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Plus/minus ein Prozent

Auf den Wetterbericht ist mehr Verlass als auf Konjunkturprognosen. Dennoch hält man sie für unentbehrlich.




- Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) wagte sich am 16. September - unmittelbar nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers - an die Öffentlichkeit und verkündete das "Abklingen der Finanzkrise" in den USA. In Deutschland könne die Konjunktur 2009 sogar wieder in Gang kommen, glaubt man in Hamburg. Im Juli hatten die Kollegen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin sogar einen viel freundlicheren Ausblick gewagt: "Der Aufschwung geht in die Verlängerung", schrieben sie damals. Auch als das Banken- und Finanz-Desaster immer größere Ausmaße annahm, beeindruckte das die Optimisten vom DIW wenig. "Realwirtschaftliche Auswirkungen der Finanzkrise beherrschbar", betitelten die Konjunkturforscher einen Bericht Anfang Oktober, als der Internationale Währungsfonds (IWF) die deutsche Konjunktur bereits in der Vollbremsung begriffen sah. Das Ifo Institut für Wirtschaftsforschung aus München beurteilte die wirtschaftliche Lage bereits im August mit Blick auf die Immobilienkrise in den USA skeptisch: "Auch Deutschland spürt zunehmend die Flaute", warnten die Forscher aus München. Ja was denn nun?

Die Konjunkturprognosen scheinen etwa so zuverlässig wie Wettervorhersagen. Wem soll man eigentlich noch glauben?

Erste Hilfe leistet ein Blick auf die nackten Zahlen. Da zeigt sich, dass die Konjunkturprognosen gar nicht so stark voneinander abweichen, wie es zunächst scheint. So prognostizierte das Ifo Institut im Juni für das laufende Jahr ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 2,4 Prozent. Auch im Jahr 2009 sehen die Forscher die deutsche Wirtschaft noch im Plus, wenn auch nur mit einem Prozent. Gesamtdiagnose: "Flaute." Anders das DIW. Im Sommer ging man dort von einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 2,7 Prozent für das laufende Jahr aus. 2009 werde die Wirtschaft um 1,2 Prozent zulegen. Gesamtdiagnose: "Aufschwung." Die Zahlen ähneln sich. Die Einschätzungen widersprechen sich. Wie ist das zu erklären?

"Neben der Genauigkeit der Prognosen spielt vor allem die Story eine Rolle, die zu einer Vorhersage führt", sagt der Prognostiker Christian Dreger, ein groß gewachsener Mann mit Stoppelbart und weichen Gesichtszügen. Er leitet die Abteilung Konjunktur am DIW. "Für die wirtschaftspolitische Beratung ist im Zweifel die Story wichtiger als die Genauigkeit."

Dregers Story geht so: Wesentlich für die Konjunkturentwicklung in Deutschland ist der Konsum. In den vergangenen Monaten wurde die Kauflust der Deutschen durch steigende Energie-und Lebensmittelpreise gebremst. Doch das Schlimmste ist schon wieder vorbei. Zwar wird die Finanzkrise Folgen haben. Aber die Auswirkungen auf Deutschland bleiben moderat, "wenn es gelingt, möglichst schnell das Vertrauen in die Finanzmärkte wiederherzustellen", sagt Dreger. Denn: "Zum einen hat es in Deutschland keinen Anstieg der Immobilienpreise gegeben - folglich gibt es wenig Möglichkeiten für einen Preissturz." Zum anderen hat man in Untersuchungen herausgefunden, dass die Deutschen beim Einkaufen nicht an ihr Erspartes gehen, egal, wie viel Geld sie auf dem Konto haben. Vielmehr orientieren sie sich beim Einkaufen an ihrem Monatsgehalt. Deshalb greifen sie auch nicht auf ihre Guthaben und Depots zurück, um eine Durststrecke durchzustehen. Lieber ändern sie ihren Lebensstil. Deshalb, so Dreger, reagiert die deutsche Wirtschaft auch nicht so stark auf Vermögensschwankungen, die durch den Sturz der Aktienmärkte ausgelöst werden.

Keine schlechte Story. Doch Geschichten kann man viele erzählen. Was spricht für die eine und gegen die andere? Dregers Antwort lautet: Wissenschaft. "Es kommt vor allem darauf an, dass man empirisch belegbare Hypothesen generiert." Genau das nimmt das DIW für sich in Anspruch. Als einziges der großen Institute arbeitet es weitgehend auf der Grundlage formaler Rechenmodelle. "Mit unseren Methoden können wir Prognosefehler analysieren und so aus vergangenen Irrtümern lernen", sagt Dreger. Verfahren der anderen Institute könnten das nicht leisten: Dort seien Experten am Werk, die vor allem die Zahlen für einzelne Teilbereiche der Wirtschaft analysierten, um dann aus dem Stand ein Urteil abzugeben. Aus wissenschaftlicher Sicht, sagt Dreger, sei das nicht leicht zu rechtfertigen.

Treffen Prognosen, die das Resultat mathematischer Modelle sind, tatsächlich häufiger ins Schwarze? Ulrich Fritsche ist skeptisch: "Im Moment ist es noch schwierig zu sagen, welches Verfahren die besseren Prognosen liefert." Fritsche hat zehn Jahre lang am DIW als Konjunkturprognostiker gearbeitet. Heute ist er Juniorprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg. Sein Spezialgebiet: die Bewertung von Konjunkturprognosen.

Ein Prozent nach oben oder nach unten - genauer lasse sich das Wirtschaftswachstum nicht vorhersagen, sagt Fritsche. Eine Wachstumsprognose von 0,5 Prozent müsste demnach eigentlich lauten: Wir gehen von einem Wachstum von minus 0,5 Prozent bis plus 1,5 Prozent aus. "Aber so etwas kann man der Öffentlichkeit schlecht verkaufen."

Die Wettervorhersage wurde präziser die Konjunkturforschung nicht

Was Vorhersagen können, ist für Fritsche ganz klar: Sie können eine Richtung anzeigen. "Die Prognosen sind tendenziell schon in der Lage, uns zu sagen, ob die Konjunktur rauf oder runter geht." Allerdings hat sich an der Qualität der Prognosen in den vergangenen 40 Jahren kaum etwas verändert. Zwar gab es relativ wenige Fehler. Aber das liegt auch daran, dass die Entwicklung der Volkswirtschaft wenig überraschend verlief. Und Vorhersagen daher einfach waren.

Selbst der Einsatz von Computern sorgte nicht für mehr Präzision. In anderen Bereichen der Zukunftsforschung hingegen nahm die Zuverlässigkeit der Prognosen deutlich zu. Bei der Wettervorhersage etwa. Die höhere Treffgenauigkeit verdanken die Forscher des Fachs vor allem der Tatsache, dass immer mehr meteorologische Messinformationen zur Verfügung stehen. Die Ergebnisse der Konjunkturforschung hingegen verbessern sich nicht, wenn mehr Daten berücksichtigt werden. Denn die Unterschiede zwischen den Prognosen verschiedener Institute, das hat die Evaluations-Forschung herausgefunden, sind nur in geringem Maß von den verwendeten Informationen abhängig.

Zwar stützt sich jede Konjunkturprognose gezwungenermaßen auf eine Annahme, etwa darauf, dass der Erdölpreis steigen oder sinken wird. Aber an der Interpretation dieser Annahme scheiden sich die Geister. So glaubt das DIW, dass es der deutschen Wirtschaft nicht schade, wenn der Preis für ein Fass Erdöl hoch ist. Im Gegenteil. Teures Erdöl hätte sogar positive Effekte, weil die Deutschen Weltmarktführer bei energiesparenden Techniken seien und sich aus Preiserhöhungen Exportmöglichkeiten entwickeln könnten.

Man kann das so sehen. Man muss aber nicht.

Hinzu kommt: Es waren im Laufe der Jahre immer andere Institute, die mit ihren Vorhersagen danebenlagen. Folglich sind die Ursachen für diese Fehler schwer zu ermitteln. Kein Wunder also, dass die Prognoseforscher zu dem Ergebnis kommen: Es gibt keine Forscher, die immer Recht behalten.

Die letztere Behauptung ist allerdings ebenfalls umstritten. Seit 2002 veröffentlicht die "Financial Times Deutschland" ("FTD") ein Ranking der Prognostiker. Die Bewertung basiert nicht auf wissenschaftlichen Berechnungen, sondern auf der Entscheidung einer Jury. Dabei hat sich über die Jahre hinweg gezeigt, dass es sehr wohl Konjunkturforscher gibt, die besser sind als andere. Die Rangliste führen an: Holger Schmieding von der Bank of America, Véronique Riches-Flores von der Sociéte Générale und Carsten Klude von M. M. Warburg. In den Augen von Thomas Fricke, dem Chefökonom der "FTD", reflektiert dieses Ergebnis seine Erfahrungen aus dem journalistischen Tagesgeschäft. "Manche Prognostiker erkennen immer wieder Wendepunkte früher als andere", sagt er.

Spielraum für Verbesserungen gibt es also doch. Allerdings ist technisch wenig zu machen. Hilfreich aber könnte es sein, das Betriebsklima in den Instituten zu verbessern. " Junge Prognostiker, die neu im Beruf sind, trauen sich oft nicht, von der Herde abzuweichen", sagt der Juniorprofessor Fritsche aus Hamburg. Und dafür kann man durchaus Verständnis haben. Liegen sie mit ihrer abweichenden Meinung richtig, heißt es: "Glück gehabt." Schießen sie mit ihren Prognosen daneben, müssen sie sich warm anziehen.

Doch noch etwas anderes fällt auf: Konjunkturpropheten tun sich schwer damit, einen einmal eingeschlagenen Kurs zu korrigieren. Denn wer seine Meinung schlagartig ändert, muss dafür Erklärungen bieten können. Deshalb empfiehlt es sich, die eigene Prognose nur so weit zu verändern, wie sich das noch mit einer überzeugenden Geschichte rechtfertigen lässt. Dieser Mechanismus, sagt Fritsche, sei möglicherweise auch mit ein Grund dafür, warum in schwierigen Zeiten, in denen sich - wie in diesen Wochen - die Datenlage schnell ändert, die Prognosen nicht so schnell nachziehen.

Uneinig sind sich die Forscher meist dann, wenn die Konjunktur an einem Wendepunkt angekommen ist - sie also anzieht oder schwächer wird. "Immer wenn die Meinungen der Prognostiker besonders weit auseinander liegen, ist auch die Wahrscheinlichkeit eines Konjunkturumschwungs groß", beobachtet Fritsche. Ein heraufziehendes ökonomisches Gewitter im Voraus zu erkennen ist für viele der Wirtschaftswahrsager kaum möglich. So schreibt Ullrich Heileman, Professor für empirische Wirtschafts forschung in Leipzig, in einem Aufsatz: "Sämtliche Rezessionen der jüngeren Vergangenheit, also 1975, 1981 und 1993, bemerkte man erst, als sie schon eingetroffen waren. Auch den Aufschwung in den späten sechziger Jahren oder den der frühen neunziger Jahre haben die Prognostiker verschlafen."

Ein Grund, warum es so schwierig ist, extreme Schwankungen vorherzusagen, liegt darin, dass sich die Konjunkturforscher weniger mit großen Zyklen und Megatrends als mit den Schwingungen der Konjunktur beschäftigen. Das war nicht immer so. Zu Beginn der Wirtschaftsprognose in den zwanziger und dreißiger Jahren war die Erfahrung großer Krisen noch allgegenwärtig - und entsprechend hellhörig waren die Forscher. Sie sahen damals lange Konjunkturzyklen am Werk, ausgelöst durch den technischen Fortschritt. In der Nachkriegszeit hat sich die Wissenschaft von der Theorie der langen Zyklen verabschiedet. "Auch deshalb, weil die staatliche Stabilisierungspolitik deutlich bessere Wirkungen gezeigt hat und sich das Wirtschaftsgeschehen insgesamt deutlich stabilisiert hat", sagt Ulrich Fritsche.

Heutige Konjunkturmodelle funktionieren wie physikalische Wettermodelle. Man geht von einem Gleichgewicht aus, das durch bestimmte Ereignisse, wie etwa einen gestiegenen Erdölpreis, in Schwingungen versetzt wird, die dann langsam wieder abklingen. Um plötzliche Einbrüche der Konjunktur vorherzusagen, ist man mit diesem methodischen Instrumentarium nicht gut gerüstet.

Die Politiker brauchen Einschätzungen als Krücke bei der Haushaltsplanung

Dennoch sei, so Ullrich Heilemann, Ökonomen-Schelte fehl am Platz. Im Gegenteil: "Prognosen zeigen uns, welche Erwartungen wir überhaupt an die Erklärungskraft ökonomischer Theorien stellen können", sagt der Leipziger Hochschullehrer. "Da ist ein wenig mehr Demut angesagt."

Konjunkturszenarien sind kein Selbstzweck. Am Ende kommt es darauf an, ob eine Prognose die richtige Politik ermöglicht. Aber tut sie das?

"Prognosen können den Politikern die Entscheidung nicht abnehmen", sagt Heilemann. Davon abgesehen, halte er ihre praktische Bedeutung für die Politik heute für wesentlich geringer als noch in den siebziger Jahren. "Erstens, weil angesichts der großen Import- und Exportströme nationale Konjunkturpolitik immer schwieriger wird. Und zweitens, weil in Deutschland heute ein ausgeglichener Haushalt und nicht die Stabilisierung der Konjunktur zum Maßstab der Wirtschaftspolitik geworden ist."

Für die Prognostiker eigentlich eine gute Nachricht. Zwar hängt die Politik nicht mehr so stark von ihren Vorhersagen ab, dennoch ist sie nach wie vor darauf angewiesen. Ein Prozent weniger Wachstum bedeutet neun Milliarden Euro weniger Staatseinnahmen, und das bedeutet neun Milliarden Euro weniger für den Bau von Autobahnen, für die Bundeswehr, für Steuergeschenke.

Insofern ist auch in Krisenzeiten der Job des Konjunkturforschers krisensicher: Er wird gebraucht für die Pläne der Marktwirtschaft. -