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Der Erlebnisgesellschafter

Jochen Schweizer war einer der Pioniere im Bungee-Geschäft. Dann erfand er sich im freien Fall neu. Heute verkauft er Träume.




-Der moderne Mensch hält ständig nach Neuem Ausschau. Er wechselt die Frauen, die Männer, die Aktien. Er ist ständig unzufrieden, setzt alles aufs Spiel, will alles sofort. Und dann, in einer x-beliebigen Stadt, lässt ihn endlich jemand an den Steuerknüppel eines Baggers, eines Panzers oder einer MIG-29. Und der moderne Mensch fühlt: Glück.

Einer von denen, die sich auf solche Wunscherfüllung verstehen, ist der Stuntman Jochen Schweizer. Er führt ein Unternehmen mit 110 festen Mitarbeitern, das seinen Kunden Erlebnisse vermittelt und "Adrenalin pur" verspricht. Und die Statistik verrät, was wahres Glück für seine Kunden bedeutet:

1. Fallschirm-Tandemsprung
2. Paintball
3. Fotoshooting
4. Candle-Light-Dinner für zwei
5. Segelfliegen
6. House Running
7. Dinner in the Dark für zwei
8. Bungee-Jumping
9. Ferrari selber fahren
10. Bagger fahren

Doch mit dem Glück ist es so eine Sache. Ohne Krisenerfahrung fällt es manchmal schwer, es zu entdecken. Kaum einer weiß das besser als der Mann, der 300 000 Erlebnisgutscheine im Jahr verkauft und dadurch bekannt wurde, dass er sich kopfüber von hohen Gebäuden stürzte.

Jochen Schweizer. Kahl rasierter Schädel. Brille. Mantel mit Mao-Kragen. Es ist sein Name, der fassadenfüllend auf einem Stoffbanner vor dem Haus hängt. Sein Körper, der sich auf den Postern im Foyer von der Tragfläche eines Fliegers löst. Sein Fallschirm unter der Decke der Kaffeeküche. Seine Leistung, die auf den Urkunden hinter einem Pfeiler quasinotariell durch das "Guinness-Buch der Rekorde" beglaubigt wird: "Wir bestätigen hiermit, dass Jochen Schweizer als erster Mensch der Welt mit einem Spezialfahrrad einen Fernsehturm 130 Meter hinaufgefahren ist", " Jochen Schweizer aus München gelang der erste Bungee-Sprung mit einem Motorrad von einem Fernsehturm", " Jochen Schweizer ...".

Wer ein Produkt vertreibe, das in keiner Lagerhalle zu finden ist, sagt Schweizer, als der schwere Aufzug ein Bürohaus im Osten Münchens hinauffährt, müsse eben darauf achten, dass die Marke ein Gesicht hat, "einen Menschen zum Anfassen", der mit jedem Muskel seines Körpers für das steht, was sie von München aus vertreiben.

Bei Jochen Schweizer funktioniert das gut. Seit er denken kann, ist er auf der Suche nach Glückserlebnissen, angetrieben von der merkwürdigen Ahnung, "anders zu sein als die anderen". Sei nicht schräg, sagten die anderen. Sei konform. Sei wie wir. Ihm stieß das auf.

Als er mit Freunden Mitte der sechziger Jahre auf einer Kreidler Florett nach Barcelona knatterte, fiel ihm unterwegs eine Straßenkarte von Westafrika in die Hände. Warum nicht, sagte er. Ach nö, sagten die Freunde. Also fuhr er allein weiter, durch halb Marokko. Ähnlich war es nach dem Abitur. Schweizer wagte sich durch unwegsames Gelände in der Sahara, suchte im Auftrag eines Unternehmers nach Lastwagen, die im Niger-Bogen verschollen waren. "Irgendwie", sagt er, "begegnen mir im richtigen Augenblick immer die richtigen Menschen. Und weil das so ist, gibt es in mir eine Art Urvertrauen, dass am Ende immer alles gut ausgeht."

Ein junger Mann hat einen tödlichen Unfall. Und der Stuntman gerät an seine Grenzen

Heute gibt sich Jochen Schweizer konzentriert, gelassen. Früher war er ein "wilder Hund", der sich im Kajak gern durch Stromschnellen und an Seilen von den Brücken stürzte, wie man es einst an Lianen auf der Insel Vanuatu bei Neuseeland machte. Er war der Stuntman, der für Willy Bogners abendfüllenden Werbespot "Feuer, Eis und Dynamit" vom 220 Meter hohen Staudamm im Verzascatal im Tessin sprang. Er zählte zu den Ersten, die auf Deutschlands Marktplätzen Bungee-Schausprünge machten, stürzte sich an einem 1000 Meter langen Seil aus einem Helikopter, hängte für Firmen, die derartige Inszenierungen schätzten, sich selbst, sein Team oder auf Wunsch auch ein Auto an Wolkenkratzer in aller Welt.

Und weil ihm die Gewinnspanne der Agenturen, die Sensationsdarsteller wie ihn an Werbefilmer und Marketingabteilungen vermittelten, unverhältnismäßig hoch erschien, gründete Jochen Schweizer 1985 wie nebenher ein kleines Unternehmen. Sich vorstellen, dass der Extremsport eines Tages die breite Masse erreichen und einen neuen Markt eröffnen würde, das konnte Schweizer damals nicht. Dafür sorgten erst die 600 000 Bungee-Sprünge, die sein Team bis 2003 ermöglichte, auf eigens von ihm errichteten Plattformen. Er wurde zum Bungee-Guru. Und verkaufte das Glücksgefühl des "Suizidus interruptus".

Am 20. Juli 2003, einem ungewöhnlich heißen Sommertag, brach dieser Traum erst einmal in sich zusammen. 39 Waghalsige bestiegen nacheinander den Dortmunder Fernsehturm, ließen sich eine überdimensionierte Nabelschnur anlegen und sprangen kopfüber 170 Meter in die Tiefe. Dann riss eine Schnur.

Der junge Mann, der eben noch vor Freude geschrien hatte, schlug auf dem Boden auf und war auf der Stelle tot.

Im Obergeschoss in München fällt es in diesem Augenblick schwer, von Glücksmomenten zu reden. Unten, im Callcenter, gelingt das besser. Dort sitzen zwei Dutzend Menschen vor ihren Computerbildschirmen, fahnden per Google Earth nach neuen Bungee-Standorten und schwärmen, sobald ein Kunde anruft, vom Adrenalinausstoß und von unvergesslichen Augenblicken.

Schweizer rückt näher an den Tisch heran, als er von sich aus auf das Unglück und die Folgen zu sprechen kommt. Er wird ruhig, hat mit seinem kahlen Haupt und ernstem Blick auf einmal nichts mehr von Jochen Schweizer, dem jugendlichen Draufgänger.

"Was ist Glück?", fragt er schließlich. Statt einer Antwort sagt er: "Ich kam erst spät dazu, mich mit dieser Frage wirklich intensiv zu beschäftigen."

Womöglich ist es das Glück, überlebt zu haben, das Jochen Schweizer nach diesem Sommer entdeckte.

Der Unfall stürzte ihn in eine Krise, wie sie substanzieller kaum hätte sein können. Zwar war er schon einmal, vor etlichen Jahren, an die Grenzen des Machbaren gestoßen, als er samt Kajak unter einem Wasserfall eingeklemmt war und nur mit dem Leben davonkam, weil er sich bewusst das Knie brach. Sein Denken aber veränderte das wenig.

Der Tod des jungen Mannes unter dem Fernsehturm, sagt Jochen Schweizer, veränderte sein Denken radikal. Zum ersten Mal erlebte er, was es tatsächlich bedeutet, sich im freien Fall zu befinden. Schlimmer noch: Man ließ ihn weiterfallen, bis er juristisch, medial und finanziell am Ende schien. Die Banken forderten ihre Kredite zurück. Die Kunden stornierten ihre Aufträge.

Seine Frau verließ ihn. Und die Staatsanwaltschaft wartet bis heute auf die Gelegenheit, Schweizer als Veranstalter für das Geschehen verantwortlich zu machen; das Verfahren soll in diesem Winter eröffnet werden.

Trotzdem machte er weiter. Er glaubt, sich nichts vorwerfen zu müssen. Dortmund war ein tragischer Unfall. Einer bei mehr als einer halben Million erfolgreich organisierter Sprünge.

Also rappelte sich der Stuntman wieder auf. Er trotzte dem öffentlichen Druck, vertraute dem Zuraten von Fans und Freunden, gab mit Ausnahme der Rampe in Dortmund die Sprunganlagen wieder frei, die er nach dem Unfall unverzüglich geschlossen hatte. Dann reduzierte er die Betriebskosten, überwinterte mit sieben von einst 50 Angestellten in einer alten Lagerhalle - um weiterzumachen und mit einer Geschäftsidee in Erscheinung zu treten, die ihm den Laden nicht nur retten, sondern mobiler machen sollte denn je.

Wie war das möglich? "Zwei Frösche fallen in zwei Milcheimer", sagt er mit einer Stimme, die ihm durchaus ein Auskommen als Märchenerzähler garantierte. "Der eine Frosch fällt rein, gibt sich auf, ertrinkt. Der andere strampelt und kämpft, obwohl die Lage hoffnungslos ist, und durch sein Strampeln entsteht Butter, sodass er Halt gewinnt und entkommt." In Momenten wie diesen ist einem der agile Herr Schweizer unheimlich.

Aber er hat ja recht: Die Idee, eine Reihe ungewöhnlicher Abenteuer per Internet anzubieten, war gleichermaßen so verzweifelt wie clever. Denn erstens waren dafür weder ein großes Budget noch viel Marktforschung erforderlich. Zweitens gab es für die Umsetzung vor Ort (mit Ausnahme der Bungee- und House-Running-Angebote, die weiterhin von eigenen Teams organisiert werden) jede Menge fremder Veranstalter, die nur ausgemacht, vernetzt und in ein eigenes Gutscheinsystem eingebunden werden wollten. Und drittens mussten diese Veranstalter erst wesentlich später, bei Einlösung der Gutscheine, bezahlt werden, sodass rasch Startkapital vorhanden war - das wiederum in eine Professionalisierung des Internet-Auftritts, eine Erweiterung des Angebots und die fortgesetzte Tätigkeit als Event-Veranstalter investiert werden konnte.

Beim Bungee-Springen nennt man den Moment, in dem der Springer ruckartig wieder nach oben geschleudert wird, den Rebound.

Das war Jochen Schweizers Rebound.

Im November 2004 ging das Portal für Erlebnisgeschenke online. Im Dezember hatte man Gutscheine im Wert von 180 000 Euro verkauft, ausgedruckt und an die Kunden verschickt. "Und nur zum Vergleich", es huscht wieder ein Lächeln über Schweizers Gesicht, "im laufenden Jahr verkaufen wir Gutscheine für rund 30 Millionen Euro. Wöchentlich melden sich bei uns 6000 Interessierte. 1500 Veranstalter arbeiten mit uns zusammen."

Das Bedürfnis, einige Augenblicke Sorglosigkeit erleben zu dürfen, war nach der ersten großen Finanzkrise des Jahrtausends allgegenwärtig. Der Markt erwies sich gar als groß genug für eine ganze Reihe von Geschenkanbietern, ob sie nun Jollydays heißen, Mydays oder eben Jochen Schweizer. Sie arbeiten nach einem Geschäftsmodell, wie es in England unter dem Namen "Red Letter Days" bereits seit 1989 erfolgreich ist. Und sie alle suggerieren: Glück ist käuflich, was immer man darunter versteht.

Es ist nicht schwer, einen Kampf-Jet zu mieten. Jedenfalls leichter als eine Dampflokomotive

"Die Träume, die wir verkaufen, waren vorher nicht erfüllbar. Jetzt sind sie handelbar geworden." Per Mancke sagt das, einer jener Mitarbeiter in München, die neue Angebote recherchieren und dafür sorgen, dass bestehende Angebote in möglichst vielen Regionen erhältlich sind. "Manchmal allerdings sind wir auch nur der Ideengeber für Erlebnisse, die so oder ähnlich im Grunde auch selbst zu organisieren wären."

Gerade das hat alle überrascht. Denn eigentlich hatten sich Jochen Schweizer und sein Team auf action-lastige Angebote beschränken wollen, die allesamt aus Schweizers Welt stammten, allen voran Bungee- und Tandemsprünge mit dem Fallschirm. "Wir wollten diese Palette auf hundert Angebote beschränken und gingen davon aus, bei diesen Angeboten werde schon für jeden der passende Nervenkitzel dabei sein."

Manchmal aber reicht es nicht, eine Hauswand hinunterzuspringen, Hubschrauber zu fliegen, Agent zu spielen oder sich aus einem Ballon hinauszustürzen. Dann muss ein Candle-Light-Dinner her. Ein Nachmittag im Bagger. Oder eine Fahrt am Steuer einer Dampflokomotive.

"Mit der Dampflokomotive ging es los", sagt Mancke in das Gemurmel der Kollegen vom Callcenter hinein. "Sie glauben gar nicht, wie schwierig es für uns war, einen Anbieter zu finden." Ein Russe, der seinen Kampf-Jet oder seinen Eisbrecher oder seine Hütte am Nordpol mit Gästen füllt, lässt sich mit entsprechendem Bargeld in der Hand rasch auftreiben. Veranstalter, die einen zum Delfinschwimmen oder Haitauchen bringen, gibt es mittlerweile in jedem zweiten Inselschilf. "Aber versuchen Sie einmal, einen deutschen Eisenbahnliebhaber davon zu überzeugen, die Vereinslokomotive für kommerzielle Zwecke zu heizen. Wir haben anderthalb Jahre gebraucht, um diesen Kindheitstraum erfüllen zu können."

Jochen Schweizer sagt, dass auch er mittlerweile einen umfassenderen Begriff vom Glück habe. "Es gibt sogar Erfahrungen, die muss man nicht unbedingt physisch machen."

Für ihn begann das alles mit 15, als er sich auf ein Betongeländer stellte, mitten in der Nacht, um seine Höhenangst zu besiegen. Damals begann er zu verstehen, "welche Kräfte sich freisetzen lassen, wenn man die Angst besiegt", und empfand "Glück, absolut".

Nichts anderes ist es, was für ihn weiterhin die Faszination ist an Bungee-Jumping oder House-Running, also dem gesicherten Hinunterlaufen an Hauswänden, mit dem Gesicht nach unten: Jochen Schweizer inszeniert Situationen, die das Überleben als eine Art Wiederauferstehung erscheinen lassen. Auch der neue Windtunnel neben der Skihalle in Bottrop gehört dazu, in dem Ungeübte den freien Fall erleben sollen - oder was man dafür hält.

Neu ist, dass er heute selbst angstfreies Töpfern in der Toskana in sein Programm aufnehmen würde. Kochen und Opern-Dinner sowieso. Kunstausstellungen vielleicht. Denn er hat festgestellt, dass die "Suche nach authentischen Erlebnissen", die seine Kunden antreibt und seine Unternehmensgruppe finanziert, von einer deutlichen "Tendenz zur Respiritualisierung" begleitet wird.

Er muss es wissen. Die Skulptur, die vor seinem Schreibtisch steht, trägt den rätselhaften Schriftzug "Dharma". Auf neuen Bildern im Foyer ist ein Chef zu sehen, der in strenger Zen-Manier meditiert. Und wenn man ihn bittet, ein Erlebnisgeschenk für Jochen Schweizer zu nennen, schwärmt er nicht vom schnellen, jedes Herzrhythmusgerät überfordernden Kick - er breitet am Tisch minutenlang die Arme aus, so, als werde er gleich abheben und im Himmel über München eine Runde drehen: "Sie werden angeschnallt. Die Haube schließt sich. Die Seilwinde ruckelt. Sie schießen mit dem Segelflieger in den blauen Himmel hinein, bis Sie ausgeklinkt werden, die Luft spüren und die Stille ..."

Natürlich weiß auch er, dass nicht jedes Erlebnis jeden Menschen glücklich macht. Er sagt es sogar. Die Gutscheine, die sie per Telefon, Internet oder Adrenalin-Shop verkaufen, bezeichnet er gern als das, was sie juristisch sind: "Optionsscheine".

Ob sie funktionieren, hängt von der richtigen Wahl zum richtigen Zeitpunkt ab. Sieben von zehn Kunden sind Frauen, die Geschenke für ihre Männer suchen. "Das beruhigt mich. Frauen merken sich, wann die Augen ihrer Männer leuchten." Und für alle anderen gibt es das Incentive-Programm, das Bonussystem, das Firmen wie die Württembergische Versicherung, BMW, Otto, Fulda Reifen oder Fleurop nutzen, um treue Mitarbeiter oder Kunden mit einem für sie maßgeschneiderten Angebot bei Laune zu halten: "Ein Betriebsausflug auf einem Schiff", stellt er fest, "ist heute nicht mehr jedermanns Sache."

Ist das die neue Spaßgesellschaft?

Jochen Schweizer hört diesen Begriff nicht gern. Näher ist ihm, was der Soziologe Gerhard Schulze schreibt: Eine Gesellschaft, in der selbst das Wandern wieder attraktiv wird, ist nicht mit einer Spaßgesellschaft zu verwechseln - er spricht stattdessen von einer Erlebnisgesellschaft, in der Zeit und Glück bei aller Ich-Bezogenheit wieder eine stärkere Rolle spielen. "Worum es dem Menschen nach wie vor in erster Linie geht", so Schulze, "sind Faszination, Konzentration, Sinn, Gefühl, Authentizität."

Die Husky-Familienwanderung ist jetzt neu im Programm. Ein Brau-Seminar. Und ein Jodelkurs. Wer das ganz andere Erlebnis sucht, stellt das Sparschwein schon mal für die Tauchfahrt zur Titanic zurecht. Die gibt es demnächst zum Schnäppchenpreis von schlappen 28 999 Euro. Eine Erkältungsprophylaxe wird dringend empfohlen.