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Sie sind einfach überall

Sie machen Geschäfte und brechen Kriege vom Zaun. Einfach so. Sie entscheiden heimlich und nach Belieben über den Lauf der Welt. Sind solche Machenschaften nicht zum Verrücktwerden? Der englische Autor Jon Ronson wollte wissen: Gibt es Verschwörer? Jahrelang tauchte er ab in eine Welt der Extreme. Er sprach Politiker und Manager, traf Fanatiker und Fundamentalisten. Und fragte sich am Ende, wer hier eigentlich spinnt.




- Die Erde wird regiert von einer mysteriösen Clique. Sie trifft sich regelmäßig an einem geheimen Ort. Sie beginnt Kriege und bestimmt Staatsoberhäupter, wie es ihr beliebt. Sie kontrolliert die Märkte, die Kapitalflüsse, die Medien. Hollywood auch. Diese Weltelite bekämpft die Freiheit der Menschen, überwacht jeden Aspekt unseres Lebens und zerstört alle, die dieser Wahrheit zu nahe kommen.

Das wäre die These. Omar Mohammed Bakri, ein islamischer Fundamentalist, den die Londoner "Daily Mail" den "gefährlichsten Mann Großbritanniens" genannt hat, glaubt daran. Bakri spricht von einer Verschwörung internationaler Bankiers, Konzernvorstände und Politiker. David Icke, ein ehemaliger britischer Fußballprofi und TV-Moderator, sieht es ähnlich, nur dass die finstere Truppe seiner Überzeugung nach aus gigantischen, Blut trinkenden, pädophilen Echsen besteht, die menschliche Gestalt angenommen haben. Und der nordirische Pfarrer Ian Paisley predigt: "Oh Vater! Wir sehen die große pan-nationalistische Verschwörung, mit dem Papst an der Spitze."

Verrückt? Nicht für Alex Jones. Der Talkshow-Moderator aus dem US-Bundesstaat Texas glaubt, die US-Regierung habe die Anschläge am 11. September 2001 selbst ausgeführt oder absichtlich nicht verhindert, um einen Vorwand für eine Invasion im Irak zu haben und die weltweite Abrüstung zu verhindern. Eine Art US-amerikanischer Reichstagsbrand sozusagen. Jones bezichtigt eine gewisse Bilderberg-Gruppe der konspirativen Weltherrschaft.

"Die Bilderberger (...) sind der römische Senat. Es ist eine Pyramide. Sie sind ganz oben. Unter ihnen sind der IWF, die Weltbank, die Vereinten Nationen und dann, ganz weit unten, wir, das Humankapital." ("Radikal - Abenteuer mit Extremisten"; Seite 79)

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Highgate Studios, 53 - 79 Highgate Road, Kentish Town, London. In einer Cafeteria mit dem Charme eines Heizungskellers sitzt ein Mann mit Brille, kurzen Haaren, weitem Hemd, Schlabberhose. Jon Ronson hat jahrelang Verschwörungsexperten getroffen und schließlich den geheimen Raum gesucht, aus dem die Welt regiert wird. Daraus hat er den Bestseller "TH EM - Adventures with Extremists" gemacht, der im Mai 2007 auf Deutsch erschienen ist (Titel: "Radikal - Abenteuer mit Extremisten").

Ronson, Typ netter Kerl, hat einen Becher Kaffee vor sich. Freundliche Begrüßung. Hinter ihm eine Leinwand, auf der die Nachrichten der BBC laufen. Sie zeigen gewaltige Rauchfahnen über Londons Dächern. Nach ersten Erkenntnissen brennt es auf dem Gelände für die Olympischen Spiele 2012. Noch, sagt die Reporterin, wisse man nichts Genaues: Vielleicht war es Brandstiftung, vielleicht ein Unfall. Oder doch ein Terroranschlag?

brand eins: Warum sind Verschwörungstheorien so populär?

Jon Ronson: Verschwörungstheorien sind menschlich. Menschen haben eine Veranlagung dazu. Was Menschen nicht verstehen, macht ihnen Angst. Und um diese Angst loszuwerden, müssen Mysterien entschlüsselt, rationale Erklärungen gefunden werden. Hinzu kommt: Es ist inzwischen sehr beliebt, offiziellen Quellen zu misstrauen. Das liegt daran, dass diese Quellen uns immer häufiger manipulieren und belügen - über die Gründe, warum wir Krieg führen, über Korruption in ihren Kreisen und so weiter.

Geht es konkreter?

Denken wir an den Irak heute, an die Verstrickungen von Dick Cheney und Halliburton, die Interessen der US-Ölindustrie, denen der Präsident und sein Vater, der Ex-Präsident, nahe stehen. Bush, Cheney und die Neokonservativen müssen sich nicht wundern, wenn man sie der Verschwörung bezichtigt, so wie sie die Menschen von politischen Prozessen ausschließen. Das galt im Übrigen auch für Tony Blair. Nur muss das nicht bedeuten, dass deshalb alles, was aus offiziellen Quellen kommt, eine Lüge und ein Beweis für eine Verschwörung ist.

Wie kamen Sie auf die Idee, die Weltverschwörer und deren geheimen Raum zu suchen?

Als ich anfing, wollte ich Profile von Extremistenführern erstellen. Es sollte eine Serie werden, entwickelte sich aber schnell zu etwas viel Seltsamerem. Mein ursprünglicher Plan war, Zeit zu verbringen mit Extremisten, Islamisten, Neonazis, Rassisten und so weiter. Dann stellte sich heraus: Alle von denen glauben mehr oder weniger das Gleiche. Sie sprachen von einer Verschwörung, einem geheimen Hotel, einem geheimen Treffen in Nordkalifornien. So erfuhr ich erstmals von der Bilderberg-Gruppe ...

... diesem Verein von Kapitalisten, Investoren, Managern, Politikern, Diplomaten und anderen einflussreichen Personen, die sich einmal im Jahr treffen, um Weltgeschehen und Weltpolitik zu diskutieren?

... diesem Verein von sehr einflussreichen Personen, die seit 1954 Weltgeschehen und Weltpolitik beeinflussen und weiter beeinflussen können. Dazu eine kleine Geschichte, die ich bisher noch nicht erzählt habe: Auf einer englischen Gartenparty treffe ich Max Hastings, der mal Chefredakteur des "Daily Telegraph" war und dem Medien-Tycoon Conrad Black sehr nahe steht. Ich frage: "Waren Sie mal bei Bilderberg eingeladen?" Er sagt: " Ja." Ich frage: "Sind Sie hingegangen?" Er sagt: "Nein." Ich: "Warum nicht?" Hastings Antwort: "Weil ich nicht die Welt regieren will. Weil ich es genieße, am Wochenende Golf zu spielen, Wein zu trinken und Sex zu haben." Er sagte es mit einer Spur Ironie, aber nicht nur ironisch.

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Es ist Montag, kalt und klar. Wintersonne über London. Doch Ronson kann sich nicht freuen über das schöne Wetter. Tags zuvor kam er aus den USA. South Carolina, North Carolina, West Virginia. Die letzten Drehs zu seinem nächsten Dokumentarfilm. Sechs Jahre lang hat er an dem Thema gearbeitet, nun muss er es innerhalb einer Woche schneiden und texten. Zu viel Stoff. Kein Wald mehr, nur noch Bäume, Bäume, Bäume. Es geht ihm immer noch so, obwohl als Zeitungskolumnist und Dokumentarfilmer längst mit Preisen ausgezeichnet. Ronson sagt, er frage sich: "Mache ich das Richtige? Entweder ist der Mann ein gefährlicher Irrer oder ein missverstandener Altruist."

Es geht um einen gewissen George Exoo, Reverend einer kleinen Kongregation, der Menschen Sterbehilfe leistet. Er assistiert ihnen bei der Einnahme einer tödlichen Dosis Medikamente, dann hilft er beim Überstülpen eines Plastiksacks, unter dem die Lebensmüden Helium einatmen, bis sie das Bewusstsein verlieren. Exoo sieht zu, wie sie sterben. Er tut das nicht nur für Menschen, die unheilbar krank sind, sondern für jeden, der ihn anruft und sich umbringen will. In einem Fall in Irland wurde das von den Behörden quasi als Beihilfe zum Selbstmord ausgelegt und Klage gegen Exoo erhoben. Ronsons Filmtitel: "Reverend Death".

brand eins: Müssen es partout Extremisten in allen Lebenslagen sein?

Ronson: Ich interessiere mich aufrichtig für diese Menschen. Das ist nicht gespielt. Das ist kein Kalkül. Ich bin leidenschaftlich in meiner Arbeit. Das war bei den Extremisten so, das ist bei George Exoo so gewesen. Bliebe ich immer in der Mainstreamworld, hätte ich Angst, mein Leben, die Welt zu verpassen. Meine Recherchen geben mir die Abenteuer, die ich brauche. Vielleicht hat das mit meiner unruhigen, neurotischen, paranoiden Persönlichkeit zu tun. Ich lege aber Wert darauf, dass meine Paranoia nicht stark ist, nicht so wie die von David Icke.

"Hast du die Namen der Reptilienarten?", fragte Sam und zog einen Notizblock aus der Tasche. (...) "Okay, zuerst sind da die Grauen." Sam schrieb es nieder. "Dann die adoptierten Grauen." Sam schrieb es nieder. "Dann gibt es die Troglodyten." "Das sind die, die in Höhlen leben, richtig?" (...) "Dann gibt es die Faltigen." "Wie sehen die Faltigen aus?" "Sie sind kuschelig, rosa und haben diese Alte-Leute-Gesichter." (...) "Und dann gibt's die Annunaki." "Die Annunaki", sagte Sam. "Über die redet Icke am meisten." "Genau", sagte Hendrick, "George Bush ist ein Annunaki." (Seite 140 f.) brand eins: Glauben Icke und seine Anhänger das tatsächlich?

Ronson: Ich fürchte, ja. Obwohl Icke weiß, dass er vor allem mit der Echsen-Nummer Tickets für seine Shows verkauft.

Warum sind diese Leute nicht zugänglich für gesunden Menschenverstand oder Pragmatismus?

Wenn ich mich mit ihnen unterhalte, kann ich es auch nicht verstehen. Total vernagelt, immun gegen Vernunft. Es macht mich krank! Und dann beginne ich zu verstehen, dass wir alle in einem bestimmten Moment unseres Lebens bis zu einem bestimmten Punkt immun sind gegen gesunden Menschenverstand und Pragmatismus. Denken Sie nur an die vielen dummen Streitereien, in die wir geraten, mit unserem Partner, unserem Nachbarn, unserem Chef. Es gibt Situationen, in denen keiner von uns den Wald vor lauter Bäumen erkennt. Wir regen uns auf, steigern uns in etwas hinein und landen in einer Blase voll irrationaler Gedanken, in der jeder Unsinn Sinn ergibt.

So durchgeknallt die Protagonisten Ihres Buches wirken, erscheinen sie dabei doch nicht durchweg unsympathisch.

In der Tat. Sie alle haben vielmehr sehr positive Eigenschaften. Sie haben Führungsqualitäten und Humor, können mit Menschen umgehen, ihre Botschaft verkaufen. Vor allem aber sind sie charismatisch. Man kann sehr viel lernen von ihnen über Strategie, Zielstrebigkeit und wie man ein Produkt verkauft. Deswegen hören sie es auch nicht gern, wenn man sie Extremisten nennt. Vielmehr sagen sie, wir seien die wahren Extremisten.

Wir?

Es ist eine Frage der Perspektive, des Standpunkts. Man kann Omar Bakri für einen Extremisten halten. Für ihn sind wir Ungläubige, was auch einer Form von Extremismus gleichkommt. Bakri sagte, das westliche, liberale, kosmopolitische Establishment selbst sei ein fanatisches und verkommenes Glaubenssystem.

Es war Sommer, ein milder Samstagnachmittag auf dem Trafalgar Square, und Omar Mohammed Bakri erklärte Großbritannien den Heiligen Krieg. (...) Wer Homosexualität, Ehebruch, Unzucht oder Sex mit Tieren praktiziere, den würde man steinigen (oder vom höchsten Berg stürzen). Weihnachtsschmuck und Schaufensterpuppen wären verboten. Es gäbe keine freie Durchmischung der Geschlechter mehr. Kneipen würden geschlossen ... (Seite 15)

Ronson: Die Spice Girls hätte er auch verboten. Das ist für ihn nicht extrem; er hält es für richtig. Alex Jones wiederum hält Bush, Cheney und die Neokonservativen in Washington für Dämonen. Er glaubt, die US-Regierung habe in Waco, Texas, absichtlich getötet (Anm.: 1993 starben 82 Menschen, Anhänger der religiösen Sekte Branch Davidian, bei einem Militäreinsatz der Bundespolizei, in dessen Verlauf die befestigte Anlage Mount Carmel in Brand gesetzt worden war). Und wenn man sich den Tathergang ansieht, dann ist der Gedanke zumindest nicht völlig absurd.

"Wie konnten die Azteken Zehntausende an einem Feiertag opfern, die Herzen ihrer Kinder essen? (...) Wie konnten die Römer Menschen in Stücke reißen, ihre Stadt abbrennen, einfach so, nur um es dann irgendwem in die Schuhe zu schieben? Wir sehen dekadente Imperien in den letzten Stadien des Verfalls, wenn sie wahnsinnig werden, Massenmorde begehen. Einfach so. Dies ist es, was heute geschieht. Die Neue Weltordnung ist ein Haufen kranker Kontrollfreaks." (Seite 77) "Ich lebe in einem Land, wo schwarze Helikopter 250 Kilometer südlich von mir Gebäude abbrennen, Leute terrorisieren, und da soll ich der Extremist sein?"(Seite 79)

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Die Presse hat Ronsons Begegnungen mit Extremisten ausführlich gewürdigt. Die "Washington Post" schrieb: " Jon Ronson hat es geschafft, ein sehr amüsantes Buch über den Wahnsinn am Rand der Gesellschaft zu schreiben." Die "Sunday Times" befand: "Ronson ist ein hartnäckiger, oft mutiger Reporter." Mag sein, dass er auf den ersten Blick harmlos aussieht - mutig ist er tatsächlich. Ronson ist Jude und besuchte dennoch die ultrafaschistoide Aryan Nation im US-Bundesstaat Idaho sowie ein Dschihad-Trainingscamp von Omar Bakri (und wurde von Bakri umgehend bloßgestellt). " Jon", sagt sein Schweizer Verleger André Gstettenhofer, "ist ein sehr rationaler Mensch, der sehr konsequent vorgeht und genau weiß, was er macht." Als die Bilderberg-Gruppe ins Spiel kam, habe er gewusst, sagt Ronson, "das ist großer Stoff".

Verschwörung verkauft sich. Das war schon immer so. Wenig erregt seit Jahrhunderten mehr Aufsehen als Theorien über dunkle Mächte und Strippenzieher. Egal, wie man sie nannte - ob Illuminaten, Ketzer, Freimaurer, Papisten, Kommunisten, Zionisten oder heute Multis und Globalisten -, die Spekulationen hören nicht auf. Irgendwer musste hinter der Französischen und Russischen Revolution stecken, hinter John F. Kennedys Ermordung, Prinzessin Dianas Tod, hinter 9/11 und dem Tsunami im Dezember 2004. Weitere Machenschaften: die Erfindung des H I-Virus, medizinische Experimente an Aliens, die Manipulation der Mondlandungen zu Propagandazwecken in einem Filmstudio.

Sei es pseudowissenschaftlich, publizistisch oder künstlerisch die Auseinandersetzung mit der Materie schafft Aufmerksamkeit. Jan van Helsings esoterische Machwerke erreichen beunruhigend hohe Auflagen; Bücher und Filme wie "Da Vinci Code" und " J FK" waren Kassenschlager. Alex Jones ist mittlerweile in den USA ein Star, zu dessen TV-Shows Prominente aus Hollywood wie Charlie Sheen und David Lynch pilgern. David Icke ist in Großbritannien nicht minder bekannt. Wenig überraschend, dass auch Ronsons "TH EM" demnächst verfilmt werden wird; Jack Black steht als einer der Hauptdarsteller fest; eine Oscar-Gewinnerin ist für die weibliche Hauptrolle im Gespräch.

brand eins: Zunächst hält man das Gerede Ihrer Protagonisten für wirres Geschwätz, doch dann fliegen Sie nach Portugal, um ein Treffen der Bilderberg-Gruppe auszuspionieren ...

Ronson: ... und ich fange plötzlich an, selbst an Verschwörungen zu glauben. Ich wurde selbst paranoid, fühlte mich wie ein Komiker in einem Thriller.

Nachdem Sie das Luxushotel, in dem das Bilderberg-Treffen stattfinden sollte, auskundschafteten, wurden Sie von einem Wagen verfolgt und von Männern mit dunklen Sonnenbrillen beschattet.

Ich rief die britische Botschaft an und bat um Hilfe. Sie sagten, Bilderberg sei um Diskretion bemüht, ich solle mich zurückhalten. Das hieß praktisch, ich hätte dort nichts zu suchen. Ich rief den "Guardian" an, für den ich ab und an schreibe, und bat um Unterstützung durch einen Kollegen. Sie schickten keinen. Damals war ich zu Tode erschrocken, heute kann ich darüber lachen, zumal ...

(...) um vier Uhr nachmittags die mächtigsten Menschen dieser Erde tatsächlich in Taxis und anonymen Limousinen an uns vorbeidefilierten. Da war David Rockefeller, mit einem versteuerten Vermögen von 2,5 Milliarden Dollar, Vorstandsvorsitzender der Chase Manhattan Bank (...) Dann kam Umberto Agnelli von Fiat, de facto die königliche Familie Italiens, mit einem versteuerten Vermögen von 3,3 Milliarden Dollar (...) Dann kam Vernon Jordan, Bill Clintons engster Freund, (...) dem viele nachsagen, er hätte die Fäden gezogen, als James Wolfensohn Präsident der Weltbank wurde. Dann kam James Wolfensohn (...) Und dann kam Henry Kissinger, möglicherweise der mächtigste Mann der Nachkriegszeit: Dr. Kissinger, der (...) seinen Herzinfarkt der Presse mit folgenden Worten kundtat: "Nun, dies beweist zumindest, dass ich ein Herz habe." (Seite 114 f.) Weitere Taxis folgten. Da waren die CEOs von Pharmagiganten, Tabakfirmen und Autoherstellern, die Vorstandsvorsitzenden von Banken in Europa und Nordamerika. (...) Richard Holbrooke, Botschafter der Vereinigten Staaten bei der Uno, (...) Conrad Black, der drittgrößte Medienmagnat der Erde ... (Seite 116)

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Um herauszufinden, ob die Welt an jenem Wochenende tatsächlich von einem Hotel in Portugal aus regiert wurde, rief Ronson Dutzende Bilderberg-Mitglieder an. Ohne Erfolg. David Rockefellers Pressesekretär sagte, Mister Rockefeller habe genug davon, als Herrscher der Welt respektive als Riesenechse bezeichnet zu werden. Die anderen riefen erst gar nicht zurück. In der Zwischenzeit wurde Ronson von Bakri verleumdet, der zu einer Hasskampagne gegen Juden aufrief; ein Jude wurde ermordet. Die Juden in Großbritannien bekamen Angst. Ronson bekam Angst. "Ich hatte das Gefühl, die Dinge gerieten außer Kontrolle."

Und dann, eines Dienstagmorgens, klingelte das Telefon. Es war die sofort erkennbare Stimme eines Bilderberg-Gründers, 30 Jahre ein Mitglied des inneren Zirkels (...) - einer der geheimen Herrscher der Erde, wenn man den verschiedenen Militanten glauben wollte, mit denen ich in den letzten fünf Jahren Umgang hatte. Es war Denis Healey. (Seite 252)

Denis Healey, lebende Legende der britischen Labour Party, erklärte Ronson, wie es funktioniert: 1. Bilderberg wurde gegründet von Denis Healey, David Rockefeller, Prinz Bernhard der Niederlande und Joseph Retinger, dem Sekretär des Schriftstellers Joseph Conrad. Das Ziel war damals unter anderem, Einfluss zu nehmen auf die Verhinderung von Diktaturen wie in Nazi-Deutschland. 2. Es gibt keinen Vorsitz, keine Satzung. 3. Die Treffen werden vom Gastgeberland finanziert, unterstützt durch Spenden von Bilderberg gewogenen Firmen wie Xerox, Heinz, Barclays oder SmithKlineBeecham und Nokia.

Er sagte: "Bilderberg ist ein Weg, Politiker, Industrielle, Finanziers und Journalisten zusammenzubringen. (...) Wir legen Wert darauf, jüngere Politiker, die offensichtlich auf dem aufsteigenden Ast sind, mit Finanziers und Industriellen zusammenzubringen, die ihnen weise Wort zu bieten haben." (...) "Das klingt aber wie eine Verschwörung", sagte ich. "Mist! ", sagte Denis Healey. "Idiotie. Müll! (...) Dies ist keine Verschwörung. Das ist die Welt. So funktionieren die Dinge nun mal. Und zu Recht." (Seite 255) brand eins: Sie laden junge Politiker ein wie damals Margaret Thatcher oder Bill Clinton, zwei prominente Fälle, die mit den Kontakten bei Bilderberg-Treffen das Fundament für ihren Weg ins höchste Regierungsamt legten.

Ronson: Wir kennen Henry Kissinger, David Rockefeller und solche Leute. Das ist die Art, wie sie immer operiert haben, in aller Stille, im Hinterzimmer, von Störfaktoren abgeschottet. So haben sie schon immer am großen Rad gedreht. Als ich anfing, Bilderberg zu recherchieren, gab es kaum Material. Das war kein Zufall, sondern Teil der Strategie. Ich glaube, gerade Leute wie Kissinger und Rockefeller oder andere Mitglieder von Bilderberg sind durchaus eitel und gefallen sich in der Vorstellung, die Welt zu regieren. Ich glaube, deshalb pflegen sie auch ihren Geheimkult und lassen die Verschwörungstheoretiker gewähren, obwohl sie natürlich wissen, dass das alles absurd ist.

Die Verschwörungstheoretiker werden das anders sehen.

Das ist das Problem. Letztlich wird alles, was gegen eine Verschwörung spricht, alles, was an plausiblen Argumenten vorgebracht wird, als Beleg für eine Verschwörung ausgelegt. Ein Beispiel: Ich habe eine Freundin, Rachel North. Rachel war in der Londoner U-Bahn während des Terroranschlags vom 7. Juli 2005. Sie wurde schwer verletzt und später Sprecherin einer Organisation für Überlebende dieser Tragödie. Irgendwann geht sie ins Internet und entdeckt, dass Verschwörungstheoretiker behaupten, sie sei eine Schöpfung von MI5, des britischen Geheimdienstes. Je mehr sich Rachel gegen diese Behauptungen wehrte, umso vehementer wurden die Behauptungen der Verschwörungstheoretiker. Daran kann man sehen, wie bösartig und verletzend diese Leute sein können in ihrem Wahn. Da wird jemand beinahe in die Luft gejagt - und dann auch noch diffamiert.

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Im letzten Kapitel von "Radikal - Abenteuer mit Extremisten" geht es um einen Ort namens Bohemian Grove, eine Lichtung in den nordkalifornischen Mammutbaumwäldern. Bohemian Grove ist ein weiteres Synonym für den geheimen Raum. Einmal jährlich treffen sich dort zwei Wochen lang Wirtschaftsbosse von "Fortune 500"-Firmen, Politiker und hochrangige Militärs. Bakri, Icke, Jones und Konsorten erzählten Ronson, dass diese hochgestellten Persönlichkeiten dort in Roben herumliefen, hypnotisierte und entführte Sexsklaven missbrauchten und Menschenopfer zelebrierten. Sie warnten Ronson, er riskiere sein Leben. Ronson, der inzwischen einen Kontakt zu jemandem bei Bilderberg hatte und von diesem beruhigt wurde, fuhr hin.

Wieder das gleiche Spektakel. Limousinen, die unablässig vom nahe gelegenen Kleinflughafen Santa Rosa über die Landstraße fuhren und hinter einer Schranke im Wald verschwanden. Ronson fand einen örtlichen Juristen, der sich schon einmal eingeschmuggelt hatte. Sie gingen auf zwei Wachtposten zu, grüßten - und drin waren sie. Es gab ein Programm mit der Cremation of Care (Einäscherung der Sorge). Fotos von älteren Herren, die offenbar tags zuvor in Frauenkleidern und grässlich geschminkt gefeiert hatten. Es gab Listen von Teilnehmern (unter C: Cheney, Richard). Es gab Hinweise auf sogenannte Seeufergespräche, bei denen George Bush und Henry Kissinger sprechen sollten. Und es gab tatsächlich eine Zeremonie, bei der ein Hohepriester eine Pappmachéfigur im Rachen einer riesigen Eule verbrannte.

Mir blieb der Eindruck einer allerfassenden Unreife: die Elvis-Kostüme, die pseudoheidnischen Rituale, das harte Trinken. Diese Leute hatten vielleicht in ihren Berufen alles erreicht, aber gefühlsmäßig schienen sie in ihren Universitätsjahren stecken geblieben zu sein. (...) Ich erinnerte mich daran, dass mich mein Bilderberg-Spitzel (...), bevor ich zum Grove gereist war, angerufen hatte. (...) "Seien wir ehrlich", sagte mein Spitzel, "niemand regiert heute die Welt. Die Märkte regieren die Welt. Deswegen denken sich deine Verschwörungstheoretiker diese verrückten Dinge aus. Weil die Wahrheit viel beängstigender ist. Niemand regiert die Welt. Niemand kontrolliert irgendetwas." (Seite 280)-

PS: Als Jon Ronson Bohemian Grove verließ, hatte er ein Video im Gepäck, das seine Erlebnisse dokumentierte. Ronson sah es sich in seinem Hotelzimmer in Los Angeles noch mal an, steckte es ins Gepäck und fuhr zum Flughafen. Er gab seinen Koffer auf. Er nahm ihn in London-Gatwick am Airport wieder in Empfang. Als er nach Hause kam, wollte er sich das Band ansehen, doch er musste feststellen, dass es größtenteils gelöscht war, die komplette Zeremonie mit der Einäscherung der Sorge war weg.

Literatur: John Ronson: Radikal - Abenteuer mit Extremisten. Salis 2007; 288 Seiten; 24,90 Euro