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Das geht: Die Masche mit der Oma

Manfred Schmidt hat nach seinem Studium als Architekt gearbeitet und Häuser entworfen. Bis zu dem Tag, an dem er von seiner häkelnden Großmutter zweierlei lernte. Erstens: Preis und der Wert einer Sache sind selten identisch. Und zweitens: Handarbeiten sind schwer im Kommen.




- Die berufliche Selbstständigkeit von Manfred Schmidt hat zu tun mit Kummer und Leid, damit, um genau zu sein, wie seine Großmutter trauert. 2002 war ihr Mann gestorben, zwei Jahre darauf ihr Sohn, Manfreds Vater. Beide Male stürzte sich die heute 79-Jährige in Nadelarbeiten. "Das war beinahe therapeutisch", erinnert sich der Enkel. "Meine Oma hat nur noch unkontrolliert gehäkelt." Vieles von dem, was da entstand, bekam er geschenkt. Bald war es mehr Wollenes, als er gebrauchen konnte, "darunter so eine Art Etui für Papiertaschentücher", sagt der 35-Jährige. "Dabei benutze ich die gar nicht."

Irgendwann bot er Großmutters Häkelware versuchsweise bei Ebay an. Auf das Echo war er nicht gefasst. Die Nachfrage übertraf, was er an Vorräten besaß. Weshalb er mit seiner Großmutter sprach, ob sie Lust habe, ein paar Stücke auf Bestellung anzufertigen. Und ihr dabei vorschlug: "Mach die Lasche nicht an der Seite, sondern oben, dann wird eine Handytasche daraus." Die Oma erfüllt ihrem Enkel diesen Produktwunsch. Dass sie damals, Anfang des Jahres 2006, die Prototypen für sein Geschäftsmodell häkelte, ahnten beide nicht.

"Ich fand das einfach spannend: Die Oma kann noch was, und keiner sieht's", sagt Manfred Schmidt. Seine Großmutter gewann eine strickende Nachbarin hinzu, während er die Homepage entwarf für omaschmidtsmasche.de, die seine "Senior-Designerin" und ihr Sortiment präsentiert.

Der Stuttgarter kann sich auf seine Lieferantinnen, ihren Eifer und ihre Ideen verlassen. Omas Maschen kommen gut an, bei allem, was sich bestricken und umhäkeln lässt: iPod-Hüllen, Verlobungsringe aus Silbergarn, ein Peniswärmer zum Junggesellenabschied oder Häkelketten mit Schlaufe als Kölschglashalter. Das Geschäft mit traditioneller Handarbeit im Internet lief schließlich so gut, dass Manfred Schmidt Ende 2007 am Rande der Stuttgarter Innenstadt einen winzigen Laden eröffnete, der inzwischen die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet.

Das Geschäft heißt Mascherie, als hätte Schmidt sich nicht entscheiden können zwischen Masche und "ma chérie". Selbst die Einrichtung wirkt wie ein Kulissen-Reste-Mix aus Heinz-Erhardt-Filmen und "Fluch der Karibik", handgestrickt: Nierentischchen, silbrig schimmernde Elchschaufeln an goldfarbenen Wänden, im Schaufenster die alten Kästen eines Optikers, dem der Laden vor Urzeiten gehörte. Rings im Raum stapelt sich Wollenes: Topflappen mit Piratenlogo, Häkel-Totenköpfe im Stil des britischen Künstlers Damien Hirst, Glasflaschen im Garnkleid.

Seit einem halben Jahr hilft eine Seniorin im Stil "hart, aber herzlich" im Laden aus. Gerda Held möchte ihr Alter nicht nennen. "Schreiben Sie: Mitte 60." Über die Kosten von Kaschmirsocken urteilt sie rabiat: "Goldpreise! Nur was für die, die kalte Füße haben. Und keinen Mann." Frau Held schätzt ihren Job in der Mascherie nicht nur, weil sie damit ihre Rente aufbessert: "Ich brauche einfach Beschäftigung. Allein zu Hause - Jessas, da tät' ich untergehen." Wer wie Manfred Schmidt mit aktiven Rentnern zu tun hat, bekommt so etwas häufig zu hören.

Dabei hat er seiner Geschäftsidee anfangs kaum über den Weg getraut. Anderthalb Jahre nach dem ersten Ebay-Verkauf hat der studierte Architekt im April 2008 beschlossen, sich beruflich auf Omas Masche zu konzentrieren. "Irgendwann merkt man, was man wirklich will", sagt Schmidt, auch wenn der Wechsel in die Selbstständigkeit viel mehr Zeit als üblich brauchte. "Mit solch einer Idee Kredit bei einer Bank zu bekommen ist schwierig."

Schmidts Lieferantennetz, er nennt es Kreativkollektiv, umfasst heute rund 35 Senioren, unter ihnen auch einige Männer. "Es heißt doch immer, dass mehr ältere Leute in den Arbeitsmarkt integriert werden sollen - genau das machen wir", sagt der Chef. Bei ihm soll keiner zu kurz kommen. Deshalb berechnet er 20 Euro für eine Handytasche und 50 Euro für einen Laptopschutz. Extrawünsche und Spezialanfertigungen werden teurer.

Die Ein-Euro-Konkurrenz in den Schnäppchenläden der Nachbarschaft sorgt ihn nicht. Denn seine Geschäftsidee, so hat er es von der Großmutter gelernt, lautet: "Die Sachen bei uns haben nicht nur einen Preis, sondern auch einen Wert." -

Kontakt:
Mascherie, Herzogstraße 4, 70176 Stuttgart
www.omaschmidtsmasche.de