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Doppelter K.o.

Blindes Vertrauen in Maschinen sorgte dafür, dass die Aktien von United Airlines innerhalb eines Tages fast wertlos wurden - obwohl es dafür keinen Grund gab. Die Chronologie eines kollektiven Panikanfalls.




- Um an der New Yorker Börse richtig einzubrechen, bedarf es nicht unbedingt fauler Finanzmarkt-Derivate, die selbst Banker nicht mehr verstehen. United Airlines wurde Anfang September ein falscher Alarm zum Verhängnis, der im Internet kursierte und die Aktie der Fluggesellschaft innerhalb einer halben Stunde steil abstürzen ließ.

An einem Montagmorgen lasen Anleger und Makler auf ihren Bloomberg-Terminals, einem der teuersten und zugleich verlässlichsten Nachrichtendienste für Finanzfachleute, dass United Airlines (UAL) Konkurs angemeldet habe. Die Reaktion kam prompt: Nur wenige Minuten, nachdem die Meldung aufgetaucht war, hatten 15 Millionen Aktien den Besitzer gewechselt, war eine Milliarde Dollar Marktwert zerstoben. Grausame Ironie einer an Pleiten gesegneten Zeit: Die Meldung war sechs Jahre alt, doch keiner der hastigen Leser bemerkte den Irrtum.

Die Chronologie einer Nachricht aus dem Jahr 2002, die sich wie ein Lauffeuer durch die Finanzmärkte von heute frisst, belegt, dass moderne Technik immer nur so gut ist wie die Menschen, die mit ihr umgehen. Algorithmen eignen sich vorzüglich zur Panikmache, wenn die Nerven bereits blank liegen - aber Experten sind sich rückblickend einig, dass menschliches Versagen schuld war an dem Absturz.

Am Anfang steht eine wahre Geschichte. United Airlines erklärte am 9. Dezember 2002 Konkurs und befand sich bis Anfang 2006 im "Chapter 11" genannten US-Gläubigerschutz-Verfahren. Über die Pleite hatte die "Chicago Tribune" seinerzeit berichtet, die entsprechende Meldung vom 10. Dezember 2002 war in den Tochterblättern der Tribune-Zeitungsgruppe überall in den USA erschienen und dann im Web-Archiv verschwunden.

Dessen Tore stehen allerdings weit offen. Wer etwa bei Google nach der Schlagzeile "UAL Files for Bankruptcy" suchte, fand die Meldung auf der Website des "South Florida Sun-Sentinel" gleich achtmal - allerdings nie mit der Datumszeile der Erstveröffentlichung, sondern mit dem aktuellen Datum der Suchabfrage, umgeben von allerlei neuem Material. Der Server, der die alte Datei aus der Versenkung holte, lässt die olle Kamelle also jedes Mal frisch aussehen.

Maschinen reagieren auf von Maschinen gefundene Nachrichten. Das kann schiefgehen

In diese Falle tappte der Software-Roboter von Google News in der Nacht vom 6. auf den 7. September 2008. Es war ein ruhiger Samstagabend in Kalifornien und bereits halb zwei Uhr nachts in Florida, als sich das Programm wie zu jeder Viertelstunde durch mehr als 7500 Nachrichtenseiten wühlte, um nach neuen Geschichten zu suchen. Google News ist ein sechs Jahre alter Versuch des Suchmaschinen-Riesen, auch Journalismus so weit wie möglich zu automatisieren. Anstelle von Redakteuren treffen Algorithmen die Entscheidung darüber, welche Meldungen verbreitet werden und welche nicht. Sie erstellen in regelmäßigen Abständen einen Index relevanter Artikel, gruppieren verwandte Texte und Bilder zu Themenschwerpunkten und schicken die Schlagzeilen kostenlos per E-Mail an Abonnenten. Die genauen Formeln hütet Google als Betriebsgeheimnis, und der Mensch tritt bei diesem Prozess nur noch als Leser des Endprodukts auf. Wenn überhaupt. Mehr als die Hälfte aller Finanzmeldungen des Nachrichtendienstes Reuters werden nur noch von Maschinen gelesen, die in Millisekunden reagieren und Kauf- oder Verkauforders platzieren.

Als der Google-Roboter um 22:17:35 Uhr kalifornischer Zeit die Titelseite des Wirtschaftsteils im "South Florida Sun-Sentinel" erfasste, war von der Konkursgeschichte nichts zu sehen. Wie der Google-News-Manager Josh Cohen später rekonstruierte, tauchte die Uralt-Meldung allerdings 19 Minuten später, um 22:36:38 Uhr, als populärste, weil meistgelesene Geschichte auf derselben Seite auf. 19 Sekunden später folgte das Computerprogramm diesem Link und archivierte die United-Geschichte. Da die Geschichte entgegen üblicher journalistischer Praxis keine fixe Ortsmarke enthielt, sondern das aktuelle Datum, wurde sie in den Google-Fundus als neue Meldung aufgenommen.

"Google News ist vollautomatisch und funktioniert in 99 Prozent der Fälle perfekt, aber es gibt immer noch schlecht designte Web-Seiten und Content-Management-Systeme, mit denen der Dienst nicht klarkommt", sagt der britische Suchmaschinen-Experte Patrick Altoft, der die Online-Marketingfirma Branded3 leitet und die Ereignisse rekonstruiert hat. "Zeitungen sollten sicherstellen, dass am Anfang jeder Geschichte das Datum steht, damit erst gar keine Zweifel aufkommen. Suchmaschinen verlassen sich auf diese Angaben - und wer sie im Zeitalter von Social Media, also Internetforen und Blogs, weglässt, handelt höchst unverantwortlich", kritisiert Altoft. Deswegen ist Suchmaschinen-Optimierung - also die maschinenlesbare Gestaltung von Web-Seiten - ein höchst lukratives Feld.

Die Technik stößt allerdings schnell an Grenzen, die ohne semantische Analyse, wie sie der menschliche Verstand leistet, schwer zu überschreiten sind. Eine solche Grenze ist erreicht, wenn dieselbe Geschichte in mehreren Ressorts und Versionen erschienen ist und deswegen unterschiedliche Adressen (oder URLs) besitzt. Ohne den Inhalt zu vergleichen, kann Software nicht erkennen, ob es sich um identische Artikel handelt.

Beim "Sun-Sentinel"-Irrtum rätselten auch Experten, wie es passieren kann, dass eine sechs Jahre alte Nachricht plötzlich zur Topmeldung aufsteigt. Die Lösung ist ebenso banal wie gefährlich: Samstagnacht herrscht auch im Web Totenstille. An jenem Wochenende suchten ein paar Nachteulen nach Neuigkeiten rund um die Folgen des Wirbelsturms Ike und Verspätungen im Flugverkehr. Die vermeintlich "themenbezogene" United-Meldung wurde ihnen dazuserviert und schaffte es dank eines einzigen Klicks in die Hitparade der "beliebten" Wirtschaftsnachrichten.

Damit nahm die Kettenreaktion ihren Lauf. Drei Minuten nachdem der Google-Roboter die Geschichte erfasst hatte, klickte der erste Nutzer auf den Link der vermeintlich neuen Meldung, die nun das Datum 7.9.2008 trug. Das war um 22:39:57 Uhr Westküstenzeit oder kurz vor halb acht am Sonntagmorgen in Europa. Um die Börsianer zu schockieren, musste die veraltete Meldung nicht einmal auf der Titelseite von Google News stehen. Viele der rund zwölf Millionen regelmäßigen Leser haben einen E-Mail-Alarm zu bestimmten Schlagworten eingerichtet.

Auch wenn einige Verlagshäuser Google News als Totengräber des Journalismus und Trittbrettfahrer anprangern, steht fest: Rund ein Fünftel aller Zugriffe auf Nachrichtenseiten stammen von Suchmaschinen, von denen Google wiederum knapp drei Viertel ausmacht. Wer seine Meldungen also für die Roboter von Google News sperrt, beraubt sich eines großen Publikums.

Einer der vielen Leser von Google News war ein Mitarbeiter beim Anlageberater Income Securities Advisors (ISA). Die Firma aus Florida verfolgt insbesondere börsennotierte Firmen, die in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Deswegen hatte der Mitarbeiter einen Alarm für das Schlagwort "Konkurs 2008" eingerichtet. Und siehe da, am Montagmorgen ergab die Suchabfrage einen Link auf die brandaktuelle Meldung, dass United bankrott sei.

ISA beliefert auch den Wirtschaftsdienst Bloomberg. Ein Redakteur speiste die Meldung um 10.45 Uhr offenbar ungelesen ins Bloomberg-Professional-System ein, wo sie um 10:53 Uhr New Yorker Zeit auf den Schirmen Tausender Händler und Investoren auftauchte. Das war laut ISA-Präsident Richard Lehman der erste Fehler dieser Art in zehn Jahren. "Es wäre schön", formulierte der Finanzmanager nach dem Debakel, "wenn der Redakteur ein bisschen mehr Ahnung gehabt hätte, was in der Welt so los war."

Der Klick löste eine Lawine an der Wall Street aus. Um 10.58 Uhr meldete Bloomberg, dass der Aktienkurs von United um ein Drittel abgesackt sei. Zu diesem Zeitpunkt bemerkte Lehman den Irrtum und rief bei Bloomberg an - die Agentur entfernte die Falschmeldung um 11.08 Uhr. Acht Minuten später verbreitete der Dienst eine mehrsprachige Klarstellung in roten Großbuchstaben: "United Airlines erklärt, sie habe nicht Konkurs angemeldet."

Wer Schuld hat am Desaster? So viel steht fest: ein Mensch. Nur wer?

Doch da befand sich die Aktie bereits im freien Fall und rutschte vom Eröffnungskurs von rund 12,50 Dollar auf drei Dollar, bevor die Nasdaq um 11.08 Uhr den Handel aussetzte und erst um 12.30 Uhr wieder aufnahm. Die UAL-Pressestelle war indessen damit beschäftigt, Anrufe von Reportern abzuwimmeln, die Einzelheiten zur unerwarteten Konkurserklärung wollten. Bis zum Börsenschluss wurden 54 Millionen United-Aktien gehandelt, und der Kurs erholte sich auf 10,92 Dollar.

Kurz darauf begann das Pingpong-Spiel der gegenseitigen Anschuldigungen. Der Tribune-Verlag warf Google News vor, seine Software könne Uralt-Geschichten nicht von neuen Meldungen unterscheiden und sei gar nicht berechtigt, die Zeitungsarchive zu durchforsten.

Google hielt dagegen, dass das Content-System der Zeitung falsch eingerichtet sei und solchen Irrtümern Vorschub leiste, indem es Meldungen kein Originaldatum zuweise und dieselben Artikel mehrfach archiviere.

United warf der Zeitung "verantwortungsloses Verhalten" vor. Bloomberg hielt sich aus der Debatte heraus, und Income Securities Advisors schob den Schwarzen Peter einfach der Börse zu: "Wenn es zu solchen Kurzschlussreaktionen kommt, stimmt etwas mit dem Handelsmechanismus nicht."

Für Experten wie Danny Sullivan, der Suchmaschinen für die Beratungsfirma Third Door Media unter die Lupe nimmt und einen der meistgelesenen Blogs zum Thema schreibt, hat sich Google nichts vorzuwerfen: "Der Fehler geht auf menschliches Versagen an mehreren entscheidenden Punkten zurück. Die Technik hat sich im Prinzip seit dem Start von Google News nicht verändert, nur die ungeahnten Konsequenzen sind neu."

United Airlines hüllt sich seit dem Vorfall in Schweigen. Am Tag des Kurseinbruchs gab die Fluggesellschaft eine dürre, neun Zeilen lange Presseerklärung ab: Man habe eine Untersuchung eingeleitet. Die Aktie hatte sich bis Ende September bei rund acht Dollar eingependelt. United will auch auf mehrfache Nachfrage hin nichts zum Stand seiner Ermittlungen im Fall "Roboter gegen Redakteur" sagen. -