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Das geht: Memory mit Mister Li

Alle Chinesen sehen gleich aus, sind nicht zu durchschauen und nicht zu verstehen - solche Vorurteile sind im Geschäft mit China fatal. Deshalb hat Ansgar Bittermann ein Programm entwickelt, mit dem die Völkerverständigung spielend trainiert werden kann.




- Ein Klick, und die drei Räder auf dem Bildschirm rattern. Sekunden später stoppt eines nach dem anderen. Jedes zeigt ein Gesicht. Schnell entscheiden: Handelt es sich um ein und dieselbe Person? Lacht sie? Trauert sie? Nicht um Glücksspiel geht es hier, sondern darum, Chinesen zu erkennen. Die Gesichter auf dem Schirm sehen für Westeuropäer häufig alle gleich aus. Mit Rassismus hat das wenig zu tun, mit Psychologie hingegen viel. "Cross-Race-Effekt" nennen Experten dieses Phänomen: Gesichter, die wir nicht regelmäßig sehen, können wir weniger gut unterscheiden.

An diesem Problem für die Völkerverständigung tüftelt Ansgar Bittermann, 30. Mit seiner Firma Global Emotion hat er bereits zehn Computerspiele entwickelt, die den Kontakt mit fremden Kulturkreisen simulieren. "Zuerst denken wir: Die sind alle gleich. Dann fangen wir an, einzelne Merkmale zu unterscheiden, zum Beispiel die Haarlänge oder die Augenfarbe. Im dritten Schritt wird irgendwann das Gesicht des Gegenübers als Einheit wahrgenommen und interpretiert", sagt Bittermann.

Mehr als 8500 Bilder und Videos sorgen bei seinen Spielen dafür, dass der Anwender chinesische Gesichter unterscheiden lernt. Aber nicht nur das. Am Computer soll auch geübt werden, andere Menschen einzuschätzen: Hört jemand beispielsweise noch interessiert zu, oder ist er schon ungeduldig? Am Ende des 14-tägigen Trainings soll ein Spieler die gezeigte Völkergruppe so gut kennengelernt haben, dass er sie besser versteht. Im Jargon der Sozialwissenschaftler wird dann aus der "Outgroup" eine "Ingroup".

Diese Erfahrung hat Bittermann im Alter von 16 Jahren selbst gemacht. Als Austauschschüler verbrachte er ein Jahr auf Hawaii.

Anfangs überraschte es ihn, wie fremd ihm seine Mitschüler vorkamen. "Die ersten Tage waren der Horror, ich konnte einfach keinen wiedererkennen." Erst langsam gelang es ihm, die Gesichter seiner Mitschüler zu unterscheiden. Dieses psychologische Phänomen fesselt ihn bis heute.

Als er sich im Jahr 2007 selbstständig macht, um ein Trainingsprogramm zur Gesichtererkennung zu entwickeln, wird er von seinen Eltern gefördert. Über ein langes Jahr hinweg schreibt Bittermann Geschäftspläne, bewirbt sich um Gründerpreise und lässt erste Software-Versionen programmieren. Parallel dazu fotografiert und filmt ein Team in Peking 160 Chinesen in allen erdenklichen Gemütszuständen.

Und weil interkulturelle Kommunikation eben ihre Tücken hat, kommt es dabei zu einigen Missverständnissen. Als sich Bittermann die ersten Bilder näher ansieht, bemerkt er mit Schreck: Bei einigen der Fotografierten sind die Unterschiede zwischen fröhlich und verschlafen, skeptisch und zuversichtlich kaum auszumachen. Die Porträts sind unbrauchbar und wandern in den Müll. "Dabei haben die Fotografen am Telefon immer versichert, dass es keine Probleme gebe und alles super laufe", sagt er.

Aus der schlechten Erfahrung hat er gelernt. Bei den Aufnahmen für die arabische Version seines Spiels will er auf jeden Fall selbst dabei sein. Geplant sind übrigens auch Spiele mit Westeuropäern - denn Asiaten fällt es wiederum schwer, Menschen unseres Kulturkreises auseinanderzuhalten. Trotz aller Widrigkeiten ist Bittermann stolz auf das bisherige Ergebnis: Eine Studie hat nachgewiesen, dass regelmäßiges Training mit dem virtuellen Memory den Cross-Race-Effekt aushebelt. "Das Schwierige war ja, dass ich erst wissen konnte, ob das Programm funktioniert, als ich es komplett umgesetzt hatte."

Mit seiner Entwicklung hat er eine interessante Nische aufgetan. Deutschland und China sind füreinander wichtige Handelspartner. Immer mehr deutsche Unternehmen entsenden Mitarbeiter ins Reich der Mitte, eröffnen Fabriken, bieten Produkte und Dienstleistungen an. Allein in Peking sollen etwa 7000 deutsche Gastarbeiter leben. Für Bittermann bedeutet das: Es gibt weiterhin Trainingsbedarf. Denn Geschäfte lassen sich einfacher abschließen, wenn man seine Gegenüber besser kennt. Viele Verhandlungen scheiterten, weil sich die Partner falsch einschätzten, weiß der Gründer aus Untersuchungen.

Seine Software hat daher auch ihren Preis: Die Einzellizenz des Programms gibt es ab 1000 Euro. Ansgar Bittermann ist überzeugt, dass dies auch den Wert des Produktes ausdrückt. Aber er vergibt auch kostenlose Lizenzen. Universitäten, Hilfsorganisationen und Stipendiaten, die sich bei ihm bewerben können, sollen von dem Programm profitieren. Später könnten neue Module auch in Schulen eingesetzt werden, "damit gelernt wird, andere nicht mehr als , die Türken', sondern als Individuen wahrzunehmen". Dann, so glaubt er, "sinkt auch das Aggressivitätsniveau". -

www.globalemotion.de
Jakob-Klar-Straße 10
80796 München