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Von zart bis bitter

Schokolade macht man aus Kakao, Milch, Zucker und Nüssen - Rohstoffe, die teurer geworden sind. Alfred Ritter erklärt, warum er auf schlechtes Wetter hofft.




brand eins: Herr Ritter, haben Sie sich heute Morgen schon über die Wettervorhersage für die Elfenbeinküste informiert?

Ritter: Nein, das habe ich nicht.

Dabei kommt der Großteil des Kakaos für Ihre Schokolade aus Westafrika. Eine vertrocknete oder zu feuchte Ernte könnte Ihren Grundstoff verteuern.

Natürlich verfolge ich die Nachrichten aus Westafrika. Mir käme es zu Ohren, wenn es da einen Wetterumschwung gäbe, der die Ernte gefährden würde. Ob es dort heute regnet oder ob die Sonne scheint, damit müssen die Ivorer leben. Ich kümmere mich da nicht drum.

Ritter Sport ist ein mittelständisches Unternehmen, das nur ein Produkt herstellt: Schokolade. Und alles, was Sie zur Herstellung brauchen, wird teurer: die Rohstoffe Zucker, Kakao, Haselnüsse, Milch, die Energie für Produktion, Lagerung und Transport. Nicht die besten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Geschäftsjahr.

Deshalb haben wir auch zu Jahresbeginn die Preise erhöhen müssen. Wir haben einen sehr hohen Rohstoffkostenanteil in unseren Produkten und leiden unter den hohen Preisen. Extraprofite sind momentan nicht drin, auch wenn wir in diesem Jahr wohl wieder Gewinn machen werden. Weil die Rohstoffpreise so stark angestiegen sind, mussten wir diese Steigerung zum Teil weitergeben, es ging nicht anders. Trotzdem denke ich: Die Leute werden weiterhin Schokolade essen wollen. Und die höheren Kosten betreffen ja nicht nur uns, sondern die gesamte Branche.

Haben Sie schon Mitarbeiter von Hedgefonds abgeworben, wie es angeblich einige Lebensmittelunternehmen getan haben sollen, um im Einkauf an den Rohstoffbörsen bessere Preise zu erzielen?

Nein, das haben wir noch nicht gemacht und haben das auch nicht vor. Wir spekulieren nicht an den Märkten. Weil wir uns als Produktionsunternehmen eine gewisse Preissicherheit verschaffen wollen, machen wir beim Einkauf Kontrakte für die Zukunft.

Seit Pensions- und Hedgefonds Kakao als Anlageobjekte entdeckt haben, hat sich der Preis stark verteuert. Im Oktober 2003 kostete die Tonne Kakao 1482 Dollar, im September 2008 2679 Dollar. Wie sichern Sie sich gegen solche Steigerungen ab?

Für uns ist diese Entwicklung sehr unangenehm, denn wir wollen ja etwas aus dem Kakao herstellen. Und da ist es für uns ein großes Problem, wenn Finanzanleger die Märkte, auf denen wir einkaufen, stark beeinflussen. Würde die Börse nur von Angebot und Nachfrage getrieben, befänden sich die Preise auf einem ganz anderen Niveau. Hinzu kommt, dass die Preise für Rohstoffe durch diese Akteure stärker in Bewegung kommen. Für uns werden die Märkte dadurch uneinschätzbar. Wenn am Aktienmarkt irgendwelche Industriewerte fallen, dann retten sich viele Investoren in Rohstoffe, und plötzlich haben wir einen hohen Preis, der dann noch nicht einmal den Bauern zugute kommt, sondern den Zwischenhändlern. Sie sehen: Die Wettervorhersage für die Elfenbeinküste hilft oft nicht weiter, wenn man die Preise einschätzen will.

Wenn ein großer Fonds Kakaoverträge kauft, dann verkauft er sie doch wieder, und der Preis müsste fallen. Warum die Aufregung?

Weil wir geschädigt werden. Die Finanzspekulanten leben von der Veränderung der Preise. Und das wollen wir überhaupt nicht. Wir haben ein Interesse an stabilen Preisen. Die Börse ist ein Preisfindungsmechanismus. Sie ist vor mehr als hundert Jahren erfunden worden und hat ihre guten Seiten. Aber sie lässt Spekulanten zu. Da ist einiges aus dem Ruder gelaufen. Hersteller wie wir brauchen eine gewisse Planungssicherheit. Wenn jetzt Kakao dreimal so teuer wird, können wir das morgen nicht an den Einzelhandel weitergeben. Es hilft uns auch nicht, wenn er plötzlich nur noch ein Drittel kostet. Da spielt der Einzelhandel nicht mit, ein Supermarkt ist keine Börse.

Spielen Angebot und Nachfrage auf diesen Märkten überhaupt noch eine Rolle?

Man muss sich manchmal schon fragen, was da passiert. In diesem Sommer zeichnete sich ab, dass die Kakaoernte eine sehr gute sein würde. Das hätte normalerweise zu fallenden Preisen an der Börse führen müssen, weil das Angebot steigt. Aber das Gegenteil trat ein. Da koppeln sich Angebot und Nachfrage voneinander ab. Das ist kein angenehmer Effekt.

Was tun Sie in solchen Fällen als einer der größten Schokoladenhersteller in Deutschland?

Ganz ehrlich: Wir machen ein dummes Gesicht, um es mal auf Schwäbisch zu sagen. Wir sind der Sache ausgeliefert. Um unseren Bedarf zu decken, kaufen wir Zukunftskontrakte. Dazu versuchen wir die Versorgungslage einzuschätzen, schauen auf die Vermahlungszahlen und schätzen die Ernteerwartung. Auch sind wir lang genug im Geschäft, um zu wissen, dass im Juli Gerüchtesaison ist und dann alle versuchen, irgendwelche Legenden in die Welt zu setzen, um den Markt zu beeinflussen. Da muss man einfach ruhig bleiben, weil die Pflanzen noch nicht weit genug sind, als dass man Prognosen treffen kann. Letztlich geht es für uns um Antworten auf zwei zentrale Fragen: Steigen die Preise, oder werden sie fallen? Bei welchem Preis machen wir einen Zukunftskontrakt? Nur: Das Verhalten der Spekulanten können wir mit diesen Überlegungen nicht voraussagen.

Aber Sie müssen doch irgendwie reagieren.

Natürlich. Und das hat dann eben zu Jahresbeginn zu unserer Preiserhöhung geführt. Da war es aber nicht nur der Kakao, der teurer wurde. Auch Milch und Haselnüsse haben auf einmal mehr gekostet. Und dann wird es langsam eng.

Sie könnten doch auch Kaufverträge, die Sie billig erworben haben, teurer wieder abgeben, wenn die Preise steigen.

Wir sind keine Händler, wir kaufen für den Eigenbedarf. Klar, man könnte sich natürlich auch als Spekulant betätigen, und das wurde auch einmal in der Geschichte des Unternehmens versucht. Aber das ist nicht unser Geschäft. Wir stellen Schokolade her, das können wir, und darauf wollen wir uns konzentrieren.

Gibt es für Großeinkäufer wie Sie Alternativen im Einkauf, um der turbulenten Börse auszuweichen und sich stabilere Preise zu sichern?

In Nicaragua arbeiten wir seit 18 Jahren mit Bauern zusammen, denen wir Kakao abnehmen. Ich halte das für ein sehr gutes Projekt. Wir kauften damals bewusst nicht die Plantage, sondern wir sagten: Wir kaufen euer Produkt. Im Ergebnis helfen wir damit den Bauern dort und erhalten qualitativ sehr guten Kakao. Das ist für beide ein Geschäft. Für die Bauern, die einen anständigen Preis für ihre Produkte kriegen, und für uns, weil der Preis immer noch gut ist, da wir die Zwischenhändler ausgeschaltet haben. Aber offen gesagt: Die Menge Kakao, die wir von dort beziehen, ist eine einstellige Prozentziffer unseres Gesamtbedarfs. Trotzdem haben wir damit sehr gute Erfahrungen gemacht und weiten diese Strategie des Direktkontakts auch auf andere Rohstoffe aus. Bei Milch, Rosinen, Nüssen und Mandeln arbeiten wir sehr eng mit unseren Lieferanten zusammen. Wir kaufen getrocknete Milch von Molkereien aus Deutschland, die Rosinen kommen aus Kalifornien, wo sie sonnengedörrt werden, die Haselnüsse sind handverlesen und kommen aus der Türkei, die Mandeln auch aus Kalifornien. Wir versuchen schon allein aus Qualitätsgründen nicht über die Börse zu kaufen, sondern direkten Kontakt herzustellen. Aber das funktioniert nicht bei allen Produkten.

Wie finden Sie dann den Preis für die Produkte, wenn Sie direkt beim Hersteller kaufen und nicht über die Börse gehen?

Der Preis orientiert sich weitgehend am Weltmarkt, auch wenn man eine spezielle Vereinbarung hat, die eher langfristig angelegt ist. Milch und Zucker sind sowieso Markt-Ordnungsware durch die Europäische Union. Bei der Milch haben wir mit dem Lieferanten Lieferverträge, das beruhigt den Preis ein bisschen, aber er orientiert sich trotzdem an den Weltmarktpreisen oder an denen auf dem lokalen Markt.

Wie hoch müsste der Preis für eine Tonne Kakao sein, wenn nur Angebot und Nachfrage maßgeblich wären?

Darauf kann ich Ihnen keine konkrete Antwort geben. Generell kann ich sagen, die Preise werden oft künstlich hochgetrieben. Das ist jetzt aber die Konsumentensicht. Für Produzentenländer wie die Elfenbeinküste sind die Preise viel zu niedrig. Zu diesen Bedingungen ist dort keine nachhaltige Wirtschaft mehr möglich. Die Lebensbedingungen für die Bauern sind zum Teil sehr schlecht, und das wirkt sich dann auf die Qualität des Kakaos aus.

Sie fordern als Kakaoverbraucher höhere Preise?

Ich hätte nichts dagegen, wenn sie generell höher wären. Das würde ja alle Hersteller gleich treffen. Es geht doch hier um eine Grundfrage: die Zusammenarbeit von Agrar- und Industrieländern. Ich wurde mit diesem Thema schon bei unserem Bundespräsidenten vorstellig, weil ich finde, dass der Nobelpreis nicht immer nur für irgendwelche Spieltheorien in der Wirtschaft vergeben werden sollte. Es ist höchste Zeit, sich einmal über das Thema gerechterer Welthandel einige Gedanken zu machen.

Hilft Ihnen wenigstens der starke Euro beim Einkauf?

Beim Einkauf sehr wohl. Aber das ist eben nur die eine Seite. Zwar verkaufen wir einen Großteil unserer Produkte im Euro-Raum. Doch wir exportieren auch nach Russland und in die USA. Da macht uns der starke Euro keine Freude. Wenn dann auch noch ein großer Teil der US-Bürger viel weniger Geld in der Tasche hat, wie im Moment, dann haben wir gleich zwei Probleme. Denn wenn die Menschen weniger haben, werden sie sensibler für hohe Preise und sparen.

Man könnte doch meinen, der billige Einkauf gleiche die negativen Effekte im Verkauf aus.

Leider nicht, denn viele unserer Rohstoffe werden in Euro gehandelt: der Zucker, die Milch, die Haselnüsse. Und beim Kakao bildet sich ein Mischpreis. Kakao ist ein Weltprodukt: Der wird zwar in Dollar und Pfund gehandelt, sein Preisniveau orientiert sich jedoch an mehreren Währungen.

Und Ihre Stromrechnung? Der BDI hat errechnet, dass zwei Drittel aller Energiekosten im Mittelstand auf Stromkosten entfallen.

Energie ist zwar teurer geworden und spielt für uns eine Rolle. Aber da sind wir selbst pfiffig genug, nicht so viel zu brauchen, weil wir ein eigenes Blockheizkraftwerk und eine eigene Solaranlage haben. Den Rest des Stroms kaufen wir hinzu. Und da sind die Preisanstiege bei unserem Stromversorger vergleichsweise moderat: Wir kaufen bei den Elektrizitätswerken Schönau. Das sind die Stromrebellen aus dem Schwarzwald, die sich vom Stromnetz freigekauft haben. Damit produzieren wir übrigens unsere Schokolade atomstromfrei.

Haben Sie da die betriebswirtschaftliche Vernunft Ihrer politischen Überzeugung geopfert?

Nein, der Strom aus dem Schwarzwald ist sogar billiger als der Atomstrom. Ich habe damals bei EnBW gekündigt und wollte meinen Strom in Schönau einkaufen, wo er genauso teuer war. Daraufhin hat EnBW den Preis gesenkt. Die Schönauer sind dann mitgezogen und sind ebenfalls billiger geworden. Am Ende war das dann ein richtig gutes Geschäft. Aber Sie haben Recht, es gab dafür in der Tat nicht nur betriebswirtschaftliche Gründe: Ich bin Lebensmittelproduzent. Ritter Sport konnte nach dem Reaktorunfall 1986 in Tschernobyl nirgendwo Haselnüsse auftreiben, die nicht verstrahlt waren. Und ich will mich nicht selber schädigen.

Auch weil Sie ein Ein-Produkt-Unternehmen sind?

Jeder Betriebswirt sagt das: Wir seien ein Ein-Produkt-Unternehmen, was ja im Endeffekt auch stimmt. Wir haben zwar die Minis und die Großtafeln. Aber das klassische 100-Gramm-Quadrat bringt uns den meisten Umsatz. Schokolade ist und bleibt unser Produkt. Wir können Verluste im Schokoladengeschäft nicht mit Gewinnen aus einer anderen Sparte ausgleichen. Doch als Familienunternehmen müssen wir uns nicht in Quartalsbilanzen rechtfertigen, und wir können es uns daher auch leisten, keine Leute zu entlassen. Ich bin sowieso der Ansicht, dass es ökonomisch viel billiger ist, den Arbeitern in schlechten Zeiten nicht zu kündigen, weil wir so ein viel besseres Betriebsklima haben. Finanzanalysten würden uns sagen: Wir machen alles falsch. Dabei denke ich: Wir machen eine sehr gute Schokolade zu einem sehr guten Preis. Die Leute wären blöd, wenn sie die nicht kaufen würden.

Aber die Deutschen geben nur etwa zwölf Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. Nicht besonders ermutigend.

Das ist in der Tat nicht viel. In den fünfziger Jahren war es noch die Hälfte. Nahrungsmittel sind sehr billig bei uns. Die Tafel Ritter Sport kriegen Sie für 95, 85, manchmal sogar für 79 Cent im Laden. Ich finde das extrem billig. Wenn man sich überlegt, dass schon in den fünfziger Jahren eine Tafel 1,30 Mark gekostet hat, und wenn man dann noch die Inflationseffekte herausrechnet, sieht man, wie billig Schokolade geworden ist. Die Deutschen essen auch viel davon: Wir sind der größte Tafelschokoladenmarkt der Welt. Und das bedeutet, dass wir einen harten Konkurrenzkampf haben. Deshalb sage ich: Wer in Deutschland überlebt, der hat schon mal gezeigt, dass er Schokolade herstellen kann.

Kann er sie dann auch in den Boomländern wie Indien oder China verkaufen?

Indien ist schwierig. Das ist ein Land ohne Lebensmittelhandel. Alles läuft dort noch sehr rudimentär ab. Ich war schon in indischen Geschäften und habe festgestellt, dass ich gar nicht weiß, was ich mit all den Sachen, die es dort zu kaufen gibt, anfangen sollte. Das ist wirklich noch sehr weit weg von unserer Einkaufskultur. Aber es gibt jetzt in den Städten die ersten Shopping-Zentren, wo es tatsächlich Produkte gibt, wie sie auf dem Weltmarkt handelsüblich sind - und da ist auch Platz für Ritter-Sport-Tafeln. Man braucht dafür eine Kühlkette, um die Ware in das Geschäft zu bringen. Schokolade ist ja ein sehr empfindliches Produkt, und wir müssen den Weg zum Kunden sicherstellen. In China hingegen sind wir schon gut vertreten, da ist man in dieser Hinsicht viel weiter entwickelt.

Um jetzt doch noch einmal über das Wetter zu reden: Wie mochten Sie den vergangenen Sommer in Deutschland?

Laut Deutschem Wetterdienst war der Sommer im ganzen Land ein Grad wärmer, als er es im Durchschnitt in den vergangenen Jahren war. Doch hier in Süddeutschland hatten wir viel Regen. Ich würde daher sagen, es war eher ein mittelprächtiger Sommer, eher so im Durchschnitt und nicht so ein Wahnsinn wie 2003. Trotzdem war es kein wirklich kühler Sommer, selbst in Norddeutschland ging es.

Gut fürs Geschäft?

Ja, ein eher guter Sommer fürs Geschäft. Wir sind als Schokoladenhersteller sehr temperaturanfällig. Der Klimawandel ist für uns nicht unbedingt angenehm. Es sollte nicht zu warm werden, weil dann weniger Schokolade gegessen wird. Deshalb liebe ich als Schokoladenunternehmer kühle Sommer, auch wenn ich gerne die Sonne mag. Da habe ich eben zwei Herzen in meiner Brust. -

Alfred Ritter

Es war anfangs nicht sein dringlichster Wunsch, in das von seinem Großvater gegründete Unternehmen einzusteigen. Alfred Ritter, 55, studierte Psychologie und praktizierte zunächst als Therapeut in Heidelberg, nebenher engagierte er sich in der Anti-Atomkraftbewegung. Aus dem Umweltschützer wurde dann ein Umweltunternehmer. Ende der Achtziger gründete er die Firma Paradigma, die Solaranlagen und alternative Heizsysteme herstellt. Erst sehr viel später wechselte er in das Unternehmen der Familie: Seit Dezember 2005 leitet er Ritter Sport, nachdem er dem damaligen Geschäftsführer kündigte. Ritter Sport Weil herkömmliche Schokoladentafeln nicht in die Sporttaschen der Fußballer passten, die bei ihnen auf dem Weg zum Bolzplatz Halt machten, kam Clara Ritter, die Ehefrau des Firmengründers Alfred Ritter, auf die Idee, die Tafeln in quadratischer Form zu produzieren. Das 1912 gegründete Unternehmen ist heute einer der größten Schokoladenhersteller Deutschlands. Insgesamt zählt Ritter Sport 800 Mitarbeiter, 700 davon in Waldenbuch, wo jährlich 60 000 Tonnen Schokolade gefertigt werden. Deutschland ist zwar der wichtigste Markt für Ritter Sport, doch das Unternehmen expandiert stark im Ausland. In 91 Ländern erwirtschaftet Ritter Sport rund 30 Prozent des Umsatzes.