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Die Mut-Welle

Es geht uns gut, aber kann das so bleiben? Warum sehen wir eigentlich immer schwarz? Geht das auch anders?




Migräne

Der Segen der modernen Wissenschaft ist unbestreitbar, ihr Nutzen tritt überall auf das Herrlichste zutage. Allerdings bleiben immer noch ein paar Fragen. Zum Beispiel diese: Wie geht's der Verdauung?

Keine Sorge, es geht hier nicht um unschöne Details des Stoffwechsels, sondern um einen Zusammenhang, den die Wissenschaft als solche bis heute kaum unter die Lupe genommen hat: den zwischen Wohlstand und Verdauung.

Aha, endlich, wunderbar - rufen jetzt Pharmazeuten, Gesundheitspolitiker und Mediziner im Chor. Ein herrliches Thema! Denn die Leute sind zu dick, sie müssen viel dünner werden! Da haben wir sehr schöne Pillen und Behandlungen im Angebot!

Ja, schade, liebe Menschenfreunde im Arzt-und Apothekerkittel, da wird jetzt nichts draus. Zu früh gefreut. Wohlstand und Verdauung, das hat auch nichts mit einer Portion Pommes zu tun, nach der man Krebs kriegt, und auch nichts mit Genmais, der angeblich bei Nachbars Kindern für drei Ohren sorgt.

Das Stoffwechselproblem mit Wohlstand und Verdauung liegt ganz woanders. Je besser es uns geht, desto öfter reden wir über den Untergang. Je mehr wir haben, desto mehr pflegen wir die Panik. Es macht den Eindruck, als ob der Wohlstand der westlichen Nationen, die unübersehbare Tatsache, dass es noch nie so vielen so gut ging wie heute, vor allem einen Zins abwirft: Angst.

Angst, was da noch kommen könnte. Morgen ist immer Migräne.

Seltsam. Da haben sich unzählige Generationen abgemüht, endlich mehr vom Leben abzukriegen als bloß das Allernotwendigste. Doch nur einige Jahre im Wohlstand und Überfluss genügen völlig, um darin nicht etwa ein Glück zu sehen, das man noch steigern könnte, sondern das Gegenteil davon. Egal, was anliegt, man hört immer nur ein raunziges "Was kann das schon werden?". So gefragt: nichts natürlich.

Kann man das auch anders sehen? Beispielsweise so, dass es doch möglich sein könnte, den erworbenen Wohlstand als Kapital für Besseres zu begreifen, statt sich ständig über dessen möglichen Verlust den Kopf zu zerbrechen? Einfach aus dem etwas machen, das man hat?

Warmzone

Dieses Jahr hat es in sich. In der ersten Hälfte baute sich die Angst vor einer fürchterlichen Inflation auf, die nun, so hieß es bald, auch die letzten Reste des Mittelstandes ruinieren werde. Mit magenkranker Leidensmiene traten Wirtschaftsweise und Politiker, Manager und Journalisten vor die Kameras, um ein düsteres Bild der nächsten Jahre zu zeichnen. Pessimisten sahen vor ihrem geistigen Auge die verelendeten Massen, die sich an offenen Feuern unter Brücken und in Hauseinfahrten wärmten. Doch nicht mal das war, eins weiter gedacht, sicher, bei dem Ölpreis! Von 100 auf fast 150 Dollar pro Fass Rohöl war der gestiegen, in nur wenigen Monaten. Nicht mal mehr die Verelendung ist, was sie mal war!

Dann fiel der Ölpreis wieder, was nicht von Dauer sein wird, gewiss, und das war nun auch wieder nicht gut, denn billiges Öl heißt ja immer auch: mehr Verbrauch, noch schneller also in den Weltuntergang, den wir als Klimakatastrophe kennen. Gleichzeitig flogen, lange verdrängt, doch immer erwartet, die größten Brocken der amerikanischen Immobilienkrise durch die Gegend -Rezessionsalarm. Die heiße Luft, die da über Jahre gebucht worden war, trat mit einem letzten großen Knall aus der Tüte. Der Untergang ist eine Frage der Zeit.

So war es immer ausgemacht. Nun aber geschehen in all dem Gezeter noch Zeichen und Wunder. Zwei dieser Wunder sind der Rede über den Tag hinaus wert.

Das erste Wunder schafften Klimaforscher des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg. Die hatten eine ausführliche Studie über die regionalen Klimaveränderungen in Deutschland bis zum Jahr 2100 präsentiert, Ende August, mitten in der aufkeimenden Rezessionsangst. In der steht, dass der Klimawandel kein Kindergeburtstag ist, aber andererseits auch kein Weltuntergang. Als Grundlage dieser Behauptung können sie ihr Klimamodell Remo (Regionales Klimamodell) vorweisen, das mit einer etwa 20-fach besseren Auflösung arbeitet als bisherige Modelle. Das ist viel besser als das, was die Forscher bisher in petto hatten.

Wie sieht Deutschlands Klimakatastrophe aus?

Mezzo, mezzo, sagen die Forscher. Bis zum Jahr 2100 ist laut Remo ein Temperaturplus von bis zu 3,5 Grad Celsius möglich. Vor allem die Sommer werden wärmer. Im Süden und Norden gehen die Niederschläge zurück, um bis zu 30 Prozent, dafür gibt es im Winter mehr Niederschläge. An der Ostsee wird es um 2,8 Grad, an der Nordsee um bis zu 2,5 Grad wärmer. Auf Skipisten unterhalb von 1500 Meter wird es schwierig mit dem Skilaufen. Es kann auch im Süden zu einer erhöhten Waldbrandgefahr kommen, der Grundwasserspiegel wird sinken. Das ist die eine Seite der Prognose der Klimaforscher.

Eine Seite, aus der man mühelos durch etwas Zuspitzung ein anständiges Katastrophenszenario basteln kann, wenn man will. Doch da geschah etwas Außergewöhnliches. Daniela Jacob, Studienleiterin des Remo-Projekts, sagte bei der Präsentation der Daten ruhig: "Es gibt wie immer zwei Seiten der Medaille." Und das, liebe Damen und Herren, grenzt an ein Wunder. Da sagen Forscher zum ersten Mal seit Jahren klipp und klar: Die Veränderung ist nicht der Untergang. Es gibt auch Effekte, die nicht so schlecht sind. Der Tourismus an Nord- und Ostsee könnte deutlich profitieren. Es wird nach den Szenarien erheblich bessere Ernteerträge geben. Winzer freuen sich auf den Einsatz ertragreicherer und besserer Rebsorten, die bislang nur südlich der Alpen gedeihen. Dass auch die Zahl der kältebedingten Erkrankungen zurückgehen wird, ist alles andere als eine Katastrophe. Die Zukunft, so die Quintessenz, ist kein Grund zur Panik, wenn wir uns heute auf das einstellen, was sich nicht ändern lässt.

Für das zweite, etwas kleinere und etwas weniger nachhaltige Wunder ist Peer Steinbrück verantwortlich. Als die Finanzkrise mit der Insolvenz von Lehman Brothers hochkochte, waren unzählige Experten auf Sendung, die dem Publikum in Europa und Deutschland mehr oder weniger empfahlen, sich schon mal den Strick zu nehmen. In einer hellen Minute sagte der Bundesfinanzminister Folgendes: "Es gibt keinen Grund für irgendeine Weltuntergangsstimmung. Man hat fast den Eindruck, dass man sich für solche Einschätzungen immer entschuldigen muss, weil man der Sehnsucht nach Sado-Maso-Neigungen nicht entspricht." Auch wenn der Politiker Steinbrück schnell wieder zur Tagesklageordnung gefunden hat - der Mut, in all dem Klagen einmal gesagt zu haben, was Sache ist, ziert ihn.

Sache ist: Selbst wenn es Probleme gibt, ist das kein Grund für ein derartiges Gejammere. Wir haben es nicht nötig, uns zu Tode zu fürchten. Warum tun wir es dann so gern?

Katharsis

Die Finsternis in Sachen Morgen ist schon lange Programm. Hoffnung, Optimismus und der Glaube daran, dass alles besser wird, dass künftig mehr Freiheit und Glück bestehen könnten, gelten seit Generationen als naiv und dämlich. Man muss sich, wie Peer Steinbrück richtig sagte, geradezu dafür entschuldigen, wenn man nicht alles scheiße findet.

Es gibt diesen Song, den Kris Kristofferson geschrieben und den Janis Joplin populär gemacht hat, "Me And Bobby McGee" heißt das gute Stück, das bereits 1969 das Lebensgefühl der Wohlstandsgesellschaft, das bis heute noch als normal gilt, zusammenfasste: "Freedom is just another word for nothing left to loose", heißt die berühmte Zeile daraus. Freiheit ist, wenn man nichts mehr zu verlieren hat. Daraus darf man nun folgenden Schluss ziehen: Man ist erst frei, wenn man komplett pleite ist. Man fühlt sich also nur dann von Ängsten und Zwängen frei, wenn man nix mehr hat. Na bitte, damit ist ja endlich klar, was gegen die allgemeine Zukunftsangst hilft: eine hübsche Katastrophe, ein anständiger Krieg, eine ordentliche Geldentwertung, Zusammenbruch, Mord und Totschlag. Dann hat keiner mehr Migräne.

Keine Lust darauf? Ja, aber - mehr haben wir bisher nicht gelernt. So war es immer. Das ist das westlich-europäische Modell von Aufstieg und Fall. Nur im Untergang schimmert die Hoffnung auf einen Neuanfang. Es kann nur besser werden, wenn es uns richtig schlecht geht. Das nennt man Katharsis, das ist griechisch und bedeutet Reinigung. Der Erste, der dieses Modell aufgeschrieben hat, war der griechische Philosoph und Dramatiker Aristoteles. Kein Mensch vor und kein Mensch nach ihm hat einen derartigen Einfluss auf künftige Generationen gehabt. Das aristotelische Weltbild, zu dem die Katharsis als fester Bestandteil gehört, war bis weit in die Neuzeit der wichtigste Anhaltspunkt aller Wissenschaftler und Denker, auch im arabischen Raum. Die modernen Wissenschaften haben Aristoteles weithin widerlegt, aber sein philosophischer Kern liegt dennoch bleischwer auf unserem Denken.

Was ist denn diese Katharsis eigentlich? Für den alten Griechen war sie ein dramaturgisches Mittel. Ein Drama, ein Stück also, musste den Zuschauer schaudern, frieren und zittern lassen. Alles musste ganz hoffnungslos sein, kein Ausweg, nichts, nur dann, so die Annahme des Aristoteles, könne sich die Seele des Betrachters am Ende des Stücks neu aufstellen. Freude und Optimismus können demnach nur nach erlittenem Leid entstehen - und so weiter und so fort. Oder noch einfacher gesagt: Wer Migräne hat, der treibt sich am besten einen rostigen Nagel ins Knie. Dann tut das Köpfchen nicht mehr so weh. So haben wir es schließlich immer gemacht.

Die Katharsis-Logik hat etwas verführerisch Simples, Einfaches. Wenn es Orientierungsprobleme gibt, braucht man nur ein großes, kollektives Unglück. Der Preis für den Reinigungsprozess ist hoch - Menschen, Güter, Hoffnungen werden zermalmt, damit man neue darauf bauen kann. Zynisch betrachtet ist das Evolution, mit Verstand betrachtet eigentlich Wahnsinn. Zumal bei diesem Modell immer abzusehen ist, wann es das nächste Mal nach unten geht. Na, Eselchen, wie geht's dir auf dem Eis? Wollen wir ein bisschen in den Krieg ziehen?

Von Aufstieg und Fall

"Aufstieg und Fall" sind eine Grundidee der abendländischen Kulturgeschichte. Und immer wenn der Zeiger Richtung "Fall" geht, wird es nochmals so richtig dekadent, wortwörtlich. Cadere bedeutet im Lateinischen abfallen. Und das tun wir seit Langem. Wir fallen ab vom Glauben, dass dieses System etwas zusammenbringen könnte, das besser ist als das, was wir heute vorfinden. Die gleichen Tugenden, die ein System groß gemacht haben, werden so maßlos übersteigert, so verfeinert - decadence -, dass niemand mehr ihren Sinn erkennt.

Der Münchener Gehirnforscher und Psychologe Ernst Pöppel läuft Sturm gegen die Dekadenz und ihre Folgeerscheinungen. Für ihn ist die Angstgesellschaft dieser Tage, die Panikmache, die Folge der "schlimmsten Krankheit, die wir in unserer Zeit kennen, das ist die Monokausalität. Wir sagen immer: Alles hat seinen Grund. Es gibt eine lineare, einfache Art zu denken. Aber alles hat eben seine Gründe, die Welt ist komplex." Weil das aber nach wie vor nicht gedacht wird, "läuft jede Generation in ihre Katastrophe, schön symmetrisch, als ob es ein Naturgesetz wäre. Aber das ist es nicht."

Die bisherige Entwicklung der Menschheit sieht freilich noch anders aus. In Generationssprüngen von 30 bis 40 Jahren zeigt sich da auf der Timeline der Menschheit immer wieder eine Katastrophe, nicht selten eine selbst verschuldete. Aufstieg und Fall scheinen eine Konstante zu sein. Kein Wunder, wenn sich die Wohlstandsgesellschaft von heute fast schon besorgt fragt, wo denn nun, bitte schön, der nächste Untergang auf sie warte. Es scheint keinen Ausweg zu geben. Wenn keine Katastrophe kommt, dann basteln wir uns unsere Ängste selbst.

"Das ist eben die Folge der Trägheit, unter der wir leiden", sagt Pöppel. "Aus der Falle müssen wir raus. Noch sitzen wir in der Falle permanenter Reaktivität. Wir handeln zu wenig."

Und haben zu viel Angst.

"Angst ist eine der fünf bis sechs Grundfunktionen unseres Gehirns", klärt Pöppel auf. "Daran ist grundsätzlich nichts Schlechtes, weil wir natürlich dadurch auch aufmerksam werden. Wenn aber Angst als Zustand eine kulturelle Bedeutung erlangt, und das ist heute der Fall, dann basteln wir uns Angsthasen. Dann erziehen wir junge Leute zu Menschen, die sich völlig grundlos sorgen. Wir müssen raus aus diesem Pessimismuskram, den wir ständig in unsere Köpfe einbrennen."

Pöppel sagt dazu, dass das nicht leicht wird: "Wer gegen Panik und Zukunftsangst ist, der muss den Leuten - vor allem sich selbst aber klarmachen: Du musst dich anstrengen. Anstrengung ist der einzige Weg aus dieser Falle. Unser Gehirn stellt uns Bewegung als Dienstleistung zur Verfügung. Bewegung lohnt sich. Wenn aber alles genau auf das Gegenteil ausgerichtet ist, dann kann das nichts werden", sagt er. Die erste und wichtigste Waffe gegen Panikmache und Trägheit, die zweite Seite der Angstmedaille, lautet: "Ich bin für mich selbst verantwortlich." Diesen Satz, sagt Ernst Pöppel, kann man nicht oft genug sagen.

Propheten

Wie jeder weiß, ist Bewegung gut für die Verdauung, und das gilt auch für das Verdauen komplexer Sachverhalte. Es ist ein gutes Mittel gegen Angst. Doch es bedeutet: Anstrengung. Das liegt nicht jedem.

Deshalb ist es so leicht für Propheten, aus der Angst und Unsicherheit der anderen Kapital zu schlagen. Propheten gibt es heute mehr als je zuvor.

Die meisten Leute meinen, dass der Job eines Propheten darin bestünde, die Zukunft vorherzusagen, eine an und für sich zweckneutrale Veranstaltung. Die Zukunft kann ja durchaus gut sein. Doch das gilt in der Welt der Prophetie nie. Das Wort Prophet taucht in den frühen griechischen Übersetzungen des Alten Testaments auf. Der Prophet ist kein Zukunftsforscher, sondern einer, der Angst machen soll. Er ist das Sprachrohr der Autorität, nennen wir sie mal Gott, die uns den Hintern versohlt, wenn wir nicht tun, was ihr genauer: ihren irdischen Vertretern - in den Kram passt. Wer sich nicht so verhält, wie das System es will, kriegt mächtigen Ärger.

Die biblischen Propheten drohen, was das Zeug hält, und im Lauf der Zeit werden die Strafankündigungen immer drastischer. Die Offenbarung des Johannes, die mutmaßlich im ersten nachchristlichen Jahrhundert verfasst wurde, ist an Grausamkeit kaum noch zu überbieten. Die Apokalypse, so das bekannteste Wort aus diesem Schreckenskatalog, droht allen, die nicht exakt dem Glaubenssystem folgen. Die Einhaltung der Systemregeln ist aber durchaus aufwendig. Mal kostet sie Kraft, mal Disziplin, fast immer Geld. Das wäre dann die klassische Katharsis.

Man muss leiden, sich einschränken, Schmerzen hinnehmen, um den größeren Schmerz, der bei Nichteinhaltung der Regeln droht, zu verhindern. So fließen die christliche Moral und das aristotelische Katharsismodell zusammen - und das hält bis heute. Was ist schon eine CO2-Abgabe gegen die Aussicht, dass Hamburg und Kiel überflutet werden, wenn man nichts tut? Was ist schon diese oder jene kleine Abgabe und Steuer angesichts des drohenden Weltuntergangs? Und die Leute mögen das offensichtlich, denn es macht, trotz aller Katharsis, das Leben doch leichter.

Statt eigener Entscheidungen kann man dann den Richtlinien der Autoritäten folgen, und man weiß ja, was man aufs Spiel setzt, wenn man nicht pariert. Bis heute sind etwa die Schreckensvisionen des französischen Arztes und Apothekers Michel de Nostredame, genannt Nostradamus, aus dem 16. Jahrhundert bei vielen Leuten recht beliebt. Nostradamus begann mit seinen düsteren Vorhersagungen, nachdem die Pest seine Familie hinweggerafft hatte.

Sein eigenes Elend hat er, auch das ist ein Merkmal der Zukunftsangst zu allen Zeiten gewesen, auf die Allgemeinheit übertragen. Wenn es mir schlecht geht, dann sollen die anderen mitleiden. Natürlich halten die Vorhersagungen des Nostradamus keiner auch nur oberflächlichen Analyse stand. Es sind Allerweltsaussagen, an die man glauben muss, um sie durch das eine oder andere Ereignis erfüllt zu sehen. Ohne Aberglauben geht gar nichts, er ist die Voraussetzung für Angst und Schrecken.

Was man den biblischen Propheten und ihren Nachfolgern zugute halten muss, ist, dass sie in Zeiten lebten, in denen es an faktischen Katastrophen nicht mangelte. Ihre Welt war furchtbar. Kriege, Krankheiten, Tod, Armut und Hunger waren normal. Wie aber kommt es, dass 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg die Menschen im Westen so gern schwarzsehen? Ist der Wohlstand nicht der Beweis dafür, dass man auch anders kann? Das kommt darauf an, sagt Thomas Straubhaar, Wirtschaftswissenschaftler und Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Das eine führt zum anderen, sagt er.

Angst auf Vorrat

Er hat ein Beispiel dafür: "Sehen Sie, ich komme aus der Schweiz, das ist ein ungeheuer reiches Land. Es herrscht praktisch Vollbeschäftigung. Und dennoch neigen die Leute dazu, eher das Schlechte zu sehen. Nehmen wir einmal an, mitten in Zürich, auf der Bahnhofstraße, wo sich all diese schicken Läden befinden und die großen Banken ihre Hauptquartiere haben, würde es plötzlich Goldtaler vom Himmel regnen. Würden sich die Leute freuen? Nein. Das Erste, was wir hören würden, wäre: , Da kann sich doch jemand verletzen! '"

Wenn nun sogar in der Schweiz, deren Bürger bekanntlich ein ungebrochenes Interesse an allem Materiellen besitzen, die negative Sichtweise jeden Zukunftsmut überbietet, was ist dann erst woanders los? Sind wir alle verrückt geworden? Nein, sagt Straubhaar. Denn die Sache mit der Panik hat natürlich auch etwas Gutes, solange die Angst uns noch die Möglichkeit lässt zu handeln. Das ist der Punkt.

"Ich glaube, dass sich die Menschen in Wahrheit bei uns durchaus bewusst sind, wie brüchig unser Wohlstand ist, wie unsicher er ist. Deshalb fangen sie bei der geringsten Gefahr an, auch nur einer Idee von Gefahr, ausgiebig zu jammern, damit nur ja keiner glaubt, es bestünde keine Gefahr. Das ist eine Art kulturelles Frühwarnsystem. Damit man nichts verliert, tut man so, als ob man alles verlieren könnte, wenn man jetzt nicht achtgibt. Das ist, wenn man es so sieht, eine nicht ganz dumme Strategie: Denn man ist immer ein wenig alarmiert."

Straubhaar kennt die Alternativen gut. An seinem Institut hat er mehrere Studien zum Thema Veränderungsbereitschaft durchgeführt. "Praktisch niemand ist bereit, sich ohne Grund, das heißt ohne Druck und Angst vor Sanktionen, zu verändern. Die Menschen wählen den bequemsten Weg, und der ist nun mal einer, bei dem man sich nicht zu verändern braucht." Ganz klar ist dem Professor aber auch, dass genau diese Haltung nicht nur ein Dauerdepressivum erzeugt - Zukunft ist immer bedrohlich, weil Veränderung -, sondern erst zur eigentlichen Ursache tatsächlicher Probleme führt. "In unserer Kultur ist eines ganz tief verankert: ohne Leid kein Fortschritt. Jeder Fortschritt hat seinen Preis. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir für die Verbesserung der Welt leiden müssen", so Straubhaar.

Die Leute, die nach dem Zweiten Weltkrieg das Land wieder aufbauten, hatten gute Gründe, an die Zukunft zu glauben - es blieb ihnen nichts anderes übrig. Optimismus ist immer reiner Zweck. Doch schon zwei Jahrzehnte später, zur Mitte der sechziger Jahre, begann die bis heute nicht abgeebbte Untergangssehnsucht jene Generation zu erfassen, die im Wohlstand groß geworden war.

Diese Generation war deutlich pessimistischer als jene, der ihr Leben zuvor allen Grund zur Depression gegeben hatte. Und diese Generation begann mit Hochdruck, Probleme in einem Maß zu übertreiben, das die Welt bisher noch nicht gekannt hatte.

Aus Möglichkeiten wurden Tatsachen. Nicht wenige Friedensaktivisten aus den achtziger Jahren berichten, dass sie auf dem Höhepunkt der Atomwaffenangst der letzten Jahre des Kalten Krieges so reale Untergangsträume hatten, dass sie nachts schweißgebadet aufwachten. Die Konstruktion des Untergangs, der Umwelt, der Wälder, der Ökonomie und der Menschheit nahm Formen an, die von ihren Protagonisten bis ins kleinste Detail ausgeformt wurden. "Die Hintergrundmusik dieser Zeit war sozusagen: Leiden auf Vorrat", sagt Thomas Straubhaar.

Und allmählich wurde der Pessimismus als Lebenshaltung zu einem generellen Gesellschaftsprogramm, auch in der Wirtschaft. Nun kann man dem schwerlich einen euphorischen Optimismus gegenüberstellen, der keine Risiken sehen will und sich die Zukunft nur herrlich vorstellen mag. Doch der Umkehrschluss stimmt nicht: Der grundsätzliche Pessimismus von heute baut eben nicht auf kritischen Informationen, Argumenten, Sachverhalten auf, sondern vielfach, wie sein krasses Gegenteil, auf Gefühlen und Vorurteilen - und nicht selten auf Fehlberechnungen. Stimmungen sind schlechte Verbündete.

Ein schönes Beispiel dafür liefert das seit den siebziger Jahren regelmäßig durchgeführte "Stimmungsbarometer der Deutschen Wirtschaft", bei dem das Münchener Ifo Institut fragt, wie es denn um die Geschäftslage stehe. Im August dieses Jahres schlug das Ifo Institut Alarm. Zum dritten Mal in Serie beurteilte nämlich die Mehrheit der rund 7000 befragten Unternehmen die Aussichten fürs künftige Geschäft - gefragt wird nach den nächsten sechs Monaten - düsterer als zuvor.

Dreimal ist dabei wichtig, denn das Stimmungsbarometer basiert auf der Regel, dass einer nachhaltigen Verschlechterung - oder Verbesserung - der wirtschaftlichen Lage mindestens drei vom Trend her gleiche Stimmungstests vorausgehen müssen. Warum eigentlich dreimal? Nun, weil es eine Regel dazu gibt, die sinnigerweise "Dreimal-Regel" heißt, und für wen das zu wenig fachmännisch klingt: Man kann sie auch, fürs gehobene Publikum, "MCD-Maß" nennen (months for cyclical dominance). Das bedeutet genau das Gleiche, klingt aber eindrucksvoller.

Kein Prophezeiungsinstrument ist so populär wie der Ifo-Geschäftsklimaindex. Die Nachrichten und Zeitungen berichten darüber, als ob es um eine Veränderung des Grundgesetzes ginge. Tatsächlich ist das Stimmungsbarometer wenig aussagekräftig, nicht nur der albernen Dreimal-Regel wegen. Gefragt werden im Ifo-Geschäftsklimaindex nämlich seit Jahr und Tag vor allem Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes, des Bauhauptgewerbes, des Großhandels und des Einzelhandels. Doch schon vor einem Jahrzehnt, als Kritik am Stimmungsbarometer aufkam, repräsentierten diese Branchen nur mehr ein knappes Drittel der deutschen Wirtschaft.

Wie auch bei anderen Statistiken zur wirtschaftlichen Verfasstheit werden die alten Branchen, die in den siebziger Jahren durchaus noch rüstig waren, bis heute als Maßstab für generellen Optimismus oder Pessimismus herangezogen. "Dabei kommt es fast schon zu einer biologisch bedingten schlechten Stimmung", sagt Thomas Straubhaar. "Das ist wie bei älteren Menschen. Die haben nicht mehr so viel zu gewinnen, mehr zu verlieren. Das führt dazu, dass sie eher jammern. Jüngere Leute hingegen sind immer optimistischer." Bei Branchen scheint das ganz ähnlich zu sein.

Dass die Umfrage aber als Mittel zur Einschätzung der Zukunft nicht taugt, liegt in der Natur der Sache: Gefragt wird nach der Entwicklung der nächsten Monate, geantwortet wird aber aus der momentanen Stimmung, die heute - noch mehr als früher - sehr schnell umschlägt. Das gilt für diese wie für jede andere Zukunftsumfrage gleichermaßen: Man extrapoliert die gegenwärtige Stimmung auf eine unbekannte Zukunft. Je schneller sich aber die Dinge verändern, desto riskanter wird es, an solche Umfragen zu glauben. Wenn nun - dreimal oder öfter - die Stimmung der befragten Unternehmer eher mau ist, dann wird dies auch für andere zum Signal. Es kommt zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Man konstruiert eine negative Stimmung und übersieht gleichzeitig die Alternative dazu.

Gerade bei sogenannten Experten und Meinungsführern ist dieses Spiel fest eingeübt. Trotz der Hiobsbotschaften von Lehman Brothers bis Hypo Real Estate blieben die meisten Bürger ruhiger als erwartet. Man hatte schon den Eindruck, dass das mediale und politische Establishment beunruhigt darüber war, dass nicht die große Panik ausbrach. Die Leute sind weiter als die Angstmacher.

Pessimisten-Logik

Dennoch gilt auch weiterhin: Optimisten haben es schwer. Wer etwa behauptet, wir sollten das, was wir haben, dafür einsetzen, dass die Welt noch besser wird, und dazu auffordert, sich dafür zu verändern, trifft weder die Stimmung der Leute - Veränderungen sind mühsam - noch kann er beweisen, dass seine Vorhersagen aufgehen. Pessimisten hingegen gewinnen immer, und das lässt sich eigentlich ganz einfach auch an der Geschichte der Untergangspropheten der neueren Zeit nachverfolgen.

Straubhaar empfiehlt seinen Studenten dazu gern den modernen Klassiker der Apokalyptik, Dennis Meadows' Club-of-Rome-Studie "The Limits of Growth" von 1972. Es ist bekannt, dass Meadows sich praktisch in jedem Punkt geirrt hat. Na und?, sagt der dazu. Eben deshalb! Nur weil er gewarnt hat, ist es nicht so schlimm gekommen. Meadows sagt auch offen, er glaube nicht an den "intellektuellen Diskurs". Sein Mittel der Wahl ist die staatliche Verordnung. Zwang und Druck. Der Mensch ist nicht klug genug, um seine Prognosen ernst zu nehmen. Aber die Machthaber haben schon verstanden, wie sich mit Umweltängsten Kasse machen lässt.

Frag mal nach!

Aus Angst und Feigheit wird nicht über Nacht Mut und Optimismus, das ist klar, aber dennoch gibt es einige gute Zeichen, dass sich die Ära der Angst-auf-Vorrat-Generation dem Ende zuneigt. Der Soziologe Ortwin Renn ist auf einer der heikelsten Ebenen des Zukunftspessimismus ein ausgewiesener Experte: Er ist Risikoforscher, spezialisiert auf die Folgen des Einsatzes von Technologie. Lange Jahre war der technische Fortschritt ein Grund, alles rosig zu sehen. Längst aber ist Technologie zum Unwort geworden, das nur mehr verhalten ausgesprochen wird. Ein solides Fundament für alle Zukunftspessimisten, die immer schon gern Ursache und Wirkung verwechselten. Wie steht es also um die technische Zukunft, den Fortschritt? Alles im Eimer, Herr Renn?

"Die Situation hat sich geändert", weiß Renn, "die ganz Jungen sind wirklich anders. Die Ängstlichkeit gegenüber Technologien ist einer Skepsis gewichen, die nicht mehr so emotional ist." Skepsis ist nicht Panik, das ist wichtig. Skepsis ist noch nicht mal Misstrauen. Im Griechischen bedeutet das Wort schauen oder spähen, also nachgucken, ob das, was jemand als Wahrheit erzählt, auch einen Beweis im wirklichen Leben liefern kann. Skeptiker sind nicht dagegen oder dafür. Sie schauen selbst nach. Sie denken selbst, bevor es andere für sie tun.

Das ist nicht schlecht. Nicht nur bei Technik. Denken wir an die US-Immobilienkrise. In der Wirtschaft ist Skepsis bis jetzt nicht wirklich verbreitet. "Dabei ist es sehr gut, dass nun endlich auch die Prognosen und die Zahlengläubigkeit in der Ökonomie infrage gestellt werden, dass man nach Qualität fragt und nach Wirkung", sagt Renn. Denn das wäre "der Anfang einer vernünftigen Diskussion, was eigentlich passiert und wie man dann daraus was machen kann".

Für diese Diskussion braucht es in der Tat einen Neuanfang, bei dem ein guter alter Stoff eine wichtige Rolle spielt: Vertrauen. Und, ergänzt Renn, der Wille der Bürger, sich nicht alles nur aus dritter Hand erklären zu lassen, sondern selbst Fragen zu stellen.

"Keine Panik", sagt Ortwin Renn, "denn das haben wir nicht nötig. Wir müssen nicht mehr aus Katastrophen lernen, wir hatten genug davon. Wir können ja schlicht mal darauf stolz sein, dass wir etwas gelernt haben." -