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Interview mit Horst-Eberhard Richter

Er ist Arzt und Psychoanalytiker und wurde in den achtziger Jahren zur Leitfigur der Friedensbewegung.
Heute redet Horst-Eberhard Richter, 85, am liebsten mit Schülern.
Seine Botschaft: Zuversicht.




brand eins: Herr Richter, nach dem Mauerfall bewegte Sie die Sorge, ob der Westen ohne Feindbild zurechtkommen könne. Wie sehen Sie das heute: Kann er?

Richter: Im Grunde hat er sich sein Feindbild bewahrt. In der Aufarbeitung ist vom Osten eigentlich nur das kommunistische Böse übrig geblieben. Dass es in diesem staatssozialistischen, diktatorischen Regime aber auch eine Substanz des sozialen Verantwortungsbewusstseins gegeben hat, ist schnell verdrängt worden.

Weil es das Gute im Schlechten nicht geben kann?

Vielleicht haben wir uns zu wenig bemüht, uns gegenseitig zu verstehen. Ich habe gleich nach dem Mauerfall ein Ost-West-Symposium mit dem Ziel politischer Selbstbesinnung gegründet, in dem es genau darum gehen sollte: um Verständnis füreinander. Ohne Öffentlichkeit und Agenda wollten wir nichts weiter, als uns verständlich machen. Es war bemerkenswert, wie sehr sich allein schon die Gesprächsformen unterschieden: Die Menschen aus dem Osten haben viel mehr aus dem Herzen geredet. Die haben getrauert, weil ihre ganze Vergangenheit nichts mehr wert sein sollte. Und die haben sehr anrührend darüber gesprochen, wie sehr sie darunter litten, dass ihnen vom Westen das Gefühl vermittelt wurde, sie sollten jetzt erst mal anfangen zu lernen, wo es langgeht.

Für solche Gefühle war nach der Wiedervereinigung wenig Platz. Und heute scheint der Osten in Gestalt Russlands wieder stark – und bedrohlich.

Die Dämonisierung hat nie aufgehört, denn sie entspringt der Neigung, die Welt immer wieder zu spalten. Wir brauchen das zur Selbststabilisierung – ein großes Feindbild, gegen das wir uns in gerechter Abwehr als die Guten gemeinsam in Position bringen. Das geht bis in die Weltpolitik hinein.

Die Spaltungsidee beherrscht auch die politische Debatte: Für viele ist zum Beispiel der Kapitalismus genauso ein Feindbild, an dem man sich aufrichten kann - heute mehr denn je.

Im Augenblick sorgt die Verwilderung der Finanzmärkte mit ihren verheerenden Folgen für die Wirtschaft und die Allgemeinheit selbst für die Vertiefung solcher Spaltung. Der Eindruck der Leute, von undurchschauter und unverantwortlicher Macht missbraucht zu werden, sät Angst und Argwohn. Und sie erschwert auch die beharrliche Arbeit in der Ärztebewegung für Frieden und soziale Verantwortung. Denn deren und meine wichtigste Botschaft ist: Unsere Friedensbewegung muss im Kern eine Pro-Bewegung sein und bleiben. Nur aus der Zuversicht kann man jene Kraft schöpfen, die man braucht, um etwas zu bewirken.

Keine leichte Mission. Fast alle Protestbewegungen der vergangenen Jahrzehnte waren aus Angst und Abwehr gespeist, nicht aus der Hoffnung auf ein besseres Leben. Und nun, da die Finanzblase geplatzt ist, scheint jegliche Zuversicht abhanden gekommen zu sein.

Das stimmt schon. Wir haben fast wieder eine Stimmung wie Anfang der achtziger Jahre. Aus der zuvor im Hintergrund dampfenden subdepressiven Sorge ist Gewissheit geworden: Wir schaffen es nicht mehr. Sparsamere Autos, erneuerbare Energien, die Überwindung der Kluft zwischen armen und reichen Ländern das alles schaffen wir nicht mehr. Im Gegenteil: Wir fallen hinter das Erreichte zurück.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Menschen in zugegeben schwieriger Zeit so schnell alle Hoffnung fahren lassen?

Meine Frau und ich werden, wo immer wir auftreten, immer wieder gefragt: Woher nehmt ihr diese Zuversicht? Unsere Antwort ist ganz einfach: Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass in uns Anlagen vorhanden sind, mehr Gemeinsinn zu entwickeln und mehr Solidarität zu produzieren. Und wir sind geradezu dazu bestimmt, gerade in schwierigen Zeiten zusammenzuhalten – das zeigt sich beispielsweise bei Katastrophen wie dem Tsunami, und das ist auch in der aktuellen Situation das Einzige, was hilft. Wir können nur mit einem Pro vorankommen, nicht mit einem Anti.

Das ist Ihre Überzeugung. Wird sie geteilt?

Zum Ende des Kalten Krieges, als der Eiserne Vorhang noch da war und die Mauer noch stand, haben wir 1000 russische und 1400 deutsche Studenten befragt, wie sie den jeweils anderen sehen. Heraus kam: wenig Misstrauen, stattdessen große Zuversicht, dass man in Zukunft zusammen etwas schaffen könne. „Nur wenn es euch gut geht, wird es uns auch gut gehen“, haben die deutschen wie die russischen Studenten gesagt. Interessant war auch, dass sich die Russen selbst kritischer eingeschätzt haben, als sie von den Deutschen eingeschätzt wurden, und umgekehrt. Es war also eine Nähe vorhanden, die durch alle Propaganda nicht zerstört worden war.

Ob das Ergebnis einer solchen Befragung heute identisch wäre?

Ich bin überzeugt, dass auch nach dem Einmarsch der russischen Armee in Georgien die gleiche Nähe und das gleiche Bedürfnis nach Gemeinschaft herauskäme. Allerdings muss man auch sehen, dass viele durch die herrschende Weltspaltungsideologie verführbar sind, weil man sich selbst zu stabilisieren hofft, wenn man gegen einen großen Feind zusammenhält. Und es gibt immer politische Gruppierungen, die auf Konflikte wie Georgien warten, um die Welt wieder teilen zu können.

Vielleicht müssen die Menschen die Welt in ihren Köpfen spalten dies scheint eine uralte Idee zu sein.

Die Weltspaltungsideologie spielt eigentlich seit dem frühen Mittelalter eine Rolle. Da hatten wir die Inquisition, die Hexenverfolgung, die übrigens von den gebildeten Schichten ausging, nicht vom Volk. Und schon vor 900 Jahren hat Papst Urban II. beim ersten Kreuzzug fast das Gleiche gesagt wie George Bush heute: Er nannte die Muslime „gemeines Gezücht“. Grundsätzlich kann man sagen, dass dies eigentlich immer ein Signal dafür ist, dass in einer großen Gemeinschaft eine innere Unzufriedenheit herrscht oder die Kräfte des Zusammenhalts verfallen. Dann schließt sich diese Gemeinschaft gegenüber einem Feind zusammen und erlebt das als Erlösung.

Gab es nie ernst zu nehmende Versuche, dieser mittelalterlichen Denkfalle zu entkommen?

In der Zeit der Romantik wurde das versucht. Jean-Jacques Rousseau hat dafür gestritten und, was ich immer wieder spannend finde, auch Adam Smith, dem wir die Philosophie der freien Marktwirtschaft verdanken. Adam Smith glaubte, dass so etwas wie Herzensgüte eine Grundkraft des Menschen sei. Und dass nichts imstande wäre, uns auseinanderzutreiben. Der Glaube an den Zusammenhalt, der hat Smith ebenso bewegt wie die Romantiker.
Heute ist Smith für viele zum Feindbild geworden. Und auf der Suche nach einer besseren Welt stehen sich zwei Seiten unversöhnlich gegenüber. Die einen, die sagen: "Du bist ein Schwein, weil du Gewinne machen willst", und die anderen, die kontern: „Du bist ein Schwein, weil du auf meine Kosten leben willst.“

Sehen Sie eine Chance, diese Spaltung zu überwinden?

Die einzige Gegenkraft ist die Versöhnung. Aber die hat keine Chance, wenn wir, wie Carl Friedrich von Weizsäcker diagnostiziert hat, unter der „seelischen Krankheit Friedlosigkeit“ leiden. Wenn wir mit uns selbst uneins sind, können wir Frieden und Versöhnung nicht wachsen lassen. Dann brauchen wir zur Befreiung von unserem Selbsthass ein Hassobjekt. Und dann genügt es auch nicht, das eine Hassobjekt zu töten – denn dann wäre das Hassbedürfnis quasi arbeitslos. Wenn einer besiegt ist, braucht es schnell einen neuen Feind und wieder einen ...

Wie entkommt man dieser Friedlosigkeit?

Carl Friedrich von Weizsäcker sagt dazu etwas, das uns sehr schwer über die Zunge geht: „Diese Versöhnung können wir uns nicht verdienen, nur durch die Liebe Gottes werden wir zur Versöhnung fähig.“ Das ist heute am Rande dessen, was man noch auszusprechen wagt. Aber daran ist etwas sehr Wahres: Dass man nämlich Versöhnung nicht einfach schnell mal machen kann man muss sie in sich finden.

Und wo sucht man?

Jeder hat in seinem Leben schon einmal ein Gefühl der Dankbarkeit empfunden, weil er vor etwas Schlimmem bewahrt wurde oder davor, etwas Schlimmes zu tun. Ich habe solche Dankbarkeit im Krieg gegenüber einem kleinen diphteriekranken russischen Jungen empfunden, an dem ich mich angesteckt hatte. Denn das führte dazu, dass ich nicht in die Schlacht um Stalingrad musste und noch lebe. Manchmal bekommen wir Chancen geschenkt, manchmal müssen wir sie ergreifen. Aber es gibt sie.

Trotzdem scheinen Liebe, Freundschaft, Dankbarkeit kein so starker Motor zu sein wie die Angst. Warum?

Ich weiß es nicht. Günther Anders (Sozialphilosoph und Autor, Anm. d. Red.), mit dem ich auch eine engere Beziehung hatte, hat gesagt, „wir brauchen die Angst, aber nicht im Sinne von Feigheit, sondern als fürsorgende Angst“. Also nicht eine Angst vor oder gegen etwas, sondern eine Angst um etwas, eine Besorgnis.

Fehlt es daran wirklich?

Günther Anders hat das so ausgedrückt: Wir brauchen eine Angst, die uns zum Engagement treibt - nicht zum Weglaufen. Als Psychoanalytiker sage ich: Diese fürsorgende Angst kann erst wieder kommen, wenn in unserer inneren Welt jene Zustände oder Gefühle rehabilitiert werden, die man zurzeit verachtet. In unserer Fortschrittsideologie finden wir uns nur intakt oder vorzeigbar, wenn wir uns nicht unterkriegen lassen. Ehrfurcht, Verehrung, Hingabe gelten als die Eigenschaften von Weicheiern. Das gipfelt in dem Gutmenschen-Spott, den es heute gibt und zu dem man nur Friedrich Nietzsche zitieren kann: „Das Gute missfällt uns, wenn wir ihm nicht gewachsen sind.“

Möglicherweise hat der Spott auch seine Ursache darin, dass so mancher sogenannte Gutmensch zwar viel redet, aber wenig tut. Und dass er sich über die erhebt, die versuchen, etwas zu unternehmen und voranzubringen – das sind die Macher, was interessanterweise ebenfalls zum Schimpfwort geworden ist.

Das mag schon sein. Aber bei den Machern fehlt es an Vorbildern, die wir gerade auch in der Wirtschaft brauchen. Mein Vater war Direktor bei Siemens, kannte noch Werner von Siemens, und er hat mir beigebracht, dass ein Siemensianer auf gegenseitige Verlässlichkeit bauen konnte. Um wirklich Werte zu leben, braucht man die Kontinuität einer Ordnung. Und keine Welt, in der man immer nur lernen muss, flexibel hin- und herzuspringen und ständig etwas Neues zu tun. Wenn sich die Wirtschaft total auflöst im ständigen Wandel, hat keiner mehr die Chance, die Konstanz eines Charakters zu entwickeln.

Ordnung als Voraussetzung für Charakterbildung? Haben wir nicht in Wirklichkeit Sicherheit zu lange mit materieller Sicherheit übersetzt und vergessen, dass nur, was wir im Kopf haben, sicher macht?

Trotzdem braucht es Kontinuität, gerade auch, um weiterzukommen. Ich hatte zum Beispiel das große Glück, 30 Jahre lang in einem Universitätsinstitut mit wunderbaren Leuten große Projekte realisieren zu können. Wir konnten erforschen, was immer uns wichtig schien. Wir waren eine Gruppe Menschen, die sich lange kannten, fast alle duzten sich, und jeder konnte sich auf jeden verlassen. Wir haben auch einiges anders gemacht. So konnten sich auch die Jüngeren alle paar Jahre zu einem Forschungssemester zurückziehen, der Direktorenposten wurde im Rotationsverfahren besetzt, und die Sekretärinnen haben ihre Arbeit genauso selbstständig geplant wie die Forscher.

Das klingt vertraut, inzwischen arbeiten eine Menge Unternehmen so – obwohl sie sich im Wettbewerb beweisen müssen. Vielleicht ist nicht der ruhige Fluss der Wirtschaft entscheidend, sondern die Bereitschaft von Menschen, das Richtige zu tun?

Ja, das ist sicher so. Ich glaube auch, dass es genug Beispiele in der Wirtschaft gibt, die das belegen. Nur weiß davon kaum jemand. Was wir nicht verkennen dürfen, ist, dass es im öffentlichen Bewusstsein an solchen Leitbildern fehlt. Stattdessen hören wir von eklatantem Versagen und immer neuen Korruptionsfällen, die nur dazu führen, dass sich die kleinen Leute sagen: Wenn die oben das machen, muss ich auch nicht mehr so pingelig sein.

Da ist es ein wenig wie mit der Angst und der Zuversicht: Korruptionsfälle ziehen mehr als die Geschichte über einen Vorstand, der seine Sache gut macht.

Ich glaube, da spielt noch etwas hinein, was Paul Kennedy in seinem Buch „In Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert“ geschrieben hat. Darin beschreibt er auf vielen Hundert Seiten, was wir alle tun können, um die Welt im 21. Jahrhundert lebenswerter zu machen, und sagt dann: Voraussetzung dafür aber ist, dass wir nicht kurzfristig das verspielen, was wir längerfristig zum Überleben brauchen. Die Fixierung auf das Kurzfristige, die man bei jeder Wahl spürt, die fördert auch so etwas wie Korruption. Nach mir die Sintflut, jetzt greife ich erst mal zu.

Das klingt nun doch ein wenig düster. Wo ist Ihre Zuversicht geblieben?

Die ist schon noch da. Aber vielleicht hat das auch mit dem Alter zu tun, dass man ständig darüber nachdenkt, wie die Welt für die späteren Generationen aussehen mag. Wir haben sechs Enkel und jetzt den ersten Urenkel, da spürt man geradezu die Verpflichtung, seine Erfahrung zu nutzen, um ein wenig weiter in die Zukunft zu denken als zuvor. Ich gehe zum Beispiel gern in Schulen. Denn was ich da an Erfahrungen mache, das ist größer und rührender als alles, was ich jemals an Beifall auf Kongressen erlebt habe.

Was ist Ihre Botschaft?

Ich erzähle nur aus meinem Leben und erkläre, warum mir seit dem Krieg eine Sache nicht aus dem Kopf geht: dass ich mit verantwortlich dafür bin, dass es den jungen Menschen besser geht. Dass ich ihnen zutraue, so wie ich es mir noch heute zutraue, dass wir alle etwas dazu beitragen können, die Welt menschlicher zu machen. Und dass man dafür gar nicht gleich die Welt verändern wollen, aber das Gefühl haben muss: Ich bin nicht unwichtig. ---

Horst-Eberhard Richter wurde 1923 in Berlin geboren und 1942, nach dem Abitur, zur Wehrmacht eingezogen. Die Erlebnisse an der Ostfront, dass er, wie er selbst erzählt, mechanisch getötet habe, ohne zu hassen, haben ihn sein Leben lang nicht losgelassen. 1944 desertierte er, wurde aber nach Kriegsende versehentlich für ein Mitglied der nationalsozialistischen Untergrundbewegung Werwolf gehalten und saß in Innsbruck vier Monate lang in Isolationshaft. Damals entstand die Grundidee für sein späteres Hauptwerk „Der Gotteskomplex“.

Richter hat Medizin, Philosophie und Psychologie studiert und in Medizin und Philosophie promoviert. 1962 wurde er auf den neu errichteten Lehrstuhl für Psychosomatik in Gießen berufen, wo er bis 1991 als Direktor des Psychosomatischen Universitätszentrums arbeitete.

Bekannt wurde Richter als Autor zahlreicher Bücher und durch seine Arbeit in der Friedensbewegung und der westdeutschen Sektion der Ärzte gegen den Atomkrieg.