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Mach was, das die Leute berührt

Lorenz Hargassner verdient nach einem langen Studium weniger als ein Hausmeister. Das ist okay für den Saxofonisten, denn er liebt seine Musik. "Jazz ist nicht tot, er riecht nur komisch." (Frank Zappa)




- Die Leidenschaft blüht an den seltsamsten Orten, manchmal in einem Bunker. Der steht in Hamburg-Eppendorf. Dort übt Lorenz Hargassner Saxofon, am liebsten vier Stunden am Tag, "zwei Stunden, um den Level zu halten, und zwei, um mich weiterzuentwickeln". Hargassner ist Profi-Musiker, täglich zu üben gehört zu seinem Beruf. Und es ist für den 30-Jährigen ganz offenkundig so etwas wie sein Lebensglück. Hargassner ist Musiker geworden, "um mir einen Traum zu erfüllen, darum geht's doch im Leben". Das klänge kitschig, wäre der Mann nicht so gut geerdet. Er weiß genau, was er will.

Der Bunker ist vom Zweiten Weltkrieg übrig geblieben. Auch die Musik, die Hargassner jeden Tag probt, ist irgendwie übrig geblieben: Jazz. Der Saxofonist macht sich keine Illusionen darüber, dass er mit seinen CDs und Auftritten nur eine winzige Nische im Musikmarkt erreichen kann. Jazz ist Minderheitenprogramm. Um kommerziell erfolgreich zu sein, müssen Jazzer ihre Musik entweder mit Pop weich spülen und die Marketingspiele des Pop-Geschäftes beherrschen wie etwa die Sängerin Cassandra Wilson. Oder sie bedienen die Bedürfnisse eines Publikums, das bei Jazz an Schwarz-Weiß-Filme denkt und am liebsten nur Ohrwürmer wie "Take Five" hören will.

Künstlerisch ergiebig ist das nicht unbedingt. "Eigenkompositionen der Musiker, die versuchen, einen eigenen Weg im Jazz zu finden, stören dieses Publikum eher", sagt Hargassner. "Es gibt Veranstalter, die von den Musikern verlangen, nur Standards zu spielen - , bitte nichts Eigenes'. Er aber will es sich nicht in einer kuscheligen Jazz-Nostalgie gemütlich machen. "Diversityville", die erste CD, die er mit seinem Lorenz Hargassner Quartett eingespielt hat, klingt zwischen heftigen Ausbrüchen und zarten Lyrismen ziemlich eigenwillig. Wenn es gut läuft, wird die CD zwei-oder dreitausendmal verkauft. Bei der Produktion bezahlte nicht das Label, sondern Hargassner selbst die Studio-Miete, die Gagen seiner Musiker und die Werbefotos. Am Ende kann er froh sein, wenn ein niedriger vierstelliger Betrag für ihn übrig bleibt.

"So sind heutzutage fast alle Deals für Jazz-CDs in Deutschland", sagt er. "Mit der CD selber verdiene ich kaum etwas. Sie ist vor allem eine gute Promo für die Konzerte." Damit dürfte in der Jazz-Nische schon heute normal sein, was dem Pop-Markt erst noch bevorsteht: Der Tonträger-Umsatz wird zum Wurmfortsatz und Anhängsel des Konzert-Geschäfts. Reich werden Hargassner und die drei Musiker seines Quartetts auch mit den Konzerten nicht. Ihre Gagen liegen, je nach Auftrittsort, zwischen 100 und 300 Euro pro Musiker.

Dafür setzen sie sich in einen Tourbus, übernachten in bescheidenen Hotels und spielen zwei Stunden vor 100 oder 200 Zuschauern, manchmal sind es auch nur 50. "Aber was könnte geiler sein, als die Musik zu spielen, die ich will, jeden Abend woanders aufzutreten?" Derzeit verdient er etwa 1500 Euro brutto im Monat - mit Auftritten seines Quartetts, mit Konzerten seiner zweiten, eingängigeren Band "Pure Desmond", mit Saxofon-Unterricht und als Miet-Musiker bei Konzerten oder Studioaufnahmen anderer Bands. Wie viele Stunden er dafür im Tourbus, auf der Bühne, im Büro oder im Probenraum verbringt, rechnet er sich lieber nicht so genau aus. Schließlich geht es hier nicht um irgendeinen Beruf zum Geldverdienen, sondern um Leidenschaft und um so etwas wie Glück.

Das Schöne am Jazz: Es ist eine Sache, die fast alle Profis um ihrer selbst willen tun

Der Saxofonist ist in der Szene kein Unbekannter. Sein Quartett hat sich in relativ kurzer Zeit eine Fangemeinde erspielt. Das Fachmagazin "Jazzthing" lobt ihn als einen der derzeit aufregendsten deutschen Nachwuchs-Jazzer und attestiert ihm "eine ungewöhnliche Karriere auf der Überholspur". Und die US-Legende Adam Holzman, in den achtziger Jahren Keyboarder bei Miles Davis, war so beeindruckt von dem kraftvollen Spiel des Saxofonisten, dass er ihn prompt für eine Tour engagierte.

Um dahin zu kommen, hat Hargassner an den Musikhochschulen in Hannover und Berlin studiert, eine Ausbildung, die es mit derjenigen klassischer Orchestermusiker aufnehmen kann. "Um das Instrument wirklich zu beherrschen, sitzt man jahrelang acht Stunden da und übt", konstatiert der Saxofonist. Das Extrem der harten Jazz-Schule hat er erlebt, als er ein Jahr an der "New School" in New York studierte: hochkarätige Musiker, die sich freuen, wenn sie einen Auftritt für 50 Dollar bekommen und sonst vom Taxifahren leben. Konzerte, zu denen nur andere Jazzmusiker kommen - niemand sonst. Und Studenten, die in winzigen Übungsboxen zehn Stunden am Tag nichts anderes machen, als Perfektion und Tempo zu trainieren. "Eigentlich wollte ich in New York bleiben, aber ich habe dann ziemlich schnell gemerkt, dass ich so nicht leben will", sagt Hargassner. "Das ist eine Schlacht. Die reiben sich da auf, für nichts."

Fragt man ihn, weshalb es denn unbedingt der kaum verkäufliche Jazz sein muss, guckt er verwundert. Diese Frage ist in seiner Welt unverständlich. Liebe kann man nicht erklären. Dafür ist Hargassner ein nüchterner Analytiker, wenn es um seine Fähigkeiten am Saxofon geht: "Ich muss hart arbeiten. Wenn ich nicht viel übe, bin ich nicht gut. Ich habe nicht die Routine von einem, der seit seinem zehnten Lebensjahr spielt. Die bekomme ich auch nicht mehr. Aber es geht in dieser Musik nicht um Virtuosität. Meine Stärke ist, dass ich in der Lage bin, etwas zu sagen", sagt er und grinst dabei gut gelaunt. "Mach was auf der Bühne, das die Leute berührt. Darum geht es."

Dass seine Musik die Kraft hat, seine Zuhörer zu berühren, hat einen einfachen Grund: Man spürt, dass das, was er mit dem Saxofon sagt, genau das ist, was er zu sagen hat.-

Lorenz Hargassner Quartett:
Diversityville. Erschienen bei Double Moon /SunnyMoon