaltenden Mann mit dem Firmenlogo Vok Dams am Revers ein deprimierendes Ereignis. Wenn er und seine Mitarbeiter sich lange Zeit Gedanken machen, schaffen sie Situationen, in denen Journalisten wie eine Herde zum Futtertrog trotten. Er kann einem auf seinem Laptop Beispiele zeigen. Sie machen dann Bilder, die Dams' Auftraggeber in der Zeitung gut aussehen lassen.

Dams' Agentur organisiert Veranstaltungen. Eine Mitarbeiterin im Nebenraum ist seit bald anderthalb Jahren damit beschäftigt, eine Autopräsentation in Las Vegas vorzubereiten. Am Ende geht es um diesen einen Moment, wenn ein Stofftuch von dem neuen Auto gezogen wird. Es ist das Bild, das um die Welt gehen soll, in Fachmagazinen und Fernsehsendungen. Die Mediengesellschaft braucht Bilder.

Deshalb hatte RAG-Kommunikationschef Kullmann für die Ausrufung seines neuen Unternehmens bei Dams einen Moment bestellt, der als Bild um die Welt gehen sollte.

Das Bild, das sich Dams für Kullmann ausgedacht hatte, war eines vom Konzerngebäude, das verhüllt ist wie von den Christos, und auf der Plane sollte der neue Name stehen. Dams ließ die Plane unter strenger Geheimhaltung im Ausland fertigen. Externe Mitarbeiter waren nie bei mehr als einem Produktionsschritt dabei. Niemand sollte mehrere Buchstaben sehen.

Dams' Mitarbeiter umhüllten das Gebäude Wochen vor der Bekanntgabe mit mehreren Lagen. Die unterste war pechschwarz, damit die Leute in den Büros dahinter durch die Fenster nichts lesen konnten. Zur Entschädigung bekamen sie Taschenlampen. Fassadenkletterer warteten in drei Schichten darauf, sich am Haus abzuseilen, um die Planen zu sichern. Als ein Orkan über Essen tobte, hatte Dams Angst, dass er den Moment kaputt machen könnte. "Aufmerksamkeit ist das kostbarste Gut unserer Zeit", sagt er. Deshalb müssen seine Momente perfekt funktionieren. Sie dürfen nicht gestört werden - wie damals, als Dolly Buster im Windschatten einer Veranstaltung mit zwei starken Argumenten die Kameras auf sich ziehen wollte.

Am 12. September dann sprengten Dams' Leute die Plane, auf der die Menschen in Essen tagelang lesen konnten: "Guten Tag, ich bin neu hier! " Darunter stand "Evonik Industries". In den Zeitungen vom 13. September war Kullmanns Moment zu sehen, das Bild eines Hauses, auf dem Evonik Industries steht.

Drei Tage darauf bekamen mehr als 50 000 Dauerkartenbesitzer von Borussia Dortmund Trikots mit dem Schriftzug des neuen Werbepartners geschenkt. Beim Anpfiff gegen Werder Bremen konnte Werner Müller von seinem Platz auf der Haupttribüne aus auf den Rängen und auf dem Platz lebendige Litfaßsäulen sehen. Stunden später bejubelten sie in der "Sportschau" einen Sieg.

Gottas Kind hatte den Schutz des Schwarzwaldes verloren und war der großen kalten Welt ausgesetzt. Das Fachmagazin "Horizont" titelte: "Experten kritisieren neuen Namen der vorherigen RAG". Es sei ein Fehler, den eingeführten Namen aufzugeben. Leute wie der Hamburger Markenberater Klaus Brandmeyer machen sich über die Teaser-Kampagne lustig: "Das kostet viel Geld, befriedigt aber mehr die Leute, die glauben, da einen ungeheuer spannenden Prozess in Gang gesetzt zu haben." Außerdem seien die verspielten Anzeigen unverständlich. Kaum jemand, der den Namen nun kenne, verstehe, was das Unternehmen mache.

Nun will Evonik Industries an die Börse. Wieder wissen die daran beteiligten Agenturen nicht, wann ihre Arbeit jemand zu Gesicht bekommen wird, denn das Management möchte den Börsengang angesichts der Krise am Kapitalmarkt vielleicht verschieben oder zunächst einen Finanz-Investor suchen.

Manfred Gotta ist indes aus dem Schneider. Er ist sein Kind los. Manchmal müssen nur Gottas Kunden bangen, dass auch andere Eltern sich seiner Kinder bemächtigen. In Frankreich zum Beispiel heißen manche Mädchen heute Mégane, so wie das von Gotta benannte Renault-Auto. Dass im Ruhrgebiet nach der Generation Kevin die Generation Evonik kommt, muss Christian Kullmann aber wohl nicht fürchten. Welche Eltern lassen sich schon gern fragen: Wer macht denn so was? -

Die Markenpiraten Wie die Bergbaubetroffenen die Evonik-Kampagne für ihre Interessen nutzen wollen

- Wenn der Industriekonzern Evonik die ersten Aktien ausgeben wird, will der Friseurmeister Peter Lehnert mächtig Stunk machen. Er möchte dann mit Protestplakaten vor die Börse ziehen. Die Opfer der Kohleförderung sollen vor den Fernsehkameras sagen, dass Evonik seiner sozialen Verantwortung nicht gerecht werde. So möchte Lehnert dem Unternehmen zum Börsengang die Bilder stehlen. Er hat vor, seine eigene Botschaft zu transportieren. "An der Börse ist es tödlich, wenn ein Unternehmen sozial unverantwortlich und unökologisch handelt. Da werden wir sie stellen. Das ist eine Drohung", sagt Lehnert.

Peter Lehnert ist Sprecher der Bergbaubetroffenen im Saarland. Sie protestieren seit Jahren gegen die Kohleförderung, weil sie Erschütterungen verursacht, die ihre Häuser zerstören. Jene Unternehmen, die nun Evonik heißen, gehörten bis vor Kurzem zum RAG-Konzern, in dem auch die Steinkohleförderung gebündelt war. Wenn sie nun verkauft werden, sollen mit den Erlösen die Ewigkeitskosten der Steinkohle bezahlt werden - Renten für die Kumpel, das Abpumpen der Schächte und gegebenenfalls Schäden an Häusern.

Eigentlich müsste Lehnert sich darüber freuen. Denn Evonik gibt es nur, weil die Kohleförderung 2018 auslaufen soll. Doch Lehnert freut sich nicht. Ihm dauert das alles zu lange. Er möchte, dass die Kohleförderung sofort aufhört: "Evonik stiehlt sich aus der Verantwortung, und die Steuerzahler müssen weitere zehn Jahre Subventionen bezahlen. Man müsste sofort aussteigen. Und Evonik den betroffenen Kumpels hier Arbeit geben."

Die Kohle spaltet in Nalbach nämlich nicht nur Hauswände. Sie treibt auch einen Keil in die Dorfgemeinschaft. Denn für die Kumpels ist sie nicht nur Existenzgrundlage, sie ist auch ihr Stolz. Die Steinkohle machte das Saarland einmal reich, sie half dem ganzen Land nach dem Krieg auf die Beine, es geht um Tradition und Wertschätzung. Deshalb wollte die Politik einen langsamen Ausstieg. Lehnert weiß das, er ist von ganzem Herzen Saarländer. Als er früher bei internationalen Friseur-Wettbewerben antrat, trug er Bergmannskluft.

Aber nun ist auch er mit den Nerven am Ende.

Schiefe Häuser, ein steigender Grundwasserspiegel und Risse in Wänden gab es schon immer, wenn sich die Erde über einem Abbaugebiet senkte. Diese Schatten der Kohle aber kamen schleichend über die Dörfer, so wie Lehnerts Haare langsam ergraut sind, die er zu einem langen Pferdeschwanz gebunden hat. Doch in jüngster Zeit wurden die Erschütterungen schlimmer. Diese Beben kommen nicht langsam wie Schatten. Sie kommen plötzlich. Sie machen den Menschen Angst.

Regelmäßig treffen sich die Nalbacher zu Mahnwachen. In seinem Haus hat Lehnert einen teuren Seismografen installiert. Er zeige oftmals Ausschläge, die über den Werten liegen, die nach den einschlägigen DI N-Normen unbedenklich sind, sagt Lehnert. An einem dekorativen Riss in seinem Friseursalon hat er Daten an die Wand geschrieben. Jedes Mal wenn der Riss nach einer Erschütterung des Hauses größer wird, kommt ein neues Datum hinzu. So wie bei einem Kind, dessen Wachstum die Eltern am Türstock dokumentieren. Lehnert hat gelernt, dass Journalisten über diesen Riss gern berichten.

Nalbach wirkt wie ein Dorf mit einer eigentümlich hohen Konzentration unfähiger Handwerker und Statiker. In manchen Häusern sollen Waschbecken von der Wand brechen. Auf einer Fahrt mit Lehnert durch den Ort deutet er ständig auf Risse, die sich vom Fundament bis unter das Dach zahlreicher Häuser ziehen. Die Immobilienpreise sind abgestürzt. Dass die Deutsche Steinkohle AG plant, ein weiteres Abbaugebiet zu erschließen, macht es nicht besser, auch wenn sie die Reparatur der Schäden bezahlt.

Nun möchte Lehnert die Evonik-Kampagne kapern. Wie ein Markenpirat möchte er Namen und Slogan besetzen. Wenn er auf Risse in Häusern deutet, dann fragt er schon mit diebischem Grinsen: "Wer macht denn so was?" Sollte allerdings sein Protest vor der Börse tatsächlich Anleger abschrecken, brächte der Verkauf des Unternehmens weniger Geld ein. Dann wäre nach dem Ausstieg aus der Steinkohle ironischerweise auch weniger für die Schäden da, und der Staat müsste einspringen. Logisch betrachtet ist das, was Lehnert und seine Mitstreiter machen, Unsinn.

Aber logisch ist hier nichts mehr. Es geht um Emotionen. Lehnert will nicht akzeptieren, dass die Politiker sich darauf geeinigt haben, den Bergbau voraussichtlich erst 2018 auslaufen zu lassen. Seit der Ausstieg so gut wie beschlossen ist, interessieren sie sich kaum noch für die Bergbauopfer und die Medien auch nicht. Evoniks Börsenpläne kommen Lehnert gerade recht.

Das Unternehmen hat zwar nichts mehr mit der Kohle zu tun. Aber die RAG hatte die Evonik-Bestandteile einst mit aus der Kohle erwirtschafteten Rückstellungen gekauft. Immerhin eine Verbindung, mit der sich Öffentlichkeit schaffen ließe, glaubt Lehnert. Evonik ist für ihn wie ein Strohhalm. Denn sein Seismograf schlägt heute aus. Sein Haus macht heute bedrohliche Geräusche. Die Kinder seiner Nachbarn machen heute in die Betten. Lehnert möchte, dass es aufhört. Sofort.

Ändern wird er vermutlich nichts. Er wird weder Investoren vergrätzen noch Politiker überzeugen. Für sie ist das Thema beerdigt, spätestens 2018. -