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Ein Ort für die Zukunft

Es ist alles sehr kompliziert: die Stadt. Die Globalisierung. Der Mensch. Aber auch ganz einfach. Wie in Graz.




- Die Stadt, jede Stadt, spricht die ganze Zeit. In ihrer Struktur, der Anlage ihrer Straßen und Plätze, der auf- und absteigenden Gassen, der dröhnenden Trassen und der versteckten Wege durch kühle Hinterhöfe, erzählt sie von ihrer fernen Vergangenheit: von den Anhöhen, auf denen sie gegründet wurde, den Handelsstraßen, die an ihr entlangführten, den Märkten, um die sich ihre ersten Einwohner drängten. In ihrer Architektur, ihren Baracken und Betonklötzen, Einkaufszentren und entkernten Altstadtgebäuden, spricht sie von ihrer nahen Vergangenheit: von Kriegen, die Verteidigungsanlagen, Bunker und eilig geschlossene Baulücken hinterließen, von wirtschaftlichen Erfolgen, die zu neuem Wohlstand und neuen Wünschen, neuen Produkten und neuen Geschäften führten, vom Wandel des Geschmacks, als alle wieder in den Altbauten wohnen wollten, die unsere Vorfahren gern verlassen hatten, aber bitte mit Vollbad. Und im Verkehr spiegelt sich ihre Gegenwart: Der stetige Fluss zwischen Wohnstraßen, Bürohäusern, Einkaufszonen und Szenevierteln folgt der Aufspaltung unseres Lebens in getrennte Bereiche; regelmäßige Staus sind Ausdruck normierter Arbeitszeiten; und kommt es an einem ungewöhnlichen Ort zu einer ungewöhnlichen Zeit zu ungewöhnlich viel Verkehr, passiert dort vermutlich gerade etwas Ungewöhnliches.

Wie zum Beispiel im Sommer 2007 in Graz, als auf dem Rei-ninghaus-Gelände, einer seit Langem leer stehenden Fläche südlich der Innenstadt, ein internationales Tennisturnier stattfand. Die Veranstaltung war für Österreichs zweitgrößte Stadt ein wichtiger Termin, doch dem Sponsor Ernst Scholdan ging es nicht nur um die kurzfristige Attraktivität des Standorts oder den Sport, sondern um einen langfristigen Plan: die Erschließung der 54 Hektar. Die Besucher sollten das Gebiet wahrnehmen, sehen, kennenlernen, erforschen. Was er mit einem Trick erreichte. "Die Plätze", sagt Scholdan, "waren so verteilt, dass sich das Publikum das Gelände erlaufen konnte." Beziehungsweise musste.

Freiwillig bewegen sich Menschen nur, wenn sie einen guten Grund haben, aber wenn sie sich erst bewegen müssen, um diesen guten Grund zu finden, darf man sie auch mal anschieben. Ernst Scholdan, früher PR-Berater und heute Immobilienentwickler, meint, dass er einen guten Grund hat. Er möchte auf dem Reininghaus-Gelände einen neuen Stadtteil von Graz bauen. Ihm schwebt allerdings nicht eine von Experten geplante Modellstadt vor wie die Hafencity, die gerade in Hamburg entsteht, sondern ein Quartier für echte Menschen, das von Anfang an funktioniert. Ein Ort zum Arbeiten, Wohnen, Lieben, Kinder-Großziehen und Altwerden, kurz: zum Leben. Dafür aber, meint der 55-Jährige, braucht man die Hilfe derjenigen, die dieses Leben später dort führen werden. Und darum geht es jetzt: sie zu erreichen.

Doch vor dem Wie steht immer die Frage nach dem Warum, deshalb zuerst ein Ausflug in die Geschichte. Reininghaus liegt an einer im Jahre 675 erstmals erwähnten Kreuzung, an der die aus Ungarn kommende Handelsroute Strata Hungarica auf eine Römerstraße trifft. 1361 baut Graz dort ein Mauthaus, um vorbeiziehende Händler zu schröpfen. 308 Jahre später eröffnet der Wirt Lorenz Schaupp an derselben Stelle ein Gasthaus mit Brauerei - nun bekommen die Reisenden für ihr Geld wenigstens Bier. 1855 führen Julius und Johann Peter Reininghaus die Tradition fort, indem sie an dieser Stelle ihre Brauerei "Brüder Reininghaus" gründen. Das Unternehmen wächst, irgendwann wird die Produktion verlagert und das Gelände kaum noch genutzt.

2003 kauft Heineken die inzwischen enorm große Brauerei, inklusive aller Marken, Produktionsstätten, Gebäude und Grundstücke. Der Konzern beschließt, die für den Betrieb nicht notwendigen Immobilien abzustoßen: 2,7 Millionen von 3,4 Millionen Quadratmetern, die über ganz Österreich verstreut sind. Dieses Paket kauft Ernst Scholdan Anfang 2005.

Das klingt einfacher, als es war. Er war bis dahin als Berater tätig, angesehen zwar, aber stets im Auftrag arbeitend. Seine Finanzkommunikations-Agentur Scholdan & Company hatte unter anderem die Börsengänge von Telekom Austria, Austria Tabak und Erste Bank begleitet. Die Kampagne der Bank startete er mit einer sechsseitigen Zeitungsanzeige. In der wurden alle Mitarbeiter des Unternehmens namentlich aufgelistet, als Dank für ihre Leistung. Mit Immobilien hatte der Berater zuvor dagegen nie zu tun gehabt. Doch als er von dem Angebot erfuhr, sah er seine Chance: Er sammelte bei "Friends and Family" Kapital, besorgte bei einem britischen Geldinstitut einen Kredit, bot gegen zwei Banken - und erhielt den Zuschlag bei 278 Millionen Euro. "Was dann kam, war keine Frage von Arbeit und Fleiß, sondern von Gefühl und Angst", erzählt er. "Ich habe nur an die Zinsen pro Tag gedacht." Doch das Problem löste sich schnell: Alle vermieteten oder vermietbaren Gebäude wurden verkauft und der Kredit in sieben Monaten zurückgezahlt. "Heute haben wir 65 Millionen Euro Kredit bei 170 Millionen Euro Grundstücksvermögen."

Entwicklungen brauchen Ideen und Zeit. Das neue Viertel bekommt fünf Jahre Pause

Ernst Scholdan spricht nicht darüber, doch man kann davon ausgehen, dass auch er bei dem Geschäft gut verdient hat. Er sagt allerdings, Geld interessiere ihn nicht besonders, und das ist durchaus glaubhaft: Wer zu wenig Geld hat, ist häufig davon besessen, weil er es nicht einschätzen kann, aber wer genug hat, äußert sich oft wie der Wiener. "Ich habe nie viel Geld gehabt, aber ich habe sehr viel Geld gesehen und weiß, dass man schnell an die Grenzen dessen kommt, was Geld tun kann. Zum Beispiel bei der Wohnung: Ich ziehe jetzt in Wien eine Gasse weiter - das ist für mich die maximal vorstellbare Verbesserung meiner Wohnsituation. Mehr will ich nicht."

Viel interessanter, als aus viel Geld noch mehr Geld zu machen, ist es, eine anspruchsvolle Aufgabe zu finden - Reininghaus zum Beispiel. Dazu passt, dass Scholdan seit Ende 2007 nicht mehr als Vorstandsvorsitzender der Asset One Immobilienentwicklungs AG, dem offiziellen Besitzer von Reininghaus, tätig ist, sondern nur noch als Aufsichtsrat - und Hauptverantwortlicher des Unternehmens für Immobilienentwicklung. Das hat er zwar nicht gelernt, aber in Salzburg hat er schon bewiesen, dass er es kann: 2006 veranstaltete Scholdan einen Wettbewerb für sechs Neubauten mit 80 Wohnungen, den das gefeierte Büro Hariri & Hariri aus New York gewann. Baubeginn war September 2007, 2009 sollen die Häuser fertig sein. Und das in einer Stadt, in der sonst alles ewig dauert - das hebt das Selbstbewusstsein.

Für Reininghaus hat Scholdan entschieden, in den nächsten fünf Jahren nichts zu bauen - und damit in dieser Zeit auch nichts zu verdienen. Er will erst mal nachdenken.

Was der Mensch nicht kennt, versteht er nicht: Die Armen glauben, die Reichen dächten nur an Geld - und die Ängstlichen meinen, selbstbewusst sei ein Synonym für übergeschnappt. Es gibt im Gespräch mit Ernst Scholdan tatsächlich Momente, in denen man an dem Mann zweifeln könnte. Etwa wenn er erzählt, wie er über das Gelände gegangen sei, auf dem es zurzeit nicht viel mehr gibt als Wiesen, Bäume, einige alte Gebäude und asphaltierte Wege: "Ich bin rumgelaufen und habe versucht, mir den Klang der Zukunft vorzustellen, denn Bilder lügen, aber der Klang zeigt die Wahrheit." Das klingt sehr nach Esoterik - andererseits ist das auch nur ein Wort, das Menschen benutzen, die nicht zugeben wollen, dass sie etwas nicht verstehen können. Doch dann spricht er weiter: über kurzfristiges Profitstreben und kleines Denken. Dass das Gelände so groß sei wie die Altstadt von Graz und man 20 oder 30 Jahre Entwicklung sowieso nicht planen könne. Es gehe eher um "Denken statt Planen. Das Gelände hat 100 Jahre für seine industrielle Phase gebraucht, 300 Jahre soll dort gewohnt werden, und dazwischen denken wir fünf Jahre nach das ist eine ganz kurze Zeit! "

Wer allein vor sich hindenkt, bleibt dumm, und so hat der Immobilienentwickler als Mitdenker das Institut für Markenentwicklung Graz (IFMG) engagiert, mit dessen Gründer Franz Hirschmugl er befreundet ist. Die Agentur produzierte zum Start "Konzeptionen des Wünschenswerten", einen Band mit Interviews zum Thema Zukunft und Stadt, der 2006 erschien. Das Buch war nur das sichtbare Ergebnis einer viel wichtigeren Arbeit: mit einem 28-köpfigen Autorenteam aus engagierten Bürgern darüber nachzudenken, wie man in Zukunft leben könnte. "Das war ein guter Anfang, denn die Leute haben gemerkt, dass wir uns ernsthaft mit dem Thema beschäftigen, und zu uns Vertrauen gefasst. Einige haben sich sogar bedankt, weil sie sich äußern durften", erzählt Michael Sammer, Soziologe und Mitdenker der ersten Stunde beim IFMG.

Das Buch, sagt der 39-Jährige, habe sich auch langfristig als sehr produktiv erwiesen. "Es hat dazu geführt, dass sich die Autoren mit Stadtentwicklung auseinandergesetzt und das Projekt zu ihrer Sache gemacht haben. Das war wichtig, weil es in der Stadt viele Skeptiker gab, die meinten, dass das alles nicht ginge und auf dem Flecken schon viele Ideen gescheitert seien. Das Buch hat natürlich auch viel inhaltlichen Input gebracht, und außerdem kann man es Menschen geben - Ernst Scholdan schenkt es jedem, den er zum ersten Mal trifft. Aber es hat vor allem dazu geführt, dass sich in der Stadt herumspricht, dass etwas passiert."

Die Stadt spricht die ganze Zeit von der Vergangenheit und der Gegenwart, doch darüber liegt ein feines Flüstern der Möglichkeiten, der Zukunft. Es ist kaum zu hören, übertönt vom Alltag des Notwendigen, Aufgeschobenen, Gewohnten, versteckt hinter Eile, Müdigkeit, Angst und Überdruss. Bis es plötzlich, fernab des Lärms, zu wispern beginnt, wie die Geister der noch nicht Geborenen: ein leeres Grundstück, auf dem man etwas bauen kann, ein Zeitraum, um in aller Ruhe darüber nachzudenken, Menschen, die miteinander sprechen. Das ist der Moment, an dem Träume entstehen, die nicht mehr verschwinden. Der Rohstoff der Zukunft. Die Stadt spricht immer weiter, sie erzählt, wie es früher war, aber derweil wachsen die Träume weiter, wird das Flüstern lauter.

Die erste Erkenntnis: Die Leute denken gern mit, wenn sie spüren, dass es nicht vergebens ist

"Wir denken nicht über Reininghaus nach, sondern über die Zukunft, über unsere Wünsche. Wir versuchen, die Grundlage einer Gemeinschaft zu entwickeln, die hier glücklicher ist als an anderen Orten. Die Frage ist: Wie wollen wir leben?", sagt Michael Sammer. Und erzählt, dass er 2007 mit seinem Kollegen Peter Rabl die Reininghaus-Gesellschaft gegründet hat, eine Gruppe interessierter Bürger, die sich auf öffentlichen Veranstaltungen mit dem Künstler Erwin Wurm über die Schule der Zukunft austauschen oder mit dem Unternehmer Tony Lai über die Entstehung des Neuen. Zurzeit habe die Reininghaus-Gesellschaft "250 Mitdenker", Tendenz steigend, aber langsam, denn aktiv beworben wird die Mitarbeit nicht. Das ist auch nicht nötig. "Es gibt ein echtes Bedürfnis, gemeinsam über die Zukunft nachzudenken", sagt Sammer. "Und die Leute haben dabei Geduld, weil sie wissen, dass nicht alles sofort besser werden kann. Aber sie brauchen das Gefühl, dass es wirklich eine Chance gibt, ihre Ideen zu realisieren." Die Reininghaus-Gesellschaft klingt nach viralem Marketing, also der Schaffung von Aufmerksamkeit über soziale Netze, und darum geht es wohl auch (vgl. brand eins 04/2006, "Nasenbären an die Front"). Nur ist unklar, wer sich an wen andockt: Versucht ein Immobilienvermarkter kostenlosen Input von gut informierten, sozial kompetenten, durchfinanzierten Stadtmenschen zu erbeuten? Oder versuchen Bürger, den Immobilienvermarkter zu einem Erfüllungsgehilfen ihrer Träume zu machen? Vermutlich ist beides richtig. Aus einer anderen Perspektive ist es aber auch völlig egal - denn das alles ist nur das ganz kleine Bild. Darüber, in der großen Welt, geht es um viel mehr.

Graz trägt in Österreich den Spitznamen Pensionopolis: Von Westeuropa durch die Alpen getrennt, an der Grenze zu Slowenien und Ungarn, passierte dort wegen der Randlage lange nichts. Seit der EU-Öffnung nach Osten hat sich der vermeintliche geografische Nachteil jedoch in ein Potenzial verwandelt. Ein Zeichen dafür ist die geplante Schienentrasse Koralmbahn, die Teil eines Netzes zwischen Zagreb (Kroatien), Triest (Italien) sowie Ljubljana und der Hafenstadt Koper (Slowenien) werden könnte. Graz ist in den vergangenen sechs Jahren um 26 000 Menschen auf mehr als 250 000 Einwohner gewachsen und beherbergt rund 37 000 Studenten, die sich auf vier Universitäten verteilen.

Der alte wirtschaftliche Koloss der Region ist der Auto-Cluster um Magna Steyr, aber schon heute arbeiten im Bereich Bio- und Humantechnik rund 6000 Menschen, gibt es fünf Forschungsinstitute außerhalb der Universitäten. Weitere Zentren für Zukunftstechniken sind geplant, und so ist in offiziellen Mitteilungen die gebräuchlichste Grammatikform der Konjunktiv. Denn der große Traum von Graz ist die Rolle als Hauptstadt für Forschung und Entwicklung.

Das ist der Punkt, an dem die großen die kleinen Linien überschatten und manche Menschen resignieren: Was bedeutet schon meine Idee vom biodynamischen Waldspielplatz angesichts der großen Visionen der Entscheider? Wer genau hinsieht, erkennt jedoch das Gegenteil: Nur weil Lorenz Schaupp 1669 eine Brauerei gründete, gab es mehr als 300 Jahre später das große Unternehmen Reininghaus, das im Zuge der Globalisierung von Heineken gekauft werden konnte. Dieser Kauf stellte das Gelände neu zur Disposition. Und weil wieder ein einzelner, Ernst Scholdan, dafür sorgte, dass es nicht an eine der meist wenig kreativen Banken fiel, besteht nun die Chance, dass Reininghaus eine wichtige Rolle in der Zukunft von Graz spielen kann. Die Globalisierung hat der Stadt einen Teil ihrer Vergangenheit abgenommen, ihr dafür aber einen potenziellen Baustein der Zukunft gegeben.

Denn für eine Hauptstadt der Forschung und Entwicklung braucht man vor Unternehmen, Ideen und Budgets, politischen Entscheidungen und Hilfen vor allem Menschen. Und zwar solche, die Technokraten die Leistungselite nennen, die aber tatsächlich echte, lebendige Individuen sind. Und die interessieren sich in der Regel kaum für Visionen und nur wenig für Geld, weil sie das sowieso überall bekommen, sondern dafür, wo sie gut leben können - und ja, da kann auch ein Waldspielplatz wichtig sein.

Engagierte Bürger bauen sich eine ideale Stadt. Kann das gut gehen? Schauen wir mal!

Damit ist die Zukunft durchaus demokratisch: Jeder kann sie mitgestalten. Allerdings nur, wer aktiv wird. Doch auch in dieser Hinsicht passen in Graz die große und die kleine Linie prima zusammen. Der Kreis, der in Graz über die Zukunft von Reininghaus nachdenkt, dürfte ein gutes Abbild der Bewohner sein, die der Stadtteil zukünftig anziehen soll: verantwortungsbewusste, engagierte, intelligente, mitfühlende Personen, die wissen, dass Leben mehr bedeutet, als Geld zu verdienen. Wie zum Beispiel Jürgen Fortin. Der 40-Jährige, der jünger wirkt, hat in Graz seine Firma CN-Systems gegründet. Er hat Computer- und Medizintechnik studiert, noch während seines Studiums mit einem Professor eine Technik entwickelt, die inzwischen unter der Marke CNAP verkauft wird, und sich damit "auf die Entwicklung und Vermarktung nicht invasiver medizintechnischer Geräte zur Abklärung des Herz-Kreislauf-Systems sowie des autonomen Nervensystems" spezialisiert. Fortin meint, dass er mit seinem Produkt ein konkurrenzloses Patent habe - auf einem weltweit geschätzten Markt von etwa zwei Milliarden Dollar.

Der Mann produziert Zukunftstechnik, doch in seinem Büro stehen auch zwei Bässe, denn in seiner Freizeit spielt er Hardrock. Er hätte auch nichts dagegen, wenn es in der Nähe seiner Wohnung einen Raum für Musiker gäbe, sagt er. Zum Beispiel in Reininghaus. "Ich finde die Idee total super. Ich wünsche mir ein kleines Oxford mit gescheiten Leuten, Familien, vielen Kindern, Ruhezonen und Orten zum Abreagieren, wenn man den ganzen Tag gearbeitet hat. Ich hätte gern einen Stadtteil für Spinner." Selbstverständlich ist er bei der Reininghaus-Gesellschaft dabei.

Graz? Von San Francisco aus gesehen, von London, Schanghai, Dubai ist das nirgendwo in Österreich. Das ist der globale Wettbewerb. Aber der ist gut. Denn im Kern geht es dabei nicht um Rohstoffe, Energie oder gar so etwas Archaisches wie Landbesitz, sondern um die Köpfe, die daraus etwas erschaffen. Und sich an die anzupassen heißt nicht, immer mehr zu arbeiten, sondern sich zu überlegen, wie ein gutes Leben aussieht. Das ist der Hintergrund für Ernst Scholdans Vision: "Eines Tages werden in Reininghaus zwei Menschen auf einer Parkbank sitzen und sagen: Hier ist es gut, hier möchten wir bleiben. Das ist das Ziel. Es geht nicht darum, Leute irgendwo hinzulocken. Es geht darum, dafür zu sorgen, dass sie bleiben wollen."

Das ist nicht einfach, wie der Soziologe Michael Sammer erfahren hat. "Wir versuchen zurzeit, den Charakter von Reininghaus zu finden. Aber man spürt am eigenen Leibe, dass die Entwicklung auch etwas mit der eigenen Entwicklung zu tun hat. Es ist toll, sich mit wichtigen Fragen zu beschäftigen und mit interessanten Leuten zu reden, ihnen zuzuhören, von ihnen zu lernen. Doch das geht nicht spurlos an einem vorbei. Und das ist, glaube ich, richtig so: Wer einen Stadtteil entwickeln will, muss auch die Menschen entwickeln."

Zusammen besser werden - das ist eine schöne Vision. Und wie kann das gehen? Noch einmal Ernst Scholdan: "Stadt, das heißt: du und ich. Du darfst nicht in einen Kontrollwahn verfallen. Städte und Allmacht vertragen sich nicht. Es geht um die Entfesselung von Prozessen, an denen viele Menschen beteiligt sind." Und dann mal schauen.

Die Stadt, jede Stadt, spricht die ganze Zeit. Aber unter allem, was sie sagt, liegt ein Grundton, der so selbstverständlich ist, dass wir ihn nicht mehr hören: wir. Wir haben dies gemeinsam geschaffen, wir leben gemeinsam, wir werden gemeinsam die Zukunft bauen. Das ist die Stadt: Hoffnung. -

Was wünschen sich die Menschen für einen zukünftigen Stadtteil? Ein kleiner Ausschnitt aus den Ideen, Träumen und Vorstellungen, die sich in der Diskussion über Reininghaus entwickelt haben. Die Menschen wollen wohnen, lernen, spielen, studieren, arbeiten, forschen, Sport treiben, flanieren, einkaufen, gemeinsam Feste feiern und so weiter. Dafür wünschen sie sich: - kurze Wege innerhalb des Stadtteils, um den Alltag möglichst zu Fuß erledigen zu können - Vorrang für den öffentlichen und nicht motorisierten Individualverkehr, aber auch eine Anbindung an den Rest der Stadt und der Welt durch City-Bike- und Car-Sharing-Angebote sowie ein dichtes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln - eine gut durchmischte, kleinteilige Infrastruktur und ein unmittelbares Nebeneinander von Leben, Arbeit und Wohnen - viele unterschiedliche Bewohner, die Anregungen durch Austausch zwischen den Generationen, Kulturen, sozialen Schichten möglich machen, sowie neue Institutionen, zum Beispiel ein Haus der Religionen der Welt - eine gute Vernetzung der Bewohner durch aktives Quartiersmanagement, Kinder-, Haushalts- und Altenbetreuung sowie Liefer- und Concierge-Dienste - Mut zur Lücke: Kleine Areale sollten bewusst für Unerwartetes frei bleiben - einen großen zusammenhängenden, den Stadtteil prägenden Grünraum - besondere Orte und Formen der Gastfreundschaft durch neue Formen von Gästehäusern und temporären Lebensmöglichkeiten - kleine Baueinheiten in energieneutraler, ökologisch nachhaltiger Architektur, die sich flexibel den Bedürfnissen der Menschen anpassen und unterschiedliche Nutzungen ermöglichen (variable Grundrisse, unterschiedlicheRaumhöhen etc.) Links: www.graz-reininghaus.com www.reininghaus017.at www.asset-one.at