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Schaaalke!

Liebe ist, seinem Club treu zu bleiben. Immer. Und unter allen Umständen. Eine Fan-Reise mit denen, ohne die der Fußball nicht wäre, was er ist.




- Ist es Liebe? "So kann man es nicht sagen", sagt Günther. "Es ist ja nicht wie bei einer Frau, die man toll findet." Weil bei einer Frau wahre Leidenschaft mitschwingt, mehr Hormone im Spiel sind, eine menschliche Beziehung entsteht? "Na ja", sagt Günther, "eher schon, weil man auch Frauen, die man toll findet, im Zweifelsfall irgendwann nicht mehr toll findet und auswechselt."

Günther ist Fußballfan. So einer, der seinen Verein nicht auswechseln würde. Niemals. Günther, gerade 50 geworden, nicht groß, nicht dick, ein Mann ohne Auffälligkeiten, sitzt vor einer Kneipe in Berlin, Stadtteil Schöneberg, und erzählt von der Glück-auf-Kampfbahn. Wo der "Schalker Kreisel" erfunden wurde und sein S04 siebenmal die Deutsche Meisterschaft feierte. Er erzählt vom Bestechungsskandal 1971/72, in den Spieler des FC Schalke 04 maßgeblich involviert waren; von Klaus "Tanne" Fichtel und Reinhard "Stan" Libuda; von legendären Spielen und Grottenkicks und von der "Minutenmeisterschaft" 2001, als ganz Gelsenkirchen schon von blau-weißem Taumel geschüttelt wurde, ehe der FC Bayern beim Hamburger SV in der Nachspielzeit noch den Ausgleich schaffte und Schalke Zweiter blieb.

Vor ein paar Tagen ist er aus dem Urlaub zurückgekommen. Türkei. Und natürlich hatte er nicht Rosamunde Pilcher im Koffer. Seine Strandlektüre handelte von Entstehung und Geschichte des Fußballs in Deutschland. Wie er von den Hohenzollern gefördert wurde, weil er mehr als Turnen zur Wehrertüchtigung taugte; wie er während der Nazi-Zeit für Propagandazwecke missbraucht werden sollte, was zwangsläufig auch den FC Schalke 04 betraf, der sechs seiner Meisterschaften zwischen 1934 und 1942 errang, mit dem blonden Recken Fritz Szepan, der, wie Günther weiß, "von der Arisierung eines Textilhauses profitierte".

Egal, wo er anfängt, irgendwie landet Günther immer bei Schalke, häufig begleitet von einem Hauch Tragik. Er erzählt von einer historischen Studie über den Fußballclub im Nationalsozialismus, die den Titel trägt: "Zwischen Weiß und Blau liegt Grau."

Es ist ein schöner, warmer Abend Mitte Juni. Gleich wird im Fernsehen Niederlande gegen Frankreich übertragen, und man muss sich nicht lange umschauen, um festzustellen, dass das Land wieder ballaballa ist. Sommermärchen, die Zweite. Wieder stecken massenhaft Fähnchen an Autos und Balkonen, in der Auslage der Buchläden liegen Werke wie "Deutschlandreise im Strafraum".

Die Euro 2008 ist der aktuelle Höhepunkt in Zeiten dauerhafter Fußballerregung. Ständig rollt der Ball. Am Freitag, Samstag in der Bundesliga, am Sonntag, Montag in der Zweiten Bundesliga; am Dienstag, Mittwoch in der Champions League, am Donnerstag im Uefa Cup. Hinzu kommen Länderspiele, WM-Quali, EM-Quali, irgendein Sender ist immer live dabei, und in jedem Sportteil findet sich inzwischen zuverlässig Platz für einen Zweispalter vom Africa Cup oder der Copa América.

Die Ware Fußball boomt wie nie zuvor. Allein in der Ersten und Zweiten Bundesliga wurden in der Saison 2006/2007 Einnahmen von 1,75 Milliarden Euro verbucht, 15 Prozent mehr als in der Spielzeit davor. 11,5 Millionen Zuschauer. 35 000 Jobs. 550 Millionen Euro Steuern und überall steigende Tendenz - von den Einnahmen beim Merchandising (126,5 Millionen, plus 13 Prozent) bis hin zum Sponsoren-Interesse. Nur der Bekanntheitsgrad der Marke Bundesliga hat wohl kaum noch Wachstumspotenzial; er liegt mittlerweile bei 99,5 Prozent.

Früher gingen nur Proleten und Hooligans ins Stadion. Heute ist es schick, dorthin zu pilgern

Christian Zaschke, Sportredakteur bei der "Südddeutschen Zeitung", sagt: "Durch die Modernisierung der Stadien und den neuen Event-Charakter, der die Szene salonfähig gemacht hat, erfasst Fußball alle Gesellschaftsbereiche inklusive Frauen und Kinder." Und Promis, inklusive Bundeskanzlerin. Ohne diese Akzeptanz wäre ihm und seinen Mitautoren wohl auch kein Bestseller gelungen. Von "Fußball Unser", aufgemacht wie ein Gebetbuch, konzipiert mit zwei Freunden in der Kneipe, verkauften sie 120 000 Stück und standen 40 Wochen auf der Bestseller-Liste des "Spiegels". Bemerkenswert auch, weil "Fußball Unser" um Fragen kreist wie: Wer hat den längsten Mannschaftsbus in der Bundesliga? Wer fährt beim FC Bayern das PS-stärkste Auto? Wie viele Finger hat sich der Torhüter Harald "Toni" Schumacher gebrochen?

Es gab Zeiten, in denen Leute, die sich intensiv für Fußball interessierten, "einen Kosmos, der von so viel Absurdem umrankt und ideologisch überwölkt ist von Blödsinn" (Zaschke), bestenfalls zu Spinnern erklärt wurden. Fan war oft genug Synonym für Prolet oder Hooligan. Der Bildungsbürger amüsierte sich, das Feuilleton rümpfte die Nase. Das änderte sich 1992 mit Nick Hornbys Einsichten eines Besessenen. "Fever Pitch" (deutsch "Ballfieber") erzählte von Hornbys endlosem Leiden als Fan des Londoner Clubs Arsenal. Und während der damals noch kaum bekannte Autor gestand, er sei "während alarmierend großer Abschnitte eines durchschnittlichen Tages ein Schwachsinniger", wurde die Kultur hinter dem Kult beleuchtet. So herzzerreißend wie pointiert, stellt Helge Malchow, Verleger von Kiepenheuer & Witsch fest, "dass es zu einem massiven gesellschaftlichen Überläufertum zum Fußballplatz kam".

Inzwischen sind der Fußball und vor allem sein Fan umfangreich durchleuchtet. Die Literatur hat ihn beschrieben, wozu der Verleger Malchow mit der deutschen Version von "Fever Pitch" und bis dato insgesamt 22 Büchern zum Thema Fußball fleißig beigetragen hat. Die Verhaltensforschung hat ihn durchleuchtet, kürzlich etwa im Auftrag eines Mineralölkonzerns, der herausfand, dass 42 Prozent aller Fans durch Fußballfachwissen mehr Ansehen unter Freunden gewinnen; der eigenen Intelligenz messen nur 30 Prozent dieselbe Bedeutung zu, bei Beruf und Einkommen sind es 16 Prozent, bei sexuellen Fähigkeiten 12 Prozent. Hinzu kommt, dass Werber herausgefunden haben: Fans konsumieren bewusst das Produkt des Vereinssponsors, obwohl sie eigentlich eine andere Marke bevorzugen. "Fußball", sagt Helge Malchow, "war schon immer ein Phänomen der Massenkultur, dem man sich nur nicht hingegeben hat; tut man es, kann man durchaus die Welt verstehen."

Um Günther zu verstehen, muss man eine Zeitreise machen. 1965, Gelsenkirchen-Feldmark, Kirchengemeinde Schalke-West. Der Junge ist sieben und begleitet den Vater erstmals ins Stadion. Es gibt keine Fan-Shops, keine elektronischen Reklamereiter und keine Multivisionswände. Die Fahnen sind schlicht, die Schals handgestrickt, eine halbe Stunde nach Anpfiff kommt man umsonst rein. Günther erinnert sich, dass er nicht viel sieht hinter breiten Rücken, bis er plötzlich von starken Armen nach vorn an den Zaun gereicht wird und auf den Schultern eines fremden Mannes sitzt. Schalke gewinnt. "Das war sicher entscheidend."

Danach wird der Weg entlang den Bahngleisen zum Stadion, hohes Gras, Brachland, entlang den Fabrikhallen von Küppersbusch, zum Ritual. Der Junge verliebt sich zum ersten Mal; es trifft Manni Kreuz, "weil der so feste schießen konnte". Später im Parkstadion, kahle, kalte Betonschüssel zwischen Zechen und Autobahn, schließt Günther auf der Tribüne die ersten Freundschaften fürs Leben. Mit seiner Clique schwitzt und friert er; sie erleben "tolle Siege im Pokal und schlimme Abstiege in der Liga". Pech, Pleiten, Trainerwechsel, zwielichtige Präsidenten, schließlich der Konkurs. Schalke eben, die Achterbahn des deutschen Fußballs.

Solange Günther im Ruhrgebiet lebt, ist ihm nicht bewusst, wie wichtig Fußball und Verein sind. Im Ruhrgebiet ist Fußball König, da ist jeder Fan. Günther studiert Kunst und Religion auf Lehramt, wird Referendar, gerät in die Lehrerschwemme. So kommt er nach Berlin; in Berlin gibt es noch Jobs für Lehrer. Er unterrichtet Sport und Mathematik an einer Grundschule, versucht sich einzuleben, trifft eine Frau, die ihn sehr mag. Dann kommt der 21. Mai 1997. Der FC Schalke 04 gewinnt den Uefa Cup, Entschädigung für Jahrzehnte Trübsal und Scheitern. Günther "sitzt mitten in Berlin und weiß nicht, mit wem ich meine Freude teilen soll. Da wurde mir bewusst, dass mir trotz bunter Großstadt, netter Frau, gut bezahltem Job etwas fehlt".

Da stellt sich schon die Frage, was es ist, wenn nicht Liebe. Schließlich findet Günther Gleichgesinnte beim Fanclub Königsblau Berlin e. V. Mittlerweile ist er dort - obwohl eigentlich kein Freund von "Vereinsmeierei" - Schriftführer. Udo, der Vorsitzende, ist Vorsitzender, "weil er alle Schalke-Lieder singen kann. Das muss ein Vorsitzender können", sagt Günther. "Ich bin Schriftführer, weil ich schreiben kann." Seither verbringt er viel Zeit auf Autobahnen kreuz und quer durch Deutschland, auf dem Weg zur Arena auf Schalke, zu Schalkes Auswärtsspielen. Der Verleger Malchow sagt: "Schon interessant, warum die Leute daran so energisch festhalten, wo es doch eigentlich Wichtigeres gäbe."

Jean Petrucelli, Psychologin in New York, versucht eine Antwort. Sie hat sich häufiger mit Sportfans beschäftigt, vor allem mit denen der Baseballer der Boston Red Sox. Und sagt: "Zunächst ist da der Held, irgendeine Identifikation in der Kindheit; dann kommt die Fantasie, man wird Teil eines Teams; der Mensch gerät in ein Paralleluniversum, in dem er unterdrückte Emotionen ausleben kann, fast so wie bei Video- und Computerspielen." Das sei insofern plausibel, weil Menschen generell etwas suchten, "in dem sie sich verlieren, wo sie auf eine Art Miniurlaub vom Alltag gehen können". Und eine Tendenz zu Zugehörigkeit und Loyalität, so Petrucelli, liege einfach in der menschlichen Natur. Das Ergebnis sei die "Abhängigkeit von der Substanz Sport". Womit wir wieder bei Malchow wären, der eine "sehr schwankende Bindung" zum 1. FC Köln unterhält und dem beim Fußballpublikum aufgefallen ist: "Da ist eine gewisse Drogenhaftigkeit."

Anfang Mai, 6.30 Uhr morgens, Treffpunkt Parkplatz Bahnhof Zoo. Etwa 30 Fußballfreunde wollen nach Gelsenkirchen zum Spiel Schalke gegen Hannover 96. Thomas ist da, den alle Ziko nennen; Micki, der Olaf heißt; und Christopher, den sie auch "Zwickau" rufen, weil er aus Zwickau kommt. Doreen ist mit ihren Töchtern gekommen, Dagmar wie immer allein. Dazu Tomek und Frank, eigentlich Hertha-Fans, aber als engagierte Groundhopper wollen sie sich einmal die Arena auf Schalke ansehen. Groundhopping ist der jüngste Trend des Fußball-Booms und bezeichnet das Hobby, so viele Stadien wie möglich zu besuchen. "Da geht man schon mal zu TeBe gegen Ludwigsfelde", erzählt Tomek. "Bier aus dem Pappbecher, Bratwurst für einsfuffzich, nebenbei fotografiert man die Flutlichtmasten." Es fängt an zu regnen, der Busfahrer will los. Günther ist schon in Gelsenkirchen, irgendein Familienfest.

Wenig später auf der A 2, zwischen Potsdam und Magdeburg. Draußen Brandenburgs Wälder, silbern schimmert der Asphalt in der Morgensonne, kein Stau in Sicht. Hinten ploppen die Kronenkorken, vorn beim Busfahrer sitzt Jörg, kräftige Statur, Stoppelfrisur, gelernter Maschinenschlosser. Jörg ist gegenüber der Glückaufkampfbahn aufgewachsen. Jeden Samstag zog die Meute vorbei mit Getröte und Gesang. Blau und Weiß, wie lieb' ich dich/ Blau und Weiß, verlass mich nicht.

Es gibt viele Motive, Fan zu sein. Zum Beispiel den Reiz des Paralleluniversums

So hat das bei Jörg angefangen ("Dagegen kann man sich nicht wehren, das ist wie Muttermilch"). Jahrzehnte später kann er blumig erzählen von zahlreichen abenteuerlichen Auswärtsspielen, vor allem in der Saison 1996/97, als sie den Uefa Cup gewannen. Ein echter Fan ist überall dabei. Trabzonspor. Brügge. Finale in Mailand. Natürlich stets feste gebechert dabei. Als seine Frau ihn fragte, ob er wisse, was allein diese Saison koste, sagte Jörg, das wisse er genau: 24 000 Mark. Er hatte Buch geführt. "Da hat man so lange auf den Erfolg gewartet, das geht einem einfach ans Herz." Er und seine Frau haben sich inzwischen getrennt, und was Jörgs Herz angeht, steht ihm nach einem Infarkt eine OP bevor.

Jörg ist ein Beispiel für das Leben im Paralleluniversum. Doch so einfach ist es nicht. Kennst du einen, kennst du nicht alle. Doreen ist dabei, weil sie in Schalke einen "Arbeiterverein" erkennt, "damit kann ich mich identifizieren". Dagmar, Lehrerin in Berlin, fährt gern mit, weil sie aus dem Pott kommt und beim Fußball ihre Schwester und ihren Neffen treffen kann; außerdem finden die Schüler cool, dass ihre nicht mehr ganz junge Paukerin auf Fußball steht. Ziko, der wie viele Fans von Schalke 04 aus den neuen Bundesländern kommt, wurde Fan, als der Club 1990 in der Zweiten Bundesliga bei Blau-Weiß Berlin gastierte: "Von 5000 Zuschauern waren 4000 Schalker, das fand ich begeisternd." Aber wie Christopher alias "Zwickau" die Hose runterlassen auf der Raststätte Garbsen, als ein Fan-Bus von Hannover 96 vorbeifährt, würde er nicht. Die Gemeinsamkeiten sind eher banal. Während vor den Fenstern unseres Fan-Busses der Förderturm der Zeche Ewald auftaucht, schallt es kollektiv: Scha-la-la-lalla-lalla-la, Scha-la-la-lalla-lalla-la, SCHALL-KEE-N UUULL-VIER!

Runter von der Autobahn, noch ein paar Ampeln, dann hält der Bus vor der Arena auf Schalke. Wenn sie nachts beleuchtet ist, sieht sie aus wie ein gestrandetes Raumschiff. Vor den Eingängen blau-weißes Gewühl. Im Bauch des Klotzes, vor dem Pressezentrum, wartet Peter Peters an einem Stehtisch. Der Geschäftsführer des FC Schalke 04 spricht von "Maximierung des sportlichen Erfolgs unter Wahrung der finanziellen Balance". Soll heißen: Erfolg im Fußball wird immer teurer, das Geschäft immer riskanter bei Transfers in zweistelliger Millionenhöhe. Deshalb die Kommerzialisierung. Deshalb die Riege der Sponsoren, angeführt vom russischen Energieriesen Gazprom. Deshalb eine hypermoderne Arena mit VIP-Lounge, Fressmeile und blauweißem Shopping-Paradies, in dem nicht der Euro gilt, sondern die Knappenkarte, auf die an eigens eingerichteten Ständen Geld gebucht werden kann.

Die echten Liebhaber brauchen den Fußball. Und der Fußball braucht ihre Leidenschaft

Die Arena ist Schalkes Garantie, sportlich konkurrenzfähig zu bleiben, national und international. Sie war Deutschlands erster Fußballtempel mit Event-Charakter, 60 000 Plätze, das Dach getragen von einem monströsen Stahlgeäst. Wenn 2016 die Kredite abbezahlt sind, so Peters, "hat dieser Club seine Blüte erst vor sich". Doch gleichzeitig sieht Peters die Entwicklung "mit großer Sorge". Man müsse nur nach England schauen, wo US-Investoren die Traditionsclubs FC Liverpool und Manchester United gekauft haben und ein Herr Abramowitsch dreistellige Millionenbeträge in den FC Chelsea pumpt.

In England formiert sich auch Widerstand. "Supporters Trusts" wurden gegründet, die ihre Lieblingsvereine in der dritten und vierten Liga kauften und nun selbstständig führen. Ähnliche Projekte gibt es in Finnland und Frankreich. Anhänger des FC Bayern München klagten zuletzt über mangelnde Stimmung in der hypermodernen Allianz-Arena, in der inzwischen jeder vierte Zuschauer offiziell ein VIP ist. In Hamburg haben Fußballfans jedenfalls schon mal verhindert, dass der FC St. Pauli die Namensrechte seines Stadions am Millerntor an einen Sponsor verkauft.

"In keiner Sportart", schreibt der Autor Christoph Biermann, "spielen die Zuschauer eine so wichtige Rolle wie im Fußball. Ihre Anwesenheit macht das Spiel überhaupt erst zu einem Ereignis." Schalke beweist das eindrucksvoll. Immer ausverkauft, immer Remmidemmi. Was auch am Verein liegt, der den Wert seiner Fans kennt. Man lässt sie sogar mitreden bei der Höhe der Eintrittspreise; die liegen im Schnitt, so Peters, bei 15 bis 16 Euro, fast zehn Euro unter denen des FC Bayern München. Man fordert die Fans auf, die Arena mit Spruchbändern mitzugestalten, weshalb beim Spiel gegen Hannover 96 unübersehbar die Blue Boys Solm grüßen, die Ruhrknappen Wengern und der Fanclub Destille aus Buer.

"Wir haben", sagt der Fan-Beauftragte Rolf Rojek, "pro Spiel 140 unserer Leute im Einsatz, die stolz darauf sind zu helfen." Sie haben 70 000 Mitglieder in Fanclubs, sie veranstalten Stammtische mit Spielern und Funktionären. Der Dachverband der Fanclubs betreibt zwei Kneipen, besorgt unter anderem Rabatte bei Hotels und Mietwagen. Rojek, der auch im Aufsichtsrat des Vereins sitzt, sagt: "Wir haben bei allem Kommerz den Kontakt zu den Menschen nicht verloren. Und wenn der Vorstand beschließen sollte, die Vereinsfarben zu ändern, gäbe es eine Revolte."

Vielleicht verzeiht der Fan dem Verein im Gegenzug, dass von der Legende der Knappen in kurzen Hosen, die malochen wie ihre Kumpels im Pütt, nichts mehr übrig ist. "Wenn du heute einen Brasilianer holst", sagt Rojek, "dann kannst du nicht versuchen, dem was von Kuzorra und dem Bergwerk zu erzählen." Gegen Hannover quälen sich Krstajic, Rakitic, Bajramovic, Rafinha, Bordon, Løvenkrands und Co. zu einem enttäuschenden 1:1. Die Fans feiern die Truppe trotzdem. Doch gerade das, sagt Hans Fabry, Marketingleiter der Victoria Versicherungen, gefalle ihm an Schalke: "Die sind mega aufgeladen, der ewige Zweite und geben trotzdem die Hoffnung nie auf. Das findet jeder irgendwie gut." Für die "Volksversicherung" Victoria sei der S04 der perfekte Werbepartner. Man könnte auch sagen: Wenn alle auf ähnlichen Bühnen mit internationalen Söldnertruppen konkurrieren, machen beim Marktwert die Fans den Unterschied aus.

Zurück nach Berlin, Stadtteil Wilmersdorf. "Vonro's Brett'l", das Vereinslokal von Königsblau Berlin e. V., ist eine Kneipe ohne Eigenschaften. Bis auf das Hinterzimmer, das blau-weiß dekoriert ist bis unter die Stuckdecke. Es ist drei Tage nach dem 1:1 gegen Hannover 96, im Fernsehen läuft das Spiel Schalke 04 beim VfL Bochum. Schalke kämpft um Platz zwei in der Meisterschaft, die direkte Qualifikation zur Champions League. Der Laden ist voll. Schalke gewinnt, großer Jubel. Der TV-Reporter, der hinterher mutmaßt, Schalkes 1:0 sei wohl Abseits gewesen, erntet hässliche Buh-Rufe. Die Zeitlupe beweist: Das 1:0 war Abseits. Höhnisches Gelächter. Später im Hinterzimmer überlässt Günther dem Vorsitzenden Udo das Wort, der lautstark und weit ausholt. Schon sein Großvater, Bergmann in Sachsen, war Schalke-Fan, ist sogar mit dem Fahrrad zu einem Endspiel gefahren. Liegt wohl in den Genen. Wie geht das gleich noch mal? Königsblauer Ess-Null-Vier, König bist du im Revier ...

Günther sitzt schweigsam daneben. Er unterrichtet inzwischen nicht mehr. Viel Stress, wenig Anerkennung, nicht gut für die Seele. Er arbeitet jetzt als Künstler, malt sehr farbige, märchenhaft verwunschene Bilder. Die Kneipe vorn hat sich inzwischen geleert, der Fernseher ist aus. Eine fast besinnliche Stille nach all dem Trubel. Und dann erzählt Günther noch mal von früher. Parkstadion, er weiß nicht mehr genau, wann es war, aber ganz sicher ein Abendspiel. Schalke gegen Rot-Weiß Essen, Zweite Bundesliga. "Es war schweinekalt, es hat geregnet, und dann schossen die Essener auch noch Leuchtraketen in unseren Block." Wer trotz solcher widrigen Umstände seiner Mannschaft die Treue halte, der sei ein wahrer Fan. Doch die Zeit der wahren Fans sei leider vorbei, jetzt, da alle zum Fußball rennen; sich in Deutschland den FC Bayern als Maskottchen raussuchen, in der Champions League Barcelona oder ManU und bei der WM gern Brasilien. Weil die gewinnen können. Und nächstes Jahr ist man Fan von jemand anderem. Günther: "Da bleibe ich lieber ewiger Zweiter."

Oder ewiger Sieger. Nick Hornby hat einmal gesagt: "Nur als Fan zählst du wirklich etwas. Du bist gewissermaßen das einzig ständige Inventar des Clubs. Was sind im Vergleich dazu schon Trainer, Funktionäre oder Spieler?" -