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Flick gegen Flick

Alle glücklichen Familien ähneln einander. Jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich. Selbst märchenhafter Reichtum ändert nichts daran. Vom dramatischen Aufstieg und Zerfall einer deutschen Industrie-Dynastie.




I. GROBER UNDANK

Auch der letzte Stehplatz im Düsseldorfer Landgericht war lange vor Beginn der Verhandlung vergeben. In der spektakulärsten Familienfehde der jüngeren deutschen Industriegeschichte wollte keiner den Showdown verpassen. Die Anwälte zogen mit sechs Aktenkoffern und dicken Ledermappen ein. Kläger und Beklagter ignorierten einander. Emotionen bestimmten die Plädoyers, nicht juristische Argumente. Der Anwalt von Sohn Otto-Ernst Flick sagte: Der Vater sei "ein Despot", der den Sohn geknebelt und sich das Ziel gesetzt habe, "ihn nicht hochkommen zu lassen". Otto-Ernst habe zwar das Vermögen, aber kein Recht auf Bestätigung erhalten. Der Sohn fordere vorzeitig sein Erbteil. Der Anwalt des Vaters konterte: "Friedrich Flick ist zwar wegen seiner großen Härte bekannt, hat sie aber seinem Sohn gegenüber nie gezeigt." Dass Otto-Ernst einen "Auflösungsprozess" angestrengt und damit das Unternehmen und die Familie diffamiert habe, sei der Beweis für seinen "groben Undank".

Im Fall Flick gegen Flick ging es um die juristische Aufarbeitung menschlicher Enttäuschung. Die Kurzfassung: Ein genialer Unternehmer baut einen Riesenkonzern auf. Sein ältester Sohn, ein fleißiger Mann, will das Ruder übernehmen. Der Alte kann nicht loslassen. Es rappelt im Karton, und schließlich erbt der jüngste Sohn, ein weniger fleißiger Mann, der zuerst seine Neffen ausbootet und den Konzern nach einer Polit-Affäre versilbert. Die dritte Generation sammelt Kunst, beschäftigt sich mit romantischer Literatur oder heiratet Menschen, deren Namen nur Lesern der Klatschpresse etwas sagen.

1965, während des Verfahrens Friedrich gegen Otto-Ernst Flick, wurde "grober Undank" zum juristischen Schlüsselbegriff, auch in der Urteilsbegründung: Mit seiner Klage habe sich Otto-Ernst "in tadelnswerter Gesinnung des groben Undanks schuldig gemacht", weil er das Werk des Vaters zerstören wollte, zu dem er selbst "nichts Entscheidendes beigetragen" habe. Flick durfte dem ältesten Sohn die Anteile am Familien-Konzern entziehen, die er ihm mehr als zwei Jahrzehnte zuvor übertragen hatte.

In einem früheren Verfahren, vor dem Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg, war ein seltsamer Satz über den alten Flick gefallen. Der US-amerikanische Ankläger hatte einen Vertrauten des Unternehmers nach dessen Verhältnis zu seinen Mitarbeitern befragt. Die Antwort: "Das störte seine ganze Atmosphäre, diese menschlichen oder wenn Sie so wollen unmenschlichen Eigenschaften, die Persönlichkeit des Einzelnen auszugleichen oder abzuschleifen oder Rechnung zu tragen. Da fasste er sehr ungern zu." Diese Einstellung ließ sich auf das Verhältnis Flicks zu seinen eigenen Kindern eins zu eins übertragen. Sein Unternehmen führte Flick mit großem Geschick. Seine Familie, die sein Lebenswerk fortführen sollte, konnte er nicht zusammenhalten. Die Flicks wurden keine Dynastie. Schon in der zweiten Generation war Schluss. Vermutlich hätte alles anders kommen können, mit ein wenig mehr emotionaler Intelligenz.

II. FRIEDRICH FLICK DER GROSSE

Friedrich Flick, 1883 im Siegerland als Sohn eines Kleinlandwirts und Grubenholzhändlers geboren, war die beeindruckendste deutsche Unternehmerfigur des 20. Jahrhunderts. Die Krupps, Thyssens und Haniels hatten ihre beste Zeit bereits hinter sich, da eroberte Friedrich ohne nennenswertes Startkapital, aber mit umso mehr Cleverness und Durchsetzungsfähigkeit, sein eigenes Stahlreich. Binnen drei Jahrzehnten stieg er zum reichsten Deutschen überhaupt auf - und verlor 1945 drei Viertel des Konzerngeflechts, das überwiegend auf sowjetisch besetztem Gebiet stand. Die Alliierten verurteilten Flick in Nürnberg zu sieben Jahren Zuchthaus, fünf davon musste er absitzen. Mit 67 Jahren kam Flick aus der Haft. Er begann von vorn. Diesmal nicht mit leeren Händen, aber doch mit deutlich weniger als seine großbürgerlichen Konkurrenten. Zehn Jahre später war sein Unternehmen wieder das größte Privatunternehmen in Deutschland - und Flick erneut der Vermögendste von allen.

Langfristiger Erfolg ist fast nie das Produkt reinen Zufalls. Bei Friedrich Flick war er das Ergebnis eines extrem einseitigen Lebens. Luxus hat den hageren Mann mit der Habichtsnase nie interessiert. Ihm ging es um unternehmerischen Erfolg als Selbstzweck. Sein Schönstes war es, die Bilanzen seiner Unternehmen zu lesen - und jene der Konkurrenten, die er übernehmen wollte. Er trank nie Alkohol, aß Erbsensuppe aus dem Henkelmann. Über Frauengeschichten gab es nicht einmal Gerüchte. Musik empfand er als störendes Geräusch. Die Kunst sagte ihm so wenig wie Theater und Kino. Und wenn er in seltenen Mußestunden mal ein Buch las, dann über Otto von Bismarck. Mit dem empfand er offenbar so etwas wie Seelenverwandtschaft.

"Was wollen Sie Privates über meinen Großvater hören? Mein Großvater hatte kein Privatleben", sagt der Enkel Gert-Rudolf Flick (in der Familie Muck genannt), der von London aus sein Privatvermögen verwaltet. Der Konzern, den Friedrich Flick zweimal an die Spitze der deutschen Industrie führte, war sein Leben. Dieses Werk zu erhalten und zu entwickeln war die Aufgabe, die er seinen Söhnen stellte. Gert-Rudolf Flick sagt: "Das Beste für ein Familienunternehmen ist es, wenn sich alle gut verstehen. Gibt es grundlegende Konflikte, sollte man teilen. Gemeinsam weiterzumachen ist dann nämlich die schlechteste Lösung." Friedrich Flick suchte einen Mittelweg. Der erwies sich als Sackgasse.

III. ERSTGEBORENE HABEN ES SCHWER

Die Nachricht von der Geburt seines ersten Sohnes ereilte Friedrich, als er gerade eine weitere Stahlkocherei kaufte. Er soll durchaus Freude gezeigt haben. Über die Kindheit des Sohnes Otto-Ernst ist wenig bekannt. Flick ließ seine Familie vor neugierigen Blicken noch strenger abschirmen als seine geschäftlichen Pläne. Seine Frau Marie kümmerte sich alltags um die Erziehung der Kinder. Am Wochenende nahm sich der Vater gelegentlich Zeit für die Familie. Dem ältesten folgten zwei weitere Söhne: Rudolf und Friedrich Karl. Der mittlere fiel 1941 an der Ostfront.

Otto-Ernst interessierte sich in seiner Jugend für Theater, Kino und Musik. Der knorrige Alte hielt wenig davon und verdonnerte die Söhne zu ausgedehnten Ruderpartien. Öffentlich hat Otto-Ernst nie über seine Kindheit geklagt. Nur so viel: "Ein Junge aus normalem bürgerlichem Milieu hätte eine solche Erziehung nie durchstehen können." Während des Krieges übertrug der Vater den beiden Söhnen jeweils 45 Prozent der Friedrich Flick KG. Doch sie durften über die Aktien nicht verfügen. Friedrich sicherte sich vertraglich die vollen Stimmrechte.

Erstgeborene Söhne von autoritären Vätern haben es selten leicht. Friedrichs Verhältnis zu Otto-Ernst war widersprüchlich. Seine Ansprüche an den Ältesten waren so hoch wie das Misstrauen in dessen Fähigkeiten. Einerseits sollte Otto-Ernst zum harten und weitsichtigen Geschäftsmann erzogen werden, der die Prosperität des Konzerns in der Nachfolge des Vaters garantieren würde. Doch wann immer der Sohn Ansätze zur Eigenständigkeit zeigte, reagierte der Vater zornig und wies den Filius zurecht.

Otto-Ernst hielt dem eine Mischung aus Unterwürfigkeit und zur Schau gestellter Lässigkeit entgegen. Selbstvertrauen konnte er so nicht entwickeln. Meist tat er, wie ihm befohlen.

Ursprünglich wollte Otto-Ernst Betriebswirtschaft studieren und schrieb sich nach dem Abitur an der Berliner Universität ein. Doch nach nur einem Semester musste er das Studium abbrechen. Als Generaldirektor kleinerer Hütten sollte er sich erste Sporen verdienen. Als der Vater von den Alliierten als "Arisierungs"-Profiteur und wegen Ausbeutung von Zwangsarbeitern in Nürnberg angeklagt wurde, kam Otto-Ernst kurz in Zeugenhaft und musste im Prozess aussagen. Der Alte soll nicht den Eindruck gehabt haben, dass sich sein Sohn im Zeugenstand besonders mutig zeigte. Während Friedrich Flick in Landsberg einsaß und noch aus der Zelle den Wiederaufbau des Konzerns vorbereitete, handelte Otto-Ernst zunächst mit Schrott, auch um die Existenz seiner eigenen Familie zu sichern. Er hatte mittlerweile zwei Söhne: Gert-Rudolf und Friedrich Christian, Spitznamen Muck und Mick.

IV. DAS BÜRSCHCHEN

Friedrich Karl war elf Jahre jünger als sein Bruder Otto-Ernst. Er genoss beim strengen Vater deutlich mehr Freiheiten. "Fritz-Karl" durfte ohne Diskussion in München Betriebswirtschaft studieren, in Ruhe eine Promotion dranhängen und Auslandserfahrung sammeln. Der Jüngste, vom Vater zeitlebens "das Bürschchen" genannt, zog nach dem Studium erst einmal nach New York, zum hemdsärmeligen Selfmademan, Partygast und Energiebündel Peter Grace, der zu einer zweiten Vaterfigur, genauer gesagt zu einer Gegenfigur des strengen Friedrich wurde. Grace stand einem Gemischtwarenkonzern vor, der seinen Namen trug. Er machte gern Handstand auf seinem Schreibtisch und schachtelte seinen Konzern ständig und gegen den Rat aller Experten um. Die New Yorker Geldaristokratie blickte mit einer Mischung aus Verachtung und Bewunderung auf den Außenseiter, der mit unkonventionellen Mitteln Erfolg hatte. Bei Fritz-Karl dominierte eindeutig die Bewunderung.

Als er aus den Staaten heimgekehrt war, wurde der Konzern in zwei Zuständigkeitsbereiche aufgeteilt: Otto-Ernst sollte sich auf Eisen und Stahl konzentrieren, dem "Bürschchen" übergab der Vater die Wachstumssparten Chemie, Papier und Fahrzeugbau. Keine gute Aufteilung, jedenfalls für Otto-Ernst. Der erfuhr aus der Zeitung, dass er nicht mehr Mitglied des Aufsichtsrates bei Daimler-Benz war und dass der kleine Bruder seinen Platz eingenommen hatte. Noch scheute Otto-Ernst den offenen Streit. Beim Vater beschwerte er sich nur, dass er "von dritter Seite" über das Revirement erfahren hatte. Gegen die Entscheidung selbst protestierte er nicht, was ihm Friedrich wohl als "Feigheit vor dem Feind" auslegte. Spartenteilung hin oder her: Die Rochade bei Daimler-Benz war eine Degradierung und Ausgangspunkt für die aufziehende Familienfehde. Wenig später kam es zur ersten Eruption.

V. ALLES, WAS DU BIST, HAST DU VON MIR!

1958 hatte sich bei Otto-Ernst ausreichend Frust für einen Eklat aufgestaut. Auslöser war eine Lappalie. Während einer Routinebesprechung am 27. März bat der Sohn den Vater um Zugang zu Unterlagen über eines der Stahlunternehmen. Der Vater hielt das für Zeitverschwendung, doch Otto-Ernst blieb hartnäckig: Als Aufsichtsratsmitglied müsse er sich ein umfassendes Bild verschaffen und berief sich auf das Aktiengesetz. Friedrich belehrte ihn: "Du bist nur einfaches Aufsichtsratsmitglied. Du brauchst diese Angaben nicht." Als Otto-Ernst insistierte, brach es aus dem Alten heraus: "Du lebst nur von meiner Gnade. Ich kann dich rausschmeißen und wieder holen. Allein bist du nichts. Alles, was du bist, hast du von mir! "

Tief verletzt verzog sich der Sohn in sein Haus bei Dortmund und schrieb dem Vater: "Es muss der Zustand beendet werden, dass ich in unserer Gesellschaft weniger weiß als unsere Gegner." Widerspruch nicht gewohnt, entzog ihm der Alte die Generalvollmacht und einen Teil seiner Kommanditanteile. Es folgten weitere Briefe an den Vater. "Ich muss Dir den Vorwurf machen, dass Du das Familienvermögen nicht richtig verwaltet hast." Die Briefe blieben unbeantwortet. Der Sohn des reichsten deutschen Unternehmers machte sich auf die Suche nach einem Job.

Für Friedrich Flick hatte die Bewerbungsrunde seines Sohnes eine unangenehme Folge: Die industrielle Konkurrenz erfuhr vom Familienzwist. Ein gutes Bild seiner Sippe bei der Industrie-Elite war dem alten Flick jedoch immer wichtig gewesen. Offenbar vermisste er auch seine Enkel Muck und Mick, zu denen der sonst so zugeknöpfte Mann ein warmherziges Verhältnis hatte.

Im Frühjahr 1960 lenkte er ein. Er bot Otto-Ernst die Rückkehr ins Unternehmen an und ließ einen neuen Gesellschaftervertrag aufsetzen. Der sollte die Machtverhältnisse im Konzern und die Rechtsstellung der Erben nach einem freiwilligen Ausscheiden oder dem Tod des Vaters regeln. Die Idee: Die Söhne von Otto-Ernst, Muck und Mick, sollten früh in die Nachfolge einbezogen werden und damit den Streit Friedrich gegen Otto-Ernst endgültig beenden. Doch unter der Oberfläche rumorte es weiter. Etwa, weil sich der Patriarch einen Winkelzug ausdachte, der für Steueroptimierungs-Experten unter Umständen sinnvoll erscheinen mochte, doch nicht für jemanden wie Otto-Ernst Flick.

VI. DER GROSSE FRIEDENSSCHLUSS

Friedrich schlug vor, dass auch "das Bürschchen", sein jüngster Sohn, einen Großteil seiner Kommanditanteile an die dritte Generation vererben solle. Friedrich Karl aber war noch Junggeselle und hatte keine Kinder. Der Großvater verlangte, eine Stiftung zu gründen, in deren Besitz dessen künftige Erben kämen. Sollte der Jüngste kinderlos bleiben, wären seine Neffen und die Nichte am Zug, also die Kinder von Otto-Ernst.

Mit dem neuen Gesellschaftervertrag verfolgte der Patriarch zwei Ziele: Er wollte den Bestand des Konzerns sichern und setzte auf die dritte Generation. Und er wollte Steuern sparen, denn die fälligen Schenkungsteuern waren deutlich niedriger als eventuelle Erbschaftsteuern. Und genau da gab es ein Problem. Wenn Junggeselle Fritz-Karl sein Vermögen in eine Stiftung einbrächte, würde nach einer höheren Steuerklasse abgerechnet. Er schenkte zu diesem Zeitpunkt ja nicht in direkter Linie, sondern an die Kinder seines Bruders. Das hätte die Familie 114 Millionen Mark gekostet.

Der Großvater fasste daher den Plan: Friedrich Karl solle seinen Neffen Muck adoptieren. So ließen sich 75 Millionen Mark sparen. Die Adoption solle rückgängig gemacht werden, sobald Friedrich Karl eigene Kinder bekam. Juristisch war das unausgegoren. Otto-Ernst und seine Frau wiesen den Vorschlag zurück, waren aber umso erstaunter, als Friedrich Karl verlangte, sein Bruder solle zumindest einen Teil der 114 Millionen Mark Schenkungsteuern zahlen: Schließlich profitiere seine Familie zuerst davon.

Trotz fortschreitenden Altersstarrsinns musste auch Friedrich Flick einsehen: Die Idee mit der Adoption war nicht praktikabel. Man raufte sich deshalb erneut zusammen und fand eine Regelung, die Otto-Ernst weiter eine wichtige Stellung im Konzern einräumte, seinen Besitz aber weitgehend auf seine Söhne Muck und Mick sowie deren jüngere Schwester Dagmar übertrug. Damit war eine ungefähre Waffengleichheit zwischen den Familienzweigen hergestellt: Keiner konnte den anderen per Kapitalmacht aus der Geschäftsführung drängen. Für etwaige Streitfälle richtete Friedrich Flick ein Schiedsgericht ein, falls einer der Erben gegen einen Katalog von 20 Regeln verstieß.

Der "große Friedensschluss" - so nannte der Familienanwalt den neuen Vertrag - regelte auch das Einkommen aller Beteiligten. Der Senior sprach sich pauschal fünf Millionen Mark netto pro Jahr zu. Die Söhne mussten knapper haushalten. Sie durften jährlich 250 000 Mark nach Steuern aus der Firmenkasse nehmen. Bei den Funktionen innerhalb des Konzerns blieb alles wie gehabt. Friedrich Karl war in der Düsseldorfer Konzernführung für seine Wachstumsbranchen zuständig. Otto-Ernst blieb der Eisenmann im Haus.

Alles sah nun danach aus, dass die Unternehmensnachfolge endlich mit einem für alle Beteiligten akzeptablen Kompromiss geklärt war. Doch Friedrich und Otto-Ernst gelang es erneut, sich über Kleinigkeiten zu zerstreiten.

Am Silvestertag 1961 erreichte Otto-Ernst ein Brief des Vaters zur Kenntnis. Der Alte hatte ohne jede Rücksprache einen neuen Gesellschaftervertrag ausarbeiten lassen. Der sah die endgültige Entmachtung von Otto-Ernst zugunsten Friedrich Karls vor. Der Vater konnte das problemlos erwirken, weil er beim Vertragsschluss von 1960 seine Söhne erneut gezwungen hatte, sämtliche Verfügungsrechte an ihn abzutreten.

VII. SHOWDOWN

Otto-Ernst überlegte einen Monat lang. Dann schrieb er dem "lieben Vater": "Der Vertrag verletzt aufs Schwerste die Interessen von mir und meinen Kindern." Der Vater antwortete knapp, er sehe keinen Grund, den Vertrag zu revidieren. Am 14. März unternahm Otto-Ernst einen letzten Versuch, einen neuerlichen Bruch zu vermeiden. In einem zweiten Brief teilte er mit, dass "mein Vertrauen in Dich und Friedrich Karl aufs Schwerste erschüttert ist", und forderte Garantien gegen die möglichen Nachteile, die ihm aus dem zweiten Vertrag entstehen konnten. Friedrich hielt es nicht für nötig, den Brief zu beantworten. Die nächste Nachricht aus Lübeck erreichte den Vater als Einschreiben. Der Sohn teilte mit, dass er sich "ab sofort einer weiteren Tätigkeit im Konzern enthalte". Friedrich widersprach mit keinem Wort.

Das zweite Einschreiben kam direkt vom Landgericht Düsseldorf. Der arbeitslose Sohn klagte darauf, sein gesetzliches Erbteil aus dem Konzern herauszulösen. Sollte Otto-Ernst Recht bekommen, hätte Friedrich Flick seinen Konzern mit mehr als 120 Einzelfirmen veräußern und das diffizile Konzerngeflecht zerreißen müssen. Der wirtschaftliche Schaden für das Unternehmen wäre allein durch die anfallenden Steuern enorm, die Auswirkungen für Hunderttausende Arbeiter und Angestellte wären unabsehbar geworden. Freunde der Familie versuchten wochenlang und noch in letzter Minute, eine Schlammschlacht vor Gericht abzuwenden. Sie scheiterten.

Der Fall wurde in mehrere Verfahren aufgeteilt. Im Kern ging es darum: Otto-Ernst wollte sich sein gesetzliches Erbe vorzeitig auszahlen lassen und als eigenständiger Unternehmer neu beginnen. Der Vater strebte im Gegenzug an, den undankbaren Sohn zu enterben. Juristisch setzte sich der Alte durch. Sein Anwalt kommentierte den Ausgang des Verfahrens mit einem Zitat aus Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang": "Das ist die Krönung meines Lebens, die hatte ich mir so nicht gedacht."

Friedrich Flick hatte zwar beste Aussichten, auch künftige Runden für sich zu entscheiden. Doch die Auseinandersetzung mit seinem Sohn belastete ihn. So hatte er seine Enkel seit Jahren nicht gesehen. Otto-Ernst hatte ebenfalls wenig Interesse, bei geringen Chancen den Weg durch die Instanzen zu gehen. 1966 starb Mutter Marie Flick. Sie hatte immer auf gütliche Einigung gedrängt. Noch auf dem Sterbebett soll sie Ehemann und Sohn um Vernunft gebeten haben. Auch Barbara Flick, Otto-Ernsts Frau, wirkte auf die Streithähne ein, sich zu arrangieren.

Der Familienanwalt vermittelte einen neuen Gesellschaftervertrag. Am 10. September 1966 wurde bekannt: Otto-Ernst scheidet aus dem Unternehmen aus. Die Barabfindung betrug vermutlich mehr als 100 Millionen Mark. Seine Kinder erhielten zusammen knapp ein Drittel des Konzerns. Muck und Mick, die beide in München Jura studierten, durften laut Vertrag zudem nach Vollendung des 28. Lebensjahres als persönlich haftende Gesellschafter in die Geschäftsführung eintreten - ein Angebot, von dem sie Gebrauch machten.

Der zweite Friedensvertrag kostete Friedrich Flick 182 Millionen Mark Schenkungsteuern. Auch das war ein gutes Geschäft, wie sich herausstellen sollte. Als der Patriarch 1972 starb, wurde kein Pfennig Erbschaftsteuer fällig. Was die Hinterbliebenen nicht hinderte, sich gleich wieder in die Haare zu geraten. Auch daran hatte der Alte noch seinen Anteil. Denn kurz vor seinem Tod hatte der Konzerngründer mit seinen Enkeln Muck und Mick eine Geheimvereinbarung getroffen, die den Jungs auf Kosten von Onkel Fritz-Karl mehr Einfluss als ursprünglich vereinbart einräumte. Von der Minderung seiner Macht erfuhr der Onkel erst bei der Testamentseröffnung.

VIII. FLICK GEGEN MICK UND MUCK

Umgehend ließ Friedrich Karl Flick prüfen, wie er die Vereinbarung anfechten konnte. Die Chancen standen schlecht. Vorausschauend hatte Friedrich Flick einen Passus eingeflochten, der einen einseitigen Rücktritt von der Geheimvereinbarung juristisch ausschloss. Derweil hielt das Testament auch für Muck und Mick eine Überraschung parat. Der Großvater hatte einem Jugendfreund ihres Onkels Friedrich Karl angeboten, als persönlich haftender Gesellschafter in die Firma einzutreten: Eberhard von Brauchitsch, dem "Rummenigge unter den deutschen Managern", wie er im Flick-Untersuchungsausschuss später genannt wurde.

Mit seinem letzten Willen hatte Friedrich Flick ein doppeltes Spiel getrieben. Im Unterschied zu den Enkeln war Friedrich Karl über Brauchitschs Rückkehroption informiert. Zwischen diese beiden passte kein Blatt. Die Enkel waren isoliert. "Alles lief darauf raus, dass der Onkel uns gelegentlich ein paar Geschäftsberichte schickte. Viel zu tun hatten wir nicht", erinnert sich Gert-Rudolf Flick. Waren sie mit einer geschäftlichen Entscheidung nicht einverstanden, stimmte "der Onkel" sie qua Gesellschaftermehrheit nieder. So wie bei der folgenreichsten Transaktion der Firmengeschichte. 1974 entschieden Friedrich Karl Flick und Eberhard von Brauchitsch, sich vom Filet-Stück des Konzerns zu trennen, der 39-Prozent-Beteiligung an Daimler-Benz. Die Neffen erkannten gleich: "Das ist der Anfang vom Ende."

Und so kam es: Drei Wochen nach dem Daimler-Deal teilte der Konzern mit, dass die drei Kinder von Otto-Ernst gegen eine Barabfindung aus dem Konzern ausschieden. Vermutlich betrug die Summe rund 450 Millionen Mark brutto pro Enkel.

IX. PILZE UNTERM BAUM

Das Ende der Flick-Story ist bekannt. Der neue Alleinherrscher über das Flick-Reich wollte die zwei Milliarden Mark Gewinn aus den Daimler-Benz-Aktien so anlegen, dass der Verkaufserlös steuerfrei blieb. Freund Brauchitsch sicherte dies mit der politischen Landschaftspflege aus den Schwarzgeldkassen des Konzerns ab, wovon ein Steuerfahnder aus Sankt Augustin Ende der siebziger Jahre Wind bekam. Dessen Ermittlungen am Rande des Spendensumpfes führten zur Flick-Affäre. Mit den unternehmerischen Ambitionen des "Bürschchens" war es nach den enervierenden Jahren vorbei. 1985 verkaufte er das Lebenswerk des Vaters für rund fünf Milliarden Mark an die Deutsche Bank und zog zur Vermögensverwaltung ins steuergünstige Österreich.

"Unter einem großen Baum gedeihen bestenfalls Pilze." Der Satz des Düsseldorfer Firmenmaklers Karl Zimmer bezog sich nicht auf eine bestimmte Familie. Als Friedrich Flick starb, nahmen in der Todesanzeige Barbara Flick und ihre Kinder Gert-Rudolf, Friedrich Christian und Dagmar "in tiefer Trauer, Verehrung und Dankbarkeit" Abschied. Der Name Otto-Ernst fehlte. Der Sohn blieb auch der Trauerfeier in Düsseldorf fern. Die Jahre des Kampfes hatten ihn zermürbt und zu einem alten Mann werden lassen. Otto-Ernst überlebte seinen Vater nur um zwei Jahre. -

Buchtipp:
Thomas Ramge:
Die Flicks - Eine deutsche Familiengeschichte über Geld, Macht und Politik.
Campus 2004; 288 Seiten; 24,90 Euro