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Die Krise ist eine Krise ist keine Krise

Steigende Energie- und Rohstoffpreise bedrohen das Wirtschaftswachstum. Oder vielleicht doch nicht?




- Kein Aufwand, dafür Gewinn - und obendrauf eine neue Heizung. Das klingt gut. Dachte sich Matthias Heidorn und entwickelte eine Geschäftsidee: Energie-Einspar-Contracting. Und das geht so: Er bietet Großkunden - beispielsweise Unternehmen, Krankenhäusern, Gemeinden an, für 10 bis 15 Jahre die Haustechnik zu übernehmen. Dann tauscht er veraltete Anlagen aus, setzt innovative Konzepte um, wie etwa den gebündelten Stromeinkauf an der Börse, und verschafft seinen Kunden so um 30 bis 50 Prozent geringere Energiekosten. Zehn Prozent dieser Einsparungen behält der Kunde, der Rest refinanziert die Investition. Klingt vernünftig.

Im Jahr 2005 gewährte eine Bank für diese Idee einen Kredit, und der erste Kunde unterschrieb einen Vertrag. 2006 gaben die Versorger RWE und Eon bekannt, die Strom- und Gaspreise um zehn Prozent zu erhöhen. Im März 2007 beschwor Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem 2. Rohstoffkongress des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) eine "Nationale Rohstoffstrategie", was dazu führte, dass eilig Geld in allerhand Fördertöpfe für Rohstoff sparende Techniken geschüttet wurde. Politik, Medien und Wirtschaft wussten sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu entscheiden, was nun der schlimmere Albtraum für die Weltökonomie sei: die amerikanischen Hypotheken oder die explodierenden Rohstoffpreise.

Im Jahr 2008 hatten sich in Deutschland allein die Heizkosten im Vergleich zur Jahrtausendwende nahezu verdoppelt, und das war so ziemlich das Beste, was Heidorns Firma Nycontec GmbH passieren konnte. Als er die Firma 2005 mit Freunden und dem Vater eines Freundes gründete, war er 20 Jahre alt und hatte gerade ein Wirtschaftsstudium begonnen. Die sogenannte Rohstoffkrise wurde für ihn zum echten Glücksfall: Eine neue Heizung und einen Zuschuss aus einem Fördertopf konnte auf einmal jeder gebrauchen zumindest bis vor einigen Wochen war das noch so.

DIE ROHSTOFFPREISE

Anfang Oktober meldeten die Heizöl-Lieferanten, dass sie die Nachfrage kaum mehr erfüllen können. Ein Preisverfall von mehr als 20 Prozent löste einen wahren Kaufrausch aus. Zur gleichen Zeit beklagten Analysten und Medien die nächste Rohstoffkrise - diesmal wegen rekordverdächtig fallender Preise. Der Reuters-Jefferies-Index CRB - das Markt-Barometer für die wichtigsten Rohstoffpreise - stand im Juli noch auf einem Rekordhoch, bis Oktober hatte er 43 Prozent verloren. Dem Rekordanstieg folgte binnen weniger Monate ein Rekordverlust, der imposanteste seit dem Rezessionsjahr 2001. Noch bevor sich die Politik also zu Ende überlegen konnte, wie auf die hohen Rohstoffpreise zu reagieren sei, und die Ökonomen sich darüber zu einigen vermochten, wie schädlich sie überhaupt sind, war die Hausse schon wieder passé - und der Rohstoffmarkt von einer Krise in die nächste geschliddert.

Und nun? Was wird aus den Heizungen des Wirtschaftsstudenten, den schönen Förderprogrammen, den guten Ideen?

Der Reihe nach. Alles begann mit steigenden Preisen: Die Weltwirtschaft wächst, die Weltbevölkerung auch, der Rohstoff-und Energiebedarf steigt, und der Vielfraß China kauft die Rohstoff-Märkte leer. Die Folge: immer neue Rekorde bei den Rohstoffpreisen, etwa für Öl, Gas, Kupfer, Edelmetalle, Stahl, Aluminium, Uran oder Düngemittel. Im Jahr 2003 begann eine Bilderbuch-Hausse, die sehr bald befürchten ließ, dass es mit dem Wachstum bald zu Ende sein könnte - und mit den Rohstoffen sowieso. Den letzten Tropfen Öl, wir werden ihn erleben und uns zugleich nicht mehr leisten können, wenn wir nur lange genug gesund und munter bleiben so jedenfalls konnte man die Prognosen im schlimmsten Fall deuten.

Der BDI sah bereits 2006 als Folge dieser Entwicklung in naher Zukunft "die Räder in Deutschland stillstehen". Die EU-Kommission senkte am 10. September 2008 ihre Wachstumsprognose für die Euro-Zone um 0,4 Prozent - wegen der Immobilienkrise und der hohen Rohstoffpreise. Aktuell, auch nach dem fulminanten Absturz, liegen die Preise noch immer relativ hoch, ungefähr auf dem gleichen Niveau wie bei der Rekord-Hausse zu Beginn der achtziger Jahre.

Doch bislang war noch jedes Unheil für irgendetwas gut. Wobei in diesem Fall noch geklärt werden muss, ob dieses Unheil tatsächlich eines ist und welches überhaupt das Unheil sein soll: die teuren, die nicht mehr teuren oder die knapp werdenden Rohstoffe?

KRISE I Die Rohstoffe werden teuer und knapp

Frühzeitig ihre Zweifel an der angeblichen Krise durch teure und knappe Rohstoffe hatte Christiane Ploetz von der VDI Technologiezentrum GmbH, Abteilung Zukünftige Technologien Consulting. Das ist eine Art Zukunftsbüro und Trendindikator für heutige Ideen und Einfälle; wenn man so will, auch für mögliches Unheil. Auf das Thema Rohstoffknappheit stößt die Wissenschaftlerin mit ihren Kollegen Günter Reuscher, Vera Grimm und Axel Zweck, als sie im Jahr 2006 genau dieses Wort nicht mehr hören konnten: "Eine Horrormeldung jagte die andere, irgendwann war uns das einfach zu einseitig."

Natürlich sei die Situation beispielsweise für einen Kabelhersteller, der Kupfer für die Leitung und Öl für die Isolierung benötigt, eine Katastrophe. Da gebe es nicht viel Aufmunterndes zu entgegnen. Was das beschworene Unheil aber an anderer Stelle an Innovationspotenzial freisetzen könnte, hat sich bis dahin noch niemand überlegt. Also arbeiten die Zukunftsforscher vom VDI ein Jahr lang an einer Studie zum Thema "Innovationen gegen Rohstoffknappheit". Und meinen, einen Trend zu erspüren.

Die Rohstoffknappheit könnte sich demnach auch als Glücksfall für die Wirtschaft erweisen, der weit über die alternativen Energien oder einige durch Berlin und Brüssel fahrende Elektro-Smarts hinausginge. Immer mehr Innovationen bauen bereits eine neue Welt. Man muss allerdings genau hinschauen, denn diese neue Welt sieht mitunter genauso aus wie die alte. Sie besteht nur aus reanimierten, alten Bekannten oder neuartigen Materialien und wird auf anderen Wegen erschaffen als bislang üblich. Die schon jetzt nutzbaren technischen Möglichkeiten sind enorm. Und manchmal ist es fast besser, nicht zu wissen, was etwa so alles in einer Häuserwand steckt. Es lässt sich heute sprichwörtlich aus Scheiße Gold machen - also auf jeden Fall Zement.

BEISPIEL I Klärschlamm zu Wolkenkratzern

Vor knapp drei Jahren verbot die Bundesregierung die Entsorgung von Klärschlamm auf Feldern. Doch was sollte nun damit geschehen? Eingesprungen ist die Zementindustrie, die in ihren Fabriken mit Klärschlamm nun Baustoff herstellt, im Fachterminus heißt das: "abfallstämmig" produziert. Was durch Toiletten gespült wurde, landet getrocknet oder flüssig in den Zementwerken und wird dort zunächst verbrannt. Die Wärme dient dem Herstellungsprozess und ersetzt die sonst dafür verwendete Kohle. Eine Studie an drei Zementwerken ergab: Durch 200 000 Tonnen Klärschlamm werden im Jahr schätzungsweise 40 000 Tonnen Kohle eingespart, nebst entsprechender CO2-Emissionen. Was bei der Verbrennung übrig bleibt, wird als Zusatzstoff dem Zement beigemengt.

Auch Walid Hejazi glaubt einem Trend auf der Spur zu sein. Seit Jahren observiert der Ökonom von der Rotman School of Management an der University of Toronto die globalen Wirtschaftskreisläufe. Seit die Rohstoffpreise steigen, verzeichnet er sinkende Einfuhren aus China in Richtung Nordamerika. "Es könnte sein, dass wir an einen Punkt gelangt sind, an dem die hohen Energiepreise den weltweiten Warentransport so teuer machen, dass sie Lohnkostenvorteile in fernen Regionen aufheben", sagt Hejazi.

Es könnte natürlich auch eine andere, nahe liegende Erklärung dafür geben: dass die darbende USA wegen der Krise weniger importieren. Genau sagen ließe sich das erst, wenn sich die amerikanische Wirtschaft wieder erholte - worauf Hejazi nach derzeitiger Lage der Dinge womöglich noch viele Forschungssemester lang warten muss. Dass es aber in Zukunft kaum noch sinnvoll ist, wie bisher Stahl von China nach Nordamerika zu verschiffen, wagt der Wissenschaftler zu prophezeien. Die US-Regierung fördert gerade den Bau neuer Stahlwerke im eigenen Land, wovon wiederum die deutsche Industrie profitiert: Gebaut werden die Fabriken von ThyssenKrupp. Hejazi weiß auch, dass in seiner Heimat aufgrund der hohen Rohstoffpreise bald noch sehr viel mehr gebaut werden muss. Sogar eine alte Bekannte steht vor einem unerwarteten Comeback: die Eisenbahn.

BEISPIEL II Die Renaissance der Eisenbahn

Einst trieb sie die Eroberung des Westens, dann wurde sie vergessen. In Nordamerika endete das Goldene Zeitalter der Bahn, als Henry Ford das Zeitalter des Autos einläutete. Ironischerweise sorgen nun die Krise von Ford und Co. und deren Sprit fressende Modelle für eine Renaissance der Schiene. Der Ölpreis macht Autofahren zu teuer. Sieben Milliarden kanadische Dollar investiert allein Ontario, die Heimatprovinz von Walid Hejazi, in den Ausbau der Infrastruktur, vornehmlich in eine Erweiterung des U-Bahn-Netzes. Auch Fernverkehrsgleise, die lange unter sattem Grün träumten, werden wieder reanimiert. In Massachusetts verkehrt mit der Greenbush-Line eine der ersten Schnellzugverbindungen. Angesichts der hohen Spritpreise und der maroden Straßen in Amerika (Sanierungsbedarf zirka 3,5 Billionen Dollar) sieht John Stilgoe, Harvard-Wissenschaftler, die Zukunft auf dem Gleis. Er schreibt in seinem Buch "Train-Time" (2007), dass auf Diesel-Lokomotiven nur ein Prozent des nationalen Ölverbrauchs entfällt. Durch eine Elektrifizierung ließe sich dieser Anteil weiter minimieren. Stilgoe prophezeit Schnellzugverbindungen durch den ganzen Kontinent. Großanleger wie Warren Buffett investieren bereits; er hält einen hohen Anteil der Burlington Northern Santa Fe, die im Westen der USA mehrere Zugverbindungen betreibt. Stilgoe sieht daher bald Gras über einige amerikanische Highways wachsen.

Statt düsterer Horrormeldungen kann, wer will, immer häufiger bunte Verheißungen hören: In Den Haag bezieht ein Nachtclub ein Drittel seiner Energie allein von seinen tanzenden Gästen; die Universität Oldenburg macht aus organischem Abfall binnen zwölf Stunden Kohle, die Beleuchtungsindustrie entwickelt selbstleuchtende Displays - man könnte es fast eine neue Panik nennen, diesmal im positiven Sinn. "Noch nie in der Geschichte stand die Weltwirtschaft unter so einem Innovationsdruck wie in Zeiten der hohen Rohstoffpreise", sagt Axel Zweck, oberster Zukunftsforscher beim VDI und Leiter der besagten Studie zur Rohstoffknappheit. "Wir sind uns dabei kaum im Klaren darüber, was da auf uns zukommt", sagt er und fügt entschieden an: "Also an Möglichkeiten."

Er sitzt in seinem Büro neben dem Düsseldorfer Flughafen. Der Anzug schwarz, die Wände weiß, ein Bücherregal, ein aufgeräumter Schreibtisch, die Jalousien sind heruntergelassen - die Sonne steht an diesem Vormittag in voller Pracht vor dem Bürofenster. Dahinter versucht Zweck einen kühlen Kopf zu bewahren und sieht in der Zukunft eher wachsendes Potenzial statt schwindender Rohstoffvorräte. "Alle sprechen davon, was China an Ressourcen verbraucht. Wie viele Ingenieure oder Wissenschaftler - und damit Innovationen dieses Land jedes Jahr produzieren wird, beachtet niemand", sagt Zweck.

Er studierte mit seinen Mitarbeitern unter anderem die Technologieprognosen der führenden Industrienationen. Dort laufen derzeit beträchtliche staatliche Förderprogramme, um auf die Rohstoffkrise mit effizienter Technik oder Ersatzprodukten zu reagieren. Dabei entstehen neue Wirtschaftszweige, die hübsche Namen wie Clean, Green oder Eco Technology tragen. Nach Angaben des Umweltprogramms der UN (UNEP) wurden 2007 allein in den Bereich Clean Tec weltweit mehr als 148 Milliarden Dollar investiert. Christiane Ploetz sagt: "Es gibt immer einen Zeitraum, wo alle nur reden. Jetzt wäre der richtige Moment zu handeln: Aufgrund des Preisdrucks sind auch die Innovationen durchsetzbar, die es in der Vergangenheit noch schwer hatten."

BEISPIEL III Die mobile Brennstoffzelle

Brennstoffzellen gelten als aussichtsreiche Technik der Zukunft. Überall in der Welt wird an dieser Art der Energiegewinnung geforscht - die Firma Smart Fuel Cell im kleinen Ort Brunnthal bei München produziert Brennstoffzellen bereits seit fünf Jahren. Ganz kleine, praktische - für unterwegs, von denen mittlerweile mehr als 10 000 Stück für Anwendungen in Freizeit, Industrie und Militär verkauft wurden. Im Oktober gewann das Unternehmen gar den ersten und dritten Platz des "Wearable Power Prize", ausgelobt vom US-Verteidigungsministerium. Prämiert wurden Innovationen, die für eine mobile Stromversorgung bei mehrtägigen militärischen Einsätzen sorgen. Die getesteten Systeme mussten vier Tage lang kontinuierliche Leistung liefern, Leistungsspitzen von bis zu 200 Watt abdecken und weniger als vier Kilogramm wiegen. Nach den vier Tagen liefen die SFC-Produkte immer noch und hatten den "Feldeinsatz" bestanden. Dafür gab es ein Preisgeld von 1,25 Millionen Dollar.

Wie schnell dieser günstige Moment aus einer kleinen Idee ein großes Unternehmen machen kann, zeigt die Geschichte des Studenten mit den Heizungen. Zu Jahresbeginn verkaufte Matthias Heidorn seine Firmenanteile an den einstigen Medienunternehmer Georg Kofler. Der Ex-Premiere-Chef macht nun in Haustechnik, erwarb nicht nur Heidorns Firma, sondern auch gleich noch ein Ingenieurbüro mit 100 Mitarbeitern. Das Ganze heißt jetzt Kofler Energies AG.

Angesichts von mehr als 2500 Krankenhäusern, die allein in Deutschland mit den hohen Energiepreisen kämpfen und gleichzeitig kaum über das Kapital für notwendige Investitionen in moderne Technik verfügen, schwingt hier mehr als nur Marktfantasie mit. Kofler will 150 Millionen Euro investieren und warb für sein neues Unternehmen Konrad Jerusalem vom Energiekonzern RWE ab. Der war dort Chef der Abteilung Übernahmen und Fusionen. Ein Börsengang sei nicht ausgeschlossen, sagt Georg Kofler. Die Chancen dafür stünden derzeit gar nicht schlecht. Innovationen gegen die Rohstoffknappheit gelten bei institutionellen Finanzinvestoren neuerdings als der kommende "Megatrend".

DIE BÖRSE WIRD GRÜN

Nun sollte man spätestens bei diesem Begriff vorsichtig werden. Andreas Fink, Direktor beim Bundesverband für Investment und Asset Management e. V., spricht lieber von einer "markanten Entwicklung", meint dies aber ebenfalls begeistert. "Schauen Sie sich den Tec-Dax an: Vor fünf Jahren gab es dort kein einziges Unternehmen aus dem Bereich alternative Energien. Heute konzentrieren sich 50 Prozent der Marktkapitalisierung im Bereich Wind-und Solarenergie", so Fink. Sein Verband zählt momentan mehr als 160 Fonds, die allein in Deutschland zusammen gut zehn Milliarden Euro in Themen wie Nachhaltigkeit, Klimawandel, Ressourcen, Rohstoffe und Energie investieren. Nicht weil "Ressourcen sparen" gut klingt, sondern weil sich damit Geld verdienen lässt.

Allianz Global Investors etwa hat im Mai 2006 den Fonds Global Eco-Trends aufgelegt, der heute weltweit mehr als zwei Milliarden Euro verwaltet und in Aktien von Unternehmen mit den Geschäftsfeldern alternative Energien, Umwelttechnik und sauberes Wasser investiert. Seither weist der Fonds 24 Prozent Wertzuwachs aus.

Das Geld kommt größtenteils von Privatanlegern; in diesem Jahr setzte erstmals ein amerikanischer Pensionsfonds auf das Anlagekonzept. Vor drei Jahren war dieser Markt noch nicht reif, und die Techniken waren es meist auch nicht. Mittlerweile investiert die Eco-Fondsmanagerin Bozena Jankowska von London aus nur noch in Aktien börsennotierter Unternehmen. "Da draußen existieren mittlerweile Abertausende von für uns interessanten Firmen, da müssen wir Prioritäten setzen", sagt die Investorin. Ihre Kriterien bei Eco Tec sind: eine hohe Marktkapitalisierung, nennenswerte Liquidität, Marktführerschaft, gutes Wachstumspotenzial und eine hohe Produktqualität. Als Ausschlusskriterium gelten unsichere Technologien mit langer Markteinführungsphase.

Die Zukunftsaussichten für Innovationen gegen die Rohstoffknappheit beschreibt die Fondsmanagerin als "bestens". Und der günstige Moment durch den Preisdruck auf den Rohstoffmärkten wird in nächster Zeit noch durch weitere Faktoren verstärkt: der drängende Investitionsbedarf in die gealterte Infrastruktur von Europa und den USA, die weltweiten Bemühungen für einen breiten Energie-Mix, die üppigen staatlichen Förderprogramme, etwa das Umweltprogramm der chinesischen Regierung und die weltweiten Anstrengungen zur Senkung des CO2-Ausstoßes.

KRISE II Die Rohstoffpreise fallen

Bei dieser Euphorie wagt man nun fast nicht mehr zu fragen, was denn das Ende der Rohstoffkrise - also der hohen Preise - für Green, Eco und Clean bedeuten wird? Was bleibt von diesem "Megatrend", angesichts der neuen Rohstoffkrise - der fallenden Preise -, und wie sehr kann man der Nachhaltigkeit von Rohstoffkrisen jeder Art überhaupt trauen?

Hier lohnt ein Blick in die Vergangenheit, in die siebziger Jahre - da sprachen die Menschen auch von einer Roh stoffkrise, wegen hoher Preise und knapper Ressourcen. Sonntags blieben die Autobahnen leer, und der aus der Krise geborene Megatrend hieß Atomkraft - die Leute glaubten fest daran, dass sie schon bald mit Atomautos fahren würden. Heute glauben wir an Batterien. Damals blieb letztlich alles beim Alten, als die Preise wieder abstürzten. Kaufkraftbereinigt, war Benzin Anfang 2000 wieder genauso billig wie Anfang 1970. In der Zeit dazwischen postulierte der Club of Rome eine Dauerenergiekrise und die baldige Erschöpfung wichtiger Ressourcen. Am Ende kauften die Leute dann Geländewagen und nicht das Drei-Liter-Auto.

DER SCHWEINEZYKLUS - Öl reicht noch 50 Jahre - immer!

Die Rohstoffkrise - zu diesem Thema doziert Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) mit großer, fast heimtückischer Freude. Er habe mehrere Wetten laufen, sagt er, und sein Grinsen zeugt davon, dass er nicht daran zweifelt, sie zu gewinnen. Der Physiker und Wirtschaftsingenieur behauptet, Rohstoffe gebe es auch zukünftig ausreichend, also zumindest für die nächsten Jahrhunderte. Sie würden auch schon bald erschwinglicher, selbst wenn das heute wenig vorstellbar klingt. 1979 habe auch niemand geglaubt, dass der Ölpreis 1998 wieder bei zehn Dollar das Barrel liegen würde, entsprechend schwer fällt uns heute so eine Annahme für das Jahr 2027. Außer Manuel Frondel natürlich, der im vergangenen Jahr für die Bundesregierung eine fast ketzerisch anmutende Studie zur "Versorgungssituation 2020" erstellte.

Hinsichtlich der untersuchten zehn kritischen Rohstoffe sei Panik unnötig. Alles verlaufe im typischen Schweinezyklus. Dieser beschreibt die Rohstoffkrise als zyklisches Unheil, wo Krise I und II einander bedingen. Das Unheil sei somit auch kein Unheil, sondern ein über die Jahrzehnte beobachtbarer empirischer Fakt, der sich auch theoretisch begründen lässt: Er beginnt mit niedrigen Preisen, weil etwa den Ostblockstaaten nach ihrem Zusammenbruch nichts anderes übrig blieb, als ihre Rohstoffe billig auf den Markt zu werfen. "Das weltweite Angebot nimmt zu, die Förderung wird nicht ausgebaut, und die Explorationsanreize tendieren Richtung null", erläutert Frondel.

Entwickelt sich gleichzeitig eine steigende Nachfrage, etwa durch das Weltwirtschaftswachstum der vergangenen Jahre, führt dies zu einer relativen Knappheit, der nicht von heute auf morgen begegnet werden kann. Der Schweinezyklus erreicht seinen Höhepunkt - einen Moment, den wir nach Frondels Meinung gerade hinter uns haben. Seit Beginn der Hausse lohnt es sich für die Rohstoffförderer wieder, neue Reserven zu erschließen - etwa in der Arktis oder im kanadischen Ölsand. Viele Vorkommen sind übrigens seit dem letzten Preisverfall Ende der achtziger Jahre bekannt; damals ergab es nur keinen Sinn mehr, sie abzubauen. Das wird nun nachgeholt, nicht selten mit weitaus besserer Technik - das Angebot steigt, die Rohstoffpreise fallen, nicht zuletzt durch die sinkende Nachfrage wegen der Finanzkrise - und Manuel Frondel hätte seine Wetten gewonnen.

WELCHE IST DIE KRISE - KRISE I ODER KRISE II? KEINE

Fassen wir zusammen. Die Krise ist keine Krise, sondern ein Glücksfall. Der wird aber schon von der nächsten Krise eingeholt. Warum warten wir eigentlich nicht statt hektisch abfallstämmigen Zement anzurühren - den Schweinezyklus einfach ab und machen dann weiter wie zuvor?

Das wäre, wie schon gesagt, reichlich primitiv, aber irgendwie typisch - in diesem Fall allerdings ausnahmsweise wenig wahrscheinlich. Nicht, dass der Mensch nun eine verständigere Spezies geworden wäre. Die Hoffnung für Clean, Green und Eco liegt eher in handfesten Tatsachen begründet. Die Kosten des Rohstoffeinsatzes spiegeln heute nicht mehr nur die jeweiligen Weltmarktpreise wider, sondern auch die für den Verbrauch auferlegten Abgaben sowie damit verbundene Zusatzkosten. Zum Beispiel in Form von Emissionsrechten. Gleichzeitig haben viele Regierungen ehrgeizige Senkungsziele für den CO2-Ausstoß ausgerufen - alles Gründe, die Unternehmen zu effizienten Techniken drängen, zumal Einsparungen im Rohstoffverbrauch auch bei günstigen Preisen einen Kosteneffekt haben.

Zusätzlicher Druck kommt von bereits beschriebener Stelle: Wer vor den institutionellen Finanzinvestoren gut dastehen möchte, muss heute ernst gemeinte Fragen zu CO2-Emissionen und Rohstoffeffizienz beantworten. Für die Analysten der Finanzmärkte sind Kennzahlen zur Rohstoffabhängigkeit und Emissionsmenge mittlerweile mehr als relevant, offenbaren sie doch beträchtliche Risiken für die Bilanzen von Unternehmen.

"Wenn RWE in diesem Jahr wahrscheinlich für 1,6 Milliarden Euro Emissionsrechte zukaufen muss, ist das auch für einen so großen Konzern eine Hausnummer", sagt Alexander Bassen. Der Wirtschaftswissenschaftler von der Universität Hamburg arbeitet mit Forschern in aller Welt am Carbon Disclosure Project, einer globalen Studie über 2400 Unternehmen, die ein Drittel des weltweit verwalteten Vermögens repräsentieren.

Ursächlich für diese Untersuchung war, dass die institutionellen Investoren lange keine Informationen darüber hatten, wie sich etwa die Folgen des Klimawandels und die damit einhergehenden staatlichen Eingriffe auf die Unternehmen auswirken. Einige der hier gesammelten Zahlen lesen sich für Green, Clean und Eco überaus hoffnungsvoll. So untersucht Bassen seit drei Jahren die künftigen Emissionsmengen sowie die geplanten Investitionen zur Rohstoff- und Energieeffizienz der 200 größten deutschen Konzerne. Mehr als 30 Prozent der befragten Unternehmen wollen in den kommenden Jahren in diesen Bereich investieren. Das bedeutet Milliardenaufwendungen, über die sich Firmen freuen, die entsprechende Innovationen anbieten. Mögliche Kunden fänden sich quer durch alle Branchen; eine CO2-Bilanz betrifft heute einen Stromversorger genauso wie etwa eine Bank.

BEISPIEL IV - Die zwei Türme

Um 55 Prozent will die Deutsche Bank den CO2-Ausstoß ihrer Firmenzentrale reduzieren. Das Gebäude wird derzeit komplett saniert. 98 Prozent des Bauschutts werden recycelt. Das Gebäude wird neuartig verglast, bekommt eine intelligente Lichtsteuerung, Solaranlagen, Wassergewinnung und -aufbereitung. So werden in Zukunft die Stromkosten halbiert, der Wasserverbrauch sinkt um 40 Prozent.

DIE EFFIZIENZ-REVOLUTION

Wie herrlich das klingt. Es scheint, als schritten wir bald durch eine saubere, grüne Eco-Welt. Doch wie Dinge oft nicht so schlimm sind, wie alle denken, sind sie auch nicht so rosig, wie alle behaupten.

Für Matthias Buchert stehen wir allenfalls am Beginn einer - wenn man es denn so nennen mag - Effizienz-Revolution. Der Wissenschaftler vom Öko-Institut in Darmstadt ist einer der Mittler zwischen Wirtschaft und Politik, lotet den Sinn von Fördermaßnahmen aus oder betrachtet soziale wie ökologische Folgen neuer Tech nologien. Die Effizienz-Revolution sieht er von den Unternehmen einerseits propagiert und zugleich hintergangen. Man schaue nur auf die Automobilindustrie, die einerseits Elektro-Smarts durch Berlin rollen lässt und andererseits in Brüssel bei den Abgasnormen mauert. Auf vielen Gebieten habe die hiesige Wirtschaft durch diese Taktik erfolgreiche Trends verpennt.

Außerdem sollte man sich nichts vormachen, sagt Buchert: "Auch Zukunftstechnologien werden Rohstoffe brauchen." Vielleicht nur andere, wie das Metall Indium zeigt, das als neuer Rohstoff gilt, seit es zum Beispiel in Flachbildschirmen Verwendung findet. Für Buchert ist die These von der Knappheit zwar ebenfalls diskussionswürdig, allerdings nicht der einzig entscheidende Punkt. "Rohstoffförderung geht immer mit Umweltbelastungen einher, die Natur zerstören und Menschen krank machen", so Buchert. Das sei Grund genug, alle Materialien so effektiv wie möglich einzusetzen.

Dafür gebe es seit der Rohstoff-Hausse auch ein verstärktes Interesse. "Noch vor Kurzem waren die Materialkosten ein unterbelichteter Bereich. Man verstand sich nur auf das Trimmen von Personalkosten", so Buchert. Was auch daran liegen mag, dass Berater leichter Beschäftigungsschlüssel überschauen als den sinnvollen Einsatz von - sagen wir mal - Indium in der Flachbildschirmproduktion. Dabei wäre die Materialeffizienz für Wirtschaftsberater durchaus ein interessantes Feld: Aufwendungen für Material machen heute mit etwa 500 Milliarden Euro mehr als 40 Prozent der Kosten im produzierenden Gewerbe aus und sind damit mehr als doppelt so hoch wie Lohnkosten.

Matthias Buchert führt deshalb den Gedanken von Walid Hejazi noch weiter: Billiglohn-Länder verlieren ihren Vorteil womöglich nicht nur durch hohe Transportkosten, sondern auch an materialeffiziente Ökonomien. "Der Wettlauf der Regionen wird zum Wettlauf der Technologien."

KLEINE SCHRITTE, GROSSE WIRKUNG

Diesen Wettlauf unterstützen viele Regierungen mit einer Unmenge staatlicher Förderprogramme. Acht dieser Steuermillionen landen beispielsweise beim "Impulsprogramm Materialeffizienz", dem auch die Agentur für Materialeffizienz in Berlin angehört. Das ist ein Projektteam innerhalb der VDI/VDE Innovation und Technik GmbH, die mit ihren 200 Beratern Unternehmen Sparmöglichkeiten aufzeigt. Einen Teil der Beratungskosten trägt das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie. Mario Schneider, Leiter der Agentur, schätzt das mögliche Einsparpotenzial auf 2,5 Prozent der Unternehmensumsätze. "Oft sind es bereits kleine Änderungen, die wenig oder gar nichts kosten und große Auswirkungen haben", sagt Schneider. Selbst bei sehr erfolgreichen Unternehmen gebe es außerhalb ihrer Kernkompetenzen oft Bereiche, in denen sie nur über durchschnittliches Know-how verfügen. Bei bislang mehr als 230 Potenzialanalysen war die Hälfte aller Einsparvorschläge für weniger als 10 000 Euro umsetzbar, die Amortisationszeiten betrugen keine sechs Monate.

Manchmal genügte schon das Anbringen eines simplen Bleches, um in einem Rührkessel Materialverlust durch das Antrocknen von Farbe zu verhindern. An anderer Stelle entwickeln sich in der Industrie auch komplett neue Techniken, die schon fast nach Magie klingen.

BEISPIEL V - Weiße Biotechnologie für bunte Pillen

Sportler, Manager, Studenten sowie Hochleistungskühe oder Schweine schlucken Vitamin B2. Einer der größten Vitamin-B2-Hersteller ist BASF. Dank der weißen Biotechnologie konnten die Produktionskosten um 40 Prozent gesenkt werden. Statt der früher nötigen sieben petrochemischen Verfahren erzeugt nun ein Pilz durch Fermentation in großen Kesseln das Vitamin, wie beim Bierbrauen. Die Ausgangsstoffe werden durch eine einzige Biotransformation in das gewünschte Produkt verwandelt. Die Energiekosten verringern sich um 25 Prozent, der Abfall sinkt um 95 Prozent, der Ressourcenverbrauch um 60 Prozent und der CO2-Ausstoß um mehr als 30 Prozent. Nötig ist nur Nahrung für den Pilz, in diesem Fall Soja-Öl. Die Unternehmensberatung McKinsey schätzt, dass bis 2010 die weiße Biotechnik an 60 Prozent aller chemischen Produkte beteiligt ist.

Es gibt unzählige dieser Beispiele, und daher glaubt der Zukunftsforscher Axel Zweck auch nicht, dass teure Rohstoffe eine Krise für die Wirtschaft bedeuten müssen - und fallende Preise auch nicht. Es wird jeweils Gewinner und Verlierer geben, doch die Wirtschaft kann sich anpassen. Zwischen 1994 und 2005 erhöhte sich die Rohstoffproduktivität nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland um 33,5 Prozent. Das bedeutet: Trotz rückläufigem Materialeinsatz (minus 13 Prozent) stieg das Bruttoinlandsprodukt um 16 Prozent.

Eine in ihrem Ausmaß etwas trügerische Zahl, basieren doch viele Einsparungen auf Auslagerung rohstoffintensiver Produktion ins Ausland. Es spricht aber vieles dafür, dass der Trend zur Effizienz auch in Zukunft anhält.

Wie er genau aussehen wird, vermag kein Zukunftsforscher genau zu sagen. Was für Zweck auch nicht der wichtigste Auftrag ist: "Bevor wir in die Zukunft schauen, müssen wir die Gegenwart verstehen." Das ist schwer genug, entwickelt sich das gegenwärtige Wissen doch äußerst rasant.

"Wir gehen derzeit davon aus, dass sich alle 10 bis 15 Jahre die komplette Wissensmenge verdoppelt", sagt Zweck. Die Verwandlung dieses Wissens in neue Techniken stellt eine knifflige Aufgabe dar. "Oft sind die Unternehmen dermaßen auf ihre Spezialisierung fokussiert, dass sie neue Trends einfach nicht mehr mitbekommen", so Axel Zweck. "Ein Maschinenbauer müsste sich heute auch mit biologischen Prinzipien auskennen", nennt er ein Beispiel. Es kommt also einiges auf uns zu, an Möglichkeiten natürlich. Wie etwa ein Bodenpilz statt Dünger in der Landwirtschaft.

BEISPIEL VI - Der Bodenpilz

Die Bitterfelder Firma Amykor liefert auf sogenannten Blähton fixierte Mykorrhiza-Bodenpilze an Landwirtschaftsbetriebe. Die Symbiose zwischen Bodenpilzen und Pflanzen lässt diese besser wachsen, durch eine optimierte Wasser- und Nährstoffaufnahme. Auch die Toleranz der Pflanze gegen Stress (Trockenheit, Nährstoffmangel, Kontamination) steigt. Das hilft bei der Rekultivierung von vergifteten Böden oder bei Wiederaufforstungsprogrammen in China. Bauern können mit Bodenpilzen ein Drittel der Düngemittel - die Preise haben sich allein bei Kalisalzen seit 2000 verdoppelt - und Wasser einsparen, den Ertrag zugleich um zehn bis 30 Prozent steigern.

Bleibt noch zu erzählen, was aus dem Studenten mit den kostenlosen Heizungen geworden ist.

Nachdem Matthias Heidorn seine Firma verkauft hatte, ging er nach Guatemala. Er wollte dort Geld sammeln und eine Schule bauen. Das hat nicht geklappt. Er zieht deshalb nun dorthin und gründet eine Immobilienfirma. Die Gewinne fließen in eine Stiftung - die Schule wird dann auf diesem Wege finanziert.

Es geht eben immer was. Wenn man will. -