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Ach ja, die Jugend

Wird der Nachwuchs immer dümmer? Die Datenlage ist dünn und ein wenig widersprüchlich. Aber unter dem Strich gibt es mehr Hinweise auf das Gegenteil.




I. Der Nachname von George Bush

Seit Jahren kursiert auf Youtube ein Clip mit dem Titel "Dummer Hip-Hopper". Ein Klassiker, könnte man sagen. Schauten jene Altvorderen, die den Untergang von Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft am Nichtwissen der Jugend von heute festmachen, Videoclips, sie hätten ein weiteres schönes Beispiel für ihre Klage von der Generation doof. Der dumme Hip-Hopper bekommt von einem Reporter des Comedy-Formats "Freitag Nacht News" auf der Straße ein paar Fragen gestellt. Zum Beispiel, aus welchem Land George Bush kommt. Der dumme Hip-Hopper weiß, dass Bush Amerikanisch spricht. Er tippt auf Großbritannien. Wie George Bush mit Nachnamen heißt, weiß das Abziehbild des jugendlichen Bildungs-Dropouts nicht. Bei Nachfragen zu Saddam Hussein versucht er es mit logischer Annäherung: Der spreche ja auch Amerikanisch und komme vermutlich aus demselben Land wie Bush, also auch Großbritannien. Der Altvordere, wenn er den Clip denn sähe, würde vermutlich sagen, dass das ja durchaus lustig sei - wenn es nicht so traurig wäre.

Dass vorangehende Generationen die nachfolgenden für tendenziell unfähiger als sich selbst halten, ist kein neues Phänomen. "Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte. Die Jugend steht nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widerspricht den Eltern und tyrannisiert die Lehrer." Das Zitat stammt weder aus der "Feuerzangenbowle" noch aus einem Leitartikel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" der siebziger Jahre, sondern, der Altvordere weiß es natürlich, von Sokrates.

Psychologisch ist eine überlegene Selbsteinschätzung voranschreitender Generationen nicht allzu schwer zu erklären. Der junge Berliner Forscher Michael Becker vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat hierfür eine aparte Vokabel parat: "Doppelter Bias." Bias - für die Älteren, die nicht so gut Englisch sprechen - steht im wissenschaftlichen Kontext für Verzerrung oder verzerrte Wahrnehmung. Bezogen auf die angeblich immer dümmere Jugend, bedeutet das: Erstens hatten die Älteren mehr Zeit, Wissen zu sammeln, können sich unter Umständen tatsächlich einen Wissensvorsprung erarbeitet haben, rechnen ihren Zeitvorsprung beim Wissensvergleich aber nicht ein. Zweitens überschätzen sie in der Rückschau systematisch den eigenen Wissensstand zum Zeitpunkt ihrer Jugend, zumal das Wissen damals vergleichsweise überschaubar war, was der Altvordere ebenfalls gern übersieht.

II. Doppelter Bias

Irren ist menschlich. Da muss die Wissenschaft ran und helfen, ein wenig dumme Jugend gestern und heute zu quantifizieren. Das kann die Wissenschaft. Wenn auch leider etwas lückenhaft und mit besonders großen Lücken für Deutschland, da wir nie das Land des flächendeckenden Intelligenztests waren. Und die empirische Bildungsforschung, die unter anderem Schulleistungen im Wandel der Zeiten zu messen versucht, hierzulande erst Mitte der neunziger Jahre langsam aus dem Knick kam.

Amerika hat es, wie fast immer, besser. Denn dort gibt es seit 1969 den National Assessment of Educational Progress (NAEP) des Bildungsministeriums. Diese Langzeitstudie stellt den jungen Leuten da drüben ein tendenziell gutes Zeugnis aus. Denn bei den schulischen Kernkompetenzen wie Mathematik, Lesen, Schreiben und naturwissenschaftlichem Wissen haben sich die Leistungen in den vergangenen 30 Jahren im Großen und Ganzen nicht verändert. Gleichzeitig sind aber eine ganze Reihe neuer Kompetenzen hinzugekommen, die High-School-Absolventen heute im Großen und Ganzen recht gut beherrschen, allen voran den Umgang mit Computern. Aus den Datensätzen des NAEP lässt sich also unter dem Strich herauslesen: Wissen und Kompetenz sind in der Summe gewachsen, denn neue Kompetenzen wurden nicht auf Kosten von traditionellen erworben.

Bei den deutschen Schülern ist der Leistungsvergleich über die Jahrzehnte so gut wie unmöglich, da die deutsche Pädagogik traditionell theoretisch orientiert war. Man könnte auch weniger freundlich formulieren, dass sie sich relativ konsequent geweigert hat, die Ergebnisse ihrer Arbeit zu prüfen. Ein paar Daten liegen aus Vor-Pisa-Schock-Zeiten aber doch vor. Und die deuten darauf hin, dass zumindest die Älteren unter den Pisa-Geschockten wenig Grund zur Überheblichkeit haben.

Wie gut die deutschen Abiturienten der fünfziger und sechziger Jahre den Eingangsmonolog im Faust beherrschten, ist unklar - in Mathematik waren sie Nieten. Das belegen die Ergebnisse der First International Mathematics Study, kurz FIMS, aus dem Jahr 1964. An der Folgestudie hat Deutschland dann Anfang der achtziger Jahre konsequenterweise nicht mehr teilgenommen. Um bei der dritten Erhebung Mitte der neunziger Jahre überrascht festzustellen, dass deutsche Schüler in Mathematik nach wie vor Nieten sind. Das Ganze gipfelte in den Panikreaktionen auf die Pisa-Ergebnisse 15-jähriger Schüler der OECD.

Nun waren diese Ergebnisse in der Tat alles andere als erfreulich. Aber ein deutscher Bildungsabstieg ließ sich aus den Daten nicht ablesen. Denn da wäre er wieder, der doppelte Bias.

III. Gutes Essen, gutes Hirn

Die Vorstellung von der unfassbar schlauen Nation baut auf den Erfolgen deutscher Wissenschaftler vor 1933, die das internationale Wissensrennen über weite Strecken dominierten. Die wirtschaftlichen Erfolge nach 1949, stark von Ingenieursleistung getrieben, legten den Schluss nahe, dass es bei Bildung und Wissen ebenfalls wieder spitze lief. Dass in den sechziger Jahren ein Viertel aller Arbeitnehmer keinen Abschluss hatte, fiel bei einer Arbeitslosenquote von rund einem Prozent angenehmerweise nicht so auf. Es gab genug Arbeit für die Vorgänger der dummen Hip-Hopper, sodass die deutlich weniger Zeit hatten, Reportern auf der Straße dummes Zeug zu erzählen.

Mit internationalen Datensätzen lässt sich immerhin klar nachweisen: Mit der messbaren Intelligenzleistung der Menschheit ist es im Laufe des 20. Jahrhunderts klar nach vorn gegangen. Entdeckt hat das der neuseeländische Politologe US-amerikanischer Herkunft James R. Flynn. Der begann 1984 erstmals systematisch damit, die Ergebnisse von Intelligenztests aus verschiedenen Epochen, zum Beispiel von Rekruten der niederländischen Armee, zu vergleichen. Und siehe da: Die Jugend von heute schneidet bei solchen Tests signifikant besser ab als die Jugend vor 30 oder 50 Jahren. Die erfreuliche Trouvaille des Neuseeländers ging als Flynn-Effekt in die Wissenschaftsgeschichte ein. In den meisten Industrieländern betrug der Flynn-Effekt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts drei Prozentpunkte pro Jahrzehnt, was statistisch vor allem auf einen Anstieg der durchschnittlichen Intel-ligenzleistungs-Werte bei den unterdurchschnittlich Intelligenten zurückzuführen ist.

Flynn und andere Forscher führen die Zunahme an Intelligenz auf die positiven Folgen der industriellen Revolution und wachsenden Wohlstand zurück. Konkret: bessere Ernährung in breiteren Schichten, bessere Gesundheit, bessere Bildungsangebote sowie vermehrte Aufmerksamkeit für Kinder in kleineren Familien von Eltern, die im Durchschnitt weniger arbeiten.

Das ist nun unter dem Strich eher erfreulich und weist die Altvorderen ein wenig in ihre intellektuellen Schranken. Die Intelligenten unter ihnen wissen freilich, dass sogenannte IQ-Tests bei der Frage nach dumm oder schlau nicht das Maß aller Dinge sind, denn sie fragen vor allem die Fähigkeit zu abstraktem Denken ab. Zum Beispiel über die Suche nach Ähnlichkeitsstrukturen in Zahlenreihen. Nach heutigen Maßstäben hatten Menschen um 1900 einen durchschnittlichen IQ zwischen 50 und 70. Sie waren also hochgradig geistig behindert. Nein, waren sie natürlich nicht. Sie dachten nur viel konkreter als wir. James R. Flynn verweist in diesem Zusammenhang gern auf Hunde und Hasen. Was haben die gemeinsam? Vor hundert Jahren hätten wohl die meisten geantwortet: "Mit Hunden jagt man Hasen." Und nicht: "Beides Säugetiere." Für den Intelligenztest heißt das dann: durchgefallen.

Womit keineswegs gesagt ist, dass höhere Intelligenzleistungen - also die Fähigkeit, die Logik über das Konkrete zu stellen - in Tests nicht dennoch ein Hinweis darauf wären, dass die Jugend im Durchschnitt eher schlauer als dümmer wird. Denn natürlich ist die abstrakte Denkfähigkeit in der Wissensgesellschaft von hohem Wert. Viel mehr wert jedenfalls als ein stets abrufbereiter Zitatausschnitt aus dem Faust-Monolog, wenn man unterstellt, dass die Altvorderen den in ihrer Jugend tatsächlich stets parat hatten. Bei genauerem Hinsehen und entgegen gängiger Vorurteile ist unsere Gesellschaft dank moderner Informations- und Kommunikationstechnik ganz gut in der Lage, den Kindern und Jugendlichen von heute abstraktes Denken zu vermitteln.

IV. Selbst der Schrott wird besser

Nichts gegen das gute alte Buch. Unsere Kinder werden es lesen, wenn wir es mit Begeisterung (vor-)lesen. Und es wird weiter die Fantasie anregen, die Fähigkeit zu Empathie schulen und vielleicht auch hier und da noch faktenbasiertes Wissen vermitteln. Doch auch Computerspiele, TV-Serien und Internetnutzung machen nicht zwingend dümmer. Sicher: Jugendliche, die sich den ganzen Tag und auch in der Nacht mit Ballerspielen am PC vergnügen, tun ihrem Kopf nichts Gutes, auch wenn sie nicht zum realen Amokschützen mutieren. Aber: Alles Schlechte kann sehr wohl gut für uns sein. Das zeigt der amerikanische Wissenschaftsjournalist Steven Johnson in seinem hochgradig klugen Buch "Everything Bad is Good for You", auf Deutsch unter dem Titel "Neue Intelligenz - Warum wir durch Computerspiele und TV klüger werden" erschienen. Johnson vergleicht die Komplexität und Qualität von medialen Inhalten über die Jahrzehnte hinweg - und kommt keineswegs zu dem Ergebnis, dass die Jugend von heute verdummen muss, wenn sie im üblichen Rahmen, also intensiv, moderne Medien nutzt.

Ein Computerspiel der siebziger Jahre bestand in der Regel aus ein paar Symbolen, die sich meist langsam auf einem schwummrigen Bildschirm bewegten. Dem wurde dann ein eher sinnfreier Titel wie "Pong" oder "Tennis for Two" gegeben, und das Ganze hatte den Charakter eines seichten Geschicklichkeitsspiels. Wenn jugendliche Gamer heute die ganze Nacht Computerspiele mit Titeln wie "Civilization" spielen, sind sie am nächsten Morgen müde - aber immerhin haben sie es zu ihrer Aufgabe gemacht, mal eben die Wirtschafts- und Technikgeschichte der Menschheit zu rekonstruieren.

Bei der Vielzahl kognitiver Herausforderungen im Plot dürfte "Mensch ärgere Dich nicht" nicht ganz mitkommen. Entsprechend größer sind die positiven Effekte für neuronale Stimulation, die bei strategischen Computerspielen immer auf Problemlösung programmiert und somit pragmatisches Lernen insgesamt fördert. Seltsamerweise macht dieser Zusammenhang seltener Schlagzeilen als dürftige Studien zu Ballerspielen, obwohl kreative, nicht gewalttätige Computerspiele die Ego-Shooter an Verkaufszahlen vermutlich deutlich übersteigen.

Für das Internet sei nur ergänzend erwähnt, dass ein Mitmachmedium seine Nutzer - das ist ja der Sinn des Mitmachens - tendenziell aktiviert und damit intellektuell eher inspiriert denn verblödet. Kinder, die Blogs schreiben, schreiben. Und selbst bei den Fernseh-Inhalten kann man bei Lichte betrachtet nicht ernsthaft behaupten: Früher gab es Shakespeare-Inszenierungen zur Prime Time, heute Frauentausch und Jackass. Oder zumindest diese Feststellung nicht als qualitativen Beleg dafür hernehmen, dass das dümmste aller Medien noch dümmer geworden ist und damit der Jugendverdummung noch eins draufsetzt. Das wäre zwar insofern bereits nicht schlüssig, als die Alten heute mehr TV glotzen als die Jungen. Aber wenn schon Fernsehen und intergenerationeller Kulturvergleich, dann bitte genau hinschauen.

Durch und durch dumm waren die globalen Quotenrenner der sechziger und siebziger Jahre: "Daktari", "Bonanza" oder "Der Mann in den Bergen". Einfache Charaktere, einfache Handlung, alles wunderbar vorhersehbar. Und bei den deutschen Eigenproduktionen ging es keineswegs komplexer zu. Die aktuellen globalen Erfolgsserien "24", "Lost" oder "The Wire" verlangen von ihren Zuschauern dagegen, Dutzende Erzählstränge, Vorausdeutungen und Rückblenden, changierende Charaktere und rasch wechselnde Schauplätze im Blick zu behalten, um die Story als Ganzes zu erfassen. Johnson hat dafür eine eindringliche Formulierung gefunden: "Sogar der Mist ist besser geworden."

V. Für dumm verkauft

Zugegeben: Letztes Argument klingt angesichts des gefühlten Untergangs eines Bildungslandes eher etwas schwach. Dummerweise haben jetzt auch noch Folge-Untersuchungen zum Flynn-Effekt ergeben, dass die messbare Intelligenzleistung junger Menschen nur bis Anfang der neunziger Jahre angestiegen ist, dann über einige Jahre stagnierte und jetzt wieder eine leicht rückläufige Tendenz zeigt - was James R. Flynn übrigens als Zeichen für materielle Übersättigung wertet. Etwas vereinfacht ausgedrückt, argumentiert er: Den Jungen geht es heute zu gut, und deshalb denken sie wieder etwas weniger nach. Also doch Generation doof?

Bildungsforscher mit einem optimistischen Bild von der Welt und der Jugend haben noch ein Ass im Ärmel. Zeit, es auszuspielen. Es ist ökonomischer Natur.

Formale Bildung nimmt statistisch zu. Es machen immer mehr junge Menschen eines Jahrgangs Abitur und studieren. Gleichzeitig nimmt die Korrelation von hohen Bildungsabschlüssen und qualifizierten Funktionen im Beruf ebenfalls zu, und die jungen Leute meistern im Großen und Ganzen ihre Positionen gut. Wäre die formale Bildung der Massen-Uni nichts wert, wie der Altvordere meint, müsste die Produktivität der Nachwuchskräfte schrumpfen. Das ist aber nicht der Fall.

Also kein Grund zur Panik, trotz dummer Hip-Hopper auf Youtube. Wer das Video genau anschaut, stellt übrigens fest, dass der Fernsehreporter in Mikrofonhaltung nicht sehr geschult ist. Er hält es immer weit vom dummen Hip-Hopper weg, der sich zudem noch zeitweise abdreht. Der Ton ist dennoch immer gleich laut und perfekt zu verstehen. Mit ein wenig moderner Medienkompetenz lässt sich unschwer der Schluss ziehen: Das Video ist wahrscheinlich ein Fake, die Antworten sind vermutlich von Gag-Schreibern geskriptet, und das Interview wurde im Studio vertont. Die Generation doof wird eben gern für dumm verkauft. -