Der Eigensinnige

Martin Grunwald erforscht ein faszinierendes Phänomen: den Tastsinn. Seine Erkenntnisse nutzen Menschen, Unternehmen und der Wissenschaft - nur ihm selbst haben sie bislang noch keinen Profit gebracht.




-Das Leben ist zu kurz, um es mit Small Talk zu verschwenden. Deshalb verwickelt Martin Grunwald einen bereits auf dem Weg von der Eingangstür seines Labors an der Universität Leipzig zu seinem Schreibtisch - wo ein sehr kreatives Chaos herrscht - in eine Grundsatzdiskussion über den Rausschmiss der Literaturkritikerin Elke Heidenreich. Das ZDF hatte sich von der Impulsiven getrennt, nachdem sie den Sender öffentlich attackiert hatte. Grunwald findet das nicht richtig: "So etwas muss man in einer Demokratie doch aushalten können! " Und dann sagt der gebürtige Leipziger noch, dass derartige Nachrichten über den Umgang mit Renegaten in Ostdeutschland - "wo man den Leuten ja gern ein Demokratiedefizit vorwirft" - mit ganz besonderer Aufmerksamkeit wahrgenommen würden. Womit wir schon bei einem Lebensthema des spindeldürren Psychologen mit der Nickelbrille und der ewig qualmenden Pfeife angekommen wären. Grunwald ist einer, der immer sein Ding gemacht hat - und damit sowohl in der DDR als auch im vereinten Deutschland angeeckt ist.

Der aber ist längst weiter, bei seinem Forschungsgebiet, über das er begeistert und ohne Punkt und Komma erzählen kann: dem Tastsinn, im Fachjargon Haptik genannt. Eine unterschätzte Gabe, denn sie hilft Menschen, die Welt zu erkunden und sich in ihr zu orientieren. Sie ermöglicht uns Großtaten, die wir für ganz selbstverständlich halten. So meistern wir mit schlafwandlerischer Sicherheit - dank Millionen Berührungs- und Bewegungsmeldern überall in unserem Körper, die ständig Informationen ans Gehirn weiterleiten - beispielsweise komplexe Aufgaben wie das Zum-Mund-Führen einer Kaffeetasse oder Gabel. Der Tastsinn ist der erste Sinn. Embryos erwerben ihn, noch bevor Augen und Ohren entwickelt sind. Schon in der achten Woche begreifen sie sich und ihre Umgebung im Mutterleib. Nach der Geburt sind Kinder dann für ihre Entwicklung existenziell darauf angewiesen, berührt zu werden.

Eine seiner Erkenntnisse: Bei Magersüchtigen ist der Tastsinn eingeschränkt

Grunwald spricht von "einem Lebensmittel", ohne das Babys jämmerlich eingehen. Den grausamen Beweis lieferte der Stauferkönig Friedrich II. bereits Anfang des 13. Jahrhunderts. Er hatte sieben Neugeborene von ihren Müttern trennen und von Ammen versorgen lassen. Sie durften die Babys weder streicheln noch mit ihnen sprechen - nach drei Monaten waren alle gestorben. Umgekehrt ist Berührung nicht nur ein Quell des Glücks, sondern auch heilsam. Frühgeborene, die regelmäßig massiert werden, entwickeln sich schneller als Frühchen ohne Streicheleinheiten.

Für den Forscher Grunwald ist der Tastsinn eine Ur-Sprache, die unabhängig von anderen Kommunikationskanälen funktioniert. Ihr hat er sich verschrieben. Sie will er mithilfe moderner Technik verstehen lernen. Der 42-Jährige beobachtet mit sehr feinen Sensoren, wie lange, mit welchem Druck und in welchem Rhythmus Hände verschiedene Materialien und Gegenstände ertasten. Gleichzeitig misst er dabei per Elektroenzephalograf (EEG) die Hirnströme, "das große Rauschen im Kopf", wo alle empfangenen Signale verarbeitet werden.

Sein Labor sieht aus wie eine Bastelstube mit geheimnisvollen Geräten, etliche Marke Eigenbau. Da ist zum Beispiel ein Haptimeter mit zwei Hebeln. Einer wird fixiert, der andere soll - mit verbundenen Augen, weil der haptische Sinn dem Sehsinn bei dieser Übung überlegen ist - möglichst in die gleiche Stellung gebracht werden. Den meisten Menschen fällt das leicht, doch eine Gruppe versagt dabei regelmäßig: Magersüchtige. Das fand Martin Grunwald schon als junger Wissenschaftler vor mehr als zehn Jahren bei einem Experiment heraus und bestätigte es in vielen weiteren Versuchen. Das typische Problem dieser Menschen - eine verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers, die bei etwa einem Fünftel von ihnen dazu führt, dass sie sich zu Tode hungern - lässt sich Grunwald zufolge auf eine Fehlfunktion jenes Teils des Gehirns zurückführen, der für die Verarbeitung sensorischer Reize zuständig ist. Ihre Hände verraten, was in ihrem Kopf passiert. Seine allgemeine Schlussfolgerung: Mit dem Tastsinn entwickelt sich offenbar auch das Bild des Menschen von sich selbst.

Weil Grunwald findet, dass Wissenschaft der Gesellschaft auch nützen muss, hat er es bei dieser Erkenntnis nicht belassen, sondern gemeinsam mit Kooperationspartnern ein Internet-Portal für Essgestörte aufgebaut, das von seinem Labor aus betrieben wird und zwei Millionen Zugriffe wöchentlich verzeichnet (www. abserver.de). Außerdem hat er eine unorthodoxe Behandlungsmethode für die Kranken entwickelt, bei denen herkömmliche Therapien oft scheitern: eine Art engen Taucheranzug, der das Tastempfinden und damit auch die Körperwahrnehmung stimuliert. Einer Patientin tat dieser Catsuit so gut, dass sie mit ihm auf Nimmerwiedersehen verschwand.

Gleich neben dem Haptimeter steht ein Sessel, auf dem Probanden, elektronisch überwacht, verschiedene Papiertücher ertasten sollen - ein Auftrag aus der Industrie. Und am Fenster werden Einzeller beim Schwimmen in Petrischalen unter dem Mikroskop beobachtet. Bereits diese einfachen Organismen verfügen über die haptische Kernkompetenz: Sie können zwischen sich und der Umwelt unterscheiden.

Seine Zeit an der Uni ist eigentlich abgelaufen. Aber er macht einfach weiter

Der Experimentator hat kein Problem, den Bogen von der Grundlagen- zur angewandten Forschung zu spannen, von der Amöbe zum Taschentuch. Viele der Apparaturen sind selbst entwickelt, weil Grunwald zu den Pionieren auf diesem Gebiet zählt. Nur wenige Wissenschaftler untersuchen den Tastsinn. Grunwalds Fach, die Psychologie, hat diese für den Menschen so lebenswichtige Fähigkeit über Jahrzehnte weitgehend ignoriert. Weltweit gibt es lediglich zwei wissenschaftliche Labore, in denen das Phänomen systematisch untersucht wird: das "Touch Lab" am berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, wo Grunwald vor einigen Jahren als Gastforscher eingeladen war, und das in Leipzig. Der wesentliche Unterschied zum bestens ausgestatteten Touch Lab: Grunwald finanziert seine Wirkungsstätte mit neun Mitarbeitern inklusive seines eigenen bescheidenen Gehalts selbst - mit Aufträgen aus der Industrie. Die Universität stellt ihm lediglich die Räume mietfrei zur Verfügung.

Der habilitierte Forscher Grunwald zählt zu den Nachwuchswissenschaftlern, für die nach zwölf Jahren befristeter Tätigkeit an deutschen Universitäten eigentlich Schluss sein sollte. Das schreibt das Hochschulrahmengesetz vor (vgl. brand eins 08/2003, "Adieu, Einsteins"). Entweder man macht Karriere und ergattert eine Lebensstellung, in seinem Fall eine Professur - oder man geht. Er aber blieb, als seine Zeit im März abgelaufen war, und kam mit seinem Labor am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung der Leipziger Universität unter. Weil er an seine Mission glaubt und weil er der Typ des hartnäckigen Protestanten ist, der einfach nicht aufgibt. Grunwald ist das Gegenteil eines Jammer-Ossis, aber es macht ihm schon zu schaffen, dass im deutschen Wissenschaftsbetrieb offenbar kein Platz sein soll für einen wie ihn.

An seinen Leistungen kann dies nicht liegen. Der Sachse hat Entscheidendes zur Berührungsforschung beigetragen. So fand er heraus, dass der Tastsinn nicht ständig aktiv ist, sondern charakteristische Pausen von 50 bis 100 Millisekunden einlegt. Wahrscheinlich nutzt das Gehirn diese Zeit, um das, was die Rezeptoren ihm melden, mit Erfahrungen aus der Vergangenheit zu vergleichen. Diese Entdeckung ist möglicherweise ein großer Schritt hin zum besseren Verständnis der Reizübertragung und -verarbeitung. Und Grundlage für Anwendungen wie die Simulation von haptischen Reizen, zum Beispiel an hoch technisierten Arbeitsplätzen. Einer der Interessenten ist das Militär, für das Grunwald nicht arbeitet. Er zählt nicht zu denjenigen, denen es egal ist, was aus ihrer Forschung folgt.

Immer häufiger klopft die Wirtschaft bei ihm an. Unternehmen entdecken den Nutzen der Haptik: Produkte, die sich besser anfühlen als die der Konkurrenz, verkaufen sich auch besser. Weil Kunden den Fühlfaktor bei den üblichen Befragungen der Marktforscher nicht zum Ausdruck bringen können, ist Grunwalds Messtechnik gefragt. Er arbeitet für Autobauer, Kosmetik-, Textil- und Papierhersteller; für Letztere untersucht er etwa, welche Sorten sich eher für Frauen- oder Männermagazine eignen. Namen und Details darf er nicht nennen - alles streng geheim.

Grunwald hatte schon Job-Angebote aus der Industrie und könnte sein Labor wohl auch ganz auf die Privatwirtschaft ausrichten. Doch das bedeutete "arbeiten und schweigen"; in der Regel bleiben die Ergebnisse solcher Auftragsforschung fünf bis zehn Jahre unter Verschluss. Der neugierige Experimentator will sich aber nicht von der Wissenschaft verabschieden; zu vielfältig sind seine Interessen, zu faszinierend sind die Dinge, die es noch zu entdecken gibt. "Wir sind noch Lichtjahre von einer Ahnung entfernt, was im Gehirn passiert."

In gewisser Weise ist das Arbeiterkind Grunwald familiär vorbelastet. Der Vater war zu DDR-Zeiten Mess- und Regeltechniker im Leipziger Kraftwerk, wohin der Sohn gern zum Duschen kam ("Zu Hause mussten wir das Bad mühsam anheizen"). Er war begeistert von den geheimnisvollen Apparaturen, die es dort zu bestaunen gab. Überhaupt handelte es sich um ein vielseitig interessiertes Kind. Schon als Zwölfjähriger las er Medizin- und Psychiatrielehrbücher, weil ihn das Thema Hypnose faszinierte. Seine frisch erworbenen Kenntnisse probierte er gleich an Nachbarskindern aus, "doch das Experiment scheiterte leider wegen Hibbeligkeit beider Seiten".

Auch mit dem Abitur hätte es beinahe nicht geklappt, weil Grunwald in der zehnten Klasse von der Schule flog, nachdem er im Wehrkundeunterricht das friedensbewegte Zitat "Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin" aufs Pult gekritzelt hatte. Dank der Intervention der Eltern - der Vater marschierte im Blaumann zur Schule - klappte es dann nach einer Zwangspause doch noch mit der Hochschulreife. Schließlich ergatterte er einen der zu DDR-Zeiten raren Studienplätze für Psychologie in Jena.

Auch dort, unter all den angehenden Therapeuten, fiel Martin Grunwald aus dem Rahmen: "Die wollten helfen, ich wollte messen." Zum Beispiel das, was im Schlaf passiert. Weshalb er eine Matratze mit Sensoren bestückte und seine Kommilitonen im Wohnheim überredete, darauf zu nächtigen, was wegen abbrechender und dann piksender Drähte gelegentlich unangenehme Folgen hatte.

Der Wissenschaftsbetrieb hat einen Systemfehler: Er tut sich schwer mit Querköpfen

Mitten ins Studium fielen die Wende und die Geburt seiner ersten Tochter. Seine Frau nennt er "meinen Erdungspunkt". In den aufregenden Nachwendezeiten verdiente der junge Vater mit einem interessanten Nebenjob Geld: Trainings, die Ossis und Wessis helfen sollten, die nonverbale Kommunikation des jeweils anderen zu verstehen. "Da trafen frisch abgewickelte Professoren, zum Teil Koryphäen ihres Fachs, auf vor Selbstbewusstsein strotzende Berater und Anwälte aus dem Westen", erinnert sich Grunwald. Ohne zu ahnen, dass er 15 Jahre später selbst zu denen gehören würde, die von der Uni vor die Tür gesetzt wurden, fiel ihm bei den Analysen der Videoaufzeichnungen auf, dass sich Menschen in manchen Situationen unwillkürlich selbst im Gesicht berühren. Eine Beobachtung, die er später weiterverfolgte.

Nach seinem Studium, das der vielseitige Grunwald mit einer wissenschaftstheoretischen Arbeit zur "Impliziten Hermeneutik in der psychologischen Forschung" abschloss, bekam er seine erste befristete Stelle am Institut für Physiologie in Jena. Dort stieß er bei einem Tastexperiment auf die charakteristischen Defizite der Magersüchtigen. Seither lässt ihn die Haptik nicht mehr los. Er beschäftigte sich mit der Geschichte des Themas, staunte, dass die klassische deutsche Psychologie schon im 19. Jahrhundert die wesentlichen Forschungsfragen formuliert hatte, die dann in Vergessenheit geraten waren.

Neben seinen Brotjobs an der Universität baute er - gelegentlich argwöhnisch und eifersüchtig von seinen jeweiligen Chefs beäugt - das Haptik-Labor auf. Eigensinnige Nachwuchsforscher werden im deutschen Wissenschaftsbetrieb nicht geschätzt. Grunwald kann darüber abenteuerliche Geschichten erzählen. Einmal sei ihm gar per Dienstanweisung verboten worden, ein Buch zu veröffentlichen. Er ließ sich nicht beirren und machte in seiner hemdsärmeligen Art sein Ding. Plötzlich springt er von seinem Stuhl auf und holt von irgendwoher, sichtlich gerührt, das Foto eines älteren Herrn. Der pensionierte Ingenieur Karl-Heinz Beier kam Ende der neunziger Jahre als Versuchsperson zu einem EEG-Experiment ins Labor, sah all die Gerätschaften und gab Tipps, wie sie zu verbessern wären. Grunwald ließ Beier nicht nur reden, sondern auch machen: Der alte Herr arbeitete bis zu seinem Tod 2006 unentgeltlich im Haptik-Labor mit und ist für etliche "technische Wunderwerke" verantwortlich, ohne die viele Experimente nicht möglich gewesen wären.

Es gibt noch unendlich viel zu erforschen. Zum Beispiel das Geheimnis der Selbstberührung

Grunwald vermisst Beier auch deshalb, weil der mit seiner ruhigen Art ein guter Ausgleich zur eigenen Quecksilbrigkeit war. Wer mit dem Labor-Chef durch die Räume geht, versteht, warum der zögert, all das aufzugeben, um beispielsweise im Ausland sein Glück zu versuchen. Dies ist nicht nur eine Forschungsstätte, sondern auch Refugium. Grunwalds rechte Hand, der Betriebswirt und Informatiker Frank Krause, ist ein alter Schulfreund; er hat das Internet-Portal für Essstörungen mit ihm aufgebaut und hat heute vor allem die Zahlen im Blick. Und da ist noch das Ehepaar Wegener, beide Ingenieure. Die 59-jährige Frau entwirft am Computer Apparaturen für das Labor, ihr 64-jähriger Mann konstruiert sie im Keller. Dort unten steht auch ein Modellteil eines runden Luftschiffs, das Grunwald gemeinsam mit Hartmut Wegener und ein paar anderen Mitstreitern in seiner Freizeit entwickelt. Es soll solar- und brennstoffzellenbetrieben mit Tempo 50 und bis zu vier Passagieren durch die Luft gleiten. "Ein bisschen Spaß muss auch sein", sagt Grunwald, der nicht nur Denker und Tüftler ist, sondern auch Spielkind.

Zum Abschied erzählt er von einem "ziemlich gemeinen Experiment", mit dem er seine Beobachtung aus den Kommunikationstrainings der Nachwendezeit überprüfte. Probanden sollten Muster ertasten und sich das Ergebnis einprägen. Dabei wurden sie durch eine verstörende Geräuschkulisse aus Schreien und Schüssen irritiert. Am EEG war abzulesen, dass der Stress stieg und das Gehirn vollständig mit der Verarbeitung der aggressiven Töne ausgelastet war. Bis die armen Probanden sich unwillkürlich ins Gesicht fassten oder durchs Haar fuhren - in diesem Moment nahm der Stress signifikant ab und die Konzentration zu. Ein flüchtiger Hautkontakt nur, aber mit frappierenden Folgen.

Die Gabe, sich berühren zu lassen, stärkt das Selbstbewusstsein. Für Martin Grunwald, der, wie er sagt, das Glück hat, zwei Systeme kennenzulernen, scheint das allemal zu gelten.