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Schlimmer geht immer

Dass die Welt uns sonderbar erscheint, hat auch mit den Journalisten zu tun. Die liefern gern ein Zerrbild der Wirklichkeit. Weil's so schön bequem ist. Ein kleines mediales Sündenregister.




Herdentrieb

Martin Sonneborn springt gleich auf, um zu helfen, als er sieht, dass eine Frau mit Kinderwagen Schwierigkeiten hat, die Tür seines Berliner Stammlokals zu öffnen. Sein umgängliches Wesen und die sonore Stimme sind dem 42-Jährigen bei seiner Mission sehr nützlich. Sie besteht darin, Leute hinters Licht zu führen, um sie zu entlarven. Sonneborn ist Ex-Chefredakteur und heutiger Mitherausgeber der Satirezeitschrift "Titanic" sowie bei "Spiegel online" für die Humor-Rubrik "Spam" verantwortlich. Sein größter Coup war die fingierte Bestechung der Fifa-Verantwortlichen vor der Fußball-WM 2006 - mit Kuckucksuhren und Schwarzwälder Schinken. "Bild" rief daraufhin ihre Leser dazu auf, den "Titanic"-Leuten die Meinung zu geigen, und druckte auch gleich die Telefonnummer der Redaktion ab. Sonneborn und Kollegen zeichneten die Gespräche auf und verarbeiteten sie zu einer CD: "Bild"-Leser beschimpfen "Titanic"-Redakteure.

Solche Pirouetten mag Martin Sonneborn. Er ist einer der eifrigsten Medienbeobachter des Landes, ein skrupelloser Moralist, der die irrer werdende Gesellschaft satirisch spiegelt. Am meisten freut ihn, wenn seine Medienkritik über die Medien publik wird. Dies gelang jüngst mit einer Doppelseite in der "Titanic", die er mit seinem Kollegen Thomas Hintner im Stil einer Discounter-Anzeige gestaltete. Unter dem Motto "Find Maddie. In Ihrem Supermarkt ist eine Maddie versteckt" wird mit Fotos der verschwundenen Madeleine McCann für allerlei Produkte geworben. Unter anderem für Kinderschokolade: "1 Cent pro Tafel geht an Interpol - damit Maddies Eltern / marokkanische Mädchenhändler / alle Portugiesen endlich hinter Schloss und Riegel kommen! "

Die Anzeige schlug mächtig ein, der britische Boulevard schäumte. Die "Sun" fand's "krank", die "Daily Mail" "extrem verletzend"; Madeleines Eltern Kate und Gerry McCann seien schockiert. Journalisten aus aller Welt stürzten sich, befeuert durch die Online-Medien, erfreut auf die neue Wendung der Maddie-Kampagne. Der "Titanic"-Server brach zeitweise zusammen.

" Je platter und eingängiger das Thema, desto schneller verbreitet es sich", sagt Sonneborn. Die Journalisten reagierten reflexartig. Dagegen hätte kaum jemand begriffen, worum es bei der Satire geht. Nämlich darum, den beispiellosen Maddie-Rummel als das kenntlich zu machen, was er ist: ein Geschäft, bei dem unter anderem ein ehemaliger Spin Doctor des britischen Ex-Premiers Tony Blair als Berater der McCanns mitmischt. Und bei dem viele Journalisten aus ihrer Rolle gefallen sind. Statt als unabhängige Beobachter betätigen sie sich zunächst als Helfer bei der weltweiten Suche nach dem Kind und spannen dazu sogar den Papst ein - was dem im Lichte neuer Erkenntnisse mittlerweile peinlich ist. Dann als Ankläger, die irgendwann auch die Eltern verdächtigten, mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun zu haben - wobei etliche der kolportierten Verdachtsmomente auf Gerüchten beruhen. Und schließlich als Empörte über die perfide deutsche Witzgeschichte. Die aber zeigt auf drastische Weise lediglich, was die Medien aus Maddie gemacht haben: ein Mittel zur Verkaufsförderung.

Hysterie

Journalisten haben - dabei orientieren sie sich an der menschlichen Wahrnehmung und dem Interesse der Mehrheit - das Neue, Ungewöhnliche, von der Norm Abweichende im Blick. Dummerweise gibt es aber mittlerweile ein Missverhältnis zwischen solchen spektakulären Ereignissen und den Seiten und Sendeplätzen, die gefüllt werden wollen. Deshalb neigen Journalisten zur Übertreibung: Jede inhaltliche Kontroverse zwischen Politikern wird zum Skandal aufgeblasen, jede Grippewelle zur drohenden Pandemie, jedes Umweltproblem zur Katastrophe. Weil dieser Dauer-Alarm abstumpft, wird der Regler immer höher gedreht. Der Grad der Aufgeregtheit lässt sich am besten aus der Rückschau beurteilen (3 Vergesslichkeit). So wurde beispielsweise über die jüngste Gammelfleisch-Affäre berichtet, als sei Leib und Leben von Millionen Bundesbürgern in Gefahr. In Wahrheit kam es zu einem einzigen Todesfall: ein ins Visier der Ermittler geratener Fleischgroßhändler brachte sich um.

Was eine Übermacht an Journalisten aus einem Unterangebot an Nachrichten macht, ist ideal im politischen Berlin zu beobachten, der vom Medienforscher Lutz Hachmeister sogenannten nervösen Zone. Dort beherrschen Nicht-Nachrichten à la "Hinterbänkler kritisiert Minister" tagelang den politisch-medialen Komplex, bis sie von der nächsten Nicht-Nachricht abgelöst werden. Für die Berichterstatter ist es dabei hilfreich, jenseits oberflächlicher Schlüsselreize nicht allzu viel wahrzunehmen. Der altgediente Journalist Hans Leyendecker von der "Süddeutschen Zeitung" beschreibt die Lage so: "Früher in Bonn bekamst du wirklich den Vorwurf, du hättest was aus dem Zusammenhang gerissen. Und jetzt gibt es eine Menge Leute, die kennen gar keine Zusammenhänge mehr."

Faulheit

Journalisten sind hinter der Neuigkeit her wie der Dackel hinter dem Schnitzel - allerdings nur in den ihnen gewohnten und von ihren jeweiligen Medien vorgegebenen Rastern. Geschichten, die nicht in diese Formate passen, etwa, weil keine Prominenten darin vorkommen oder es keine guten Bilder gibt, um sie zu illustrieren, haben kaum Chancen, veröffentlicht zu werden. Gute Karten haben dagegen Interessengruppen mit ihren Anliegen, wenn sie den leicht auszurechnenden Medien Futter geben. So treten Stars stets dann flächendeckend in der Presse auf, wenn sie einen neuen Film, eine neue CD oder ein neues Buch bewerben wollen. Und wer sich fragt, warum in den Reiseteilen etlicher Blätter zur gleichen Zeit beispielsweise die Malediven vorgestellt werden, kann davon ausgehen, dass ein paar Dutzend Journalisten auf Kosten eines Veranstalters oder Fremdenverkehrsverbands dorthin geflogen wurden. Hinweise auf diesen Zusammenhang sucht man in den Berichten allerdings meist vergeblich.

Meister in der Instrumentalisierung der Medien sind die Politiker. Die meisten ihrer Auftritte sind öffentlichkeitswirksame Inszenierungen mit wenig bis null Substanz. Um auf diesen Nonsens aufmerksam zu machen, hat Martin Sonneborn eine eigene Partei namens "Die Partei" gegründet. Jüngst reiste er mit einer Delegation - einige Wochen nach Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier - in die georgische Hauptstadt Tiflis, um dort vor der Presse ein offizielles Abkommen mit der mitgliederstärksten oppositionellen georgischen Arbeiterpartei abzuschließen. Und sich vor laufenden Kameras für den Bruch (! ) des Hitler-Stalin-Paktes zu entschuldigen, so etwas solle nicht mehr vorkommen. "Ich habe das gesagt, und es wurde übersetzt", erinnert sich Sonneborn. "Dann stand der Tischherr, der Generalsekretär der georgischen Partei, auf. Es war sehr ruhig, wir Deutschen hatten Angst, dass wir erschossen würden. Dann hat der Generalsekretär gesprochen und der Übersetzter übersetzt: , Ist egal, macht nichts.'" Dann haben wir alle darauf angestoßen, und insofern ist unsere Entschuldigung jetzt von einer offiziellen Stelle sanktioniert."

Auf dieses Happening gab es übrigens hierzulande kein Medienecho, was vielleicht daran liegt, dass Politikredakteure humorlos sind. Und dass sich für Georgien niemand interessiert, solange Außenminister Steinmeier nicht dorthin fährt.

Eitelkeit

Alle Journalisten sind eitel; Geltungsdrang ist ein wesentlicher Antrieb, diesen Beruf zu ergreifen. Problematisch wird es, wenn dem Journalisten - gefährdet sind vor allem diejenigen, die im Fernsehen auftreten und prominent werden - seine Rolle zu Kopf steigt. Der Prototyp ist Johannes B. Kerner. Er ist im Programm seines Haussenders, dem ZDF, omnipräsent und mittlerweile zum Synonym für die Verflachung beziehungsweise "Kernerisierung" der Medien geworden.

Der leidliche Fußballkenner und Hobbykoch traut sich alles zu und wird von niemandem gebremst, was dem Fernsehvolk den Tiefpunkt des vergangenen Jahres bescherte. Kerner hatte mit dem Habitus des strengen Richters, sekundiert von den Beisitzerinnen Margarethe Schreinemakers und Senta Berger, die notorische Anti-Feministin und gelernte TV-Moderatorin Eva Herman in seine Sendung eingeladen. Dort sollte sie sich für ihr vermeintliches Lob der NS-Familienpolitik entschuldigen - was sie aber nicht tat und deshalb von Kerner aus dem Studio gewiesen wurde. So weit, so belanglos. Die Frage, ob Herman, die sich wesentlich durch ihre Unfähigkeit auszeichnet, gerade Sätze zu formulieren, die Nazi-Politik gelobt hat, ist ebenso wichtig wie die, welche Haarspülung sie benutzt, stellte treffend der Publizist Henryk M. Broder fest. Dennoch beherrschte dieses kalkulierte Skandälchen über Wochen die Medien. Dazu trug sicher auch Kerners guter Draht zur "Bild"-Zeitung bei - der Bruder seines Redaktionsleiters ist stellvertretender "Bild"-Chefredakteur -, an deren Agenda sich regelmäßig auch an sich seriöse Medien orientieren (3 Herdentrieb).

Die weithin bierernste Berichterstattung über den irrelevanten Disput zweier eitler Menschen, deren wesentliche Qualifikation darin besteht, bekannt zu sein, ist der eigentliche Skandal. Falls er Schule macht, könnte man als Nächstes die Klitschko-Brüder über die Vor- und Nachteile der Atomkraft in der Ukraine diskutieren lassen.

Vergesslichkeit

Eines der beliebtesten Prinzipien im Mediengeschäft ist: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?! So wurde die rotgrüne Regierung von denselben Journalisten erst bejubelt und dann verdammt, der "Neoliberalismus" zunächst gepriesen und dann verurteilt. Vergesslichkeit ist eine Voraussetzung für ständige Aufgeregtheit (3 Hysterie) - so, als sei das, was man gerade in höchsten Tönen lobt oder verdammt, nie da gewesen. Das Nachrichtenmagazin "Spiegel" hat kein Problem damit, im Abstand weniger Monate einmal Berlins Verfall zu beklagen und ein anderes Mal eine große Jubel-Arie über dieselbe Stadt zu bringen. Die "Wirtschaftswoche" beschwor jahrelang den Niedergang des Standorts Deutschlands, um das Publikum, als es dann erstaunlicherweise doch aufwärtsging, mit dem Titel "Das neue deutsche Wirtschaftswunder" zu überraschen.

Zur Geschichtsvergessenheit insbesondere der deutschen Medien gehört der Widerwille, selbst offenkundige Fehler einzuräumen. Unabhängige Ombudsleute bei Zeitungen, wie es sie zum Beispiel in den USA und in Skandinavien gibt, wo sie Leserbeschwerden unabhängig nachgehen und das Ergebnis auch veröffentlichen, sind hierzulande unbekannt. Rügen des Deutschen Presserats, einem Selbstkontroll-Organ der Verlage, bleiben folgenlos und werden, wenn überhaupt, oftmals nur versteckt veröffentlicht. Wenn es um das eigene Haus geht, sind Verlage und Sender äußerst dünnhäutig.

Dass "Bild" jüngst einen "Leserbeirat" (der so gut wie nichts zu melden hat) eingerichtet hat, dürfte denn auch weniger mit Einsicht und mehr mit dem unabhängigen "Bild"-Blog zu tun haben, in dem die häufigen Falschmeldungen des Boulevardblatts aufgedeckt werden.

Oberflächlichkeit

Früher waren es nur die bunten Blätter, die über Boulevardthemen berichteten - heute tun es fast alle Redaktionen. Die Objekte für diese Art der Berichterstattung werden entweder wie im Falle Dieter Bohlen oder Paris Hilton von den Medien selbst geschaffen, oder sie laufen ihnen bereitwillig zu. Dazu zählen nicht wenige Politiker, die erkannt haben, dass sich mit Home Storys und seichten Interviews leichter Punkte machen lassen als mit sachlich notwendigen Debatten etwa über die Renten- oder Krankenversicherung. Die grüne Parteichefin Claudia Roth wird heute eher mit Achtziger-Jahre-Shows in Verbindung gebracht als mit Politik; Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit ist vor allem als Partylöwe bekannt.

Der Seichtigkeits-Virus hat mittlerweile auch Medien erfasst, die sich früher bemühten, Wichtiges von Unwichtigem zu scheiden. So berichtete die "Tagesschau" eines Abends allen Ernstes über den Zusammenstoß des Schlagerstars Daniel Küblböck mit einem Gurkenlaster. Ein "Sündenfall", so der Publizist Roger Willemsen, von dem sich die Sendung nur schwer erholen werde.

Möglicherweise war sie der Zeit aber nur ein wenig voraus. Denn das Geschäft mit den Emotionen ist leichter kalkulierbar als das mit Nachrichten und verspricht höhere Profite. So entließ der Zeitschriftenverlag Time Inc. ("Time", "Fortune"), eine Tochter des weltgrößten Medienkonzerns Time Warner, vor einiger Zeit Hunderte Journalisten, darunter die Reporter Donald Barlett und James Steele. Die beiden sind herausragende investigative Journalisten und wurden mehrfach ausgezeichnet, allein zweimal mit dem Pulitzer-Preis. Offizielle Begründung für die Entlassung: Die zwei seien zwar gut, aber zu teuer. Wenige Tage später wurde bekannt, dass derselbe Verlag die exklusiven Bildrechte am Baby von Angelina Jolie und Brad Pitt gekauft hatte. Kostenpunkt: vier Millionen Dollar.

Gier

Medienunternehmen haben eine herausgehobene Stellung, die sich aus ihrem besonderen Auftrag ableitet: Sie sollen die Bürger informieren und so zur Meinungsbildung beitragen. In Deutschland ist die Pressefreiheit grundgesetzlich geschützt, der Staat subventioniert Presseerzeugnisse mit Vertriebsförderung und einem reduzierten Mehrwertsteuersatz. Wer so privilegiert ist, täte gut daran, auf den eigenen Ruf und ein sauberes Geschäftsmodell zu achten. Stattdessen machten ausgerechnet die mit Gebührengeld finanzierten öffentlich-rechtlichen Sender mit einem Schleichwerbungsskandal auf sich aufmerksam (die Privatsender wollen Schleichwerbung, euphemistisch Product Placement genannt, am liebsten legalisieren). Und der Presserat rügt in jüngster Zeit vermehrt in allen möglichen Blättern Verstöße gegen die Trennung von Redaktion und Werbung.

Er könnte noch mehr zu tun bekommen, weil der Trend in den Medienhäusern zu Nebengeschäften geht. Sie nutzen den guten Namen von eingeführten Zeitungen und Magazinen, um Lesern von Wein, Filmen, Büchern bis hin zu Urlaubsreisen alles Mögliche aufzuschwatzen. Das verlagseigene Sortiment wird nicht selten und ohne Rücksicht auf die Beschädigung des eigenen Rufs im redaktionellen Teil angepriesen. So brachte das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" vor einiger Zeit eine fulminante Besprechung des Douglas-Sirk-Films "In den Wind geschrieben" aus dem Jahr 1956. Wer sich das Werk dann zu beschaffen versuchte, erfuhr, warum die Redaktion einer Qualitätszeitung diesen mehr als 50 Jahre alten Streifen so in den Himmel gehoben hatte: Er wird in der Cinemathek des Süddeutschen Verlags vermarktet. Darüber kein Wort im Text.

Der Hamburger Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg sagt, dass wir in einer komplizierter werdenden Welt mehr denn je journalistische Profis brauchen, "die uns, innerhalb der bekannten Grenzen der jeweiligen Medien, nach bestem Wissen und Gewissen, nach allen Regeln der Kunst, so objektiv und unparteilich wie möglich Informationsangebote machen. Leute, auf die wir uns verlassen können, in einer Welt, in der uns an jeder Ecke irgendjemand etwas verkaufen will."

Wenn eben diese Leute selbst Verkäufer sind, wird die Orientierung schwer. -