Partner von
Partner von

Die denglische Krankheit

Deutschlands Finanzsprache hat sich zu einer kabarettreifen Mischung entwickelt. Sie besteht aus ungefiltertem Englisch, etwas Französisch, Latein und viel heißer Luft. Zur Verständigung mit den Kunden taugt sie nicht.




- Am 21. Februar ist es wieder so weit: Der im Jahr 2000 von der Unesco initiierte Internationale Tag der Muttersprache droht erneut unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu verstreichen. Das ist auch aus deutscher Sicht schade. Denn der schleichende Niedergang des Deutschen wird durch ein mit Anglizismen gespicktes Kauderwelsch beschleunigt. Dafür an vorderster Stelle mitverantwortlich ist die Finanzbranche. Online-Kunden plappern nach, was sie im Internet oder bei Bloomberg aufgeschnappt haben. Das kommt Anlageberatern entgegen, können sie während des folgenden Denglisch-Dialogs mit Kunden doch locker mithalten, weil die Zertifikate- und Fondsspezialisten ihrer Bank ihnen längst Begriffe wie Cap, Contango, Rolling Discount oder Outperformance eingebläut haben. Kunden haben zwar die Chance, deren Bedeutung zu hinterfragen; aber entweder trauen sie sich nicht, oder sie kapitulieren vor dem Dutzend weiterer Anglizismen, mit denen sie Cap, Contango & Co. erklärt bekommen.

Das birgt für die Finanzbranche eine Chance, die sie gern ergreift - auf ihre Weise: indem sie als Aufklärungsschriften getarnte Verkaufshilfen so verpackt, dass Interessenten einen hohen Nutzen wittern. Als beworbene Instrumente dienen häufig alle erdenklichen Arten von Zertifikaten und Fonds. Die Verpackungskünstler stellen sie als Alleskönner für jede Börsenlage dar. Dabei wenden sie einen Trick an: Da niemand die Kursentwicklung vorhersehen kann, konfrontieren sie potenzielle Kunden mit Aufwärts-, Abwärts- und Seitwärts-Instrumenten samt unzähligen Varianten. Ein Beispiel: Zum Münchner Börsentag am 10. November 2007 verteilte Sal. Oppenheim ("Privatbankiers seit 1789") ein feines, kleines, in Leinen gebundenes Büchlein mit dem Titel "Derivative Wertpapiere", dessen Hauptkapitel allesamt mit "Das erwarten Sie" beginnen. Zumindest auf dem Papier werden alle Erwartungen erfüllt: mit Rolling-Discount- und Out-Bas-ket-Zertifikaten, Endlos-Turbo-Bull- und -Turbo-Bear-Scheinen. Obendrein schmücken sich die Privatbankiers mit sogenannten Awards für Innovationen, deren Fragwürdigkeit in einem einzigen Satz gipfelt: "Das erwarten Sie." Sal. Oppenheim hält also für jede erdenkliche Kursentwicklung derivative Wertpapiere bereit, überlässt die Kurserwartung aber den Anlegern. Andere Institute wenden diesen Trick ebenfalls an. Die Namen ihrer Finanzprodukte variieren von Fantasie-Englisch wie X-markets oder Waves XXL bis zu Begriffen in Hoch-Denglisch, wie Outperformance- oder Lookback-Zertifikate.

Die Lust vieler deutscher Anleger - erst recht deutscher Berater und Analysten - auf angelsächsische Begriffe tut ein Übriges. Da präsentieren sie sich als Käufer an der Börse gern long, als Verkäufer short. Der Gewinn eines Unternehmens mutiert zu Ebit (Earnings before interest and taxes, also vor Zinsen und Steuern). Aus dem Chef wird der CEO (Chief Executive Officer). Ist ihm der Turnaround gelungen, startet seine Aktie eine Rally und wird zum Highflyer, während Insider ihre Directors' Dealings veröffentlichen. Daraufhin stufen Researcher die Aktie als strong buy ein. Asset Manager, die bottom up vorgehen, übertreffen dank ihrer Performance aufgrund solcher Aktien die Benchmark, zumal die Investor-Relations-Abteilung des Unternehmens mithilfe von Spin Doctors aus der PR-Branche den Shareholder Value nach oben treibt und der Chart die Daytrader anlockt.

Die Kunden schalten ihre Ohren auf Durchzug

So weit ein Bruchteil sprachlicher Verrenkungen aus einer einzigen Sparte des Geldsektors, der Aktienbörse. Hinzu kommen Wortungeheuer aus der Fondsbranche (wie Total Expense Ratio, TER abgekürzt, oder Real Estate Investment Trust, als Reit ins Deutsche übertragen); aus der Vermögensverwaltung (wo reiche Kunden High Net Worth Individuals heißen und Superreiche Anspruch auf ein Family Office haben); aus dem Geschäft von Banken und Sparkassen (vom Retail und Private Banking bis zu M & A, einer Kurzform, die nur selten als Mergers & Acquisitions ausgeschrieben, geschweige denn als Fusionen und Übernahmen übersetzt wird). Die mit Anglizismen durchsetzte Fachsprache erstreckt sich über alles, was mit der Geldpolitik der Notenbanken zu tun hat, über Versicherungen, Zertifikate, Anleihen, Immobilien, Rohstoffe und Terminmärkte, über Hedgefonds und Private Equity, über eine so urdeutsche Einrichtung wie die Schufa, die Kreditnehmer mittels Scoring bewertet, bis hin zu den nicht minder urdeutschen Steuern, deretwegen der Fiskus dank Konten-Screening alle Bürger durchleuchten darf.

Also von wegen alles nur das Ergebnis der Scheinlogik von Verpackungskünstlern aus der Finanzbranche und der Lust ihrer Kunden auf Denglisch. Eine mindestens ebenso große Rolle spielt die Gedankenlosigkeit: Wenn man schon zu faul ist, sich um eine sinnvolle Übersetzung zu kümmern, bleibt es halt beim Scoring; Bewertung mag dafür als deutsches Wort ja nicht ganz zutreffend sein und Benotung zu oberlehrerhaft wirken, doch verständlicher wären beide Begriffe allemal. Und es bleibt beim Konten-Screening, weil Bezeichnungen wie Prüfung oder Kontrolle möglicherweise die letzten ehrlichen Steuerzahler außer Landes treiben könnten. Medien tragen zur Begriffsverwirrung bei. So halten es Fernsehkommentatoren von ARD und ZDF in ihrer Börsenberichterstattung nicht für nötig, in einem Nebensatz zu erwähnen, dass der Dax (ausnahmsweise kein angelsächsisch geprägter Begriff ) aus 30 führenden deutschen Aktien besteht; lieber bezeichnen sie diese als Blue Chips. Hinzu kommt, dass die Vielzahl der aus England und den USA übernommenen Wörter mit der Vielfalt an fachspezifischen deutschen, zum Teil auch aus anderen Sprachen stammenden Ausdrücken einhergeht, seien es die Zillmerung von Versicherungstarifen oder die inverse Zinsstruktur am Anleihemarkt, die Annuität in der Baufinanzierung oder der Progressionsvorbehalt bei den Steuern.

Finanzdienstleister sind als Letzte daran interessiert, ihren Kunden alles stundenlang zu erklären. Denn sie können ihnen in dieser Zeit nichts verkaufen; außerdem laufen sie Gefahr, offene und versteckte Kosten begründen zu müssen. Die seit November 2007 geltenden verschärften Regeln aufgrund der Umsetzung der EU-Richtlinie MiFID (Markets in Financial Instruments Directive) in deutsches Recht müssen sich erst noch bewähren. Sie verlangen allerdings nicht, dass Anlageberater Zinsen, Aktienkurse, Konjunkturen und Krisen vorhersehen sollen. "Das erwarten Sie", diese verführerische Kernbotschaft von Sal. Oppenheim wird durch das neue MiFID-Recht geradezu zementiert: Das Risiko aus falschen Erwartungen tragen die Anleger.

Doch welche Kriterien müssen Berater beachten? Ein Beispiel: Spätestens im Frühjahr 2007 wurde deutlich, dass die Spekulation finanzschwacher Amerikaner mit Wohnhäusern platzen musste. Daraus entwickelte sich eine internationale Bankenkrise, deren Folgen für die Weltkonjunktur dramatisch sein könnten.

Und wie nennen Banker sie verniedlichend? Subprime-Krise, wegen der US-Hauseigentümer mit dubioser Kreditwürdigkeit. Ihnen hatten Banken bis 2006 ohne Sinn und Verstand Hypothekenkredite gewährt, die schließlich zusammen mit Konsumenten- und Autokrediten, Kreditkarten-, Leasing- und sonstigen Forderungen in Asset Backed Securities (ABS) landeten. Diese Ansammlungen von mehr oder weniger zweifelhaften Krediten gerieten auch in deutsche Fonds, die unter anderem der Altersvorsorge durchschnittlicher Sparer dienen sollen. Und in Conduits, das sind außerhalb der Bankbilanzen verbuchte Zweckgesellschaften.

Über deren Konstruktion ist unter anderem die deutsche Mittelstandsbank IKB gestolpert, deren Manager die Frechheit besaßen, noch Anfang Oktober bei der Münchener Immobilienmesse Expo Real Broschüren wie "Die unternehmerische Entscheidung" auszulegen mit einem dicken Eigenlob für ihr ABS-Programm. Da waren die IKB-Aktionäre einschließlich der Großaktionärin, der Staatsbank KfW, schon um viele Millionen Euro ärmer. Einen weiteren Teil der Zeche werden deutsche Steuerzahler begleichen, auch solche, die den Bankern weiter jede Beschwichtigung abnehmen und beim Kürzel ABS nach wie vor nur an ihr Auto denken.

ABS-Fonds gehören neben Zertifikaten, Aktienanleihen, Hedge-, Devisen- und Zertifikatefonds, Reits und allerlei weiteren für Laien unverständlichen Kunstprodukten der sogenannten Finanzindustrie zu den in Deutschland vergleichsweise jungen Asset-Klassen. Was so viel bedeutet wie: Banken lassen von spezialisierten Mathematikern Anlageprodukte (Assets) konstruieren, deren Wirkungsweise in der Theorie so überzeugend ist, dass sich aus ihnen eine Asset Allocation (Geldanlage, Vermögensstruktur) basteln lässt.

"Zum Teil sehr fantasievolle Namensgebungen verkomplizieren die Orientierung zusätzlich", meint indes Allianz Global Investors (AG I), die mit vielen Anglizismen und Günter Netzer werbende Fondsgesellschaft der Allianz AG in ihrer Studie "Fonds & Zertifikate". Von Fall zu Fall haben die selbst mit gekünstelten Begriffen (wie "Summa oeconomica" oder "annualisierte Rendite") arbeitenden Verfasser der Studie darüber die Orientierung innerhalb der eigenen Sprache verloren: "Um Kursrisiken abzusichern beziehungsweise auch von seitwärts tendierenden Märkten zu profitieren, existieren eine Vielfalt unterschiedliche Konzepte."

Während Französisch in der Geldsprache zunehmend durch angelsächsisch geprägte Wörter ersetzt wird (zum Beispiel à la hausse durch bullish oder Portefeuille durch Portfolio), halten Ableger aus dem Lateinischen die Stellung: Ad hoc, Agio, Bonus, Damnum, Dividende, Emission, Inflation, Ultimo, Volatilität -Vokabeln, die auch Kunden der Geldhäuser häufig beherrschen. Doch leider setzen Banken und Fondsgesellschaften mit einer Mischung aus Griechisch und Englisch noch eins drauf, sodass die Kunden wieder kaum etwas verstehen. Kennzeichnend ist Alpha, die "Extrarendite einer Anlage gemessen an der Benchmark", definiert AG I. Benchmark ist nichts anderes als eine Messlatte, etwa ein Index oder eine Peer Group, zum Beispiel vergleichbare Fonds. Dann kommt Beta ins Spiel, "ein Maß für die gemeinsame Veränderung von Anlage und Benchmark" (AG I) - und alle in höherer Mathematik nicht ganz versierten Kunden müssen passen. Erst recht, wenn sich ihnen die Quellen von Alpha offenbaren, wie Call Overwriting, Duration oder Long Short Equity.

Die Motive für solcherlei Wortsalat werden von den Verantwortlichen hinter vorgehaltener Hand sogar zugegeben: Es geht um Verschleierung. Anbieter von Finanzdiensten beliefern ihre Kunden mit Geld, etwa indem sie Kredite gewähren oder Kapital umschichten; und sie geben ihnen die Möglichkeit, auf Konten, in Fonds, Zertifikaten, Versicherungspolicen oder Bausparverträgen Geld anzulegen beziehungsweise abzusichern. Die meisten Finanzprodukte sind an sich schon so komplex, dass sie der Beratung bedürfen. Das Salär dafür ist traditionell in der Zinsspanne oder Vertriebsprovision enthalten und wird unabhängig von der Beratungsqualität fällig. Doch in den vergangenen Jahren ließen sich immer weniger Kunden auf die Geldschneiderei ein; sie wanderten in Scharen zu Direktbanken und -versicherern ab, ohne ein Beratungsdefizit zu verspüren. Die Reaktion der etablierten Anbieter bestand jedoch nicht in besserer Beratung, sondern darin, dass sie ihre Finanzprodukte noch komplexer gestalteten und schließlich fast nur mit englischen Namen versahen.

Den Anfang macht meistens die vom Angelsächsischen durchsetzte Ausbildung an den Unis, der sich im Finanzsektor oft ein berufsbegleitendes Post-Graduate-Studium anschließt. Die Verästelung der Ausbildungswege ist danach nicht einmal mehr für Fachleute nachvollziehbar. Zwei Beispiele: Die im Rheingau beheimatete private European Business School trimmt ihre Absolventen auf Titel wie Certified Financial Planner (CFP) oder Certified Foundation and Estate Planner (CFEP). Die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (früher: für Anlageberatung) bietet seit Frühjahr 2007 eine Zusatzausbildung im Vermögensmanagement an, die mit den Titeln CeFM (Certified Financial Manager) und CIWM (Certified International Wealth Manager) abschließen soll. Solche Ausbildungen kosten viel Geld, das direkt oder indirekt größtenteils von Sponsoren stammt: Banken, Versicherern, Fonds- und Vertriebsgesellschaften.

Diese Anbieter erwarten, dass ihr Einsatz sich verzinst. Das Lächeln zufriedener Kunden reicht ihnen nicht, denn zusätzlich zu den Ausbildungskosten müssen sie für Gehälter und Erfolgshonorare ihrer Mitarbeiter aufkommen. Da bieten sich Fees (Gebühren) und Provisionen an, die beispielsweise vom verwalteten Vermögen, vom Absatzvolumen und/oder vom Churning (häufige Depotumschichtungen) abhängen. Auch vom Kundenerfolg? Honorare als Anerkennung für gute Finanzdienste haben Seltenheitswert, vom Kundenerfolg abhängige Honorare erst recht.

Das könnte sich demnächst in einem Kundensegment für die Anbieter bitter rächen: im bodenständigen, der englischen Sprache vielfach kaum mächtigen, vom Aufschwung besonders begünstigten deutschen Mittelstand. Dazu gehören primär Unternehmer, auch vermögende Familien, Stiftungen, Rechtsanwälte und Steuerberater. Sie fragen sich: Wie komplex dürfen Lösungen für unsere komplexen Probleme sein, und ab wann schalten wir die Ohren auf Durchzug, wenn wir mit Begriffen wie Monetization Strategies, Value Select, Portfolio Lending oder Structured Lending konfrontiert werden? Um nur wenige Begriffe aus einer Präsentation von Joachim Häger zu erwähnen, Chef des deutschen Private Wealth Managements der Deutschen Bank, vorgetragen am 7. November 2007 in der Frankfurt School of Finance & Management, die früher einmal viel treffender Hochschule für Bankwirtschaft hieß.

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich für mehr Deutsch auf internationalem Parkett eingesetzt. Wenn das kein Anreiz für Finanzdienstleister ist, wenigstens mit ihren zur Generation der Best Ager gehörenden, im Englischen nicht ganz so versierten, reichen mittelständischen High Net Worth Individuals deutsch zu reden. Sonst sind die bald über alle Berge, etwa in die Schweiz, wo sich Banker gern überwinden, das nicht gerade beliebte Hochdeutsch zu sprechen. Pecunia non olet. -