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Kultur statt Natur

Warum setzen sich so viele Menschen für die Öko-Bewegung ein - und so wenige für die Freiheit? Fragen wie diese beschäftigen den Kölner Philosophen Armin Wildfeuer, und er hat darauf unbequeme Antworten.




brand eins: Herr Wildfeuer, Sie beklagen die Orientierungslosigkeit in unserer Zeit. Was fehlt?

Armin Wildfeuer: Orientierung zu haben setzt voraus, dass man einen Standpunkt hat, auf dem man steht und - vor allem - zu dem man steht. Das scheint mir die Crux unserer Zeit zu sein, auf Orientierung zu verzichten, weil man einen Standpunkt einnehmen müsste.

Wie kommen Sie darauf?

Man kann das an unterschiedlichsten Phänomenen belegen, die auch äußerlich bedingt sind, etwa durch das Ende des Ost-West-Gegensatzes. Wir brauchten uns früher nicht zu definieren, weil wir immer bereits definiert und damit im Wortsinne abgegrenzt waren - der freie Westen im Gegensatz zum unfreien Osten. Das bestimmte unsere Identität. Fehlt die Abgrenzung, entsteht notwendig ein Vakuum, und wir sind noch nicht einmal im Ansatz aufgebrochen, dieses Vakuum zu füllen und uns einen Standpunkt zu suchen, von dem her wir uns wieder orientieren können. Die Themen, die in Deutschland verhandelt werden, sind derzeit eher beliebig. Es fehlt uns überhaupt das große Thema, an dem wir uns abarbeiten könnten.

Ist das nicht der Klimawandel?

Der Klimaschutz ist in erster Linie ein geschmeidiges Thema, denn Naturschutz ist nicht wirklich anstrengend. Mit ihm ist ein Minimalkonsens getroffen, also stürzen sich alle darauf. Mein Verdacht ist, dass der zwanghafte Versuch, in der Natur Orientierung zu finden, Symptom einer fundamentalen Orientierungslosigkeit ist. Den Wald aufzuräumen, nimmt im Stundenplan mancher Schulen inzwischen mehr Raum ein als andere Themen, die ebenfalls mit unserer kulturellen Identität zu tun haben und vielleicht sperriger und schwieriger sind. Wir haben ein Konzept von Political Correctness in den Köpfen, das vorsieht, niemandem wehzutun. Aber die Wahrheit zu sagen tut gelegentlich weh. Was den Klimawandel betrifft, so gehen wir mit dem Größenwahn daran, wir seien die einzigen Verursacher. Dabei sind dafür auch ganz natürliche Prozesse verantwortlich.

Das sehen die meisten Menschen, auch Wissenschaftler, anders.

Es ist noch nicht lange her, da galt die Natur als der Urfeind des Menschen. Und sein Urkampf war, sich gegen ihre Unbill - Wetter, Krankheit - zu wehren. Die Handhabe gegen die Natur war die Kultur. Technik und Wissenschaft waren die Mittel, in diesem Transformationsprozess voranzukommen - übrigens außerordentlich erfolgreich. Erst seit wir die Natur domestiziert haben oder, wie René Descartes es ausdrückt, ihr Herr und Meister geworden sind, können wir in ein entspanntes Verhältnis zu ihr treten, uns ihr romantisch zuwenden, in ihr Landschaften erkennen, uns an selbst gestalteten Gärten erfreuen. Weil wir es mit dieser Domestikation aus Eigeninteresse gelegentlich so weit getrieben haben, dass wir selbst - so meinen wir - die naturalen Voraussetzungen unseres Überlebens bedrohen und die Natur insgesamt zerstören könnten, müssen wir die Natur jetzt vor uns schützen.

Aber die Natur braucht unseren Schutz nicht? Das könnte der eine oder andere als Absolution für Umweltsünder verstehen.

Wer fällt denn in die Kategorie Umweltsünder? Die höchste Form unumschränkter Herrschaft besteht natürlich in der Vorstellung, die Macht zu haben, den Beherrschten - hier: die Natur - physisch zu vernichten. Was auf den ersten Blick ein zum Größenwahnsinn neigender Überlegenheitsgestus des Menschen zu sein scheint, entpuppt sich genau als das Gegenteil: Die Natur könnte gut ohne uns, wir aber können nicht ohne sie. Schutzziel ist also nicht wirklich die Natur, ihre Schönheit und ihr Reichtum, die so oft von der Öko-Bewegung beschworen werden, sondern primär wir selbst sind es und unser Überlebensinteresse.

Ist die Öko-Bewegung von heute nicht rationaler und moderner als die der achtziger Jahre?

Sie ist so lächerlich und größenwahnsinnig wie die alte. Sie lebt von einer Vielzahl von Mythen: dass die Natur das Gute sei. Dass die Natur schon wisse, wie menschliche Angelegenheiten zu regeln wären. Dass man sich der heilen Natur überlassen müsse, damit das Leben gelingt.

Das Engagement für die Natur, das zu einer Gewissensentscheidung erhoben wird, erscheint mir wie eine Flucht vor wirklicher Verantwortungsübernahme. Moralisch handeln kann ich nicht gegenüber Sachen, sondern nur gegenüber Menschen. Dass sich jeder Mensch Gedanken machen muss, wie er mit den naturalen Voraussetzungen umgeht, die die Grundlage seines Überlebens und für unser aller Überleben bilden, ist nur vernünftig aber doch eine Selbstverständlichkeit.

Was die Öko-Bewegung daraus macht, ist jedoch vielfach mitleiderregend naiv, wird geradezu eine Biohysterie, wenn etwa Kühe auf Bio-Bauernhöfen von Heilpraktikern homöopathisch behandelt und einfühlsam massiert werden, damit das Fleisch später dreimal so teuer verkauft wird. Solche Absurditäten, zu denen luxuriöse Bio-Läden, Bio-Kleidung und Eco-Style-Produkte ebenso gehören wie manche Wellness-Versprechungen der Biokost, begleiten die Bewegung auf Schritt und Tritt, und die mit ihr einhergehende Scharlatanerie setzt sie selbst in ein zweifelhaftes Licht.

Wenn die Natur und ihr Schutz keine Orientierungsgröße darstellen - was halten Sie dann für das große Thema unserer Zeit?

Dass die Natur nicht zur Orientierung taugt, zeigt schon unsere Ratlosigkeit über die Frage, was wir da eigentlich wie schützen sollen: welche Natur? Soll sie bleiben, wie sie ist? Sollen wir sie so bewahren, wie sie vor hundert oder gar tausend Jahren war? Die Natur ist eine recht dunkle Größe, die wir einbeziehen, und unser Verhältnis zu ihr sagt mehr über unser Selbstverhältnis als über die Natur selbst aus. Ich glaube vielmehr, dass Kultur unser Thema sein muss, nicht die Weltwirtschaft und nicht das Klima: unsere kulturelle Identität und die Basisannahmen unserer westlichen Kultur - allen voran die Freiheit -, die wir wie selbstverständlich hinnehmen und kaum mehr zu schätzen wissen.

Lässt sich diese Behauptung belegen?

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 haben viele Historiker und Philosophen geglaubt, dass es sich dabei um eine Katastrophe handelte, die unser Denken in allen Bereichen nachhaltig verändern und in unsere kulturelle Selbstdefinition und Identität mehr Tiefe hineinbringen würde. Dem war nicht so. Die Katastrophe war - und ich bitte darum, mich nicht falsch zu verstehen, es soll wahrhaftig nicht zynisch klingen - also sie war offenbar noch nicht groß genug. Die Dramatik dieser Situation, in der Kulturen aufeinanderprallen, muss wohl noch offenkundiger sein, die Situation muss näher rücken. Menschen denken erst nach, wenn sie selbst betroffen sind. Um unser Denken wirklich zu verändern und uns auf wesentliche Werte unserer Kultur zu besinnen, um einen neuen Standpunkt einzunehmen und uns von dort aus zu orientieren, bräuchten wir vermutlich ein stärkeres Bewusstsein, dass sich eine Katastrophe anbahnen könnte oder näher rückt.

Das hört sich unheilvoll an. Ist es eine Prognose?

Absolut nicht. Futurologen haben uns zu allen Zeiten Theorien zur Zukunft geliefert, die Zutreffendes und Unzutreffendes umspannten. Ich halte nichts davon. Die Gegenwart ist der Schlüssel zur Vergangenheit und zur Zukunft. Die Angst-Szenarien, die für die Zukunft aufgemacht wurden und auch heute gern aufgemacht werden, sind Angst-Szenarien der Gegenwart und haben mit einem realen Verlauf der Geschichte nichts zu tun. Menschliche Geschichte verläuft immer ganz anders als erhofft oder befürchtet. Es ist nicht abzusehen, wohin die Menschheit driftet und wie sie sich entwickelt. Mit Blick auf den bisherigen Verlauf der Geschichte kann man aber feststellen, dass die Menschheit äußerst findig war, selbst mit dramatischen geschichtlichen Konstellationen erfolgreich umzugehen - wenn auch mit vielen Umwegen. Dass eine Neuorientierung unausweichlich ist, rückt aber leider oft erst ins Bewusstsein, wenn eine Katastrophe passiert ist. Was nicht heißt, dass ich glaube, uns stünde eine solche ins Haus oder wir wären nicht imstande, mit einer wie auch immer gearteten Katastrophe umzugehen.

Wenn es ohne Katastrophe gehen soll, wo könnte man ansetzen?

Ohne Bildung, das Mittun aller, die im nächsten wie im entfernten Sinne damit zu tun haben, kommen wir nicht weiter. Mit welchen Themen beschäftigen wir uns, wofür setzen wir uns ein, welche Werte unserer Kultur halten wir für schützenswert, für wen und was möchten wir Vorbild sein? Da kann jeder für sich anfangen und tatsächlich Verantwortung übernehmen.

Im Fernsehen und Internet etwa werden die wildesten Themen unverbunden nebeneinandergestellt. Es gibt eine ganze Reihe von Magazinen, die unter völligem Verzicht auf eine Stellungnahme oder einen Kommentar unterschiedlichste Dinge nebeneinander präsentieren. Ein Angebot, das ohne Überschrift ist, Leser und Zuschauer allein lässt. Diesem Angebot entspricht auf der anderen Seite ein enormer Bedarf an Hilfe: Lebensbewältigung, Beratung - alles Formate für Menschen, die keine eigenen Antworten mehr finden. Eigentlich zeigt sich darin ein gewaltiges Defizit an Aufgeklärtheit. Man kann sich kein Urteil mehr bilden, und davon profitieren all die Anbieter vorgefertigter und natürlich unzureichender Antworten. Ob uns das genügt, darüber müssen wir nachdenken.

Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn wie soll man sich ohne Grundorientierung solchen Fragen stellen?

All das hat mit dem Grundwert der Freiheit zu tun. Die Beschäftigung mit dem Thema Freiheit wird ins Bewusstsein heben müssen, dass Freiheit nicht nur negative Freiheit meint, also die Unabhängigkeit von etwas, sondern vor allem die positive Freiheit, also die Freiheit zu etwas. Sie schließt den Willen zur Gestaltung und Verantwortungsübernahme ein und ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur. Die Bildung der Zukunft bestünde also mehr als bislang darin, sich angesichts der Vielfalt der Handlungsoptionen unter Bezugnahme auf einen wohlbegründeten Standpunkt aus Freiheit und um der Freiheit willen selbst zu beschränken. Nur wer sich selbst beschränkt, ist autonom: Er gibt sich selbst ein Gesetz seines Handelns. Freiheit ist nur als selbstbegrenzende Freiheit sinnvoll lebbar. Wenn wir uns auf diese Themen rückbesinnen, dann ergeben sich die anderen großen Themen daraus wie von selbst - inklusive Klima und Wirtschaft.

Gerade die Wirtschaft pocht auf Freiheit, am liebsten unbegrenzt.

Wirtschaft ist heute mehr denn je eine bedeutende Größe unserer Gesellschaft, und so fällt die Verantwortung, die der Unternehmer nach innen wie nach außen trägt, besonders ins Gewicht. Begriffe wie Corporate Citizenship und Stakeholder Value, also der Anspruch, das Unternehmen in seinem gesamten sozio-ökonomischen Kontext zu erfassen und die Bedürfnisse verschiedener Anspruchsgruppen in Einklang zu bringen, machen dies deutlich. Mit Blick auf das Gemeinwesen gehört zu einem guten Unternehmer mehr als nur der rein wirtschaftliche Erfolg. Und es gibt eine Vielzahl Unternehmer, die höchst anständig und fair mit ihren Mitarbeitern umgehen und ihrer bürgerschaftlichen und sozialen Verantwortung nachkommen, oft im Verborgenen. Übrigens war es immer Konsens unserer Kultur, dass Eigentum verpflichtet.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten die Neustart-Taste drücken und unsere Gesellschaft neu entwerfen - wie sähe sie aus?

Das ist doch mal eine gute Idee für einen Thinktank! Die Aufgabe stünde in der Tradition großer Utopisten unserer Geschichte - Menschen wie Platon, Tommaso Campanella, Thomas Morus oder Thomas Hobbes, die versucht haben, in ihrer Zeit auf der Basis von Erfahrung und Wissen einen ganz neuen Entwurf zu schaffen. Vieles von dem, was wir heute sind und haben, wäre eine sehr gute Basis. Aber Politik ist keine Stätte des Entwurfs mehr, sondern eine große Reparaturwerkstatt. Deshalb wäre es eine schöne Idee, die Reparaturkiste zu schließen, in der wir uns mit Abertausend Reformen politisch und wirtschaftlich befinden.

Wem legten Sie einen solchen großen Wurf vor?

Unseren demokratisch gewählten Volksvertretern in der tiefen Hoffnung, dass sie ihn lesen. Ich bin Optimist, der darauf vertraut, dass sich die Vernunft durchsetzen wird.

Das ist eine Menge Optimismus.

Wie Ideen wirken und ob sie auf fruchtbaren Boden fallen, lässt sich kaum vorhersagen. Selbst aus der Erkenntnis, dass eine Situation hochproblematisch ist, folgt noch gar nichts, nicht einmal ein Umdenken. Aus Fakten, die obendrein immer interpretationsbedürftig sind, lassen sich nicht einfach die problemlösenden Handlungen ableiten; und weil unterschiedliche Interpretationen von Sachverhalten und Interessenkonflikte meist Ausgangspunkt für Entscheidungen sind, braucht es nicht zu verwundern, dass Prozesse, deren Folge man schon im Vorfeld als negativ erkennen könnte, dennoch initiiert werden. Das ist in der Demokratie das normale Verfahren, und an der Demokratie möchte ich wahrlich nicht rütteln. Also: Es wäre doch schon viel, wenn ein Thinktank-Entwurf namens "Reset" in einem ansehnlichen Rundumschlag allerlei Gedanken in der Politik in neue Richtungen brächte - auf den Weg zu einer Neuorientierung. -

Zur Person: Professor Armin G. Wildfeuer, Jahrgang 1960, ist Dekan des Fachbereichs Sozialwesen der Katholischen Fachhochschule in Köln und lehrt dort Philosophie (insbesondere Ethik, Anthropologie und Sozialphilosophie/ Politische Philosophie). Im September 2008 erscheint im Verlag Karl Alber, Freiburg, das von ihm zusammen mit Petra Kolmer herausgegebene dreibändige Werk "Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe"