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Der Kapitän Ahab des Supermarktes

Michel-Edouard Leclerc ist zum größten Einzelhändler Frankreichs aufgestiegen. Er kämpft werbewirksam für niedrige Preise, lässt sich von Literatur inspirieren - und geht keinem Streit aus dem Weg. Porträt eines bretonischen Dickschädels.




- Michel-Edouard Leclerc spielt seine Rolle. Schüttelt Hände, verteilt Wangenküsschen und Komplimente an Menschen, die er kaum kennt, lächelt ein breites Lächeln, das einen Kranz langer, tiefer Falten von den Augenwinkeln bis hinauf in die Stirn und hinunter in die rötliche Haut seiner Wangen gräbt. Später, bei der Fahrt zurück nach Paris, wird er sagen, wie sehr ihn solche Termine langweilen. Eröffnungen von Einkaufszentren wie an diesem Abend in Lyon, wo ein Büfett im neonlichtbeschi enenen Kassenraum aufgebaut ist und die Gäste in leichter Abendrobe in der Brise frösteln, die von der Kühltheke herweht. Aber Leclerc weiß, was er ihnen als Marktführer unter den großen französischen Verbrauchermärkten schuldet.

Und so hebt der Herr über rund 600 Märkte mit einem Jahresumsatz von zuletzt knapp 25 Milliarden Euro an zu einer Rede über die Kaufkraft, die es "für alle Franzosen" zu steigern gelte. "Das steht im Mittelpunkt unseres Kampfes für niedrigere Preise. Das erste Bedürfnis der Angestellten und Arbeiter ist es, dass Qualität bezahlbar ist." Lang anhaltender Applaus.

"Kaufkraft" ist in Frankreich längst kein Fachwort mehr, das lediglich von Wirtschaftsexperten im Mund geführt würde. Jedes Schulkind weiß inzwischen, was mit "pouvoir d'achat" gemeint ist. Der Verlust derselben wird bereits morgens beim Bäcker bedauert, wo die Stange Baguette erneut teurer geworden ist. Die Medien sind voll von Berichten über steigende Lebenshaltungskosten und darüber, dass viele Franzosen kein Auskommen mit dem Einkommen mehr finden.

Sie, die traditionell Wert darauf legten, einen Großteil des monatlichen Budgets für den Einkauf von Lebensmitteln und Restaurantbesuche zu reservieren, müssen wegen der Teuerung ein Stück Lebensart und Selbstachtung preisgeben. 51 Prozent der Befragten nannten deshalb laut einer jüngst veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts CSA den Verlust der Kaufkraft als ihre größte Sorge. Mit weitem Abstand folgten Angst um Gesundheit, Rente und den Arbeitsplatz. Ende vergangenen Jahres waren es noch 48 Prozent, im Oktober 2005 lediglich 32 Prozent. Mit jedem Anstieg der Inflation sinkt die Popularität von Nicolas Sarkozy, jenem Staatschef, der 2007 mit dem Versprechen in den Wahlkampf gezogen war, er werde der "Präsident der Kaufkraft" sein.

Michel-Edouard Leclerc dagegen gewinnt. Während die Chefs der anderen Supermarktketten neuerdings Umsatzverluste zugunsten der in Frankreich lange verschmähten Discounter beklagen, haben die Märkte mit dem blauen Logo E. Leclerc ihre Führung unter den sogenannten Hypermarchés ausgebaut. Auf 17,1 Prozent Marktanteil kommt eine Studie der Konsumforschungsgesellschaft TNS Worldpanel. Der schärfste Konkurrent, Carrefour, büßte 0,2 Prozentpunkte ein und folgt nun mit 13,3 Prozent.

"Im Vergleich zur Konkurrenz attestieren die Kunden Leclerc eine exzellente Preispolitik, während der Name Carrefour für teure Ware steht", sagt Gaëlle Le Floch, bei TNS Worldpanel für den Einzelhandel zuständig. Eine Einschätzung, die einer genaueren Analyse allerdings nicht standhält, denn: "Wenn Sie die Preise vergleichen, sehen Sie, dass die beiden gar nicht so weit voneinander entfernt sind."

Auf den großflächigen Parkplätzen vor den Märkten stehen zumal an den Wochenenden trotzdem so viele Autos wie andernorts vor Ausflugszielen. Wer drinnen einen chaotischen Ramschladen mit Wühltischen à la Schlussverkauf vermutet oder lieblos aufgeschichtete Billigprodukte, der irrt. Die Gänge zwischen den Regalen sind breit und lichtdurchflutet, verschiedene Farben oder von der Decke hängende Plakate leiten die Kunden von Mehl, Zucker, Nudeln und Reis weiter zur gut sortierten Weinabteilung, zu Motorenöl, Spielwaren, Tiernahrung, Utensilien für die Gartenarbeit oder preiswerter Mode. An den Obst-, Käse-, Fisch-oder Fleischtheken ist die frische Ware appetitlich angerichtet. Viele der Märkte haben auch eigene Buchhandlungen, eine Schmuckabteilung und ein Reisebüro.

Wer in Hypermarchés einkauft, soll dort die meisten seiner Konsumbedürfnisse stillen können. Bei E. Leclerc günstiger als anderswo, weshalb für den Chef drei Gebote gelten: "Man muss erstens den unbedingten Willen haben, niedrige Preise anzubieten. Zweitens muss man eine Unternehmenskultur entwickeln, die ganz auf dieses Ziel ausgerichtet ist. Und drittens muss man es bekannt machen."

Vor allem Letzteres beherrscht der 56-Jährige so gut wie keiner seiner Konkurrenten. Die Leclerc-Vorstandsetage in Ivrysur-Seine südlich von Paris gleicht einer Galerie für Sponti-Sprüche. "Es ist verboten zu verbieten, dass Waren billiger verkauft werden", liest jeder, der hier eintritt, die Abwandlung einer der bekanntesten 68er-Losungen auf einem Plakat, gleich nachdem sich die Fahrstuhltür geöffnet hat. In dem Stil geht es weiter, den ganzen langen Gang entlang bis zum Büro des Chefs. " Ja zum Wachstum - außer dem der Preise." Oder: "Herr Präsident, mehr Kaufkraft zu versprechen heißt, niedrige Preise zu ermöglichen. Offensichtlich ist da was schiefgelaufen." Oder jene Breitseite gegen den im Umfragetief gefangenen Staatschef: "Président + 18,8 %. Herr Präsident, es handelt sich dabei nicht um Ihre Beliebtheitsquote, sondern um den Preisanstieg eines Camemberts." Respektlos und provokativ wie die Sprüche der Studentenrevolte.

Michel-Edouard Leclerc sei ein gerissener Selbstvermarkter, nur auf den eigenen Vorteil bedacht, schimpfen sie bei der Konkurrenz, bei den Herstellern und auch den Gewerkschaften. Doch dem Unternehmer ist es damit gelungen, sich in der Debatte um die Kaufkraft als Wortführer der Verbraucher zu stilisieren. Der Revoluzzer des französischen Einzelhandels trug seine frechen Botschaften nicht als Banner zu Demonstrationen, sondern er kaufte Anzeigenseiten in Tageszeitungen. Leclerc sprühte keine Graffiti an Häusermauern, sondern mietete Plakatwände, gab Pressekonferenzen und bestritt Talkshows. Dort kündigte er auch an, Produkte aus dem Sortiment zu nehmen, weil deren Hersteller seiner Meinung nach zu hohe Preise verlangten. Darunter waren so bekannte Marken wie Barilla, der Haushaltsreiniger Ajax von Colgate-Palmolive oder Antifalten-Cremes von L'Oréal und Nivea.

Die Rolle des Volkstribuns steht ihm gut. Und nun darf er sogar den Präsidenten beraten

Jean-René Buisson, Vorsitzender des Verbandes der französischen Nahrungsmittelindustrie (Ania), schäumte: "Die Kampagne ist demagogisch, reaktionär und rechtlich fragwürdig. Das ist eine Kunst, die Michel-Edouard Leclerc meisterhaft beherrscht. Aber er hat nichts anderes im Sinn, als im Scheinwerferlicht zu stehen. Wo bleibt da die Ehrlichkeit? Ich bezweifle, dass diese Herangehensweise dem Verbraucher nutzt."

Ombline Ancelin, Anwältin bei der internationalen Markenkanzlei Lovells, warf Leclerc Rufschädigung vor. Er habe damit den Eindruck erweckt, die Hersteller der betroffenen Markenprodukte wendeten sich gegen das Ziel der Regierung, die Kaufkraft der Bürger durch niedrigere Preise zu stärken. Doch Leclerc machte weiter, mit jenem Eigensinn, den man in Paris gern seinen Landsleuten, den Bretonen, zuschreibt. An seinem Schreibtisch mit Blick auf die Seine, die ihm in der Hauptstadt die Küste ersetzen muss, kreierte er Web-Seiten mit Titeln wie "Wer ist der Billigste?" oder "Meine Kaufkraft". Schrieb Blogs und wurde trotz oder sogar wegen seiner Angriffe schließlich ein gefragter Ratgeber von Präsident Sarkozy. "Wenn Sarko eine Info braucht, ruft er an", sagt Leclerc. "Der Präsident hat verstanden, dass es ein Problem gibt. Er ist wirklich interessiert an Informationen und Lösungsvorschlägen."

Die beiden duzen sich inzwischen. Schließlich sind sie einander vom Charakter her nicht unähnlich. Auch Sarkozy haut schon mal drauf, undiplomatisch, wie vor ihm noch kein Präsident. Hersteller und Verbände verwiesen in den vergangenen Monaten vergeblich auf steigende Rohstoffpreise und Transportkosten. Auch die Konkurrenz musste hilflos zusehen, wie Leclerc die Sympathien auf sich zog. Mel nennen sie ihn in Frankreich, Mel für Michel-Edouard Leclerc. Aber auch für einen, der sich (ungefragt) einmischt, "se mêle". Leclerc sei schon immer "seinen eigenen Weg gegangen", formuliert man bei Carrefour schmallippig. "Er ist ein leidenschaftlicher Kommunikator. Er könnte jederzeit in die Politik gehen und Wahlen gewinnen", urteilt spitz Jean Baud, der mit Leader Price eine Art französischen Aldi gegründet hat.

Die französische Regierung lässt mehr Wettbewerb zu. Leclerc wird davon profitieren

"Ich habe es verstanden, Kommunikation und Werbung zu instrumentalisieren", sagt Leclerc und verzieht wieder sein Gesicht zu einem Lausbuben-Grinsen. Mittelgroß und drahtig sitzt er in leicht verknautschten grauen Anzughosen in der ledernen Sitzecke seines Büros. Das Sakko hängt nachlässig über dem Schreibtischstuhl, der oberste Knopf seines weißen Hemdes steht offen. Eine Krawatte trägt dieser Mann, der sich ungern einengen lässt, so gut wie nie. "Kommunikation", doziert er, "ist eine Art, sich zu engagieren, und E. Leclerc ist ein Unternehmen, das den Dialog mit der öffentlichen Meinung führt."

Ein Management-Buch hat er in seinem ganzen Leben nicht angerührt. "So etwas langweilt mich. Von 'Moby Dick' habe ich mehr. Ich bin auch auf der Suche nach einem weißen Wal. Das ist meine Lebensaufgabe." Die Regalwand hinter ihm ist vollgestopft mit Romanen, philosophischen Werken und Comic-Bänden. Leclerc liest sieben bis acht Bücher im Monat und besitzt eine der größten Comic-Sammlungen Frankreichs. Er springt auf, steht gleich darauf mit ausgebreiteten Armen vor der langen Reihe von Bücherrücken. "Daraus ziehe ich meine Erkenntnisse. Ich glaube nicht an das Primat der Wirtschaft. Für mich ist die Literatur die Quelle der Inspiration. Ich bin mit Literatur aufgewachsen, mit Herman Melville und den russischen Klassikern. Das hat mich gelehrt, keine schnellen Schlüsse zu ziehen."

Leclerc redet sich in Fahrt. Das kann er gut. Er hat es in der Jesuitenschule gelernt. Sein Vater Edouard, der 1949 dem Priesterseminar den Rücken kehrte und stattdessen in einem nur 60 Quadratmeter großen Laden im bretonischen Heimatort Landernau die Niedrigpreis-Politik unter dem Signum E. Leclerc begründete, schickte ihn zu den Mönchen, die die Redekunst pflegen und sich seit Jahrhunderten in die Politik einmischen.

Anecken gehört dazu, hat Leclerc gelernt und beherzigt. Schon im Jahr 1978, als er mit einem Doktortitel in Volkswirtschaft plus abgeschlossenem Philosophiestudium an der Sorbonne, dazu ein paar Jahren Erfahrung als Journalist und Universitätsdozent in das väterliche Unternehmen einstieg. Das war inzwischen als Franchise-Modell konzipiert, mit unabhängigen Marktinhabern, die sich aber der Preisphilosophie verpflichten mussten und nun auch Benzin billiger verkaufen wollten. Billiger jedenfalls, als es der französische Staat mit seiner damaligen Monopolstellung zuließ. Leclercs erstes Armdrücken mit der Staatsmacht dauerte bis 1985. Dann gab ihm der Europäische Gerichtshof in Luxemburg Recht, und das französische Wirtschaftsministerium musste die Preise freigeben.

Das Jahr 2008 wurde zu Leclercs Jahr des persönlichen Kampfes gegen die Inflation. Nicht zuletzt seiner Kampagne und dem persönlichen Drängen bei Sarkozy ist es zuzuschreiben, dass die Regierung im Sommer das Gesetz zur Modernisierung der Wirtschaft (LME) verabschiedete. Es bricht mit den bisher rigiden Vorschriften zur Eröffnung neuer Supermärkte und wird deshalb nach Einschätzung von Handelsexperten den Wettbewerb anheizen. Vor allem aber räumt es mit dem sogenannten Diskriminierungsverbot von 1996 auf, das es den Einzelhändlern untersagte, wie in Deutschland individuell Preise mit den Produktherstellern auszuhandeln. "Wir weigern uns jetzt, Einkaufspreise zu bezahlen, die mehr als zwei Prozent höher sind als in der letzten Verhandlungsrunde. Damit werden wir die Preissteigerungsrate in unseren Märkten bis zum Jahresende unter zwei Prozent drücken", ist Leclerc überzeugt.

Er reibt sich die Hände. Seine Verhandlungsposition stärkt, dass E. Leclerc gerade mehr als zwei Dutzend Märkte auf Korsika, im Elsass und auf La Réunion unter seine Fittiche genommen hat. Gemeinsam mit der deutschen Rewe-Gruppe, Conad aus Italien, der belgischen Colruyt-Kette und der Schweizer Coop ist E. Leclerc seit 2006 zudem in der europäischen Einkaufsallianz Coopernic zusammengeschlossen. Je mehr Verkaufsfläche, desto mehr Druck kann die Einkaufszentrale ausüben.

Fehlt nur noch, dass die französische Staatsbahn ihre Tarife für den Güterverkehr senkt. Bisher sei sie 20 bis 30 Prozent teurer als der Transport per Lkw, klagt Leclerc in Lyon und deutet an, worauf seine nächste Kampagne abzielen könnte. In der ostfranzösischen Metropole applaudieren ihm auch Mitarbeiter und der linke Bürgermeister des neunten Arrondissements Alain Giordano. "Ich kann nicht sagen, dass ich grundsätzlich begeistert von Hypermarchés wäre. Aber Leclerc macht seine Sache gut."

Proteste der Gewerkschaften gibt es nicht. Selbstverständlich ist das nicht, denn auf keinen der von ihr generell als Vertreter des Großkapitals gegeißelten Hypermarché-Chefs hat sich Frankreichs politische Linke so eingeschossen wie auf Leclerc. "Ich kann es ihnen nicht recht machen, egal, was ich tue", sagt Leclerc und zuckt die Schultern. Der Verzicht auf Wegwerf-Plastiktüten, Solarzellen auf dem Dach von Einkaufszentren, Energiesparsysteme, Lebensmittelspenden für die Armenküchen "Restaurants des Herzens", fair gehandelte Produkte wie eine Kollektion Freizeitkleidung aus malischer Bio-Baumwolle, bei der das Unternehmen auf die Hälfte seiner Gewinnmarge verzichtet - "Sie haben mich nie unterstützt. Tant pis. Egal."

Jean-Pierre Sorrento kennt die Gründe dafür aus dem Effeff. "Leclerc lässt es sich nicht nehmen, zu jeder Einweihung eines neuen Einkaufzentrums mit seinem Namen zu reisen und das Firmen-Label hochzuhalten - aber Tarifverhandlungen sind allein Sache der jeweiligen Supermarktchefs. Denn die sind laut Statut unabhängig", sagt der Gewerkschafter von der französischen CGT mit ironischem Unterton. Eine Kassiererin in Lyon verdient bei einer gesetzlichen 35-Stunden-Woche inklusive Gratifikation 17 000 Euro im Jahr. Dafür zieht sie auch sonntags Waren über den Scanner. Im Unterschied zu anderen Ketten nutzen die meisten Leclerc-Läden die in Frankreich flexiblen Ladenöffnungszeiten voll aus. Sie habe häufig an ein und demselben Tag morgens früh ein paar Stunden und dann wieder spätabends arbeiten müssen, schimpft eine ehemalige Angestellte.

Es gibt keinen Betriebsrat auf Unternehmensebene. "Wer sich gewerkschaftlich organisiert, riskiert bei Leclerc den Rauswurf", sagt Sorrento. Dutzende Gerichtsverfahren hätten die CGT und andere Gewerkschaften deshalb in den vergangenen Jahren geführt - und gewonnen. "Aber Leclerc geht durch alle Instanzen und macht die Leute damit fertig." Als in Montbéliard unweit der Schweizer Grenze vor zwei Jahren die Gewerbeaufsicht während einer Inventur anrückte, um Hinweisen auf ungenehmigte Überstunden nachzugehen, sperrte der Marktleiter 45 Mitarbeiter kurzerhand in den Umkleideraum ein. In Contrexéville in Lothringen wurden Mitarbeiter zwei Jahre lang heimlich gefilmt. "Zustände wie bei Lidl in Deutschland", klagt Sorrento. "In Deutschland strafen die Kunden so ein Verhalten ab. Hier in Frankreich nicht."

Ein Mann, eine Mission und viele Widersprüche. Dieser Unternehmer ist schwer zu fassen

Einzelfälle, die geahndet worden seien, sagt Leclerc. "Solange der Ruf des Unternehmens nicht auf dem Spiel steht, kann ich den Inhabern der einzelnen Märkte nicht vorschreiben, wie sie ihren Laden zu führen haben. Ich kann nicht verlangen, dass sie ihre Mitarbeiter besser bezahlen, wenn sie dann unser Ziel niedriger Preise nicht erfüllen können." Die Franchise-Nehmer können aus dem Verbund ausgeschlossen werden, wenn zu viele ihrer Preise über denen der Konkurrenz liegen. Es geht Leclerc eben um das große Ganze, um "alle Franzosen", wie er in Lyon gesagt hat. Dafür muss der Einzelne wohl manchmal zurückstecken.

Leclerc ist müde, als er in den Zug nach Paris steigt. Es war ein langer Tag. Seine Gesichtshaut ist schlaff, die graugrünen Augen sind noch ein wenig kleiner als sonst. Trotzdem packt er aus der Aktentasche einen dicken Schmöker über Stalin und einen Stapel Zeitschriften. Er liest schnell und konzentriert. In den Magazinen streicht er interessante Stellen an, reißt ganze Seiten heraus, um sie zu Hause zu archivieren. Ein Interview mit Elie Wiesel, einen Artikel über eine neue Band. Auch seinen vier Kindern, allesamt noch Schüler, will er ein gut informierter Gesprächspartner sein. Mehr erzählt er nicht über seine Familie. "Ich halte sie aus der Öffentlichkeit heraus, denn es ist schwierig genug, den Namen Leclerc zu tragen."

Den Namen eines Mannes, an dem sich viele in Frankreich reiben. Weil er die Konkurrenz offen herausfordert, statt dem Einzelhandelsverband beizutreten und mit ihnen gemeinsame Sache zu machen; in aller Stille, wie es lange zum guten Ton gehörte. Weil er es wagt, die Macht der Gewerkschaften zu brechen, die doch sonst in Frankreich von einem Tag auf den anderen das öffentliche Leben lahmlegen können. Weil er sich nicht festlegen lässt und mit Widersprüchen kein Problem hat. Bei seinen häufigen Besuchen in der Bretagne fährt er mit einem alten Citroën Traction herum, einem Straßenkreuzer, der 15 Liter auf hundert Kilometern säuft. In Paris testet er als Firmenwagen ein Hybridfahrzeug. Seinen Verkäuferinnen gesteht der selbst ernannte Kaufkraftstärker lediglich einen Verdienst zu, mit dem sie es sich kaum leisten können, bei ihrem Arbeitgeber einzukaufen.

An Leclerc scheiden sich die Geister. Kalt lässt er keinen. -