Partner von
Partner von

Gesellschaft der Silberköpfe

Japaner haben für fast alle Probleme des Landes Lösungen gefunden. Nur mit der Demografie tun sie sich schwer. Ein Lehrstück.




- Herr Okazawa sitzt im Wohnzimmer, einem schlicht möblierten Raum mit kahlen Wänden, und erzählt aus seinem Leben. Das heißt, Herr Okazawa erzählt von den wichtigsten Abschnitten seines Lebens. Es sind nicht Kindheit, Jugend oder Studium, nicht Ehe und Familienglück. Es sind Arbeit und Pension. Und wer aufmerksam zuhört, könnte glauben, für Herrn Okazawa war das eine Belohnung für das andere. Oder Strafe, wie man es nimmt.

Herr Okazawa, 78, silbern das Haar, rund das Gesicht, mochte seine Arbeit nicht. Er wollte nie Lehrer werden. Die Schule, in der er Geografie unterrichtete, hatte einen schlechten Ruf. Oka-zawa-sensei, wie Lehrer angesprochen werden, um die Ehrerbietung ihnen gegenüber auszudrücken, vermisste bei den Schülern den nötigen Respekt. Dann waren da noch die endlosen Veranstaltungen mit Kollegen, die Clubs, die Meetings. Sogar in den Ferien musste er zur Schule. Herr Okazawa sagt, im Beruf mache der Mensch, was er müsse, nicht, was er wolle. "Wenn uns jemand sagt 'links', gehen wir links, heißt es 'rechts', gehen wir rechts."

Wir sind in Nerima-ku, einem Bezirk im Nordwesten Tokios. Nerima-ku ist eine der zahlreichen Schlafsiedlungen der größten Metropolregion der Welt. Flache Häuschen dicht gedrängt inmitten winziger Gärten. Gestutzte Bäumchen, manikürte Sträucher, ultraweiße Zäune. Uniformiertes japanisches Mittelklasseglück. 45 Minuten bis anderthalb Stunden dauert die Fahrt von hier zu zentralen Bahnhöfen wie Shinjuku, Shibuya, Ueno oder Tokyo Station. Jeden Morgen strebt der Salaryman, so nennt sich der japanische Angestellte, durch die engen Straßen zum Bahnhof.

Früh aus dem Haus, spät abends zurück. Bei Herrn Okazawa war das 40 Jahre lang nicht anders. Seine Frau saß derweil zu Hause, versorgte die beiden Töchter, hielt das Geld zusammen, lächelte und schwieg - wie sich das gehört für eine japanische Ehefrau. Wie sie auch jetzt lächelt und schweigt zum Vortrag ihres Mannes. Manchmal, so viel sagt Frau Okazawa, eine schmale, leicht gebückte Figur, die Hände gefaltet im Schoß, doch noch, manchmal gehe sie ins Kino mit den Töchtern, außerdem leiste sie gemeinnützige Arbeit. Schulkinder über die Straße lotsen. Unkraut im Park jäten. Einmal im Jahr ein Ausflug zu heißen Quellen mit den anderen Senioren aus der Nachbarschaft.

Die Geschichte von Takao und Keiko Okazawa ist nicht ungewöhnlich. Das macht sie so erzählenswert. Es ist die Geschichte von Millionen, einer Generation, die mit dem Trauma des Zweiten Weltkriegs in ihr erwachsenes Leben startete. Damals lag Japans Pro-Kopf-Einkommen hinter dem Mexikos und dem der Philippinen. Als die Okazawas heirateten, war es ein Land von Reisbauern, Fischern und Handwerkern. Als sie Kinder bekamen, war es Jahrzehnte entfernt von Robotern und Überflussgesellschaft. Das Leben bestand aus Fleiß, Verzicht und Entbehrungen, aus Rücksichtnahme, Selbstlosigkeit und Pflichterfüllung.

Es waren die Tugenden, mit denen Japan zum Wirtschaftswunderland wurde. Diejenigen, die diese Leistung vollbrachten, durften als Gegenleistung in materieller Sicherheit alt werden. Fast jeder Japaner über 65 lebt in seiner eigenen, schuldenfreien Immobilie und hat im Schnitt 180 000 Euro an Ersparnissen auf dem Konto. Auch den Okazawas geht es gut. Sie verreisen zweimal jährlich, meist nach Europa, am liebsten nach Frankreich. Herr Okazawa schwärmt für französische Geschichte, er liest französische Bücher, spricht ein wenig Französisch. Das hilft bei der Organisation der Trips via Internet. Avez-vous une chambre pour deux personnes? "Erst seit meiner Pensionierung", sagt Herr Okazawa, "können wir die Dinge tun, die uns Spaß machen."

Die Alten sind überall: in den Parteien, im Fernsehen, im Einkaufszentrum, am Arbeitsmarkt

Eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Doch ausgerechnet die Generation der Okazawas stellt Japan nun vor enorme Probleme. Japaner haben weltweit das höchste Durchschnittsalter (mehr als 43 Jahre) und die höchste Lebenserwartung (fast 86 Jahre), auch weil sie gesund leben, weil sie nicht sterben an Alkohol, Tabak oder fettem Essen. Doch kombiniert mit einer Geburtenrate von 1,2 Kindern pro Frau im gebärfähigen Alter, ist das ein demografisches Problem. Inzwischen ist jeder fünfte Japaner 65 oder älter, 2055 wird es jeder dritte sein. Kaum ein Tag, an dem in den Medien nicht Begriffe fallen wie "überalterte Gesellschaft", "Rentenlast oder "Babyboomer", jene geburtenstarken Jahrgänge ab 1947, die vergangenes Jahr erstmals das Rentenalter erreichten. Nun sorgt man sich um das Know-how, das dem Arbeitsmarkt mit ihnen verloren geht.

"Die Folgen der Bevölkerungsalterung", schreibt Florian Coulmas in seinem Buch "Die Gesellschaft Japans - Arbeit, Familie und demografische Krise", "sind so mannigfaltig, dass davon kein gesellschaftlicher Bereich, keine Institution und kein Individuum unberührt bleiben." Die Alten sind überall. Sie bestimmen das Fernsehprogramm am Morgen mit Soaps über Samurais und traditionelle Werte. Sie prägen die Parolen der politischen Parteien.

Sie strömen auf den Arbeitsmarkt als Aushilfsgärtner und Aushilfsköche, als Aushilfslehrer und Kinderbetreuer, vermittelt zu Mindestlöhnen von sogenannten Silberzentren, die in jeder Kommune als Nachrichten- und Kontaktbörse, aber auch als Refugium vor Langeweile und Einsamkeit fungieren. Vor allem aber haben die Alten die Wirtschaft des Landes verändert.

Der sogenannte Silbermarkt ist ein Tsunami von Angeboten, garniert mit Sonderangeboten. Kaufhäuser offerieren Rollstühle samt Einkaufsberater zum seniorengerechten Sortiment. Nahrungs mittelhersteller locken mit verdauungsfreundlichem Püree vom geräucherten Aal und Spinat mit Sesam. Es gibt Computerschulen und Web-Seiten für Senioren, Apartmentkomplexe mit angeschlossener Krankenstation und Arztpraxen. Es gibt Überwachungssysteme, die die Bewegungen von Senioren in ihren Wohnungen erfassen und an ein Kontrollzentrum weiterleiten; bei nicht erfolgter Benutzung des Teekessels zu bestimmten Zeiten erscheint die Warnung: "Der Opa ruft! Es gibt eine Unsicherheit! " Vor allem Hightech ohne Ende: Raku-Raku, das bedienerfreundliche Mobiltelefon mit extragroßen Tasten; Hopsi, ein Roboter, der Blutdruck und Körpertemperatur messen kann; Paro, die Spielzeugrobbe, die sich bei Berührung räkelt und quietscht.

Reich, alt und verunsichert - so stellt sich das heutige Japan dar

Eine Straße im Tokioter Stadtteil Sugamo ist zum Symbol dieser Entwicklung geworden: Jizo-dori. 780 Meter lang, 194 Läden, das Shopping-Paradies der Silberköpfe. Im Angebot sind Spazierstöcke, Puschen, Lebertranpillen und Tee gegen Knie- und Gelenkschmerzen. Hier "gesundes Soft-Eis" mit dem Aroma dreier Heilkräuter, dort knallrote Unterwäsche, das Accessoire für die reiferen Wallungen. Der nahe gelegene McDonald's backt extra weiche Brötchen für seine Fischburger. An der U-Bahn-Station laufen die Rolltreppen langsamer. Und am Koganji-Tempel wird pausenlos die Statue Kannons, des buddhistischen Gottes der Gnade, gewaschen; das soll Krankheiten kurieren, vorausgesetzt, man wäscht die Körperpartie, die schmerzt. An Feiertagen pilgern bis zu 80 000 Senioren nach Sugamo. "Bei uns gehen die Uhren langsamer", sagt Shigeo Kisaki von der Vereinigung der ortsansässigen Händler. "Bei uns gibt es keine Reizüberflutung und Anglizismen. Es ist wie früher, als die Leute jung waren."

Die Wirtschaft hat längst einen Weg zu den Geldbeuteln der Alten gefunden; die Politik müht sich derweil, sie weiter zu füllen. Jedenfalls kann diesen Eindruck gewinnen, wer Yuji Otake im Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt besucht. Herr Otake, Vizedirektor im Büro für Sozialversicherung, freut sich über den Besuch aus Deutschland. So kann er zur Begrüßung gleich erzählen, wie Japan seine Sozialversicherung nach Bismarcks Urmodell konzipierte, wie es 1973 die kostenlose medizinische Versorgung für Senioren und 2000 die Pflegeversicherung nach deutschem Vorbild einführte. So weit kann man folgen. Danach wird es schnell schwierig, weil unübersichtlich.

Herr Otake hat einen 16-seitigen Prospekt mitgebracht, in dem es vor Zahlen, Prozenten, Grafiken, Statistiken und internationalen Vergleichen wimmelt. Er erklärt, dass die japanische Rente sich meist aus mehreren Leistungen zusammensetzt, darunter Volksrente, Unterstützungskasse, Betriebsrente, Altersruhegeld, Pensionsfonds und etliche mehr. Und weil die Rentenkassen zunehmend in Bedrängnis geraten, neun von zehn Krankenversicherungen rote Zahlen schreiben, spricht Herr Otake nun von Finanzierungslücken und Reformpaketen. 2006 wurde beschlossen, das Rentenalter bis 2013 stufenweise von 60 auf 65 Jahre anzuheben; eine Weiterbeschäftigung darüber hinaus zu reduzierten Gehältern ist erwünscht. Zum 1. April dieses Jahres wurde die Rente gekürzt, und wer 75 und älter ist, muss überdies einen höheren Beitrag zur Krankenversicherung bezahlen.

Der Gesetzgeber sagt mal links, mal rechts, eine klare Richtung ist dabei noch nicht zu erkennen. Was dazu führt, dass das Volk zwar noch folgt, aber bereits anfängt zu murren, vor allem nachdem kaum jemand die jüngste Reform der Krankenversicherung kapiert hat. Dabei ist die nächste Umstrukturierung bereits verabschiedet. Derzufolge soll der Anteil an Steuern und Erträgen aus Staatsvermögen, der in die Sozialversicherung fließt, von 30 auf 50 Prozent erhöht werden. Wie, das kann selbst Herr Otake noch nicht sagen. Man denke, sagt er, an eine Anhebung der Mehrwertsteuer, die derzeit fünf Prozent beträgt: "Wir müssen die Belastung von den Jungen, von der arbeitenden Bevölkerung nehmen und auf alle verteilen."

Spätestens hier stellt sich die Frage, wieso ein Land trotz schwieriger Parameter (weniger Landmasse als Frankreich; keine nennenswerten Rohstoffe; schwer zugänglich; geografisch isoliert) wirtschaftlich so erfolgreich ist. Wieso dieses Land so hadert mit seinen gesellschaftlichen Problemen. Insbesondere, da Japan die demografische Entwicklung seit drei Jahrzehnten erforscht. Die Probleme kommen nicht überraschend, und dennoch schreibt Coulmas: "Reich, alt, ohne Vorbild und seiner Errungenschaften nicht sicher, so stellt sich die japanische Gesellschaft heute dar und tastet sich auf dem unsicheren Weg zwischen Globalisierung und Entvölkerung voran."

Coulmas ist Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien (DIJ) in Tokio. 2004 hat er den demografischen Wandel zum Schwerpunkt der Forschungen des DIJ gemacht. Seither untersuchen seine Mitarbeiter Japan in allen erdenklichen Lebenslagen. Die Ergebnisse sollen nächstes Jahr bei einer internationalen Konferenz präsentiert werden. Coulmas sagt, das Thema sei insofern interessant, als hoch entwickelte Industriegesellschaften wie Deutschland, Korea oder die USA in 20 bis 30 Jahren mit demselben Szenario konfrontiert würden. Doch wenn man ihn fragt, was man vom Beispiel Japan lernen kann, schaut Coulmas ein wenig ratlos aus dem Fenster seines Büros hinüber zum Hotel New Otani, wo regelmäßig ausländische Staatsgäste absteigen. "Die einfachen Antworten sind zu einfach", sagt Coulmas. "Kultur ist ein schwer fassbarer Faktor, und der spielt hier eine ganz besondere Rolle."

Nippon. Die kürzeste Reise zu einem anderen Planeten. "Nach zehn Minuten im Land der aufgehenden Sonne", schreibt AA Gill in der "Sunday Times", "kapiert man, dass die Japaner nicht auf unserer Landkarte sind. Nicht, dass sie Aliens wären, aber sie könnten Aliens sein, die Menschsein gelernt haben." Gill, der in Großbritannien einen legendären Ruf als Reise-Essayist besitzt, erklärt das nicht primär mit beheizten Klobrillen, der Geometrie der Verbeugungen oder dem pädophilen Sexismus der allgegenwärtigen Mangas. Ihn verstören eher die Widersprüche zwischen ausgeprägter japanischer Tradition und der Flut westlicher Epigonen, der ständige Spagat zwischen Haiku und Elvis, meditativen Steingärten und neon-flimmernder Popkultur. Gill: "Moderne Japaner werden als Shintoisten geboren, heiraten christlich, sterben buddhistisch und arbeiten bei Mazda."

So irritierend das sein mag, es ist nur die Oberfläche. Japaner sind selten, was sie scheinen. Sie unterliegen neben zahlreichen Verhaltensregeln dem Credo von Uchi und Soto, von Honne und Tatamae. Uchi beschreibt die Innenwelt, das Private; Soto die Außenwelt, das öffentliche Leben. Beide sind strikt voneinander zu trennen. Das gilt auch für Honne (was man denkt) und Tatamae (was man zeigt). Gelegenheiten, Gefühle zu zeigen, ergeben sich da bestenfalls unter Einfluss enormer Mengen Reiswein. Dafür wird umso vehementer Perfektion zelebriert. "Sie sind besessen von perfekten Blüten, von einer harmonischen Landschaft", zitiert Gill einen Banker, der schon lange in Japan lebt und mit einer Japanerin verheiratet ist, "eine Tasse mit einem abgebrochenen Stückchen ertragen sie nicht."

Dementsprechend sieht der Alltag aus. Versagen, Schwäche, Fehler gilt es erst zu vertuschen, dann zu verdrängen. Was nicht gefällt, wird gemieden. Was nicht funktioniert, wird aussortiert. Frauen etwa nennen Männer, die in Rente gehen, "Herbstlaub". Nass, verblasst, etwas, das vermodert. Scheidungsraten unter Senioren explodieren, primär auf Betreiben von Frauen, die mitunter über Jahrzehnte Haushaltsgeld auf geheime Konten umgeleitet haben. Über Probleme wie Altersarmut und Alterskriminalität als Folge davon wird, wenn überhaupt, nur widerwillig gesprochen; dabei ist jeder zehnte Häftling in Japan bereits 65 Jahre und älter. Gill schreibt: "Sie haben Obsession, Sehnsucht und kühle Beobachtung, sogar Schönheit und Hingabe. Aber nie spürt man Liebe." Herrn Okazawas Lösungsvorschlag in puncto Überalterung: "Wir sind ohnehin zu viele Japaner. Die Hälfte reicht auch."

Es hat natürlich auch mit Uchi und Soto zu tun, dass die Okazawas nicht offen über das Privatleben der Töchter sprechen. Ryoko, 43, die stumm auf einem Hocker in der Ecke sitzt, und Chikako, 37, die sich kurz vorstellt und gleich wieder zurückzieht, leben noch bei den Eltern. Unverheiratet. Kinderlos.

Und weil das längst ein Trend ist, hat der Volksmund einen Begriff dafür kreiert: "parasaito shinguru", ledige Schmarotzer. Wobei diese Verunglimpfung eher als weiteres Indiz gebremster Herzlichkeit zu verstehen ist - fair ist sie nicht.

Japaner leben mit langen Arbeitszeiten, permanenten Überstunden und zeitraubenden Pendlerfahrten. Aus Loyalität zum Arbeitgeber, so die "Japan Times", nehmen sie nur 46 Prozent ihres Urlaubs. Fast jeder zweite akzeptiert Überstunden als Teil seines Jobs; 60 Arbeitsstunden pro Woche sind keine Seltenheit. Morgens sitzen sie mit Schlafbrillen in der U-Bahn. Wo bleibt da Zeit und Muße für Flirt und Beziehung?

Mit Seniorenzentren kämpfen Kommunen gegen die eigene Entvölkerung

Ryoko und Chikako Okazawa stehen darüber hinaus aber auch stellvertretend für einen radikalen Umbruch in der japanischen Arbeitswelt. Haben ihre Eltern noch das Modell der Firma als erweiterte Familie mit lebenslanger beidseitiger Solidarität und Senioritätsprinzip in Bezahlung und Beförderung erfahren, sind Ryoko (Lehrerin) und Chikako (Mitarbeiterin eines Reisebüros) sogenannte irregulär Beschäftigte. Sie verfügen über befristete Verträge, bekommen keine Zuschüsse zur Sozialversicherung, führen keine Beiträge ab und haben damit wenig Rentenanspruch. Bereits 30 Prozent aller Japaner sind in einem irregulären Arbeitsverhältnis, Tendenz steigend. Hinzu kommt die wachsende Zahl der Freeter, wie das Personal für Gelegenheitsjobs genannt wird. "Die Unsicherheit wird immer größer", sagt Ryoko. "Ob alt oder jung, keiner weiß, wie es weitergeht."

Der Shikansen-Schnellzug heißt Max Toki und fährt von Tokio nach Nigata. Florian Kohlbacher wird in Echigo Yuzawa, auf halber Strecke, umsteigen in den Expresszug nach Toyama-Stadt. Kohlbacher, promovierter Betriebswirt, hat fünf der vergangenen acht Jahre in Japan verbracht. Er kam als Student, war Praktikant und Mitarbeiter diverser Firmen, inzwischen doziert er an zwei Hochschulen in Tokio und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des DIJ, wo er als Experte für den Silbermarkt gilt.

Nach Toyama-Stadt fährt er aus einem nahe liegenden Grund. Die gleichnamige Präfektur ist eine Art Japan im Bonsai-Format: ein Prozent der Fläche, ein Prozent der Bevölkerung, ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Weshalb es heißt: Alles, was in Toyama passiert, wird zwangsläufig irgendwann in ganz Japan passieren. Das ist insofern relevant für Kohlbachers Studien, als Toyama mit 23 Prozent Einwohnern, die 65 Jahre und älter sind, weit über dem Landesdurchschnitt liegt.

Tags darauf im Rathaus. Termin bei Bürgermeister Masashi Mori, einem ebenso eloquenten wie charmanten Mann, der ein Modell der Kuschelrobbe Paro mitgebracht hat. Paro, so Herr Mori, wurde von einem Techniker aus Toyama erdacht, wird in Toyama-Stadt produziert. Und schon sind wir bei der wirtschaftlichen Potenz der Region. Sie haben Industrie, darunter den größten Reißverschlusshersteller der Welt, Fischerei und sogar Tourismus dank heißer Quellen und dem Suishodake, dem höchsten Gipfel einer 3000 Meter hohen Gebirgskette. Dennoch, so Mori, ziehen die Jungen in die Metropolen. 2900 Kommunen sind in Japan vom Kollaps bedroht, einige haben bereits Konkurs angemeldet. Mori meint, dem müsse Einhalt geboten werden. Weshalb Toyama-Stadt auch Kuppelpartys und Fahrgemeinschaften für junge Leute organisiert. Drei Ehen, erzählt Mori, seien daraus bereits entstanden.

Herr Mori hat in den vergangenen Jahren massiv Werbung gemacht für seine "kleine Stadt, in der alte Menschen komfortabel und glücklich leben können". Das hat einige Resonanz bei den Medien erzeugt, die umfangreich berichteten über Apartmenthäuser, die im Stadtzentrum gebaut wurden, in Gehweite von Läden und Büros; über die Trambahnlinie, ein Unikum in Japan; oder über die 28 Einrichtungen, in denen Senioren sogenannte Power Rehabilitation an Maschinen im Kraftraum betreiben. Die Stadt fördert zudem Unternehmen, die Produkte und Dienstleistungen für den Silbermarkt produzieren, allen voran Herr Eichii Takeoka, 82, der umweltfreundliche Kleinwagen für Senioren konzipiert und zusammenbaut, darunter eine Version für Rollstuhlfahrer. Wer den rüstigen Tüftler besucht, geht nicht ohne eine umfangreiche Einführung in die Welt der Technik, ergänzt mit der Versicherung, Arbeit halte jung: "Nehmen Sie mich! Ich habe keine Zeit, krank zu werden."

Das ist eine schöne Erkenntnis, aber für Japans Alte bald schlichte Notwendigkeit. Sie müssen in naher Zukunft erheblich länger arbeiten. Sie brauchen das Geld, die Volkwirtschaft braucht ihr Fachwissen. Stärkere Integration von Frauen und Einwanderern in den Arbeitsprozess soll ebenfalls dazu beitragen, die demografische Krise zu überwinden. Das sind keine dramatisch neuen Erkenntnisse, was auch damit zu tun haben könnte, dass sich Japan eher als Kopierer des Westens, denn als Protagonist profiliert hat. Kohlbachers Paradebeispiel dafür wäre Toyota: "Die sagen noch heute, sie hätten alles von Henry Ford gelernt - nur neu interpretiert." Dazu passt, dass sich Japan sowohl mit der Emanzipation als auch mit Einwanderern schwertut, die nur ein Prozent der Bevölkerung stellen. Die Verhandlungen über Einreise und Arbeitserlaubnis von 1000 indonesischen und philippinischen Krankenpflegern ziehen sich bereits über Jahre hin. Nimmt man den Mangel an Pflegepersonal und auch Ärzten zum Maßstab, lässt sich von Japan derzeit vor allem lernen, wie Shigeyoshi Yoshida sagt, "wie dramatisch die Folgen von Versäumnissen sind".

Herr Yoshida ist Direktor des Japan Aging Research Center in Tokio, das 1985 gegründet wurde, als Dachverband für 60 Verbände fungiert, regelmäßig 1500 Senioren befragt und zahlreiche Vergleichsstudien mit westlichen Ländern, Korea und China erstellte. Er meint, die Regierung habe zuletzt die richtigen Maßnahmen ergriffen, doch zu wenig und zu spät. Und überhaupt: "Zu Bismarcks Zeiten lag die Lebenserwartung bei 50 Jahren, da war eine Rente mit 60 eine tolle Idee." Aber heute? Das System sei schon lange nicht mehr praktikabel, man müsse den Leuten endlich die Wahrheit sagen. Aber das werde wohl nicht passieren. Man habe schließlich auch versäumt, die japanischen Babyboomer auf ihr Dilemma vorzubereiten. "Als sie zur Schule kamen, hat man neue Schulhäuser gebaut. Als sie heirateten, hat man neue Hochzeitshäuser gebaut. Sie wurden immer berücksichtigt." Das Ergebnis? "Sie sind egoistisch und unselbstständig, dabei sind jetzt Gemeinsinn und Initiative gefragt."

Besser als Betreuungsroboter: Alte sollen von Jungen, Junge von Alten lernen

Dazu eine Episode aus Toyama-Stadt. Sie spielt am Vormittag in einem Gemeinschaftsraum der Tagesstätte "Kono-yubi-tomare! " Ein elfjähriges Mädchen, das unter einer Nervenkrankheit leidet, spricht mit ihrem orangefarbenen Plüschbär Englisch. Im Fernseher läuft eine Soap mit heldenhaften Samurai. Ein Dreijähriger sitzt auf dem Schoß einer 85-Jährigen. Im Nebenzimmer wird ein alter Mann gebadet. An einem Tisch in der Küche wird Reis mit Gemüse aufgetragen. Das alles untermalt von einer fröhlichen Kakophonie aus Glucksen, Gackern und Gebrabbel.

"Kono-yubi-tomare! " heißt so viel wie "Komm, nimm meinen Finger! " und geht zurück auf ein Kinderspiel. Drei Krankenschwestern haben die Einrichtung 1993 gegründet, weil sie herkömmliche Altersheime, wie Kayoko Sonam sagt, als "automatisierte, industrialisierte Verwahranstalten" empfanden; die meisten lagen auch noch isoliert am Stadtrand. "Kono-yubi-tomare! " befindet sich in einem Wohngebiet, besteht aus mehreren Häusern zu beiden Seiten der Straße. Etwa 20 Senioren werden betreut, dazu ein Dutzend Babys und Kinder, von denen einige geistig, andere körperlich behindert sind. Inzwischen gibt es 56 Tagesstätten nach diesem Vorbild in der Präfektur Toyama; auch in den Präfekturen Shiga, Tokushima und Nagano wurde das Modell kopiert unter dem Label "Altenbetreuung im Toyama-Stil".

"Wären Alte nur unter Alten", sagt Frau Sonam, "Kinder nur unter Kindern, Behinderte nur unter Behinderten, würden sie nichts voneinander lernen und sich zurückentwickeln. Hier profitieren sie voneinander." Über Roboter zur Altenbetreuung kann sie nur lachen: "Schwachsinn. Sie brauchen keine Maschinen, sie brauchen Gefühle, ein Lächeln." Frau Sonam, eine geduldige, herzliche Frau, meint: "Es stimmt schon, wir stehen vor großen Herausforderungen, aber die Frage ist allein, wie wir damit umgehen." Wie? " Jeder muss etwas tun, Verantwortung übernehmen, sich helfen, anderen helfen. Wir können die Situation nur miteinander bewältigen." Und dann geht Frau Sonam, ein dreimonatiges Baby auf dem Arm, zurück in den Gemeinschaftsraum. Dort sitzen die Senioren auf dem Sofa, halten Kinder auf dem Schoß und singen ein altes Wiegenlied. -