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Falscher Alarm

Sie überfällt Menschen aus heiterem Himmel und jagt ihnen Todesangst ein - Panik. Sie ist nicht aus der Welt zu schaffen, aber in den Griff zu kriegen. Einblicke in eine unheimliche Krankheit.




• Das erste Mal erwischte es Marina Taube (Name geändert) vor sechs Jahren. Die damals 32-jährige Grafikerin ist auf der Autobahn unterwegs, als ihr Herz zu rasen beginnt und ihr Atem sich beschleunigt. Sie pumpt so viel Luft in ihren Körper, dass er verkrampft. Ihre Hände sind bewegungsunfähig und verharren in einer Position, die Pfötchenstellung genannt wird. "Ich fürchtete, ich könnte das Lenkrad nicht mehr halten", erinnert sie sich. Unter Aufbietung aller Kräfte gelingt es ihr, auf den Standstreifen zu fahren. Dort bremst sie, steigt nach einer Weile zitternd aus dem Wagen und wartet, bis der "Koller" vorbei ist. Es kommt ihr wie eine Ewigkeit vor. Sie fühlt sich total erschöpft.

Was ist da mit ihr passiert?

Taube fürchtet, an einer Herzkrankheit zu leiden. Sie geht zum Arzt und erfährt, dass ihr Blutdruck zu hoch, das Herz aber gesund sei. Die gute Nachricht beruhigt sie nicht lange, denn die Angst kehrt zurück, obwohl sie Autofahrten nach Möglichkeit vermeidet. Nun trifft es sie auch beim Joggen oder Schwimmen - Sport macht ihr bald keine Freude mehr. Sie versucht, die Panik zu unterdrücken; manchmal klappt es, manchmal nicht. "Immer wieder dieses Herzrasen, dieses Gefühl: Es springt aus mir heraus." In diesem Frühjahr kommt eine Panikattacke erstmals bei der Arbeit. Taube arbeitet in der Werbeabteilung eines mittelständischen Industrieunternehmens und muss für eine internationale Messe etliche Publikationen produzieren. Sie ist im Stress. Die Zeit drängt, ihr Chef ebenfalls, und dann stellt sich auch noch heraus, dass es Schwierigkeiten mit der Druckerei gibt. Taube weiß nicht mehr, wo ihr der Kopf steht und wie sie das alles schaffen soll. Da springt die Furcht sie mit Urgewalt an. Sie übersteht den Tag mit Mühe und fällt abends fix und fertig ins Bett.

Ein paar Tage später geht sie zum Arzt, der ihr eine sechswöchige stationäre Therapie empfiehlt; Panikstörungen sind ein anerkanntes Leiden, die Behandlung wird von den Krankenkassen meist bezahlt. Nun ist Marina Taube nach einem halben Jahr Wartezeit gerade in der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Bad Bramstedt in der Nähe von Hamburg aufgenommen worden. Die ist eine der größten ihrer Art, die Behandlung von Angstpatienten ist einer der Schwerpunkte. Manche leiden unter Panikattacken wie Taube. Andere unter Phobien, also der Furcht vor bestimmten Objekten oder Situationen; so fürchten sich Agoraphobiker vor engen, überfüllten Plätzen, in extremen Fällen verlassen sie ihre Wohnung nicht mehr. Wieder andere sorgen sich grundlos, schwer krank zu sein - und beschäftigen mit ihren eingebildeten Leiden ein Heer von Ärzten, bevor ihre Hypochondrie diagnostiziert wird.

Für sie alle sind irreale Ängste ein beherrschendes Thema, dem sie ihr Leben mehr oder weniger unterordnen. Das Phänomen ist weitverbreitet; allein im deutschsprachigen Raum gibt es Schätzungen zufolge 17 Millionen Menschen mit Angsterkrankungen. Und etwa jeder Dritte erleidet einmal im Leben eine Panikattacke. Meistens bleibt das folgenlos, doch bei manchen Menschen wie Marina Taube verfestigt und verselbstständigt sich die Angst; sie geraten immer stärker in ihren Bann.

Warum das passiert, darüber streiten Psychologen und Mediziner. Sicher ist, dass es theoretisch jeden treffen kann - auch ohne schwere Kindheit, traumatische Erlebnisse oder familiäre Vorbelastung. Bei Frauen ist das Risiko etwa doppelt so hoch wie bei Männern. Und häufig sind eher aktive Typen à la "Hans Dampf in allen Gassen" betroffen. Christoph Braukhaus, Leitender Psychologe in der Bad Bramstedter Klinik, vermutet, "dass das mit dem Bedürfnis zusammenhängt, alles unter Kontrolle zu haben und sich deshalb zu überlasten".

Handfester als die diffuse Ursachenforschung ist die Therapie. Braukhaus, ein jungenhafter 40-Jähriger, offeriert eine "bittere, aber wirkungsvolle Medizin". Sie besteht darin, die Patienten massiv mit dem zu konfrontieren, was sie am meisten fürchten. Wer Höhenangst hat, muss in Begleitung eines Therapeuten etwa einen Kirchturm erklimmen und dort so lange ausharren, bis die Panikattacke, die ihn dort oben erfasst, überwunden ist. Wer unter krankhafter Schüchternheit leidet, wird aufgefordert, in einer belebten Fußgängerzone ein Lied anzustimmen. Und wer fürchtet, unheilbar krank zu sein, soll sich dieser Vorstellung über Stunden hingeben, sich das Leiden in allen Facetten ausmalen und die Folgen dieser Fantasie bis zum Schluss durchleiden.

Wer seine Angst überwinden will, muss sich ihr aussetzen. Der Kern der Behandlung ist - neben der Aufklärung über die Mechanismen der Angst und ihrer körperlichen Folgen - die praktische Erfahrung, dass sie durchgestanden, der Teufelskreis der Furcht durchbrochen werden kann. Ein seelisch und körperlich sehr anstrengender, sich über Stunden hinziehender Lernprozess. Braukhaus berichtet von einem Patienten, der unter der Vorstellung litt, sein Auto kippe beim Fahren unweigerlich nach rechts. Deshalb war er betont langsam und neigte zu einem übertriebenen Linksdrall - mit der Gefahr, in den Gegenverkehr zu geraten. Gemeinsam mit Braukhaus und einem Fahrlehrer lernte der Mann, wieder die Spur zu halten und Gas zu geben.

Der Panikreflex ist nützlich und ungefährlich. Solange man ihn nicht falsch deutet

Die Konfrontation mit dem Meistgefürchteten führt bei den Patienten zu einer Achterbahnfahrt der Emotionen. "Zunächst", so Braukhaus, "schießt Adrenalin ins Blut, Ärger und Wut kommen hoch. Dann weinen viele Patienten. Der Gefühlskanal wird ganz und gar geöffnet - was als Therapeut nicht leicht auszuhalten ist. Wenn aber die Phase der körperlichen Gewöhnung einsetzt, sich der Patient langsam entspannt und merkt, dass es ihm besser geht, dann ist er in der Regel froh und dankbar. Manche sind am Ende so geschafft und selig wie Marathonläufer im Ziel."

Dass diese eher schlichte Methode sich neben einigen Psychopharmaka als wirksam erweist - Braukhaus spricht von einer Erfolgsquote von 72 Prozent -, liegt daran, dass Angst eine archaische Reaktion ist. Die dafür zuständigen Funktionen entsprechen denen bei primitiven Tieren. Wenn wir etwas Bedrohliches wahrnehmen, wird die Amygdala, der Mandelkern im Hirn, aktiviert, eine Art Notfallzentrum. Es mobilisiert blitzschnell den Körper, Stresshormone werden ausgeschüttet, der Organismus wird auf den Ernstfall eingestellt: Kampf oder Flucht. Für die Prüfung der Lage - droht eigentlich wirklich Gefahr? Und falls ja: welche? sind höher entwickelte Teile des Gehirns zuständig. Sie brauchen dafür deutlich länger als das Angstsystem für seinen Alarm.

Der Panikreflex ist lebensnotwendig und auch im Falle falschen Alarms an sich nicht weiter gefährlich. Zum Problem wird er erst durch die falsche Deutung. So befürchten viele Patienten wie Marina Taube, einen Herzinfarkt zu erleiden. Aus Sorge um ihre Gesundheit vermeiden sie Situationen, in denen die Panik erneut auftreten könnte; die Angst vor der Angst bestimmt zunehmend ihren Alltag. Dabei ist diese Sorge unbegründet: Die körperlichen Begleiterscheinungen einer Panikattacke wie Herzklopfen und Schwitzen sind dieselben wie bei Ausdauersport oder positiven Gefühlen wie Verliebtheit - nur werden sie von den Kranken ganz anders interpretiert. Dies zu ändern, sich nicht mehr vom "Ministerium für absurde Angst" im Kopf kirre machen zu lassen, ist das Ziel der Therapie.

Die Metapher stammt von Borwin Bandelow, Professor an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Der 56-Jährige beschäftigt sich seit Jahrzehnten theoretisch und praktisch mit dem Thema. Die Behandlung von Angstpatienten empfindet er als sehr befriedigend, denn: "Anders als bei anderen psychischen Krankheiten stellen sich relativ schnell Erfolge ein."

Dies auch deshalb, weil die irrealen Ängste in keinerlei Verbindung zu echten Gefahren stehen. Bandelow illustriert das an einem frappierenden Beispiel aus seiner Praxis. Sybille G. wird eines Tages bei einem Einkaufsbummel mit ihren Kindern in einer hessischen Kleinstadt von Panik erfasst. "Da begann von einem Moment zum anderen plötzlich mein Herz zu jagen", erzählt sie später dem Psychiater. "Schreckliche Angst aus dem Nichts überfiel mich. Ich keuchte, bekam keine Luft mehr. Da schnürte es mir die Brust zu, als ob jemand einen Gürtel darum immer enger ziehen würde. Todesangst überfiel mich. Kalter Schweiß stand auf meiner Stirn. Ich fühlte mich so bedroht, dass ich glaubte, sofort sterben zu müssen. Ich wurde von der Situation völlig überwältigt." Solche Panikattacken überfallen G. mehrfach im Monat, wenn sie in Supermärkten einkauft.

Dieselbe Frau hat noch ein anderes, deutlich dramatischeres Erlebnis, das Schlagzeilen macht. Sie ist als Passagierin an Bord eines Flugzeugs, als ein arabisch aussehender Passagier ein Messer zückt und einer Stewardess an die Kehle hält. Das Opfer stößt einen markerschütternden Schrei aus, die Passagiere sitzen wie angewurzelt da. Keiner wagt, sich zu bewegen. Der Mann wirkt extrem nervös und verwirrt. Lange steht er bewegungslos mit der Geisel da. Es ist nicht klar, was er vorhat. Irgendwann ergreifen zwei mutige Passagiere die Initiative: Im Handgemenge gelingt es ihnen, den Täter zu überwältigen und ihm das Messer aus der Hand zu winden. "Am meisten wunderte mich", sagt Sybille G., die den Vorfall aus nächster Nähe miterlebt, später, "dass ich die ganze Zeit keine Angst hatte. Obwohl das Geschehen eine halbe Stunde gedauert hat, bin ich ruhig geblieben. Erst nachdem der Spuk vorüber war, fiel mir auf, dass ich weiche Knie hatte."

Die archaischen Ängste vor Dunkelheit und Spinnen weisen tief in unsere Vergangenheit

Angstpatienten sind also keine Angsthasen; sie können wie im Fall Sybille G. auf reale Gefahren mutig reagieren. Bandelow hat noch ein paar andere überraschende Erkenntnisse parat. So sei die Rede von der "German Angst" ein Mythos: "Deutsche sind nicht ängstlicher als die Menschen in anderen Industrienationen." Angststörungen gebe es überall auf der Welt. Die Urformen stammten aus grauer Vorzeit und seien kaum von der Kultur beeinflusst. Deshalb haben die weitverbreiteten einfachen Phobien meist Gegebenheiten der Natur zum Inhalt: Spinnen, Dunkelheit, Blitz und Donner. Der Anblick des eigenen Bluts kann panische Angst auslösen - obwohl dazu in der modernen Welt keinerlei Anlass mehr besteht. Dagegen sind Schnaps, Zigaretten oder Steckdosen, die tatsächlich gefährlich oder sogar lebensbedrohlich sein können, so gut wie nie Gegenstand einer Phobie.

Interessant ist auch, dass die von den Medien bei allerlei echten und vermeintlichen Gefahren regelmäßig geschürten Hysterien offensichtlich keine pathologischen Folgen haben. Bandelow verweist auf die - vollkommen übertriebenen - Debatten über Vogelgrippe und die Rinderseuche BSE: "Ich habe aber noch nie einen Angstpatienten in der Praxis gehabt, der sich vor der Vogelgrippe gefürchtet hätte."

Marina Taube sagt zum Ende unseres Gesprächs in der Klinik: "Ich hoffe, dass ich diese übertriebene Angst aus meinem Leben verbannen kann. Dass ich keine Kraft mehr aufwenden muss, um mich von der Panik zu befreien. Dass ich wieder begeistert Auto fahren, schwimmen und joggen kann." Allerdings fürchtet sie sich auch vor dem, was auf sie zukommt: Die Konfrontationstherapie ist sehr belastend, etwa ein Viertel der Patienten bricht die Behandlung deshalb ab.

Für sie gibt es immerhin einen Trost: Pathologische Ängste gehören zu den Leiden, die die Zeit heilt. Nach den Erfahrungen des Psychiaters Bandelow klingen die Symptome vom 40. Lebensjahr an auch ohne Therapie ab, und über 50-Jährige seien sehr selten unter den Patienten. --

Literatur-Tipp Borwin Bandelow: Das Angstbuch - Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann. Rowohlt, 2008; 379 Seiten; 9,95 Euro