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Zeit zu leben, Zeit zu sterben

Wir müssen alle sterben. Hoffentlich haben wir dann jemanden, der uns die Hand hält. Um viel mehr geht es am Ende nicht. Besuch bei Ärzten und Krankenschwestern, die alles dafür tun, dass ihre Patienten einen guten Tod haben.




"Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt."
(Thomas Bernhard)

- Am Ende werden sehr einfache Dinge wichtig. Zum Beispiel vom Bett aus auf die Bäume und den Himmel zu sehen. Herr Klein ist 62 Jahre alt, und er wird nur noch wenige Tage leben. Er ist abgemagert bis auf die Knochen. Das Gesicht ist eingefallen. Seine Haut ist gelb. Er wirkt zerbrechlich und schwach. Wenn er spricht, schleppt sich seine dünne Stimme mit langen Pausen durch die Sätze. Aber was er sagt, ist vollkommen klar. "Natürlich ist es immer zu früh, dass man stirbt. Da muss man sich abfinden. Vorher war es schrecklich, jetzt nicht mehr. Ich weiß ja schon seit drei Jahren, dass das nicht mehr heilbar ist", sagt Herr Klein. Mühsam dreht er den Kopf zu seinem Gesprächspartner. "Man versucht, so viel Zeit rauszuschlagen wie möglich. Dass ich jetzt noch mal drei Monate zu Hause sein konnte, das war am schönsten. Aber jetzt ging es zu Hause nicht mehr."

Er hat Enddarmkrebs, Wasser im Bauch, Metastasen in der Leber, im Bauchfell, in den Knochen. Er ist seit einem Tag wieder in der Klinik, er hat die Ärzte gebeten, alle lebensverlängernden Maßnahmen und die künstliche Ernährung zu beenden. Was das bedeutet, ist klar. "Es ist alles geregelt", sagt Herr Klein. Es klingt auf sachliche und abschließende Weise erleichtert. Dann wendet er den Kopf zur anderen Seite und schaut auf die Bäume und den blauen Sommerhimmel vor seinem Fenster.

Herr Klein, der in Wirklichkeit anders heißt, liegt auf der Station L 23 der Universitätsklinik München. Es ist eine Palliativstation. Wer hier liegt, weiß, dass er nicht mehr lange leben wird. Die Todesursachen sind: Krebs, Atemwegserkrankungen, neurologische Erkrankungen, Herzerkrankungen. Die meisten Patienten haben viele Operationen und Therapien hinter sich. Statistisch stirbt hier jeden zweiten Tag ein Mensch, etwa 150 im Jahr. Es geht nicht mehr um Heilung oder Lebensverlängerung. Es geht nur noch darum, Schmerzen und andere Symptome zu lindern; um Würde; darum, Abschied zu nehmen. Die Ärzte versuchen in dieser schwierigen Situation, den Angehörigen zu helfen. Die wenigen Tage, die die Patienten noch haben, wollen ihnen die Ärzte und Schwestern so erträglich und so schön wie möglich machen.

Für Herrn Klein bedeutet das, dass seine Schmerzen so behandelt werden, dass er sie kaum noch spürt. Seine Frau und seine Kinder können jederzeit zu ihm kommen, auch nachts, selbst dann, wenn eigentlich Oberarzt-Visite ist. Und wenn seine Frau oder sein Sohn für einige Tage bei ihm bleiben wollen, stellen die Schwestern ein zweites Bett in sein Zimmer. Wenn Herr Klein oder jemand aus seiner Familie nur reden will, egal worüber, haben ein Arzt oder eine Schwester alle Zeit der Welt. Nichts davon ist im Rest des Krankenhausbetriebes selbstverständlich.

Die Pfleger und Ärzte, die auf der Palliativstation arbeiten, gehen jeden Tag mit sterbenden Menschen um, mit verzweifelten Angehörigen, mit Menschen, die nur noch wenige Tage haben.

Viele Patienten sind jünger als Herr Klein, 20, 30, 40, 50 Jahre. Viele sind so alt wie die Ärzte und Pfleger selbst. Und das bedeutet, dass jeder Tod eines Patienten ihnen bewusst macht, dass auch sie einmal sterben werden.

Regina Wölfle ist seit fünf Jahren Krankenschwester auf der Palliativstation. Sie hat viele kranke Menschen in den Tod begleitet. Und sie hat eine sehr klare Antwort auf die Frage, was ihre Patienten außer guter Pflege und medizinischer Kompetenz brauchen: "Wahrhaftigkeit und Empathie." Nicht nur um professionelle Pflege geht es, sondern um menschlichen Kontakt. Und der ist nur möglich, wenn sie dabei eigene Gefühle zulässt. Regina Wölfle beschreibt das nüchtern: "Ich vergleiche die Arbeit hier oft mit der Arbeit im Kreißsaal. Man begleitet jemanden auf seinem Weg. Die Patienten wissen, dass sie sterben werden. Aber sie wissen es nicht 24 Stunden am Tag. Das ist ein Schutz der Seele. Eine Patientin hatte gestern ein sehr intensives Gespräch mit der Ärztin über ihren Tod, darüber, was von ihr bleibt. Da kommt ihr Mann zur Tür rein, und sie sagt, dass sie sich darauf freue, ihren Garten wiederzusehen - ein Umschalten im gleichen Augenblick. So etwas ist relativ häufig. Wir geben dem Patienten, dass er als ganzer Mensch wahrgenommen wird. Wir nehmen oft Angehörige in den Arm, wenn sie trauern und weinen. Man entwickelt ein Gefühl dafür, wann das richtig ist."

Jemanden in den Arm zu nehmen, der gerade die Mutter, den Ehemann, den Sohn verloren hat, ist nicht einfach eine Arbeit. Es ist ein intimer Moment, in dem Regina Wölfle und ihre Kollegen den Schmerz eines Menschen teilen. Und es ist Teil ihres Arbeitsalltags. "Man bekommt viel zurück", sagt die 53-Jährige. "Ich lerne von den Patienten, dass das Leben ein Geschenk ist. Seit ich hier arbeite, nehme ich Augenblicke bewusster wahr."

Besprechung am Montagmorgen. Es geht um den Zustand der Patienten. Der Tonfall ist nüchtern, aber nicht kalt. Zwei sind "sterbend" und nicht mehr bei Bewusstsein, ein Patient soll auf seinen Wunsch nach Hause verlegt werden, er will dort sterben. Einer älteren Dame soll eine Magensonde gelegt werden und eine Pumpe, die ihr kontinuierlich, rund um die Uhr, ein Schmerzmittel injiziert. Zwei Patienten sind in der vergangenen Nacht gestorben. Bei einem 74-jährigen Mann war die ganze Familie in seinem Krankenzimmer versammelt. Einige der Angehörigen haben sich zum ersten Mal seit vielen Jahren wiedergesehen. 30 Minuten nach diesem Mann ist in einem anderen Zimmer eine 60-jährige Frau gestorben, friedlich und ohne Krämpfe. Am Morgen standen Kerzen vor den Zimmern der beiden Toten, eines der vielen kleinen Rituale, die den Menschen auf der Station helfen, mit dem Tod umzugehen.

Jeder Arzt, jede Schwester verabschiedet sich von den Toten, die sie als Patienten betreut haben. Sie setzen sich für eine Zeit allein an das Totenbett. Einmal im Monat gibt es eine Gedenkfeier, in der die Namen der Verstorbenen verlesen werden. Diese den Arbeitsalltag unterbrechenden Rituale erden für einen Augenblick die Gefühle derer, die auf der Station arbeiten, und geben ihnen die Möglichkeit, sich noch einmal an die Menschen zu erinnern; sie sind aber auch ein Schutz gegen Verhärtung.

Das Universitätsklinikum München-Großhadern ist ein riesiger Betrieb mit 1200 Betten. In einem Anbau an den silbern schimmernden Kasten liegt die großzügig ausgestattete Palliativstation. Zehn Betten hat sie; drei Oberärzte, drei Assistenzärzte, zwei Sozialarbeiter, eine evangelische Pfarrerin, ein katholischer Seelsorger, 16 Pflegekräfte und Professor Gian Domenico Borasio arbeiten hier. Borasio ist Lehrstuhlinhaber für Palliativmedizin an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität und einer der renommiertesten Vertreter des Faches in Deutschland.

Es geht für Borasio bei seiner Arbeit nicht nur um die Betreuung sterbender Menschen mit komplizierten Krankheiten und schweren Schmerzen. Es geht für ihn auch darum, als Wissenschaftler zu lernen, wie man diesen Menschen besser helfen kann. "Das System der universitären Medizin ist relativ festgefahren, nicht nur hierarchisch, sondern auch in den Denkstrukturen", sagt Borasio. "Die Palliativmedizin betreibt Forschung und Lehre auf Gebieten, die bisher nicht so berührt wurden. Wir interessieren uns zum Beispiel sehr für die spirituelle Begleitung in der Sterbephase. Für die klassische Medizin ist das kein Thema, aber für viele Menschen ist das am Ende ihres Lebens ungeheuer wichtig. Dass hier zwei Seelsorger arbeiten, hat ganz nüchterne, medizinische Gründe. Oft leiden Sterbende darunter, dass sie innere Angelegenheiten bereinigen wollen. Zum Beispiel ihre Beziehung zu Gott, vor allem aber ihre Beziehung zu anderen Menschen." Gian Domenico Borasio, mit 45 Jahren für einen Lehrstuhlinhaber noch relativ jung, spricht mit Emphase. Und man merkt ihm an, wie ernst es ihm damit ist, für sein noch relativ junges wissenschaftliches Fach zu kämpfen.

Trotz allem Engagement benennt er ungeschönt die Härten. "Es geht auch darum, zu lernen, bestimmte Sachen, die man nicht ändern kann, auszuhalten, und zwar so, dass man selbst daran nicht zugrunde geht oder seelisch verletzt wird", sagt Borasio. "Es geht darum, nicht wegzulaufen, wenn ein Patient verzweifelt fragt: Weshalb muss ausgerechnet ich sterben, warum ausgerechnet jetzt? Darauf gibt es keine Antwort. Und trotzdem können wir ihn in diesem Augenblick nicht allein lassen oder mit Floskeln abspeisen."

Die Anbindung an einen Lehrstuhl ist eine Besonderheit des Interdisziplinären Zentrums für Palliativmedzin (IZP), so der korrekte Name der Münchener Einrichtung. Nur fünf der insgesamt 178 deutschen Palliativstationen gehören zu Universitätskliniken und verbinden, ähnlich wie das IZP, Patientenbetreuung mit Forschung. Wenn Borasio über seine Arbeit berichtet, spricht er von einem langen Lernprozess und davon, wie ihn die Begegnungen mit Sterbenden verändert haben und wie die Palliativmedizin innerhalb der gesamten Medizin den Umgang mit dem Tod verändert. Den Tod eines Patienten zu akzeptieren, das ist für viele Mediziner ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke. Borasio weiß, dass seine Patienten sterben werden. Aber er will, dass sie wenigstens so gut wie möglich sterben.

Die meisten Ärzte tun sich schwer damit, den Tod ihres Patienten zu akzeptieren

Eine seiner Patientinnen war eine junge Frau, 35 Jahre alt, zwei kleine Kinder im Alter von drei und fünf Jahren. Sie war bettlägerig und hatte den Bauch voller Tumore. Es war klar, dass sie nur noch wenige Wochen zu leben hatte. Eine Metastase im Hirn führte zur Lähmung der linken Körperhälfte. "Medizinisch war diese Lähmung relativ irrelevant", schildert Borasio. "Sie war ohnehin bettlägerig, und dass sie ihre linke Hand nicht bewegen konnte, erschien uns Ärzten zunächst nicht so furchtbar wichtig. Aber sie war wegen dieser Lähmung so deprimiert, dass sie mit ihrem Mann nicht mehr sprechen wollte, ihre Kinder nicht mehr sehen wollte. Wir glaubten, sie habe eine schreckliche Sterbephase vor sich, weil sie aus dieser Depression nicht herauskommt. Wir haben dann etwas gemacht, das auf den ersten Blick verrückt wirkt. Wir haben ihre Metastasen mit einem sogenannten Gamma-Knife bestrahlen lassen, eine hochmoderne Methode, die nicht ganz billig ist.

Es ging mir nicht darum, ihre Lebenszeit zu verlängern, sondern um Symptomlinderung, darum, dass sie ihre linke Hand wieder bewegen kann, weil das für sie offenkundig so wichtig war. Wir haben Hightech-Medizin eingesetzt, letztlich um ihr seelisch zu helfen. Und das hat funktioniert, ihre Lähmung hat sich gebessert, ihre Stimmung auch. Sie hat mit ihrem Mann Prosecco getrunken, hat ihre Kinder zu sich geholt und ist zwei Wochen später in Anwesenheit der ganzen Familie friedlich gestorben. Man könnte jetzt sagen: Großartig, du hast viel Geld für die Bestrahlung verpulvert, damit diese Frau zwei Wochen lang keine Depressionen hat. Aber die Wirkung dieser Bestrahlung hält nicht zwei Wochen an, sondern etwa 80 Jahre. Das ist die Lebenserwartung der beiden Kinder. Wie sie den Tod ihrer Mutter erlebt haben, dass sie ihn erlebt haben und sich von ihr verabschieden konnten, wird ihr gesamtes Leben beeinflussen."

Marcus Schlemmer ist Onkologe und einer der drei Oberärzte am IZP. Während seiner Tätigkeit hat er schon viele Menschen beim Sterben begleitet. "Wenn sie friedlich sterben, ist es ein Immer-weniger-Werden, ein Wegdämmern. Die Atmung wird flacher, die Pausen zwischen den Atemzügen werden länger, und irgendwann hört die Pause dann nicht mehr auf. Das Sterben kann sehr lange dauern; 24 Stunden ist schon lange, aber es können, gerade bei jungen Patienten mit kräftigen Organen, auch 48 oder 72 Stunden sein. Das ist etwas Organisches, auch etwas Natürliches. Ich sehe den Toten und denke: Irgendwann werde ich auch so daliegen, und jemand wird meine Hand halten, hoffentlich. Der Tote ist mir vorausgegangen."

Auf der Station L 23 müssen die Ärzte ihre Abwehr gegen die Nähe des Todes ablegen und akzeptieren, dass sie ihn in manchen Fällen eben nicht aufhalten können. "Wenn man einer Patientin mit weit fortgeschrittenem Brustkrebs, die Lungen-Metastasen hat, sagt, wir können Sie jetzt noch mal intubieren und hoffen, dass das hilft, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie auf der Intensivstation stirbt", sagt Schlemmer. "Dem Patienten eine weitere Therapie anzubieten, auch wenn sie medizinisch nicht sinnvoll ist, ist ein leichteres Gespräch, als zu sagen: Wir können Ihre Krankheit nicht aufhalten. Es ist menschlich sehr schwierig, wenn man noch irgendeine technische Möglichkeit mit minimalen Chancen hat, das nicht zu nutzen, damit die Patientin noch einige Tage bei klarem Bewusstsein ist und Abschied nehmen kann." Es ist schwierig für die Ärzte, aber es ist besser für die Sterbenden.

Und es ist sehr viel besser für die Angehörigen. Wenn man Schlemmer zuhört, versteht man langsam, was Borasio meint, wenn er sagt, die Palliativmedizin sei ein "Trojanisches Pferd", das auch in anderen Bereichen der Medizin das Selbstbild der Ärzte verändere. "Die Vorstellung von einem sterbenden Patient bedeutet, dass ich fachlich als Arzt versagt habe. Und das ist ein riesiges Problem", beschreibt Matthias Gockel die fatalen Automatismen, die viel damit zu tun haben, den Tod kontrollieren und sogar beherrschen zu wollen.

Gockel ist 38 Jahre alt und Assistenzarzt auf der Palliativstation. Er ist ein Mensch mit einem trockenen Humor, dem man anmerkt, dass ihm das Schicksal seiner Patienten nahegeht. "Ich bin nach fünf Jahren in der Palliativmedizin immer noch dabei, meinen eigenen Weg zu finden. Ein schwieriger Punkt ist sicher, zu akzeptieren, dass das Leben keine organisierbare Angelegenheit ist, die man durchmanagen kann."

Gockels Weg, mit dem Leid seiner Patienten umzugehen, ist direkt und erstaunlich ungeschützt. "Ich versuche unter anderem, das Weinen wieder als adäquate menschliche Ausdrucksform an einer Uni-Klinik zu verankern. Mir passiert das häufig. Wenn ich diese Ausdrucksform nicht hätte, würde ich wahrscheinlich ausbrennen", sagt er.

Und das hat nichts Sentimentales oder Larmoyantes, es ist einfach eine sachliche Feststellung. "Eine Kollegin hatte auf der Onkologie einen Patienten, der ein halbes Jahr jünger war als sie, 27 Jahre. Nach einer Reihe von Chemotherapien und Operationen haben sich die Metastasen explosionsartig vermehrt. Es war klar, dass das Zeitfenster langsam sehr, sehr eng wird. Er war bis 15, 20 Minuten vor seinem Tod bei vollem Bewusstsein, was eher selten ist. Ein, zwei Stunden, bevor er gestorben ist, hat er seine Freundin gebeten, seiner Ärztin ein kleines Stofftier, das auf seinem Nachttisch stand, zum Abschied zu schenken. Als er gestorben war, blieben seine Angehörigen noch eine Weile bei ihm sitzen. Seine Freundin kam schließlich raus und ist meiner Kollegin auf dem Gang in die Arme gefallen. Sie hat ihr dieses Stofftier gegeben und gesagt: , Der Klaus wollte, dass Sie das kriegen.' Daraufhin ist meine Kollegin in Tränen ausgebrochen", erzählt Gockel. "Einer der Oberärzte hat das gesehen und ihr erklärt, dass in der Onkologie Menschen sterben. Wenn sie damit nicht klarkäme, sollte sie vielleicht den Beruf wechseln. Das sind die Momente, die mich einfach nur unglaublich wütend machen."

Matthias Gockel hat keine Schwierigkeit damit, Gefühle zu zeigen und Ratlosigkeit zuzugeben. Vom Klischee des Machers, der sich durch den weißen Kittel vor eigenen Emotionen schützt, ist er sehr weit entfernt. "Viele Patienten sterben friedlich", berichtet er. "Aber es gibt, zum Glück sehr selten, tödliche Komplikationen, jemand erbricht seinen Mageninhalt und erstickt daran, oder ein Tumor frisst die Halsschlagader an, und wenn sie nach innen aufgeht, ertrinkt der Betreffende an seinem eigenen Blut, das in seine Lungen schießt. Wenn er Glück hat, verliert er das Bewusstsein, bevor er das realisiert. Das ist kein friedliches Ins-Licht-Hinübergehen. Das ist laut und hässlich. Für die Angehörigen ist es traumatisch.

Aber auch ohne solche Katastrophen ist nicht jeder Tod friedlich. Nicht jeder Mensch lässt sein Leben ohne Kampf los. Das Sterben der Patienten zu sehen macht mir teilweise Angst. Ich weiß nicht, wie ich sterben werde, aber ich weiß, dass der friedliche Tod nur eine von mehreren Varianten ist. Es macht auch Ehrfurcht. Da passiert irgendwas, das definitiv nicht nur mit Schulmedizin und Naturwissenschaft zu tun hat. Wir können höchstens die Kollateralschäden, den Schmerz zum Beispiel, dämpfen, aber wir können das Sterben selbst nicht kontrollieren. Wenn man sich seiner Hilflosigkeit an bestimmten Punkten nicht stellt, fängt man an, zu lügen und auszubrennen."

Der Arzt ist nicht bitter, aber er ist betroffen von dem, was er in seinem Beruf erlebt. Man hört ihm zu und denkt unwillkürlich, wenn jemand, den ich liebe, eine schreckliche Krankheit bekommen sollte, wünsche ich mir solch einen Mediziner. Gerade weil Gockel ohne Schutz vor eigenen Gefühlen durch die Klinik geht, weiß er, dass seine Belastbarkeit Grenzen hat. " Jeder Patient ist ein Kosmos an seelischen Schmerzen, an Wünschen, Schuldgefühlen, Erinnerungen oder ungelösten Konflikten", sagt er. "Ich gehe aus einem Zimmer raus, und hinter jeder anderen Tür auf der Station gibt es einen ganz anderen, aber genauso komplizierten Kosmos. Man kann das nur bis zu einem gewissen Grad aushalten. Ich schaffe nicht mehr als vier bis fünf intensive Gespräche am Tag, mehr geht nicht, und wenn es sehr heftige Gespräche sind, gehen vielleicht nur drei."

Körperliche Schmerzen können Mediziner ihren Patienten nehmen, seelische nicht immer

Auch wenn Ärzte und Schwestern auf der Palliativstation sehr viel mehr Zeit für ihre Patienten haben als auf anderen Stationen, hat Gockel gelernt, mit seinen emotionalen Ressourcen zu haushalten. "Ich sortiere: Welches Patientengespräch wäre schön, ist aber nicht unbedingt notwendig, und welches ist elementar wichtig? Zum Beispiel weil der Patient noch nicht realisiert hat, wie eng die Zeit wird, aber er alleinerziehend ist und zwei kleine Kinder hinterlässt, für die einfach vieles geregelt werden muss. Oder wenn ein Patient eine schwer pflegebedürftige Ehefrau hinterlässt, die er bisher versorgt hat und die jetzt zurückbleibt. Ich merke es, wenn ich in einem Gespräch nur noch über Fakten rede und keinen echten Kontakt mehr herstellen kann, weil ich selber durch bin. Dann mache ich noch Schmerzkontrollen und meinen Dokumentationskram und führe die Gespräche am nächsten Tag." Es geht für Gockel und seine Kollegen auf Station L 23 auf ganz eigene Art um Selbstwahrnehmung und auch darum, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen, statt nur zu funktionieren.

Gefühle, auch belastende Gefühle, sind für Matthias Gockel eine wichtige Voraussetzung für seine Arbeit. "Wenn man das alles nicht an sich ranlässt, das Elend, die Verzweiflung der Patienten und der Angehörigen, die Situation der Kinder und Lebensgefährten, die zurückbleiben, und wenn man nicht auch sieht, was das alles mit einem selbst macht, dann sollte man in diesem Bereich nicht arbeiten. Aber wenn man das alles sieht, dann kann man diese Arbeit eigentlich auch nicht machen, denn dann frisst es einen auf. Das ist so", sagt Gockel. Dann steht er auf und geht. Er muss zu einer Patientin, die wahrscheinlich in den nächsten Tagen sterben wird.

Was Marcus Schlemmer und Matthias Gockel beschreiben, ist ein Kulturwandel: Von einer Medizin, deren oberster Zweck es ist, Leben zu verlängern, zu einer Medizin, deren Ziel es ist, die Leiden der Patienten zu lindern. Es ist ein Prozess, der Ärzten und Schwestern einiges abverlangt, zum Beispiel, existenzielle Fragen nicht mit medizinischem Fachwissen abzutun. "Man muss in der Lage sein, sich mit seinem eigenen Tod auseinanderzusetzen", sagt Marcus Schlemmer. "Wer das verdrängt, kommt mit der Situation nicht zurecht. Man kann sich nicht emotional abschotten wie ein Chirurg. Die Erfahrung, täglich mit sterbenden Menschen umzugehen, beeinflusst mein Leben. Wir lernen hier von den Patienten, dass am Ende das Sportboot, die Villa oder der Titel als Universitätsprofessor nicht das Wesentliche sind, sondern die Begegnungen mit Menschen."

Gockels und Schlemmers Klinik-Alltag geht emotional an die Substanz. Aber Ärzte und Schwestern bewirken viel. Kranke Menschen nicht heilen zu können heißt nicht, ihnen nicht helfen zu können. So können die Palliativmediziner fast allen Todkranken die Schmerzen nehmen. "Ab einer gewissen Grenze ist der Preis dafür allerdings der des Bewusstseins", sagt Schlemmer. "Wir können den Patienten stärkere Mittel geben, dann haben sie weniger Schmerzen, aber sie können vielleicht nicht mehr mit ihrem Sohn sprechen, weil sie geistig nicht mehr wach sind. Wir sagen das ganz klar. Es ist letztlich die Entscheidung des Patienten. Manche wollen lieber den Schmerz aushalten und bei vollem Bewusstsein bleiben, andere sagen: , Ich habe mich darauf vorbereitet. Jetzt will ich lieber in einem Dämmerzustand sein, als Schmerzen zu ertragen.'"

Noch immer ist die adäquate Schmerztherapie nicht in allen Kliniken Standard, etwa weil Ärzte sich scheuen, Morphium zu geben. Für die Patienten bedeutet das, unter furchtbaren, oft vermeidbaren Schmerzen sterben zu müssen. Körperliche Schmerzen können die Ärzte im IZP lindern, seelische nicht unbedingt. So erinnert sich Schlemmer an einen Kranken, der den Zeugen Jehovas angehörte. Die Zeugen Jehovas glauben unter anderem daran, dass nur 144 000 Menschen nach dem Tod mit Christus eine himmlische Regierung bilden werden. Dem Mann hatten seine Glaubensbrüder vorhergesagt, er gehöre nicht zu den Auserwählten. "Er hatte grauenvolle seelische Schmerzen", erinnert sich der Onkologe. "Aber wir müssen den Patienten manchmal ihre Verzweiflung lassen, wenn wir die nicht auflösen können."

Ein Satz, den man auf der Palliativstation in vielen Varianten zu hören bekommt, ist sehr einfach. Er heißt: "Für mich ist die Begegnung mit den Sterbenden ein Geschenk." Er wird ausgesprochen vom Pflegepersonal, den Ärzten, den Seelsorgern. Und man glaubt diesen Satz jedem Einzelnen, schon allein, weil sie anders ihre Arbeit nicht aushielten. Aber er klingt auch viel zu schön. Und am Tod ist nichts Schönes. "Der Tod ist per se etwas nicht Vorstellbares, ein Bruch mit allem, was uns als lebende Wesen ausmacht", sagt Matthias Gockel. "Der Tod ist nicht fair. Das weiß man spätestens, wenn man eine junge Mutter sterben sieht, die kleine Kinder zurücklässt."

Monika Führer strahlt, als sie das Foto von Lena zeigt. Ein zehnjähriges Mädchen, das ziemlich verschmitzt lächelt, ein Kind mit Schalk und Witz und schwarzen Haaren. "Ein tolles Mädchen", sagt Führer. Ganz offenkundig mag sie Lena wirklich sehr. Lena ist vor einigen Monaten gestorben. Sie hatte Leukämie. Seit ihrem ersten Lebensjahr war sie immer wieder in Kliniken; ein Kinderleben voller Schmerzen, Operationen und Monaten auf der Intensivstation. Monika Führer war ihre letzte Ärztin.

Die 47-Jährige leitet als Oberärztin die Knochenmarktransplantation in einem Münchener Kinderspital. Knochenmarktransplantation bedeutet Hightech-Medizin. Und trotzdem sterben einige von Monika Führers Patienten, weil auch die modernste Medizin nicht gegen ihre Krankheit ankommt.

Monika Führer hat in Harvard Palliativmedizin studiert, sie macht diese Arbeit schon sehr lange. Sie hat viele Kinder beim Sterben begleitet. Kinder sterben anders als Erwachsene. Kleine Kinder beschenken ihre Eltern. Sie wollen ihre Eltern und Geschwistern trösten und wünschen sich vor allem, dass es den anderen gut geht, wenn sie selbst gestorben sind.

Führer hat versucht, vielen verzweifelten Eltern in dieser Situation zu helfen. Wenn sie von Lena, die in Wirklichkeit anders heißt, und anderen Kindern erzählt, wirkt die Ärztin auf eine sehr nüchterne Weise warmherzig und dabei zugleich klar und pragmatisch. "Ich kann dem Kind und seiner Familie besser helfen, wenn ich mich der Möglichkeit seines Todes stelle, und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem wir oft noch dazu neigen, das zu verleugnen", sagt sie. Und so, wie sie das sagt, ahnt man, dass es ein komplizierter Weg gewesen sein muss, die eigenen Gefühle, die Unausweichlichkeit des Todes und die Notwendigkeit, den Kindern und ihren Familien zu helfen, auszubalancieren.

"Bitterkeit spüre ich keine. Ich habe aufgehört, damit zu hadern, dass es uns nicht immer gelingt, den Tod eines kranken Kindes zu verhindern. Ich glaube, dass ein Mensch Spuren hinterlässt, auch im Leben anderer Menschen, dass er nicht einfach verschwindet. Die Vorstellung, dass keiner verloren geht, hilft mir. Ich kämpfe in der Knochenmarktransplantation um das Leben jedes Kindes. Aber ich habe gelernt, dass es nicht immer in unserer Hand liegt."

Zum Abschied sagt Monika Führer: "Ich empfinde meine Arbeit in keinem Moment als sinnlos. Ich glaube, das schützt mich vor Verhärtungen."

Zum Abschied sagt der Arzt Matthias Gockel: "Dieser Beruf bereitet mir nach wie vor eine tiefe Freude. Er macht aber definitiv keinen Spaß. Und die Freude hat mit Sinn zu tun."

Zum Abschied sagt der Oberarzt Marcus Schlemmer: "Wenn man sieht, wie schnell das alles vorbei sein kann, das macht etwas mit einem."

Zum Abschied sagt die Krankenschwester Regina Wölfle: "Ich habe gekündigt. Ich komme zur Arbeit und höre bei der Übergabe zehn Geschichten von sterbenden Menschen, und eigentlich will man schon bei der sechsten nichts mehr hören. Offene Bäuche, Wunden, die nicht heilen, hier wächst ein Tumor, und bei diesem Patienten muss eine Kanüle gelegt werden. Manchmal ist das einfach zu viel. Ich hätte noch vor einem halben Jahr nicht gedacht, dass ich das hier einmal verlassen will. Aber es sammelt sich viel an, und irgendwann merkt man, dass es zu viel ist."

Zum Abschied sagt Professor Borasio: "Palliativmedizin ist nicht ethischer als Orthopädie oder Intensivmedizin. Wir sind nicht die moralisch besseren Ärzte. Kranken Menschen zu helfen ist etwas sehr Pragmatisches."

Zum Abschied sagt Herr Klein, der in Wirklichkeit anders heißt: "Hier sind alle Ärzte und Schwestern sehr freundlich. Das ist etwas Schönes." -