Partner von
Partner von

Spielen mit Milliarden

Man nennt sie Quants oder auch Geeks: Physiker, Mathematiker oder Informatiker, die Formeln entwickeln, mit denen man an der Börse viel Geld verdienen kann. Ein Paradies für Genies. Aber auch die sind nicht unfehlbar.




Die Welt der Quants

1998 sorgte ein kleiner Film für großes Aufsehen: "Pi" gewann den Regiepreis auf dem Filmfestival Sundance und räumte in den Kinos weltweit ab. Der Held des mit nur 60 000 Dollar gedrehten Schwarz-Weiß-Streifens ist der Mathematiker Maximilian Cohen. Mit Hilfe des Supercomputers Euclid will er die Grundmuster der Natur verstehen und gleichzeitig die Börsenentwicklung vorhersagen. Allerdings wird der Genius regelmäßig von Kopfschmerzen überfallen, zudem leidet er unter krankhafter Schüchternheit und Paranoia. Die ist nicht ungerechtfertigt: Cohen wird von einem Wall-Street-Unternehmen verfolgt, das ein fettes Geschäft wittert, und von einer Sekte, die Gottes Werk schützen will.

Der Film kommt der Wahrheit näher, als man glauben mag. Für Investmentfirmen arbeiten heute Mathematiker, Physiker und Ingenieure, die lange Zeit eine Aktie nicht von einer Anleihe unterscheiden konnten. Sie werden "Quants" oder "Geeks" genannt und entwickeln Computerprogramme, die mit komplexen mathematischen Modellen nach verborgenen Zusammenhängen an den Märkten fahnden, um von ihnen zu profitieren. "Aus der Kunst des Anlegens wurde die Wissenschaft des Anlegens", sagt Ronald Kahn, oberster Quant der Investmentfirma Barclays Global Investors, die weltweit zwei Billionen Dollar verwaltet.

Diese Formeln nutzen Ungereimtheiten aus, die es nach der ökonomischen Theorie der effizienten Märkte nicht geben dürfte. Die aus ihnen resultierenden Strategien funktionieren aber nur eine relativ kurze Zeit, bis zu viele Marktteilnehmer ihnen folgen. Deshalb müssen die Quants immerzu an ihren Modellen schrauben und über neue Ideen grübeln. Das erklärt die Geheimniskrämerei der Branche und das Wettrüsten ohnegleichen: Die Hedgefonds reißen sich um die Talente.

Man kann sich kaum einen größeren Unterschied vorstellen als den zwischen den extrovertierten Alpha-Männchen der Wall Street und den schüchternen Geld-Geeks. Anfangs belächelt, sind sie im vergangenen Jahrzehnt zu einer Klasse für sich aufgestiegen. Sie erzielen überdurchschnittlich hohe Renditen und verwalten nach Angaben von Citigroup derzeit insgesamt mehr als 250 Milliarden Dollar. Ihre Marktmacht ist jedoch um einiges größer: In der Regel leihen sie sich das Zwei- bis Dreifache ihres verwalteten Vermögens, um damit zu spekulieren. An der New York Stock Exchange werden täglich im Schnitt rund eine Milliarde Aktien über Computerprogramme gehandelt, rund ein Drittel aller Käufe und Verkäufe an der größten Börse der Welt.

Die Forscher testen und verbessern ihre Ideen anhand historischer Finanzdaten. Die Kernfrage lautet: Wie viel kann ein Portfolio unter bestimmten Bedingungen an Wert verlieren oder gewinnen? In einer Formel versuchen die Geld-Geeks das Risiko und die Gewinnchance zu quantifizieren, indem sie alle ihnen wichtig erscheinenden Korrelationen einer Aktie oder Anleihe berücksichtigen. Mit einer sogenannten statistischen Arbitrage fahnden sie nach kleinsten Preisunterschieden zwischen unterschiedlichen, aber miteinander in Beziehung stehenden Wertpapieren.

Zum Beispiel die Aktien Toyota und General Motors: Der japanische Hersteller ist besser als sein amerikanischer Konkurrent, gemessen am jährlichen Cash Flow oder der Kapitalrendite. Das Computerprogramm kauft daraufhin für eine Million Dollar Toyota-Aktien, setzt also auf einen Kursanstieg, und schlägt gleichzeitig für eine Million Dollar General-Motors-Aktien durch einen sogenannten Leerverkauf los. Dabei werden Aktien verkauft, die der Verkäufer noch nicht hat, von denen er aber annimmt, dass er sie später billiger kaufen kann, als er sie zu diesem Zeitpunkt verkauft - es ist eine Wette auf Preisverfall. Dieses "Tandem-Trading" kann man auf ganze Branchen oder Regionen übertragen. Um relativ kleine Marktbewegungen auszunutzen, setzen quantitative Fonds viel Fremdkapital ein. Damit vergrößert sich die Rendite - aber auch das Risiko.

Das bekamen die Quants während der US-Hypothekenkrise zu spüren. Der Sommer war ein Desaster für die Hedgefonds, die in diesem Jahr im Schnitt sieben Prozent verloren. Wegen des Börsenabsturzes mussten die Quants ihre Kredite abbauen und Aktien verkaufen. Gleichzeitig mussten sie ihre Leerverkäufe, die sogenannten Short-Positionen, einlösen, indem sie die jeweiligen Aktien erwarben. So kam es, dass gut eingestufte Aktien abstürzten, während schlecht eingestufte Aktien stiegen und es schließlich zum "Short-Squeeze" kam: Je höher die schlechten Aktien kletterten, umso mehr Verluste häuften sich bei den Leerverkäufern an, die hektisch kauften und so den Kurs weiter antrieben. "Das sollte den Modellen zufolge nur einmal in 10 000 Jahren vorkommen", sagt Matthew Rothman, Chef der quantitativen Aktienstrategie bei Lehman Brothers. "Im August ist es an drei Handelstagen hintereinander passiert."

Der Aussteiger

An einem kleinen Schreibtisch in seiner Upper-West-Wohnung schreibt Richard Bookstaber an einem Thriller. Ein iranischer Finsterling mit französischem Doktortitel will das Weltfinanzsystem in den Zusammenbruch treiben, aber ein gewitzter Hedgefonds-Manager kommt ihm auf die Schliche. "Ich will auch die andere Hälfte meines Gehirns nutzen", sagt der frühere Fondsmanager.

Mit 57 Jahren ist Bookstaber ein Quant-Veteran. Seit einem Vierteljahrhundert hatte er als Risikomanager bei verschiedenen Investmentbanken gearbeitet und die quantitativen Fonds von zwei Hedgefonds geführt. Im Juni stieg er aus: Seine Strategien gingen nicht mehr auf, die Renditen waren zu kümmerlich. Bookstaber gab seinen Kunden ihr Geld zurück und konzentrierte sich aufs Schreiben. Im Frühjahr erschien sein erstes Buch: "A Demon of Our Own Design". In dem Sachbuch warnt er vor vermehrt auftretenden Finanzkrisen, ausgelöst durch immer komplexere Finanzinnovationen und immer größere Spekulationen auf Kredit. Sein Timing hätte kaum besser sein können: Nicht nur entging er durch seinen Rückzug der Hypothekenkrise - der Tumult sorgte auch für großes Interesse an seinem Werk.

Die Börse übt für Quants eine so große Faszination aus wie ein Süßwarenladen für Kinder. Eigentlich wollte Bookstaber Physiker werden, dann Entwicklungshelfer. Schließlich entschied er sich für Finanztheorie, weil er dort "die Wirklichkeit mit der Mathematik verbinden" konnte. Er studierte am Massachusetts Institute of Technology (MIT) unter Professor Robert Merton, der die mathematische Grundlage für das Black-Scholes-Modell für Optionsbewertungen legte. Als Bookstaber als Assistenzprofessor eine Klasse zum Thema anbot, tauchten kaum Studenten auf. "Aber als ich in New York einen Vortrag dazu hielt, saßen 200 Leute im Saal", sagt er. 1984 nahm Bookstaber ein Angebot von Morgan Stanley an, "nicht um viel Geld zu verdienen, sondern um meine Forschung im richtigen Leben anzuwenden".

Er prophezeit vermehrt Zusammenbrüche an den Börsen. So erklärt Bookstaber sich den Schwarzen Montag von 1987 mit der von ihm mit eingeführten Portfolioversicherung: Die sollte institutionelle Investoren durch den Verkauf von Optionen gegen Kursstürze absichern. Als die Kurse vor fast genau 20 Jahren anfingen abzustürzen, so seine Analyse, verkauften zu viele Marktteilnehmer ihre Optionen, was deren Kurse kollabieren ließ und die zugrunde liegenden Aktien mitriss: "Es war ein Albtraum, so als ob alle Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs in ein einziges Rettungsboot springen würden."

Nach seiner Überzeugung sind die Quants kein Problem für die Weltfinanzmärkte - sondern ihre hohe Verschuldung. Quants nehmen mehr Kredite auf als herkömmliche Hedgefonds, mit der Begründung, dass ihr Portfolio diversifiziert und das Risiko damit besser verteilt sei. Während des Hypothekendebakels zeigte sich jedoch, dass diese Annahme Humbug war: Wie aus dem Nichts tauchten unerwartete Korrelationen auf, nicht zuletzt weil zu viele Hedgefonds zu viel Geld auf ähnliche Strategien gesetzt hatten. "Der Schock wurde durch die gewaltige Kreditaufnahme um ein Vielfaches multipliziert", sagt Bookstaber.

Obwohl die Quants ihre Geheimnisse streng hüten, gleichen sich ihre Strategien - die deshalb oft nicht aufgehen. Das überrascht Bookstaber nicht: "Sie sind alle in die gleichen Schulen gegangen, lesen die gleichen Bücher und Zeitschriften und nutzen die gleichen Finanzdaten und statistischen Modelle." Dazu kommt das Infektionsrisiko: Viele der Manager lernten ihr Handwerk bei anderen Fonds und tragen nun die Techniken weiter.

Sobald Bookstaber seinen Thriller beendet hat, will er wieder zum quantitativen Anlegen zurückkehren. "Wohl zu einem Hedgefonds, auf keinen Fall zu einer größeren Bank", sagt der Bürokra-tie-Hasser. Für ihn ist es schwer zu verstehen, warum sein früherer Freund Pete Muller genau das tat. Muller ist eine Quant-Koryphäe, die für lange Zeit eine Auszeit nahm. Mullers Rückkehr zu einer großen Investmentbank kam zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt: "Er ist fast genau zum Crash gekommen", sagt Bookstaber. "Es kann ihm nicht gut gehen."

Der Musiker

Auf jedem der Dutzend Tische leuchtet eine Kerze, aber kein Gast ist zu sehen. Die romantische Geste verstärkt die Leere im Café Vivaldi in New York. Pete Muller kommt wie immer im letzten Moment, bestellt ein Glas Rotwein und setzt sich ans Klavier. Er beschwert sich bei der Kellnerin, dass das Instrument verstimmt sei. Die zuckt nur mit den Schultern.

Das erste Mal spielte Muller vor einigen Jahren auf der Flaniermeile Las Ramblas in Barcelona. Er war zu einer Fachkonferenz dorthin gereist, um neben dem Nobelpreisträger Myron Scholes eine Rede über Finanzderivate zu halten. Nach seinem Auftritt fuhr er in die Innenstadt, stellte ein Keyboard mit Verstärker und Sammelbüchse auf - und spielte selbst komponierte Lieder. "Wenn jemand zwei Minuten stehen blieb, war das ein Erfolg", sagt Muller. Später wagte sich der Banker auch in seiner Heimatstadt New York in die Öffentlichkeit. Wegen der guten Akustik spielt er am liebsten in der U-Bahn-Station Chambers Street. Die Einnahmen spendet er für wohltätige Zwecke. Als ein Kollege zufällig vorkam, war der sichtlich geschockt. "Er hat mir nichts gegeben", sagt Muller.

Wer würde ihn auch als Straßenmusiker vermuten? Der 43-Jährige ist einer der führenden Köpfe an den internationalen Finanzmärkten. Doch über seinen Beruf redet er nicht gern. Wie ist der Name seines Geldinstituts? Das darf Muller nicht verraten. Wie viel Geld verwaltet er? Darf er nicht verraten. An was für Programmen arbeitet er dort? Darf er nicht verraten. Es ist lächerlich: An der Wall Street weiß es jeder, aber er darf den Mund nicht aufmachen, weil sein Arbeitgeber sonst den Artikel absegnen muss. Dabei lässt sich die Bank googeln, für die er nach Angaben des "Wall Street Journal" mehr als sechs Milliarden Dollar verwaltet. Allein im vergangenen Jahr erwirtschaftete er einen Gewinn von 540 Millionen Dollar, fast neun Prozent des Gesamtgewinns der Investmentbank.

Muller liebt Musik und Mathematik. Mit zehn Jahren lernte er Klavier spielen, nebenher löste er logische Rätsel. Später studierte er Mathematik an der Eliteuniversität Princeton, doch eine Karriere interessierte ihn nicht. Er fühlte sich "ein bisschen wie ein Sozialist" und machte sich über seine Freundin lustig, als die einen Ferienjob beim "Wall Street Journal" annahm. Er begleitete bei Turnieren ein Team rhythmischer Sportgymnastinnen auf dem Klavier, die nur knapp die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Los Angeles 1984 verfehlten. Viel Geld ließ sich damit trotzdem nicht verdienen. "Ich hatte kaum genug für Essen und meine WG-Miete", sagt Muller und erzählt von einem leicht depressiven Mitbewohner, der mit einem Gewehr im Garten in die Luft ballerte, wenn er sich nicht gut fühlte.

Um an Geld zu kommen, heuerte Pete Muller 1985 als Programmierer bei der Finanzberatung Barra in Berkeley an. Das Unternehmen hatte Barr Rosenberg gegründet, Professor an der University of California und überzeugter Buddhist, der 1978 in der Finanz-Szene berühmt wurde, als er auf dem Titelblatt des Branchenmagazins "Institutional Investors" im Lotussitz zu sehen war, umringt von Männern im Anzug, die sich vor ihm verbeugten. Die Schlagzeile: "Wer ist Barr Rosenberg und über was zum Teufel redet er?" Quantitative Computermodelle waren damals völlig neu. Mit ihrer Hilfe analysierte die Finanzberatung Barra Portfolios von Geldverwaltern und deckte verborgene Risiken oder Renditechancen auf.

Muller fand die Atmosphäre bei Barra faszinierend. Die Leute waren schlau und interessant, zudem wurde jeder gleich behandelt: gleiche Ferienzeit, gleiche Reisekostenpauschale, gleiche Hotels - nur die Gehälter unterschieden sich. "Ich war ein Mathe-Geek, der auf einer theoretischen Ebene wissen wollte, wie Geld funktioniert", sagt Muller.

Als Kind hatte er auf einer Europareise seinen Vater gefragt, warum in verschiedenen Ländern verschiedene Kurse für die D-Mark galten - man könnte damit doch Geld verdienen. "Mit zehn Jahren hatte ich noch nie etwas von dem Konzept der Arbitrage gehört", erinnert sich Muller.

Der Mathematiker lernte schnell: In sieben Jahren stieg er zum Chef einer von Barras Forschungsgruppen auf. 1992 bot ihm eine namhafte New Yorker Investmentbank den gleichen Job an, mit dem Unterschied, dass er selbst Geld verwalten konnte. Muller nahm an. Sehr genau erinnert er sich an seinen ersten Arbeitstag an einem Schreibtisch, der auf dem Broker-Flur der Bank stand. Hunderte Menschen drängten sich zusammen und schrien durch den Saal. Der Neuling rief in Panik einen Freund an - bis ihm eine Frau den Telefonhörer entriss, obwohl sie schon ein Telefon am Ohr hatte. Muller war immer noch geschockt, als sich die Händlerin einige Minuten später entschuldigte: Sie habe eine Arbitrage zwischen Chicago und Tokio abwickeln müssen.

Als er später ein eigenes Büro bekam, was damals eine Seltenheit war, spazierte ein mittlerer Handelsvertreter der Bank herein und sagte: "Who the fuck are you and why the fuck do you get an office?" An seine Antwort erinnert sich Muller nicht mehr genau, nur dass er jede Menge "fuck" benutzte. "Es funktionierte", sagt Muller. "Er akzeptierte mich und ging raus."

Die Modelle von Muller funktionierten auch. Das "Wall Street Journal" nannte ihn einen Star. 1999 trennten sich Muller und seine langjährige Freundin. "Es war fast wie eine Scheidung", sagt er. Zeitgleich kündigte die Vizechefin seiner Handelsgruppe, weil sie in Psychologie promovieren wollte. Muller stürzte in eine Sinnkrise. Er hatte genug Geld, aber er fragte sich: "Was mache ich nun mit meinem Leben?"

Pete Muller nahm eine Auszeit, packte ein Keyboard in einen wasserdichten Sack und brach zu einer geführten Kajaktour durch den Grand Canyon auf. Zwei Wochen lang paddelte er über den Colorado River. Nachts spielte er für seine Mitfahrer oder dachte sich Lieder aus. "Erstaunlicherweise hielten die Batterien durch", wundert er sich noch heute. Zurück in New York, arbeitete er nur noch halbtags und nahm Gesangsstunden, um seine Kompositionen am Klavier selbst vortragen zu können. Auf eigene Kosten veröffentlichte er 2002 seine erste CD " Just One Lifetime". Die Titel wie "Run Away" oder "A Safe Place To Lie" deuten bereits an, worum es geht: "Es sind alles Liebeslieder", sagt Muller. Sie halfen ihm, den Schmerz zu überwinden. Bis heute hat er keinen Kontakt zu seiner früheren Freundin.

Wo aber die Stücke vortragen? "Vor fremden Menschen zu singen ist eine schwierige Sache", sagt Muller. Um Erfahrung zu sammeln, spielte er nach der Arbeit in der U-Bahn. Anfangs fürchtete sich der Finanzexperte vor der Polizei, denn streng genommen darf man in den Stationen nicht auftreten. Aber die Gesetzeshüter drückten oft ein Auge zu. Heute spielt er nicht mehr in der U-Bahn, sondern einmal im Monat im kleinen Café Vivaldi. Sein Reichtum ist eine schwierige Sache für den Musiker. Für seine erste CD wollte er sich zuerst in Radioprogramme oder bei Musikverlagen einkaufen. Doch dann ließ er es sein. "Die Musik soll sich von allein entwickeln", sagt Muller. "Um ein Rockstar zu werden, ist es wohl sowieso zu spät."

Ende vergangenen Jahres kehrte Muller in seinen Job zurück. Weil die zunehmende Konkurrenz seiner Quant-Truppe zusetzte, wollte er wieder selbst Hand anlegen. Der Zeitpunkt hätte kaum schlechter gewählt sein können. Laut "Wall Street Journal" verlor sein Fonds während des Höhepunktes der Hypothekenkrise zwischen Ende Juli und Anfang August eine halbe Milliarde Dollar. Einige der Verluste konnte er später wettmachen. Er analysierte mit Hochdruck die Lage und sprach mit Kollegen und Freunden, um aus seinen Fehlern zu lernen.

Im Café Vivaldi stapelt Muller seine CDs auf einem Tisch am Eingang. Daneben legt er eine Adressenliste für die Besucher. Dann setzt er sich an die Theke, um in einem Notizbuch an Songtexten zu feilen. Um 19.30 Uhr fängt sein Trio an zu spielen: Schlagzeug, Bass, Klavier. Wenige Tische sind besetzt, einige offensichtlich von Mullers Freunden. Aber keine Kollegen. Das sei eine "seltsame Sache", wenn jemand vorbeikomme, sagt er. Beim Singen beugt er sich über die Tasten, scheint sich in sie verkriechen zu wollen. Wenn er singt, schließt er die Augen. Sich vor Fremden zu öffnen sei "immer noch schwer", sagt Muller. "Aber wenn es mir gelingt, ist es das schönste Gefühl der Welt."

Der Professor

Schon mit drei Jahren wusste James Simons, dass er Mathematik studieren wollte. "Ich träumte von Zahlen und Figuren", sagt Simons, der damit nicht aufschneiden will, sondern nur erzählt, wie es war. Der Frühstarter machte rasch Karriere und wurde in Harvard Mathematikprofessor. Mit 38 Jahren gewann er den Veblen-Preis, die weltweit höchste Auszeichnung in Geometrie, die nur alle drei Jahre vergeben wird. Als achter Preisträger überhaupt erhielt er ihn 1976 für seine Arbeit "Charakteristische Formen und geometrische Invarianten", die sich mit einem esoterischen Bereich der Differentialgeometrie auseinandersetzt. Zusammen mit der Geometrie-Koryphäe Shiing-Shen Chern wurde Simons mit der "Chern-Simons-Theorie" bekannt, die heute in der theoretischen Physik zunehmend an Gewicht gewinnt, um die fundamentalen Gesetze der Entstehung des Weltalls zu erforschen.

Der 69-Jährige ist ein Star der Börse. Mit seinem Hedgefonds Renaissance Technologies erzielte der medienscheue Simons seit 1989 durchschnittlich 38,5 Prozent Rendite pro Jahr. 2006 verdiente er mit 1,5 Milliarden Dollar so viel Geld wie kein anderer an der Wall Street. Das Fachblatt "Institutional Investors" nannte ihn "den vielleicht besten Anleger der Welt - obwohl viele nie etwas von ihm gehört haben". Im Sommer erwischte es aber auch ihn: Renaissance Technologies stürzte mit dem Institutional Equities Fonds, der 29 Milliarden Dollar verwaltet, um fast neun Prozent ab. "Beachtenswert viel Geld", sagte er trocken auf einer Galaveranstaltung. Dass er seinen Anlegern in einem Rundschreiben davon berichten musste, habe ihn allerdings "einige Gin-Tonics" gekostet, erzählt er. Seine Lockerheit ist verständlich: Der Fonds konnte die Verluste seitdem wieder ausgleichen.

Wie kam Simons zur Börse? Schon während des Studiums interessierte er sich für Märkte. So legte er das Hochzeitsgeld aus seiner ersten Ehe, 5000 Dollar, in Sojabohnen an. Zusammen mit anderen Studenten investierte er 1961 in einen privat geführten kolumbianischen Bodenfliesen- und Röhrenhersteller. 1964 kehrte er Harvard den Rücken und ging als Code-Knacker zum Institute for Defense Analyses (IDA), einem Beratungsunternehmen für das US-Verteidigungsministerium. Dort wurde er allerdings 1967 gefeuert, nachdem er sich gegenüber einem "Newsweek"-Reporter kritisch über den Vietnamkrieg geäußert hatte. Geschockt kehrte er zur Forschung zurück und wurde Dekan der Mathematikfakultät der kleinen Universität Stony Brook auf Long Island in der Nähe von New York. "Ich habe mich so machtlos gefühlt, als ich rausgeworfen wurde", sagt Simons. "Ich dachte: Als Dekan kann mir das nicht mehr passieren." In Stony Brook feierte er seine größten akademischen Erfolge.

Als 1973 das von ihm mitfinanzierte Unternehmen in Kolumbien verkauft wurde, gab Simons seinen Gewinn einem befreundeten Mathematiker, der mit Rohstoffen handelte. "In acht Monaten verzehnfachte der das Geld", sagt Simons. Beeindruckt fing er auf eigene Rechnung an, mit Währungen zu handeln. 1976 arbeitete er nur noch halbtags, um den Rest der Zeit handeln zu können. 1977 verließ er die Universität und gründete eine eigene Vermögensverwaltung. Deren Kapital vermehrte er in zehn Jahren um das 25-fache - obwohl er bei Kollegen als vergesslich gilt, da er zu Geschäftsterminen manchmal ohne Socken erscheint. 1988 gründete Simons Renaissance Technologies und konzentrierte sich auf statistische Arbitrage.

Im kleinen Dorf East Setauket auf Long Island, keine fünf Kilometer von Stony Brook entfernt, liegt der heutige Firmensitz von Renaissance. Dort arbeiten 200 der 300 Angestellten. Ein Drittel von ihnen ist promoviert, die überwältigende Mehrheit in Astrophysik, Informatik oder anderen Wissenschaften, die wenig mit Ökonomie zu tun haben. Das nach außen streng abgeschirmte Gebäude gleicht mehr einer Universität als einem Hedgefonds. Es gibt einen Saal mit mehr als 100 Sitzen, in dem mehrmals in der Woche Wissenschaftler Vorträge halten - etwa ein Molekularbiologe, der über Fortschritte in der Darmkrebs-Forschung berichtet. In einer Bibliothek können Mitarbeiter am Kamin lesen, auf einem der firmeneigenen Plätze Tennis spielen. Fluktuation gibt es so gut wie keine - nicht zuletzt aufgrund der guten Bezahlung. Auf der Renaissance-Website verspricht der Fonds beispielsweise in einer Stellenanzeige für einen Programmierer eine "extrem hohe Kompensation". Wer sich bewerben will, sollte aber nicht vorher an der Wall Street gearbeitet haben - das gilt eher als Makel. -