Partner von
Partner von

Die Herrschaft der Bankrotteure

Das Finanzsystem wird mit Milliarden Euro Steuergeldern gestützt. Dass die eigentlich verantwortlichen Banker wohl ungeschoren davonkommen, ist ungerecht. Findet einer, der einst selbst ein großes Rad drehte.




- An den Finanzmärkten herrscht Panik. Aktien und Fonds stehen zum Ausverkauf. Es herrscht ein derartiges Durcheinander, dass keiner mehr dem anderen traut. Die Verantwortlichen? Die Banken selbst. Sie stecken so tief in ihrem eigenen Mist, dass sie nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu helfen, und betteln deshalb beim Staat um Hilfe. In der Krise offenbaren sich viele Modebegriffe der Branche als reines Gerede. Etwa: "Risiko-Management" - ein Lieblingswort der Händler und Banker. Doch heute wissen wir: Es ist ein Widerspruch in sich, schon sprachlich.

Die Krise hat angesehene Finanzinstitute in den USA erwischt: Bear Stearns, Fannie Mae, Freddie Mac, Merrill Lynch, Lehman Brothers, AIG - alle kämpfen mit schweren Problemen, zwei von ihnen sind schon gegen die Wand gefahren. In Großbritannien ein ähnliches Bild: Die Hypothekenbank Northern Rock wurde verstaatlicht, und die Turbulenzen an den Märkten haben den Baufinanzierer HBOS in die Arme der Lloyds Bank getrieben.

Es sind turbulente Zeiten. Das Bankensystem Großbritanniens ist praktisch insolvent. Der Wert aller ausstehenden Hypotheken und Kredite beträgt umgerechnet 324 Milliarden Euro, während die Einlagen lediglich 202 Milliarden Euro ausmachen. Bewerteten die Banken ihre Immobilien-Portfolios neu und legten sie ihre faulen Kredite offen, wäre die Lage noch dramatischer. Denn längst leihen sich die Banken untereinander kein Geld mehr, weil sie fürchten, es nicht mehr zurückzukriegen. Der Finanzverkehr funktioniert nur noch, weil die Zentralbanken den Geldmärkten frisches Geld zuschießen - in der Regel mit Milliarden-Beträgen.

Die Banken sind nicht nur praktisch pleite. Sie sind auch moralisch bankrott. Angefangen hat alles vor einem guten Jahrzehnt. Kredite waren billig und einfach zu bekommen. Und zwar für jeden: Unternehmen und Konzerne, Hausbauer und Kreditkartenbesitzer. Viele von ihnen häuften Rekordschulden an.

Doch wer ist dafür verantwortlich? Dieselben Banker, die auch Sie davon überzeugen wollten, Ihr neues Auto auf Pump zu kaufen. Dieselben Banker, die jeden Möchtegern-Immobilienspekulanten dazu animiert haben, mit Schulden sein Geschäftsvolumen zu steigern. Auch die Investmentbanker tragen Verantwortung, die faule Kredite in Häppchen mit exotischen Namen zerteilt haben, um fantastische Anlagen zu verkaufen. Inzwischen ist der Immobilienmarkt kollabiert, und die unbedienten Kredite vieler Schuldner belasten die Bücher der Banken.

Einfach gesagt: Die Banken haben in den vergangenen Jahren leichtsinnig und rücksichtslos gewirtschaftet - und damit unser aller Wohlstand aufs Spiel gesetzt. 1999 kam ich aus Singapur zurück nach Großbritannien. Meine Biografie war nicht nur der Polizei bekannt: Ich war verantwortlich für Verluste in Höhe von 1,1 Milliarden Euro. Ich habe die älteste britische Investmentbank in die Pleite gerissen, eine Bank, bei der auch die Queen ihr Geld angelegt hat. Ein Gericht in Singapur hat mich persönlich für den Verlust von 127 Millionen Euro haftbar gemacht. Trotzdem: Binnen einer Woche wurden mir in Großbritannien fünf Kreditkarten angeboten. Jeder Zentralbanker beteuert, dass das Finanzsystem auf der Prämisse des "verantwortungsvollen Verleihens" basiert. Das klingt schön. Aber die Ereignisse der vergangenen Monate zeigen uns, was das ist: völliger Müll.

Was wird passieren? Einige Banken werden noch abstürzen, die Kosten werden uns allen aufgebürdet werden. Zehntausende werden ihre Jobs verlieren. Und die Verantwortlichen? Wegen meiner Schuld am Kollaps der Barings Bank wurde ich von der Polizei auf der ganzen Welt gejagt. Als sie mich dann hatten, wurde ich nach Singapur ausgeliefert und zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Und heute? Wer wird die leichtsinnigen und rücksichtslosen Banker jagen, die für diese finanzielle Katastrophe verantwortlich sind? Bestimmt niemand. Wer wird die Unternehmen und Privatpersonen aus dem Schlamassel ziehen, die im Moment ums Überleben kämpfen? Die Banker? Keine Chance. Selbsterhaltung ist momentan das Einzige, was sie treibt. Der Rest von uns wird gucken müssen, wo er bleibt. -

* Nick Leeson, 41, hat 1995 als Derivatehändler in Singapur die britische Barings Bank in den Ruin spekuliert und saß daraufhin sechseinhalb Jahre im Gefängnis. Gegenwärtig ist er Manager des irischen Fußballvereins Galway United FC.