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Vom Ich zum Wir

Einer für alle, alle für einen das ist die alte Genossenschafts-Idee. Und sie ist erstaunlich modern. Eine Rundreise zu alten und neuen Genossen.




- Die Kommunalpolitiker von Nörten-Hardenberg waren es endgültig leid. Jahr für Jahr präsentierte ihnen der Bürgermeister zu den Etatberatungen das Defizit des Hallenbades in Höhe von 250 000 Euro. Die 8000-Einwohner-Gemeinde unweit von Göttingen hatte das Bad in den fetten Siebzigern gebaut. Im Lauf der Jahre aber war es zur Last geworden. Die Verwaltung sah sich außerstande, die Schwimmhalle wirtschaftlich zu betreiben. Zuständig war die Leiterin des Hauptamtes, doch die war auch noch für Kindergärten, Schulen und das Personal der Ortsverwaltung verantwortlich. Sie kümmerte sich um notwendige Reparaturen, aber nicht um die Wirtschaftlichkeit.

Ende 2003 zog der Gemeinderat die Notbremse. Er gewährte eine letzte Finanzspritze von 50 000 Euro. "Wenn die aufgebraucht sind", hieß es, "müssen wir das Bad schließen." So kam es dann auch. Im Mai 2004 wurde der Schlüssel herumgedreht. Irgendwann würde ein Bagger mit der Abrissbirne anrücken.

In dieser Lage entwarfen der Bürgermeister und engagierte Nörten-Hardenberger einen Rettungsplan: Vielleicht schafften die Bürger ja in eigener Regie, wozu die Verwaltung nicht imstande war. Sie konnten etwas für die Gemeinde und damit letztlich für sich selbst tun. Die Idee einer Genossenschaft entstand und mündete schließlich in die Gründung der Hallenbad Nörten-Hardenberg eG mit heute 300 Mitgliedern, die Genossenschaftsanteile im Wert von insgesamt 51 000 Euro gezeichnet haben.

Die Genossen machten sich gleich ans Werk. Der Arbeitskreis Technik durchleuchtete das in die Jahre gekommene Bad bis in den letzten Winkel. Man würde ein neues Dach brauchen, neue Fenster, eine neue Heizung und eine automatische Kasse. Auch die Sauna war reif für die Renovierung. Mit einem Fünfjahresplan trat der Arbeitskreis Finanzen an die Gemeinde heran. "Wenn ihr einmalig 450 000 Euro als Investitionskostenzuschuss gebt und dann jedes Jahr 100 000 Euro für den laufenden Betrieb, müssten wir es schaffen", erklärten sie den Beamten und Politikern. Die fragten sich zwar, warum die Genossenschaft mit viel weniger Geld auskommen sollte als zuvor die Verwaltung, gaben aber ihre Zustimmung. Nach einjähriger Sanierung wurde das Bad im September 2005 wieder eröffnet.

Nun konnten die Kosten drastisch heruntergefahren werden. Eine Verwaltung darf nicht mit Lieferanten verhandeln - eine Genossenschaft schon. So verlangt der Lieferant für das Chlorgas jetzt nur noch die Hälfte des früheren Preises. In der Halle führt nur ein angestellter Schwimmmeistergehilfe die Aufsicht. Beim Training von Vereinen und Schulklassen kümmern sich Trainer und Lehrer darum. Die turnusmäßige Grundreinigung der Schwimmhalle sowie kleinere Reparaturen erledigen die Genossen selbst. Ehrenamtlich, versteht sich. " Jede Gemeinde, egal, wie klein sie ist, hat doch Einwohner mit Fachkompetenzen", sagt Bürgermeister Frank Priebe. "Da gibt es einen Finanzbeamten, einen Bauingenieur, einen Unternehmensberater und Handwerker. Wir haben es geschafft, diese Leute für unser Hallenbad zu aktivieren."

Anders als die Verwaltung ging der Arbeitskreis Organisation systematisch auf Kundensuche: Wie kann das Bad sieben Tage in der Woche genutzt werden, und zwar möglichst von halb sieben in der Früh bis zehn Uhr abends? Die Genossenschaft verpachtet die Halle, Stunde für Stunde, Bahn für Bahn - an Therapiegruppen und Vereine, Aquajogger und Taucher. Springt jemand ab, kümmert sich der Vorstand um Ersatz. Das schlägt sich im Budget nieder: Die Genossenschaft meldete voriges Jahr Einnahmen von 150 000 Euro, ein Rekord. Früher waren im Schnitt gerade mal 65 000 Euro zusammengekommen.

Im Jahr 2007 musste die Genossenschaft den Zuschuss der Gemeinde nicht ausschöpfen. 10 000 Euro flossen als Rücklage für künftige Reparaturen an die Kommune zurück. "Hätte ich all das gewusst, als ich vor 18 Jahren nach Nörten-Hardenberg kam", sagt Bürgermeister Priebe, "wären wir vielleicht schon damals auf die Idee mit der Genossenschaft gekommen. Dann hätten wir über die Jahre gut zwei Millionen Euro gespart."

Molkereien, Arztpraxen oder Glasfasernetze: In der Genossenschaft fällt alles leichter

Nicht nur im niedersächsischen Nörten-Hardenberg erlebt eine alte Selbsthilfe-Idee aus der Zeit des Manchester-Kapitalismus zurzeit eine Renaissance. Genossenschaften, jene Mischung aus kühl kalkulierter Eigeninitiative und heimeliger Vereinsseligkeit, galten jahrzehntelang als Auslaufmodell, antiquiert und verstaubt, eine Nische für Sozialromantiker. Nun aber schwappt eine kleine Gründungswelle übers Land. Zu den rund 5300 bestehenden Genossenschaften mit 17,6 Millionen Mitgliedern gesellen sich jährlich etwa 70 neue. Und zwar längst nicht mehr nur in traditionell gemeinwirtschaftlichen Domänen wie dem Bankenwesen, der Landwirtschaft und im Handwerk, sondern zunehmend in "expandierenden, zukunftsträchtigen Branchen mit hohem Wertschöpfungspotenzial", wie Theresia Theurl beobachtet hat, die Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen an der Universität Münster. Mittlerweile hat die Idee auch unter Steuerberatern, Internet-Providern, Energieversorgern, Krankenkassen und medizinischen Labors Anhänger gefunden. Und mancherorts schließen sich Bürger zusammen, um ihr Dorf endlich mit einer schnellen Internet-Verbindung zu versorgen.

Beispiele, die zeigen, dass Genossenschaften nichts mit staatlich verordnetem Kollektivismus zu tun haben. Im Gegenteil: Sie halten unternehmerische Grundtugenden wie Eigeninitiative und Selbstverwaltung hoch, bekämpfen Auswüchse des Kapitalismus mit durchaus kapitalistischen Methoden. Allerdings verteilen sie, was sie erwirtschaften, ausschließlich unter ihren Mitgliedern. Genossenschaften sind freiwillige Zusammenschlüsse auf der Basis gleicher Interessen.

Sogar ausgesprochene Individualisten wie Ärzte formieren sich mittlerweile zu Genossenschaften, schließen Verträge mit Krankenkassen ab, organisieren Fortbildungen und kaufen Medizintechnik gemeinsam weitaus billiger ein als im Alleingang. In Schleswig-Holstein, wo vor acht Jahren die erste deutsche Ärztegenossenschaft entstand, ist inzwischen die Hälfte aller Praxen genossenschaftlich organisiert.

Zweifellos haben Auswüchse des Shareholder-Value-Kapitalismus das Aufleben der Idee beflügelt. Da gibt es keine anonymen Investoren, und keine Genossenschaft kann von Firmenräubern gekapert werden. "Sie schaffen Member Value ohne die Nachteile des Shareholder Value", urteilt die Forscherin Theurl. "Sie entsprechen einer nachhaltigen Marktwirtschaft. Aber sie sind sicher nicht das richtige Geschäftsmodell, wenn man möglichst schnell möglichst reich werden will."

Ganz wie zu Beginn der Bewegung, während der ersten Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts, als Reaktion auf die Verelendung von Handwerkern und Bauern. In Deutschland gelten Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch als Urväter der genossenschaftlichen Idee. Getreu der Devise "Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele", gründeten sie unter anderem einen Vorschuss- und Darlehnskassenverein die Vorläufer der heutigen Volks- und Raiffeisenbanken.

Die damals beschlossenen Prinzipien des sozialen Kapitals sind im Kern bis heute unverändert geblieben: Die Mitgliedschaft in der Genossenschaft ist stets freiwillig, ihr Geschäft unterliegt der demokratischen Kontrolle durch die Mitglieder, und jeder Genosse, egal, wie viele Anteile er hält, hat nur eine Stimme. Nicht zuletzt kommt der erwirtschaftete Wohlstand ausschließlich der Gemeinschaft der Genossen zugute.

Etwa hundert Jahre später, in der DDR, gab es vor allem mit der Freiwilligkeit Probleme. Unter der Parole "Vom Ich zum Wir" betrieb die S ED in den fünfziger Jahren die Kollektivierung des Bauerntums zu Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG). Die waren fest ins planwirtschaftliche System integriert und kamen oft nur durch Zwang zustande.

Auch in Cobbelsdorf, einem Ort im Osten Sachsen-Anhalts mit heute 600 Einwohnern, wurden die Bauern damals kollektiviert. Nach dem Ende der DDR kam bald die Frage auf: Was tun? Würden die LPG-Bauern ihr Land, oft nur wenige Hektar, nun wieder aus der Genossenschaft herauslösen und als freie Kleinbauern auf freier Scholle weitermachen? Horst Saage, Vorsitzender der früheren LPG, zog durch die Dörfer und fragte die genossenschaftlichen Eigentümer, wonach ihnen der Sinn stand. Viele Bauern, die sich 30 Jahre zuvor - mehr oder weniger freiwillig - der LPG angeschlossen hatten, waren mittlerweile Rentner. Aber das Land gehörte immer noch ihnen, wem auch sonst? " Junge", sagten sie zu Horst Saage, "halt den Betrieb zusammen." Nur zwei Bauern wählten den anderen Weg, vom Wir zum Ich. Sie bekamen ihr Land zurück.

Für die anderen stand fest: Lasst uns eine Genossenschaft bleiben. Und so führt Horst Saage die Agrargenossenschaft Cobbelsdorf eG mit 50 von ehemals 300 Beschäftigten, 2500 Hektar Ackerland, 500 Kühen und 1500 Schweinen.

Eine arbeitslose junge Frau aus dem Nachbardorf tritt in Saages Büro, einen Brief in der Hand. Sie hat von ihrer Tante drei Hektar Ackerland geerbt. Nun verlangt die Arbeitsagentur, dass sie die Flächen verkauft, etwa an die Agrargenossenschaft. Dann bräuchte die Agentur so lange nicht mehr zu zahlen, bis das Geld aus dem Verkauf, etwa 7500 Euro, aufgebraucht ist. Horst Saage macht es kurz: "Wir haben voriges Jahr für zwei Millionen einen neuen Kuhstall und eine neue Melkanlage gebaut. Ich hab' das Geld nicht." Und außerdem, sagt er leise, "wenn ich Ihnen das Land abkaufen würde, wäre das Geld in zwei Jahren weg und das Land auch. So etwas behält man. Das gibt man nicht weg."

"Und wenn Sie das Geld für die drei Hektar übrig hätten? Würden Sie der Frau das Land dann abkaufen?" Saage schweigt.

Einer für alle, alle für einen: Auf dem Land wirkt das noch immer

Die Bauern aus der Generation seines Vaters hingen an ihrem Land, selbst zu LPG-Zeiten, erzählt Saage. Doch mit den Jahren wurde ihnen das Eigentum fremd. Sie kamen zur Arbeit, wurden eingeteilt, machten ihren Job und erhielten monatlich ihren Lohn.

Spielt es für ihn denn eine Rolle, wo genau seine zehn Hektar liegen? "Natürlich", antwortet er ohne Zögern. "Ich kann Ihnen jedes Feldstück zeigen, das mir gehört, auch wenn die Grenzsteine schon in den sechziger Jahren verschwunden sind. Und wenn ich mal den Vorsitz abgebe, bin ich immer noch Miteigentümer. Nicht wie so ein Manager, der rausgeschmissen wird."

Die alten Eigentümer, längst in Rente, nehmen immer noch Anteil an der Genossenschaft. "Die leiden mit, wenn uns das Getreide auf den Feldern verdorrt wie dieses Jahr", sagt Saage, "oder wenn wir die Milch wegkippen müssen, weil die Preise nicht mal mehr die Kosten decken." Zur Generalversammlung und zum Betriebsfest erscheinen fast alle. Saage schwänzt eher eine Sitzung des Bauernverbands, als dass ein früherer Genosse, der 30 Jahre lang die Kühe gemolken hat, ohne ihn zu Grabe getragen wird. "Man muss diesen Menschen Achtung und Ehre erweisen." So will er es halten, solange er Vorsitzender ist.

So hält die Genossenschaft die Menschen auf dem Land zusammen. Zwar nicht mehr wie zu DDR-Zeiten, als Dorf und Genossenschaft praktisch eins waren und die LPG Kindergärten, Kantinen und Kulturhäuser betrieben sowie Straßen reparierten. Immerhin aber haben 50 Familien durch die Genossenschaft ein wenn auch bescheidenes Auskommen. "Wenn die Arbeitsplätze erhalten bleiben, gehen die Leute nicht weg", sagt Saage. "Dann bleiben der Kindergarten und der Edeka und der Arzt im Dorf, der Friseur kann leben und der Blumenhändler und der Getränkehändler auch. Es bleibt Leben in den Dörfern." Nach seinem Verständnis von Genossenschaft sollen nicht nur die Mitglieder vom gemeinsam Erwirtschafteten profitieren, sondern alle sechs Dörfer, auf deren Äckern seine Traktoristen ihre Furchen ziehen.

Überall ist das Geld knapp: bei den Freiwilligen Feuerwehren, in den Fußballvereinen und den Kindergärten. "Wenn wir einen neuen Trecker kaufen, kriegen die einen in Miniatur. Was glauben Sie, wie die Kinderaugen glänzen, wenn ich so einen Tret-Trecker von John Deere übergebe. Ich mache mit dem Landmaschinenhändler keinen Vertrag, wenn er mir nicht einen Traktor für den Kindergarten gibt." Und was macht die Bürgermeisterin, wenn sie frischen Sand für den Kinderspielplatz braucht? Sie wendet sich an Saage. Und kurz darauf karrt einer seiner Traktoristen zwei Fuhren Sand ins Dorf.

Den Kredit für den neuen Kuhstall und das computergesteuerte Melkkarussell holte er sich von der örtlichen Volksbank. Woanders hätte er ein halbes Prozent weniger Zinsen zahlen müssen, räumt Saage ein. Er hielt zur Volksbank. Weil sie als einziges Geldinstitut eine Filiale im Dorf hat. Weil viele seiner Bauern dort ihr Konto haben. Weil er mit dem Filialleiter per Du ist. Weil die Banker in der Stadt nicht wissen, was ein Melkkarussell ist. Weil die Volksbank ihren Mitgliedern gehört. So wie seine Agrargenossenschaft. Genossen stehen zusammen, so ist es wohl.

In Cobbelsdorf ist die Volksbank allein vor Ort. Im westfälischen Hamm dagegen, 400 Kilometer westlich, ist die Konkurrenz der Großbanken vollständig präsent - und in Bedeutungslosigkeit vereint. "Die bringen es hier zusammen vielleicht auf zehn Prozent", schätzt der Volksbank-Vorstand Klaus Kalefeld. Das Gros des Geschäftes mit Privat- und Firmenkunden teilen sich die Volksbank und die Sparkassen. 70 000 der 180 000 Hammer haben ein Konto bei Kalefelds Volksbank. "Die leben die genossenschaftlichen Prinzipien ganz konsequent", urteilt Theresia Theurl, der die rührigen Hammer Volksbanker aus ihrer Forschung vertraut sind. Was sie damit meint?

Klaus Kalefeld spricht Klartext: "Bei uns steht nicht die Profitmaximierung im Vordergrund, nicht das Wohl der Aktionäre, sondern der Erfolg unserer Mitglieder." Etwa auch jener älteren und gebrechlichen Kunden, die es nicht mehr zur Bank schaffen, seit drei Filialen zusammengelegt wurden. "Was wäre wohl bei einer Großbank aus ihnen geworden?", fragt Kalefeld. Würde eine Großbank einen Mitarbeiter in der Mittagspause zu den Kunden schicken, damit er Geld bringt, Überweisungen und Einzahlungen entgegennimmt? Regelmäßig versorgt die Volksbank auf diese Weise 250 Kunden. "Das verstehe ich unter Förderung der Mitglieder", sagt Kalefeld. Obwohl sie mehr kostet, als sie einbringt. Bei einer Großbank ginge so etwas zulasten der Aktionäre - und käme deshalb gar nicht infrage.

50 000 der 70 000 Kunden sind Mitglieder der Genossenschaft. Eine Traumquote dank gezielter Akquise. Nur Mitglieder können auch mit entscheiden. Etwa über Kontoführungsgebühren. Viele Banken, auch Volksbanken, locken mit angeblich kostenlosen Girokonten. Dabei sorgt der Service auch bei ihnen für Kosten - das Geld wird dem Kunden halt an anderer Stelle abgeknöpft. "Wir haben die Gebühren nicht gestrichen, sondern vor drei Jahren sogar noch erhöht", sagt Kalefeld. "Unsere Mitgliedervertreter haben uns ein klares Votum gegeben, die Kosten immer dort in Rechnung zu stellen, wo sie verursacht werden, und keine undurchsichtige Quersubventionierung zu betreiben."

Eine gute Bank lässt auch mal Geschäfte sausen - bevor ihre Kunden dafür büßen müssen

"Unserem Förderdrang können Sie nicht entgehen", sagt der Manager. Und er meint es auch so. Einmal pro Jahr wird jedes Hammer Volksbank-Mitglied zu einer "umfassenden Systemberatung" gebeten. Denn: "Fördern kann ich nur, wen ich auch kenne." Der Kundenberater denkt dabei nicht wie sein Kollege in der Großbank an eine Provision für den Verkauf eines Fonds (er bekommt nämlich keine) oder von der Zentrale gesetzte Verkaufsziele (es gibt nämlich keine). Ausschließlich das Wohl des Kunden soll Maßstab der Beratung sein. "Das zwingt uns, bestimmte Dinge zu unterlassen", sagt Kalefeld. So ist es verpönt, zum Konsum auf Pump zu verleiten. Mal eben einen 42-Zoll-Full-HD-Fernseher für 2000 Euro aus dem Dispo, ein schneller Kredit für ein neues Auto oder einen Urlaub, der den Kunden bis an die Grenze seiner Zahlungsfähigkeit belastet. "Wenn die Ehefrau dann den 400-Euro-Job verliert, können die Raten nicht mehr bezahlt werden - und der Kunde landet ganz schnell in der Überschuldung."

Alles nur schöne Worte? "Gehen Sie zur Schuldnerberatung in Hamm", sagt Kalefeld. "Und fragen Sie, wie viele Kunden der Volksbank dort auftauchen. Ich bin mir sicher: nicht einer."

Genossenschaften verzichten schon mal auf ein Geschäft. Aber wie viel Verzicht auf Rendite können sie sich leisten, als Friedfische in einem Becken voller Haie? Das Credo der Gewinnmaximierung lernt schließlich jeder Student der Betriebswirtschaft im ersten Semester. "Natürlich wirtschaften Genossenschaften nicht im geschützten Raum", sagt Theresia Theurl. "Damit sie Werte für ihre Mitglieder schaffen, müssen sie Gewinne erwirtschaften."

Das funktioniert nur bei klaren Entscheidungsstrukturen. Kaum eine Genossenschaft lebt heute noch das radikaldemokratische Prinzip der Kooperativen in den siebziger und achtziger Jahren. Da erledigte die Arbeitslosenselbsthilfe den Umzug des örtlichen SPD-Büros erst, nachdem der Ortsvereinschef seine Unterschrift unter den Krefelder Appell gegen die Nachrüstung gesetzt hatte. Und manches Druckereikollektiv vergaß über der Debatte, welche Druckaufträge politisch vertretbar seien, fast das Drucken.

Am ehesten lassen sich Genossenschaften vielleicht mit alteingesessenen mittelständischen Familienunternehmen vergleichen. Beiden sitzen weder Analysten noch Investoren im Nacken. Beide agieren nicht im hektischen Takt von Quartalsergebnissen, sondern eher in Jahrzehnten oder Generationen. "Wir arbeiten wirtschaftlich vernünftig, aber nicht profitmaximierend", sagt Robert Werner, Vorstand von Greenpeace Energy eG, Deutschlands größter Energiegenossenschaft. Eine Wanderung auf schmalem Grat, denn der Verzicht auf Extra-Profit bedeutet für Greenpeace Energy, dass in Zukunft weniger Kapital für den Ausbau erneuerbarer Energien zur Verfügung steht. Andererseits müsste die Genossenschaft ja ihre eigenen Mitglieder schröpfen, wenn sie nur auf kurzfristigen Gewinn aus wäre.

Letztendlich ergibt es kaum einen Sinn, die Renditen von Genossenschaften und anderen Unternehmen - etwa Aktiengesellschaften oder GmbHs - zu vergleichen. Dazu müsste man den Nutzen, der den Mitgliedern durch die Leistungen ihrer Genossenschaft zukommt, monetarisieren. Kann man das? Will man das? Wie viel Prozent oder Promille Rendite wäre eine solide Baufinanzierung wert, die den Häuslebauer nicht in die Zwangsversteigerung treibt? Ein gerettetes Hallenbad. Eine Bankfiliale, die nicht geschlossen wird. Klimaschonend erzeugter Strom zu stabilen Preisen. Lebenslanges Wohnrecht in Siedlungen, die nie an einen Investor verhökert werden können. Oder eine Schule, in der Elterninitiative nicht mühsam organisiert werden muss, sondern selbstverständlich ist. Weil die Schule nämlich den Eltern gehört.

Die Eichenschule in Scheeßel, zwischen Hamburg und Bremen, ist eine solche Schule. Sie gehört 3700 Bürgern aus Scheeßel und Umgebung. Die dürfen natürlich nicht beschließen, dass in der achten Klasse keine Mathematik mehr unterrichtet wird. So etwas regelt Niedersachsens Schulgesetz. Und nachdem die Generalversammlung dem Bau der 2,5 Millionen Euro teuren neuen Turnhalle zugestimmt hatte, wurde darüber nicht wieder diskutiert. "Hier schwebt kein Genossenschaftsethos durch die Räume", meint Schulleiter Ralf Goebel. "Für Basisdemokratie sind wir zu groß. Da würden wir ständig ins Stolpern kommen."

Nach dem Krieg gab es in der Gegend nur eine Volksschule. Einige Scheeßeler Bauern aber wollten eine bessere Bildung für ihre Kinder. Weil die nächsten Gymnasien in Verden, Bremen oder Hamburg-Harburg zu weit entfernt lagen, gründeten die Eltern eine Familienschule mit zunächst elf Kindern. Über die Organisation war man sich schnell einig, weil die Bauern genossenschaftlich organisiert waren - in der Molkerei, der Viehverwertung oder dem Landhandel. Das kannten sie, das war gut.

Binnen 60 Jahren wuchs die Schule von elf auf 1100 Schüler. Ralf Goebel kann unter den Bewerbern für die fünfte Klasse auswählen - obwohl der Schulbesuch 84 Euro im Monat kostet. Den Zuspruch erklärt er sich auch mit dem Eigentümerstolz der Bürger. "Die Leute sagen: Das ist unsere Schule, natürlich soll unser Kind dort hingehen." Bei Elternabenden fehlt selten jemand; der neue Pausengarten ist auf Anstoß der Eltern entstanden. "Elterninitiative", sagt der Schulleiter, "muss nicht mühsam organisiert werden: Sie ist immer schon da."

Geschickt hat der Schulleiter Scheeßels Bürgermeisterin, aber auch die Kreistagsfraktionen von CDU und SPD im Aufsichtsrat der Schulgenossenschaft beteiligt. Als Schule in privater Trägerschaft ist die Eichenschule schließlich auf öffentliche Zuschüsse für Sachkosten und Baumaßnahmen angewiesen. Das hat sich bewährt: "Wenn ich einmal eine Entscheidung habe", sagt Ralf Goebel, "kann ich mich hundertprozentig darauf verlassen. Wer mit im Boot sitzt, ist auch mit in der Verantwortung."-