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Auf der Achterbahn

Insolvente Kunden, Übeltäter, Unfälle – vieles kann eine Firma zerstören. Der schwäbische Autozulieferer Walter Lindenmaier hat dies alles erlebt. Und ist trotzdem ein sonniger Mensch geblieben.




- Die Lindenmaier AG in Laupheim, 20 Kilometer südlich von Ulm, ist ein mittelständischer Automobilzulieferer. Das Unternehmen ist spezialisiert auf Komponenten für Airbags, Bremsen und Turbolader und ein schönes Beispiel dafür, dass es gar nicht so viele Katastrophen geben kann, als dass ein schwäbischer Mittelständler sie nicht durchsteht.

In den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten hat das Unternehmen von insolvent gegangenen Tochterfirmen bis zum Übernahmeversuch durch einen kriminellen Investor alles erlebt, was nur allzu häufig am Anfang einer Insolvenz-Geschichte steht. Dass es das Unternehmen mit seinen derzeit knapp 800 Mitarbeitern und einem Umsatz von rund 85 Millionen Euro noch gibt, ist ein kleines Wunder.

Wenn Walter Lindenmaier, 64, die Geschichte dieses Wunders erzählt, dann zeigt er dabei oft hinter sich an die holzvertäfelte Wand, ohne sich umzudrehen. Dort hängen gleich zwei Porträts seines Großvaters Georg Lindenmaier, der die Firma gegründet hat. Lindenmaier spricht dann oft die Worte: "Na wegen ihm." So als wäre damit im Prinzip alles erklärt.

Ist es jedoch nicht ganz. Lindenmaier ist ein Unternehmer, der eigentlich gar keiner sein wollte. Er wurde es "na wegen ihm". Als sein Vater im Krieg umkam, war Walter Lindenmaier noch ein Säugling. Sein Großvater war ein schwäbischer Patriarch, der seinen Willen mit Härte durchsetzen konnte. "Ich wäre gern Sänger geworden, das lag mir. Es hätte auch ein anderer Beruf werden können", sagt Lindenmaier. Aber der Großvater hatte immer Angst, dass der Enkel die Firma nicht übernehmen könnte. "Ich war der einzige Nachkomme, und da habe ich ihm versprochen, dass ich das mache", erzählt er und deutet wieder hinter sich, auf das Bild des Großvaters, der ihm noch immer im Nacken sitzt.

Bis heute ist er sich nicht sicher, ob seine Talente nicht ganz woanders als ausgerechnet im Führen einer Firma gelegen hätten. "Aber dann habe ich auch Freude an der Arbeit im Unternehmen gehabt", sagt Lindenmaier. "Vielleicht wollte ich mir und den anderen auch einfach beweisen, dass ich das wirklich kann, auch wenn mir das am Anfang kaum einer zugetraut hat. Ich habe die Verantwortung gespürt, die mein Opa in mich hineinpflanzen wollte. Das war ein sehr großer Antrieb."

Vielleicht war es dieser große Antrieb, der Walter Lindenmaier half, Niederlagen einzustecken, ohne aufzugeben. Und vielleicht hat es ihm die Fehlbesetzung als Unternehmer ermöglicht, über diese Niederlagen offen zu sprechen. In aller Ausführlichkeit hat er die bewegte Geschichte seines Unternehmens vor einigen Jahren dem Schriftsteller Burkhard Spinnen erzählt. In dem Buch "Der schwarze Grat" wirkt Lindenmaier wie ein Überlebenskünstler, der sich durchwurstelt und immer wieder über gebrochene Verträge, nervöse Banken oder in Bilanzen versteckte Risiken stolpert. In diesem Bericht aus dem deutschen Mittelstand erlebt man einen Unternehmer, den manchmal nur Glück und Zufall aus aussichtslosen Lagen befreit haben. Von eitler Selbstinszenierung keine Spur. Nach jedem Sturz hat Lindenmaier völlig unbeeindruckt weitergemacht. Er hätte einfach hinwerfen, alles verkaufen und wenigstens das Privatvermögen retten können. Doch er fing lieber von vorn an - und arbeitete der nächsten Krise entgegen.

Wenn die Bank kein Geld mehr gibt, hilft nur noch Schwaben-Solidarität

Zuletzt vor fünf Jahren. Da war es die fehlende Liquidität, die das Unternehmen in Bedrängnis brachte. "Im Jahr 2003 haben wir noch einmal in den Abgrund geschaut", sagt er, und es klingt, als sei ein Umsatzeinbruch so etwas wie ein von den Göttern befohlener Schicksalsschlag. Innerhalb weniger Wochen stornierten oder verschoben damals gleich sechs Kunden große Auf träge, ein Ausfall von zwölf Millionen Euro Umsatz. Lindenmaier: "Das war eine Katastrophe. Die Kosten liefen weiter, und für etwa 80 Leute hatten wir plötzlich keine Arbeit mehr. Die Bank hat mir erklärt: , Sie haben viel geschafft im Leben, aber wissen Sie, Herr Lindenmaier, diesmal schaffen Sie es nicht mehr. Wir geben Ihnen keinen Überbrückungskredit.'" Zu diesem Zeitpunkt fehlen ihm vier Millionen Euro. Er zieht los, besucht Kunden und Kollegen, bittet um die Vorfinanzierung späterer Lieferungen. Ein befreundeter Mittelständler leiht ihm eine halbe Million Euro, per Handschlag, die Belegschaft verzichtet auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld.

Diese Geschichten aus der schwäbischen Provinz klingen, als sei die Automobilindustrie eine hemdsärmelige und fast schon dörfliche Branche. Man kennt sich und spricht miteinander. Lindenmaier hat offensichtlich kein Problem, andere um Hilfe zu bitten. Eitelkeiten kann er sich ohnehin nicht leisten. "Ich habe in schwierigen Situationen immer wieder Menschen getroffen, die bereit waren, mir zu helfen. Man muss den Mut haben, um Rat und Hilfe zu fragen. Viele Manager sind dazu vielleicht zu feige und zu eitel. Aber wissen Sie, mein Unternehmen zu verlieren hätte meine Eitelkeit mehr beschädigt, als andere um Hilfe zu bitten."

Aufträge, die wegbrechen, sind das eine Problem, mit dem Lindenmaier zu kämpfen hat. Gescheiterte Expansionsversuche das andere. Im Jahr 1986 verschlingt die Gründung einer Vertriebs- und Produktions-Tochtergesellschaft in den USA Millionen D-Mark. Kunden, die den Schwaben ermuntert hatten, in den USA ein Werk zu bauen, um dort nah bei ihrer Fertigung zu sein, stornierten ihre Verträge. Lindenmaier: "Hätte ich geklagt, hätten sie nicht mehr bei mir geordert, und ich hätte auf einen Schlag 25 Millionen Mark Jahresumsatz verloren. Als Autozulieferer ist man von den großen Unternehmen sehr abhängig."

Ähnlich glücklos endet 1989 die Übernahme einer Maschinenfabrik mit 120 Beschäftigten. "Ich sah mich schon als größeren, gut aufgestellten Maschinenhersteller, davon war ich höchst begeistert", gesteht Lindenmaier. Doch er erkennt zu spät, dass die Aufträge in den Büchern des gekauften Unternehmens die Betriebskosten nicht decken. Ruinös ist schließlich ein Großauftrag für knapp sechs Millionen Mark. Während der Produktion kommt der Kunde mit immer neuen Änderungswünschen, die blauäugig und offenbar ohne weitere Absicherung erledigt werden. Am Ende kostet die Herstellung des Produktes fast zwölf Millionen Mark. Der Kunde weigert sich, mehr als die vereinbarte Summe zu bezahlen. Die neue Firma meldet Insolvenz an. Der Traum vom Maschinenbau kostet Lindenmaier mehrere Millionen Mark.

Die Not treibt Lindenmaier in die Arme von Kriminellen - er sieht keinen anderen Ausweg

Die Pleiten der Tochtergesellschaften sind noch die kleineren Probleme in Lindenmaiers Achterbahnfahrt. Wesentlich härter trifft ihn die verhängnisvollste Fehlentscheidung in der Unternehmensgeschichte. Um das wieder einmal hoffnungslos überschuldete Unternehmen zu retten, verkauft Lindenmaier es 1978 zu zwei Dritteln an einen Finanzinvestor namens Wirtschaftsticker. Der hat zwar kein eigenes Kapital und keine Ahnung von der Branche, aber eine Drückerkolonne, die ahnungslose Privatleute dazu überredet, ihr Geld in Anteile des Unternehmens zu stecken.

Kurz vor Vertragsunterzeichnung erscheint im "Spiegel" ein Artikel, der über frühere, offenkundig unseriöse Machenschaften des Wirtschaftstickers berichtet. Aber Lindenmaier will an die Rettung durch die Finanzjongleure glauben. Er blendet sämtliche Risiken aus. "Wissen Sie, nicht alles, was der "Spiegel" schreibt, muss stimmen", sagt er heute. "Ich sah den Strohhalm, den mir der Investor entgegenhielt. Und ich sah, dass uns eine andere Firma gegen meinen Willen, aber unterstützt von den Banken, übernehmen wollte. Dagegen wollte ich mich wehren."

Bald darauf muss er sich gegen den Wirtschaftsticker wehren. Die neuen Partner wollen den Alteigentümer aus der Firma drängen, um sie in aller Ruhe auszuplündern. Beide Seiten kämpfen mit harten Bandagen und überziehen einander mit Anzeigen. Zeitweise ist Lindenmaier als Geschäftsführer entlassen und darf das Firmengelände nicht betreten. Um Beweise zu sichern, besorgt sich ein Vertrauter von ihm einen Nachschlüssel und kopiert nachts heimlich den gesamten Schriftverkehr des vom Wirtschaftsticker eingesetzten Vorstands. Lindenmaier: "Wir haben Dinge getan, die der Herrgott und das Bürgerliche Gesetzbuch nicht gutheißen. Aber es ging um die Existenz der Firma."

Recht haben allein hilft im Schadensfall nicht. Man muss das Geld auch kriegen

Als der Staatsanwalt, der gegen den Wirtschaftsticker ermittelt, gegenüber Lindenmaier andeutet, er bräuchte einen Kronzeugen, um weiterzukommen, handelt Lindenmaier prompt. Er setzt einen Mitarbeiter des Wirtschaftstickers massiv unter Druck: Der einzige Weg, um aus der Nummer heil rauszukommen, trichtert er ihm ein, sei eine Aussage gegen seinen kriminellen Arbeitgeber. Kurz darauf präsentiert er dem Staatsanwalt den Überläufer, wovon die Gegenseite nichts ahnt. Deren Vertreter sind sehr überrascht, als sie wie in einer "Tatort"-Episode auf einer Autobahnraststätte verhaftet werden. Lindenmaier hat seine Firma zurück.

Gegen Wirtschaftskriminelle kann man sich wehren. Fehlendes Geld kann man eintreiben. Und Expansionsversuche kann man rückgängig machen. Dem Pech ist man jedoch ausgeliefert. Und meistens schlägt es dann zu, wenn man es am wenigsten erwartet. Anfang der neunziger Jahre hat sich die Lindenmaier AG stabilisiert. Die früheren Abstürze sind überstanden. Mit den gesunkenen Preisen und den neuen Anforderungen der Just-in-time-Produktion müssen die Schwaben zurechtkommen wie der Rest der Branche auch.

Alles ist gut. Bis am 20. Mai 1992 eine schwere Gas-Explosion das Firmengelände verwüstet, ausgelöst durch einen Fehler eines Lieferanten. "Da bekam ich gesagt: , Herr Lindenmaier, Sie sollten besser die Firma schließen. Sie werden nie mehr auf die Beine kommen.' Die Firma war am Ende", berichtet Lindenmaier. "Natürlich war der Lieferant haftbar, aber zwischen jemanden haftbar machen und die Entschädigung zu bekommen, ist ein großer Unterschied. Und in der Zeit laufen die Kosten weiter, die Produktion steht still, und die Kunden suchen sich andere Lieferanten."

Die überschuldete Lindenmaier AG kann sich am Ende nur durch einen Vergleich mit den Gläubigern retten. Dabei bürgt der Unternehmer mit seinem gesamten Privatvermögen für die Quote. Lindenmaier: "Hätte ich die Härterei nicht für acht Millionen verkaufen können, hätte ich voll gehaftet. Ich hätte privat nichts, aber auch gar nichts mehr gehabt. Alle sagten: Ich wäre verrückt. Aber mein Privatvermögen kommt aus dem, was diese Firma über Jahrzehnte erwirtschaftet hat. Da muss ich auch für die Firma einstehen. Ich musste im Grunde dauernd mit meinem Privatvermögen bürgen, bis zum letzten Hosenknopf. Wenn man so nicht denkt, hat man auch keine Glaubwürdigkeit."

Lindenmaier ist emotional und vertrauensselig. Das brachte Ärger - und Rettung

Walter Lindenmaier hat nicht wenige Fehler gemacht - und er spricht darüber. Zum Beispiel von seiner schnellen Begeisterungsfähigkeit und seiner eher unterentwickelten Fähigkeit zum Misstrauen. "Bei Personalentscheidungen hatte ich nicht die glücklichste Hand, das muss man so sagen", stellt er nüchtern fest. "Ich habe Menschen zu sehr vertraut, ich bin mehr ein Gefühlsmensch. Wenn ich erkannt habe, dass der Mitarbeiter die Erwartungen nicht erfüllt, habe ich oft viel zu spät reagiert."

Ein Mittelständler wie er schreckt in solchen Fällen vor den Kosten einer Kündigung zurück, wenn als Abfindung für einen Manager 200 000 bis 300 000 Euro fällig werden. "Man macht sich vor, das wird schon noch mit dem Mann, aber der Schaden wird immer größer. In Wahrheit bin ich für diese Funktion vielleicht ein zu weicher Mensch. Ich brauche Harmonie, und deshalb schaue ich möglicherweise nicht so genau hin, um die Harmonie nicht zu gefährden. Eine größere Härte wäre oft besser für das Unternehmen gewesen", sagt er.

Aber vielleicht sind Lindenmaiers Schwächen auch gerade die Voraussetzung für seine Stärke, mit der er sein Unternehmen oft unkonventionell gerettet hat. Er ist zwar emotional und vertrauensselig, aber andere haben ihm auch vertraut.

Im nächsten Jahr wird Lindenmaier 65. Dann will er sich aus dem Vorstand zurückziehen und in den Aufsichtsrat der Firma wechseln. Die Produkte der Lindenmaier AG sind komplexer geworden, was mit enormen Investitionen in der Vergangenheit erreicht wurde. "Wir machen jetzt operativ kleine Gewinne, sechsstellige Beträge. Ab 2009 laufen unsere neuen Produkte an, für die wir investiert haben. Dann wächst auch der operative Gewinn", sagt Lindenmaier über die Zeit nach ihm.

Und die, so scheint es, kann für das Unternehmen sehr gut werden. Während andere Firmen in der Branche mit der Krise an den Finanzmärkten in eine gefährliche Kreditklemme rutschen, hat Lindenmaier einfach nur Glück gehabt. "Wir haben uns Ende vergangenen Jahres in einem Sell-and-Lease-Back-Geschäft bei einem amerikanischen Investor 22 Millionen Euro für nötige Investitionen verschafft", erzählt der Unternehmer sichtlich zufrieden. "Für die nächsten 20 Jahre mieten wir von dem Investor einen Teil unserer Grundstücke und Gebäude. Damit haben wir uns weitgehend bankenunabhängig gemacht. Das wäre drei Monate später ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Ich wage gar nicht daran zu denken, wie wir uns ohne diesen Deal heute finanzieren sollten."

Seine Zuversicht ist ihm während der vergangenen 37 Jahre nicht abhanden gekommen, im Gegenteil. Während alle Welt den Niedergang von Ford und General Motors erwartet, bleibt Lindenmaier ein begeisterter Amerika-Fan. "Die Automobilindustrie dort wird die Kapazitäten für die ganzen nicht mehr verkäuflichen Fahrzeuge einstampfen und ein ungeheures Investitionsprogramm auflegen, um die neuen, sparsameren Motoren, die neuen, leichteren und kleineren Fahrzeuge herzustellen", glaubt der schwäbische Mittelständler. "Das ist ein Paradigmenwechsel, den die Amerikaner mit brutaler Gewalt und in Windeseile umsetzen werden. Das ist für uns die große Chance. Darum bin ich jetzt dabei, Möglichkeiten für ein Joint Venture zu sondieren, um dort präsent zu sein. Wenn wir jetzt drüben die Weichen stellen, wird der Betrieb in 2010, 2011 gute Umsatzmöglichkeiten haben."

Während viele vom Ende der US-Autoindustrie orakeln, glaubt Walter Lindenmaier an deren Zukunft - und plant wieder, in Amerika zu investieren. Er bleibt vor allein eines: ein unverbesserlicher Optimist. -

Burkhard Spinnen: Der schwarze Grat - Die Geschichte des Unternehmers Walter Lindenmaier aus Laupheim. btb, 2005; 320 Seiten; 10 Euro