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Die Macht der Liebe

Dienst ist Dienst. Und Schnaps ist Schnaps. Das ist besoffener Quatsch von gestern. Wahre Liebe ist gut fürs Geschäft.




- Die Liebe ist Privateigentum, unveräußerlich, nicht übertragbar. William Shakespeare wusste das. Und er wusste auch, wie gut die Liebe fürs Geschäft ist. In einem seiner Stücke verlieben sich Menschen ineinander, das kam bei Shakespeare öfter vor. Aber es ist noch mehr: Ringsum sind auch Intrige, Neid und, nicht weniger gemein, aufrichtige Teilnahme Dritter, alles Sachen also, die Liebende nicht brauchen. Alle wollen die Liebe der anderen kennen, kontrollieren und in feste Bahnen bringen. Und was hilft es? Nichts. Much Ado About Nothing. Viel Lärm um nichts. Die Liebe ist keine Verhandlungssache. Wer sie hat, vermag mit ihr umzugehen. Alle anderen geht sie nichts an.

Damit käme Shakespeare heute nicht mehr durch. Denn in Zeiten wie diesen geht alle alles an. Die Liebe, die Freundschaft, die Leidenschaft, alles, was uns treibt, ist auf dem Weg zur Vergesellschaftung. Übertrieben? Oder haben wir es einfach noch nicht bemerkt? Die Liebe, die Zuneigung, die Sympathie zu anderen Menschen treibt uns an. Doch immer mehr von diesem inneren Treibstoff wird zur öffentlichen Angelegenheit, zur messbaren und vergleichbaren Größe. Nein, es ist nicht nur leichtfertige Werbung, die behauptet, dass man Hackfleischgerichte und Kaffee lieben kann, Autos und Markenklamotten.

Alles geht in Richtung Love 2.0. Das ist die emotionale Variante des Web 2.0. Dort macht auch jeder alles zu seiner Sache. Jeder liebt jeden. Im Web 2.0 ist jeder ein bisschen Produzent und ein bisschen Kunde. Bei Love 2.0 ist jeder ein bisschen auf der Suche nach Liebe und gehört gleichsam zu jenen teilnehmenden Beobachtern der Leidenschaft, die beurteilen, was diese Liebe kann und jene nicht. Es sind die Leute, die wir von Shakespeare kennen. Der Liebestempel von Love 2.0 ist das Netzwerk. Das war mal ein Haufen Kabel und Schwachstrom.

Heute ist es zur wabernden Metapher für Emotionales und Zwischenmenschliches aller Art geworden. Das Netzwerk ist eine Art Superdisco, in der jeder versucht, irgendjemanden kennenzulernen. Weil es wichtig ist, Beziehungen zu haben. Beziehungen. Dieses deutsche Wort klingt schon so, dass eigentlich jeder gleich wissen müsste, woher der Wind weht. Es riecht nach Reformhaus, nach gesund und ordentlich, aber kein bisschen nach Leidenschaft und Liebe für etwas oder für jemanden. Ein solcher Begriff kursiert in einer Kultur, die sich ihrer selbst noch nicht sicher ist. Deshalb redet und bewertet sie den Gegenstand ihrer Unsicherheit unentwegt. Das ist die Grundlage von Love 2.0, dem Versuch, Gefühle zu vergesellschaften, Liebe und Freundschaft zu kontrollieren und damit bezähmbar zu machen. Denn nichts weiter ist eigentlich damit gemeint: Die Unsicherheit soll abgebaut werden. Wir wollen schließlich alle ein bisschen geliebt werden. Das Gefühl soll sich integrieren in eine Welt, in der alles sicher ist, verlässlich, geordnet. Sichere Liebe gibt es aber nicht.

Statt Liebe zu geben, zu nehmen, Leidenschaft zu leben, wird darüber geredet. Kaum ein Seminar kommt noch ohne das Wort Beziehung aus, und grauenhafte Wortschöpfungen wie Beziehungsmanagement belegen, wie weit wir noch weg sind von dem, was uns eigentlich treiben sollte. Liebe und Leidenschaft lassen sich nicht verhandeln. "Es ist, was es ist, sagt die Liebe", sagte Erich Fried.

Auch ein anderer Erich, Familienname Fromm, hat sich redlich bemüht, die Liebe und die Leidenschaft der Kontrolle und der ständigen Bewertung zu entziehen. 1956 erschien sein Bestseller "Die Kunst des Liebens", in der 61. Auflage wird das Buch heute verkauft. Viele jener, die Fried lasen, lasen auch Fromm - es sind Texte, die seit anderthalb Generationen zum Bildungskanon gehören. Es ist schon merkwürdig: Es ist, wie es ist - das ist klar genug. Und wer bei Fromm nachschlägt, wird unübersehbar und immer wieder darauf hingewiesen, dass man Liebe und Leidenschaft nicht in die unverbindliche Diskussion delegieren kann: "Sich auszusprechen ist Mode geworden", schreibt Fromm in der "Kunst des Liebens", und er fügt hinzu, wie riskant das auch ist. Denn dieses Reden über das Intimste soll eine Sicherheit erzeugen, eine soziale Sicherheit, die es nicht geben kann. An der Liebe, meint Fromm, kann man nur arbeiten. Beziehungsarbeit nennt er das, ein Wort, das so gründlich missverstanden wurde wie kaum ein zweites.

Beziehungsarbeit ist nichts anderes, als seinen Leidenschaften zu folgen, dem, was man früher profan "den Ruf seines Herzens nannte". Wer glücklich werden will, und was wäre sonst das Ziel der Liebe, muss sich und seinen Leidenschaften folgen. Das ist etwas anderes, als mit seinem Partner einmal pro Woche, sagen wir Dienstag, 19.30 Uhr, einen Beziehungsaussprache-Abend zu vereinbaren und zwei Stunden später "danke fürs Gespräch" zu sagen. Das ist Beziehungsterror. Arbeit ist nicht Terror, auch wenn sie sich manchmal ganz anders anfühlt.

Leidenschaft und Liebe machen unsicher - vor allem jene, die diese Leidenschaften und Lieben nicht teilen, die anderen also. Das nun kommt bei Love 2.0 auch im Geschäft an. Hier galt früher: Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps. Heute werden in jeder noch so kleinen Klitsche Ethikregeln ausgearbeitet und verteilt. Viele von ihnen klingen wie die Rollenbücher von "Viel Lärm um nichts".

Liebe, Leidenschaft im Geschäft? Schwierig. Leidenschaft vielleicht noch, solange sie sich auf kein Risiko einlässt, also dem Plan des Vorstands folgt. Aber Liebe? Das bringt alles durcheinander. Nun ist es ja so, dass der Mensch mehr als ein Drittel seines Lebens bei der Arbeit verbringt, und auch ein Drittel aller Ehen bahnt sich dort an. Wie steuert man das? Wird sich demnächst in Ethikbroschüren, in denen stets das hohe Lied des Teams und der Freundlichkeit im Konzern gesungen wird, auch der Zusatz "Bitte gehen Sie mit Ihren Emotionen nicht zu weit" finden?

Dagegen könnte man nun einwenden, dass die Liebe, die enge Freundschaft und die Leidenschaft gut sind fürs Geschäft. Das ist hinlänglich untersucht, etwa in einer Studie über die Standard-&-Poor's-500-Unternehmen in den USA. Manager, die sich aus Sympathie für die Sache und die Menschen eines Unternehmens leiten ließen, waren deutlich erfolgreicher als die alten Pragmatiker, die stur nach harten Faktoren vorgingen. Man könnte zudem Shere Hite, die Ikone der Liebesforschung, zitieren, die mit einer ihrer aktuellen Arbeiten einmal mehr nachgewiesen hat, wie sehr die Liebe und die Leidenschaft im Job zu Höchstleistungen anspornen. Liebe macht erfinderisch. Kreativität in der Lieblosigkeit kann es nicht geben.

Wusste das Harry Stonecipher? Er war Chef des Flugzeugkonzerns Boeing, bis 2005. Eine Ikone der amerikanischen, ach was, der weltweiten Managerkultur. Ein Macher, der gleichsam auch unendlich viele ethische Regeln ins Geschäft einführte. Dicke Leitfäden, Corporate Rules, Tischsitten für den zwischenmenschlichen Umgang im Geschäft. Alles im Namen des Guten.

Dann traf Mister Stonecipher Misses Peabody, Vorname Debra, ebenfalls eine erfolgreiche Managerin bei Boeing. Man mochte sich, verliebte sich. Und man hielt Harry Stonecipher bei Boeing die von ihm selbst aufgestellten Regeln unter die Nase. Da stand: Mitarbeiter dürfen keine Liebesbeziehung mit anderen Mitarbeitern haben. Ab in die Rente, Harry! Alles Liebe noch. Das ist eine Logik von Love 2.0. Man redet über Emotionen, aber man macht Regeln, um ihre unangenehmen Nebenwirkungen auszuschalten. Man behauptet, dass ein emotionales "Überengagement" schädlich sei fürs Geschäft. Nicht nur Liebschaften im Büro. Alles, was Leidenschaft erzeugt, ist nicht kontrollierbar. Gefühle müssen passgenau gemacht werden, wie Werkstücke und Service-Einheiten. Im Fall Stonecipher hat sich die Realität an einem gerächt, der versucht hat, an ihr zu drehen. Solchen Menschen fehlt das Glück.

Kann jemand, der die Leute, mit denen er arbeitet, über das "normale" Maß schätzt, sie so liebt, wie man seine Familienangehörigen liebt, der seine Freunde in einem Job gefunden hat, den er mit Leidenschaft betreibt, etwas anderes sein als naiv? Oder ist er vielleicht sogar jemand, der besser in die neue Zeit und in die neue Realität passt? Kann es sein, dass Liebe und Zuneigung keine unternehmerischen Störfaktoren sind, sondern im Gegenteil helfen können, die komplexen Probleme in Wissensunternehmen zu lösen? Ist jemand, der das liebt, was er tut, eigentlich normal? Und vor allem: Bringt das was?

Fritz B. Simon, Psychiater und Organisationsberater, sagt es deutlich: "Es ist Quatsch, zu glauben, dass Menschen, die sich mögen, schlechtere Ergebnisse erzielen - das Gegenteil ist richtig. Persönliche Beziehungen sind nicht dysfunktional. Nur eine zuverlässige Beziehung kann Probleme lösen." Das sagt er so, der Fritz B. Simon, aber er kann es auch beweisen. Es ist jene Liebe, die sich in Familienunternehmen findet, in unzähligen Gründungen, die erfolgreich sind. Paul Allen und Bill Gates etwa. Oder die Jungs, die Yahoo gründeten. Freundschaft, Sympathie und Leidenschaft für die Sache.

Simon hat auch den Erich Fromm im Ohr, die Sache mit der Beziehungsarbeit, die nicht so leicht ist, dass sie sich normiert und routiniert abarbeiten lässt: "Es ist schwierig, einen Freund zu kritisieren, das überlege ich mir auch dreimal, aber gerade deshalb wäge ich genau ab, was ich sage." Das ist mühsamer als das alte Modell. Und es verlangt nach etwas, das in jeder wirklichen Liebe erst wächst, wenn die erste Leidenschaft sich verbraucht hat, eine Sache, die das Feuer am Glühen hält, zuverlässiger als jedes Hormon. Die Sache heißt Vertrauen.

Das klingt fast romantisch, fast wie früher, fast ein wenig naiv. Aber vielleicht ist es auch einfach nur richtig. "Vertrauen ist vor allen Dingen eines: ein unglaublich gutes Instrument, um Komplexität zu reduzieren. Man kann alles kontrollieren und steuern, man kann sogar glauben, dass man Gefühle normieren kann, aber all das ist leider irrsinnig teuer und irrsinnig sinnlos", sagt Simon. "Dann bleibt nur Frust." Viel Lärm um nichts. Ohne Leidenschaft und Liebe für die Menschen und ihre Sache geht nichts. Langsam werden die Love-2.0-Generationen erwachsen. Sie wollen mehr als Sicherheit. Sie wollen Glück, und zwar wirklich. Das wusste auch Fromm: "Nichts fördert das Kreative mehr als die Liebe, vorausgesetzt, sie ist echt." Echt sein heißt immer: sich ein wenig anzustrengen, damit die Liebe bleibt.

Diese Liebes-Regel ist vernünftig - also etwas, das man heute in der Nähe der beliebigen Leidenschaft nicht vermutet. Aber vielleicht waren wir bis jetzt nur zu schüchtern und zu unangestrengt in unserer Liebe, um das zu sehen. -